Ich liebe den rbb…

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mit Einschränkungen.

Die Einschränkungen: Die Rührgeschichten, die die Abendschau über Ein-Euro-Jobber in Schulbibliotheken gebracht hat. Die TV-Journalistin stellt sich als Retterin eines Jobs dar, weil sie Landräten vor laufender Kamera eine Zusage abringt. Eine Darstellung der allgemein miserablen Situation der Schulbibliotheken hat es dagegen noch nie gegeben. Nun interessiert sich auch kaum ein Zuschauer für Schulbibliotheken.

An manchen Tagen informiert rbb-Radio 88,8 stündlich, wo und um wieviel Uhr eine Demonstration „alternativer“ Gruppen in Berlin zu erwarten sei, worum es geht, wie viele Demonstrant/-innen nach Meinung der Veranstalter kommen und ob mit Schlägereien zu rechnen sei oder nicht. Fehlt nur noch die Angabe der günstigsten Bushaltestelle oder U-Bahnstation. Der „Frühreporter“  ist „live vor Ort“ und schildert im Stile der Frontberichterstattung, ob die Polizei gerade eine Barrikade vor einem besetzten Haus abräumt. „Wenn wieder etwas passiert, melde ich mich!“ Fehlt nur noch die Bekanntgabe des Punktestandes der Kombattanten oder wer gerade einen Vorteil errungen hat. Des Reporters Kompetenz beschränkt sich aufs Mikrofonhinhalten und der linksalternative Hausbesetzer darf hineinsprechen. Der fordert die „Bullen“ auf, den Helm abzunehmen und selbst ein Haus zu besetzen. „Ich gebe zurück ins Funkhaus.“ Der Hessische Rundfunk (HR) pflegte in solchen Fällen im Rahmen des Verkehrsfunks durchzusagen, dass es in der Innenstadt wegen einer Demonstration zu Behinderungen kommen könne und man das Westend weiträumig umfahren solle.

Noch mehr Beispiele für die Verflachung des öffentlich-rechtlichen Rundfunksauftrages?: Die rbb-Talkshowmoderatoren laden sich interessante Menschen zum Plaudern ein. Wenn es dann zu politisch wird oder zu grundsätzlich, ziehen sie die Notbremse, wie kürzlich die TV-Plauderer Thadeusz oder Dieter Mohr (der nennt sich jetzt Max Mohr oder Umgekehrt), bei dem es um Adel in der heutigen Gesellschaft gehen sollte, aber bitte nicht zu tiefschürfend.

In der Unterhaltungssendung „Klipp und klar“ war kürzlich als Diskutant zum Thema „Freiwilligenarmee Bundeswehr“ der Schauspieler, Kabarettist und Bundespräsidentenkandidat 2009 der Linkspartei, Peter Sodann, als Experte eingeladen. Der redet auch schon mal von Sch…, wenn er die parlamentarische Demokratie meint.

Das Positive: Die „Wetterleute“ sind erstklassig, sowohl was die Qualität der Vorhersage betrifft als auch die Stories, die die Vorhersage einrahmen. Moderatorin Elvira Siebert lässt sich in der Abendschau von Politiker/-innen nicht die Butter vom Brot nehmen. (Wo ist die eigentlich?) Auch die Berichterstattung aus dem Brandenburger Landtag ist beachtlich und entspricht meiner Vorstellung von parteifernem TV. Da findet keine Hofberichterstattung statt. Mit dem Inforadio bin ich auch zufrieden. Dass der rbb unverdrossen über Stasi-belastetete Polizeiführer und Richter berichtet, trotz der etwa hälftig geteilten Meinung der Bevölkerung und des heftigen Abwehrkampfs der SPD nötigt Respekt ab. Ex-Ministerpräsident Stolpe spricht nämlich von „Hetze“. Das SPD-Funktionärsehepaar Ness, selbst Wessis, schreibt einen offenen Brief und verteidigt alle DDR-Biographien gegen angebliche Wessi-Verunglimpfung.

Was ist das für eine Ohrfeige für den Linken-Justizminister und seine Staatssekretärin, die eine erneute Richter-Überprüfung ablehnen, wenn ein Sozialgerichtspräsident eine Stasi-Richterin von ihrer bisherigen Aufgabe in der Bearbeitung von Opferklagen entbindet!

Dass die Intendantin des rbb, einer der kleineren ARD-Anstalten, mehr Geld verdient als der Bundespräsident, überrascht nicht wirklich.

