Lesetipp

Die Beseitigung des alten Potsdam durch die SED

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In einem neuen Fotobuch ist dokumentiert, wie Abrissbagger in den 70er und 80er Jahren, bis kurz vor der „Wende“, das alte Potsdam abräumten:

Siegfried Lieberenz/Rainer Lambrecht, Bevor der Abrissbagger kommt, Knotenpunkt-Verlag: Potsdam 2017, 26,95 €

(Die – zu kleine – erste Auflage ist schon vergriffen. Es wird aber nachgedruckt.)

Die SED wollte aus Potsdam eine moderne Bezirkshauptstadt machen und betrieb daher, wie es in der Buchvorstellung im Tagesspiegel/PNN heißt, einen systematischen Kahlschlag. Aneinandergereiht ergeben die abgerissenen Gebäude fünf Kilometer. Zuletzt sollte es dem Holländischen Viertel an den Kragen gehen und 1985 wurde noch die einzige Jugendstilkirche abgerissen.

Neue Plattenbauten wurden dicht an alte, bewohnte Gebäude gesetzt. Einwohner erhielten von heute auf Morgen den Befehl, ihre Wohnung zu räumen.

Angesichts des lauten Wehklagens einiger Kunsthistoriker und des linken Potsdamer Politspektrums über den Abriss einer Handvoll Gebäude aus der DDR-Zeit, ist es verwunderlich, dass die Abrisswut der kommunistischen Altvorderen, mit Ausnahme von Schloss und Garnisonkirche, nie thematisiert wurde.

Am Montag, dem 27.11.17, 18 Uhr, wird das Buch in der Französischen Kirche vorgestellt.

Es kommt 3 nach 12, gerade noch recht, um zu zeigen, wie verlogen die Debatte ist: Was ist der Abriss einer Fachhochschule gegen die Abrissorgie der SED?

Die SED hat, neben zahllosen Bürgerhäusern, das Schauspielhaus, die Garnisonkirche, das Schloss, historische Villen und Kirchen abgerissen und den Stadtkanal zugeschüttet. Der Stadtumbau dauerte bis 1989 an und hätte weitergehen sollen. Die noch existrierenden Bürgerhäuser in der Jägeralle sollten weiteren Amtsgebäuden weichen. auch das Holländische Viertel blieb dank der „Wende“ erhalten.

Traurig ist, dass präpotente, aber ahnungslose westdeutsche Journalisten, wie die der FAZ, die Vorgeschichte nicht kennen.

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Haben Literaten wie Brecht die Existenz der DDR verlängert?

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Uwe Kolbe setzt sich mit der Rolle von Schriftstellern in der DDR auseinander: Brecht. Rollenmodell eines Dichters

Uwe Kolbe war selbst Schriftsteller in der DDR. Allerdings hatte er, als kritischer Kopf,  die meiste Zeit Publikationsverbot.

Was ich gerade lese

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buchcover harris

Robert Harris, München

Harris erzählt spannend – obwohl man das Ende ja kennt – eine etwas andere Geschichte der Konferenz von München 1938. Chamberlain wird darin keineswegs von Hitler über den Tisch gezogen. Es ist umgekehrt.

Hitler soll, so wird es aus seiner Umgebung kolportiert, noch wochenlang verärgert gewesen sein, dass Chamberlain ihn daran gehindert habe, sofort nach Prag zu marschieren. Chamberlain weiß, dass Hitler den Krieg will. Er weiß auch, dass die britische Armee darauf nicht vorbereitet ist. Er hat jetzt zwei Jahre Zeit gewonnen.

 

Moschee Notre DameJelena Tschudinowa, Die Moschee Notre-Dame: Anno 2048

Die in Russland populäre Autorin hat eine Dystopie geschrieben: Paris im Jahr 2028 ist, wie ganz Europa, islamisch. Die Schariapolizei kontrolliert auf den Straßen. Wer noch nicht konvertierte und seinen Namen änderte, lebt in armseligen Ghettos. Christen versammeln sich wieder in Katakomben. In U-Bahn-Schächten versteckt sich der Maquis, zwei kleine Widerstandsgruppen.

Es erinnert an Houellebecqs „Unterwerfung“. Es ist eine spezifisch russische Sicht auf die Balkankriege, Tschetschenien und auf Westeuropa, das sich dem Islam ergibt. Es ist daher kein Zufall, wenn eine der Ptotagonistinnen aus Russland stammt. Das Buch erscheint in Russland in der 7. Auflage.

Etwas ermüdend sind die religionsphilosophischen Gespräche. Das Zweite Vatikanische Konzil kommt vor, der Protestantismus kommt schlecht weg.

 

Crichton TimelineMichael Crichton, Timeline

Mit der Zeitmaschine ins Mittelalter. Was bei Jurassic Park die plausibel beschriebene Neuzüchtung von Dinosauriern ist hier eine durch Quantenschaum (Gibt es wirklich!) mögliche Zeitreise. Eine mittelalterliche Stadt, ihr Kloster, eine Mühle,  Festungen werden plastisch beschrieben. Sehr viel Action! Spannende Lektüre für zwischendurch.

 

 

Coler Cambridge 5Hannah Coler, Cambridge 5. Zeit der Verräter

Der erste Roman einer deutschen Historikerin. Es geht um eine Dissertation über den Top-Spion Kim Philby, aber auch um einen Mord, in den ihr Doktorvater verwickelt ist. Was Philby betrifft, über den 2014 Akten neue Akten veröffentlicht wurden, ist das Buch sogar von dokumentarischem Wert.

Allein schon lesenswert wegen der sarkastischen Bemerkungen zu den Bewohnern der besseren Viertel in Cambridge und ihren Allüren, die sich seit Philbys Zeiten nicht geändert haben.

Der Vater der Autorin hat für den US-Geheimdienst gearbeitet. Sie kennt sich in Sachen Spionage bestens aus und in Cambridge hat sie selbst studiert.

Ein kurzes Interview mit Hannah Coler

Stadtarchäologie. Karl Schlögel über Petersburg

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Karl Schlögel skizziert in einem Aufsatz für den Merkur: St. Petersburg-Petrograd-Leningrad. Überlegungen zu einer Geschichte diesseits des großen Oktober, Merkur, Heft 822, November 2017, – schon als Skizze fulminant – wie dieses Zentrum der russischen Kultur, der Malerei, des Theaters, der Architektur und Musik sich verändert und immer wieder behauptet, welche Traditionen und Denkweisen trotz radikaler politischer Umbrüche nicht nur langlebig waren, sondern, dass auf ihnen aufgebaut wurde.  (Ein paar Wochen im November kostenlos zu lesen.)

In Schlögels Worten: „Um es an einem Beispiel deutlich zu machen, was ich mit einer Spurensicherung der Petersburger Kultur meine: ich hatte wohl 1980 in der Wiener Staatsoper zufällig eine Vorstellung mit Rudolf Nurejew, dem 1961 in den Westen „übergelaufenen“ Superstar des Kirow-Balletts gesehen. Am Ende trat er vor den Vorhang und verbeugte sich mit einer unnachahmlich eleganten, „natürlichen“ Geste. Selbstverständlich war sie nicht „natürlich“, sondern das Ergebnis der Schule des sowjetischen Balletts, der Methode Waganowa, die ihrerseits schon bei Marius Petipa am Marijnski Theater gelernt hatte. In der Grazie von Nurejews Geste steckte die Beharrungskraft einer über hundert Jahre alten Tradition, die alle Stürme von Revolution, Bürgerkrieg und Krieg überdauert hatte. Und der Genese dieser Formen auf die Spur zu kommen – ob im Ballett, in der Kommunalka oder in der Warteschlange – das meine ich mit einer Archäologie von Lebensformen.“

Karl Schlögel hat mit „Terror und Traum. Moskau 1937“ schon gezeigt, was er unter Stadt-Archäologie versteht. Für Petersburg hat er das für den Zeitraum von 1909 bis 1921 schon geleistet: Petersburg. Das Laboratorium der Moderne 1909-1921.

Ich hoffe, dass er mit diesem Aufsatz verrät, woran er gerade arbeitet.

Lesetipp: Die größten Politik-Irrtümer

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Mein gestriger Besuch im Berliner Deutschen Historischen Museum (DHM) hat sich gelohnt. Ich habe ein Büchlein entdeckt: Die größten Politik-Irrtümer der heutigen Zeit, von Helmut Böttiger. Böttiger kannte ich bisher als lesenswerten Literaturkritiker. Dass er auch fundiert über Klima und Energie schreibt, war mir bisher entgangen.

Ich kann an keiner Buchhandlung vorbeigehen, ohne mich darin umzusehen. Es kann also auch daran gelegen haben, dass ich dem Buch nirgendwo begegnete, weil kein Sortimenter sich traut, Kritisches zum menschengemachten Klimawandel auszulegen. Der Buchladen im DHM hatte es. Eine Google-Suche zeigt, dass die einschlägigen Qualitätsmedien und Perlentaucher das Buch nicht anzeigen oder gar besprechen.