Nachtrag 11.10.11: Bin beschämt, weil ich die Hinweise auf Demonstrationen beim Hessischen Rundfunk (HR) lobend erwähnt habe, im Vergleich mit den fast liebevollen Hinweisen im rbb-Radio, das auch schon mal die Highlights aus dem Programm der Veranstalter vorliest. Bei Günter Ederer, Träum´weiter Deutschland, lese ich, dass ein HR-Sprecher einmal 50.000 Demonstranten gegen Stuttgart 21 in den Nachrichten ansagte, dann „live“ nach Stuttgart schaltete: „Ich frage den Kollegen vor Ort: Sind die 50.000 Demonstranten schon da?“ „Nein, hier sind höchstens 20.000…“ „Das war direkt aus Stuttgart, wo zurzeit 50.000 Menschen demonstrieren.“

Nachtrag 6.5.12: Ministerpräsident Platzeck findet die Wettersendung im rbb ebenfalls gut. Jetzt stimmen wir wenigstens in einem Punkt überein. Beim Politikmagazin „klartext“ wird mir Herr Platzeck wohl nicht folgen. Da bin ich wieder alleine mit meinem Respekt vor der Unerschrockenheit der Redaktion.

Nachtrag Dezember 2012: rbb-Talker Thadeusz überfordert sich mit seiner Serie „Preußisch-Blau“ über Adelsfamilien, die nach dem Zusammenbruch der DDR zurückgekehrt sind. Im Grunde ist das eine verdienstvolle Idee, aber der Talkshowmoderator, der bisher spätabendliche Plaudereien produzierte, ist damit überfordert. Er glaubt, das Thema mit flapsigen Bemerkungen meistern zu können, will zeigen, dass ihn die adligen Gesprächspartner in keiner Weise beeindrucken, schießt seine Fragen ab, ohne dass daraus ein Gespräch entsteht. Er selbst lernt durchaus dazu. Das Wort „Epitaph“, aus adligem Mund gesprochen, hört er zum ersten Mal. Das gibt er gerne zu. Nur bei der Mutter des Freiherrn von der Marwitz insistiert er: „Haben Sie nun mit den Kindern im Dorf gespielt?“ „Aber für die Dorfkinder waren Sie doch die Herrschaft?“ Die Frage: „Was haben Sie 1945 gedacht?“ führt auch nicht zu einem ergiebigen Gespräch. Dem Freiherrn von der Marwitz ist anzusehen, dass er sich fragt, auf was er sich da eingelassen hat. Als Thadeusz auf seiner provokanten Frage herumreitet, was er täte, wenn sein Sohn schwul wäre, schlägt der sonst geduldige Freiherr vor, doch ein anderes Thema anzuschneiden. Und als Thadeusz vom – für ihn selbstverständlichen – Kadavergehorsam des preußisch-deutschen Militärs spricht, erwähnt von der Marwitz ohne direkt zu widersprechen und eher beiläufig den Offizierswiderstand im Nationalsozialismus.

Der NDR produziert Sendungen, in denen nach Mecklenburg zurückgekehrte Adelsfamilien über Monate hinweg begleitet werden. Man erfährt von der Geschichte der Häuser, von den juristischen Mühen der Restitution, vom finanziellen Aufwand, von den unternehmerischen Erfolgen als Landwirte, von der anfänglich feindlichen Aufnahme in den Dörfern. Immerhin: der rbb hat Ähnliches auch im Portefeuille.

August 2015: Der Sender stellt stolz sein neues Fahrzeug, einen Truck mit einem gläsernen Studio und der nötigen Übertragungstechnik. Damit soll die nachmittägliche TV-Grundversorgungs-Lücke mit einer Talkshow um 16 Uhr geschlossen werden. Gesendet wird täglich von brandenburgischen Marktplätzen aus. Es gibt sehr schöne Sendungen aus allen Gegenden Brandenburgs.

Ich schätze, dass das Fahrzeug mindestens 900.000 € gekostet hat. Kein Wunder, dass die ARD schon wieder Mehrbedarf angemeldet hat. Die Milliarden aus den Rundfunkgebühren reichen nicht.

Nachtrag September 2016: Die neue Intendantin kündigt in einem längeren Interview u. a. an, dass die Talkshow um Vier in dem neuen gläsernen Studio die erwartete Quote nicht gebracht hätte und gestrichen wird.

Zur Sondersendung am 9.11.2014 siehe hier!

Dieser Text wurde 2011 für „Basedow1764“ geschrieben und wurde jetzt, geringfügig überarbeitet und ergänzt hier übernommen.

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Ein Kommentar zu „Ich liebe den rbb…

    […] Der erste rbb-Beitrag in diesem Blog: Ich liebe den rbb… […]

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