Die Politik-Irrtümer sind u. a.:

  • DDT gefährdet die Umwelt
  • Der deutsche Wald wird bis zum Jahr 2000 gestorben sein
  • Tausende werden an der Vogelgrippe sterben
  • Die Erde erwärmt sich wegen der CO2-Emission
  • Kernenergie ist ein Auslaufmodell

Wer sich auf 20 schmalen Seiten fundiert, aber leicht lesbar über die Fehler, Auslassungen und Fälschungen der Klima-Alarmisten informieren will, sollte das hier lesen.

Ein Lob des Kolonialismus

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Science Files beschreibt einen neuen Fall linker Zensur an US-amerikanischen Universitäten

Frank Trentmann: Die Herrschaft der Dinge

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Der in Groß-Britannien lehrende deutsche Historiker Frank Trentmann hat eine faszinierende Weltgeschichte geschrieben: Die Herrschaft der Dinge. Die Geschichte des Konsums vom 15. bis ins 21. Jahrhundert. Es ist eine enzyklopädische Geschichte des Konsums rund um die Welt.

Das von mir benutzte Taschenbuch umfasst 850 Seiten, davon 700 Seiten Text. Es geht um Konsum, um die Lust auf Dinge, auf kostbare Kleidung, schöne Möbel, exotische Früchte und Waschmaschinen. Lust auf Konsum beginnt nicht erst in der Renaissance, schon die Frachtschiffe der Römer schafften die Dinge heran, die die Bewohner der Hauptstadt begehrten. Man erfährt viel Neues, z. B. über die ersten Warenhäuser, über erste Werbung, Marketing und Konsumentenkredite oder über das Luxusgut Kakao.

Es ist nicht der westliche Kapitalismus, der zum Konsum verführt. Trentmann erzählt gut lesbar vom Konsum in Japan, China, in Hitlerdeutschland und in kommunistischen Diktaturen. Letzteres interessiert mich natürlich besonders. Trentmann macht deutlich, dass die kommunistischen Herrscher in mehrfacher Hinsicht mit dem Bedürfnis ihrer Untertanen nach Konsumgütern nicht klarkamen. Die Ideologie ging davon aus, dass in einer sozialistischen Gesellschaft die Entfremdung der Menschen von der Arbeit aufgehoben sei. Der Mensch verwirkliche sich in der nicht mehr entfremdeten Arbeit. Eine Flucht in das Privatleben, in die Freizeit und eben den Konsum wäre nicht mehr notwendig. Die Proletarier folgten dem nicht.

Es war nicht allein die Verlockung der westlichen Konsumgesellschaft, die den Kommunismus kollabieren ließ. Den Rest des Beitrags lesen »

Konsum oder Pol Pot

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Der in London lehrende deutsche Historiker Frank Trentmann hat ein tausend Seiten dickes Buch über die Geschichte des Konsums seit dem 15. Jahrhundert geschrieben:

Herrschaft der Dinge: Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute.

Man konsumiert heute mit schlechtem Gewissen. Tierrechtler, Naturschützer und Grüne predigen Konsumverzicht. Schuld wäre – wie könnte es anders sein – der Kapitalismus. Der schwatze einem Konsum auf („Konsumterror“). Das führe zu Ausbeutung, sozialen Spannungen und Zerstörung der Umwelt.

Das Verdienst Trentmanns ist es, das unhistorische Narrativ vom Konsum aufzubrechen. Er zeigt, dass Konsum auch in vorkapitalistischen Zeiten, eigentlich in der gesamten Geschichte der Menschheit und nicht nur in Europa, eine wichtige Rolle spielt. Für ihn ist das Bedürfnis nach Konsumgütern, nach Luxusgütern eine menschliche Konstante. Er belegt das durch die Jahrhunderte mit Beispielen und zeigt die emotionalen, kulturellen, ökonomischen und zivilisatorischen Dimensionen des Konsumverhaltens auf.

Sehr lesenswert ist ein Interview mit Prof. Trentmann auf welt.de. Es ermöglicht einen Überblick über die Geschichte des Konsums. Vor allem aber ist eine Zuspitzung des Nachdenkens wert. Der Interviewer fragt: „Heute nimmt die Kritik am Konsum generell zu. Wäre eine Welt ohne Konsum besser?“ Darauf Trentmann: „Es gibt eine Alternative. Die ist aber sehr unschön und hieß Pol Pot.

Das Buch kostet stolze 40 €. Ich übe Konsumverzicht und bestelle die englische Taschenbuchausgabe. Sie kostet nur 11 €. Amazon liefert innerhalb von 24 Stunden. Ich möchte nicht wissen, wie sich das auf die CO2-Bilanz auswirkt.

Zufällig gefunden, aber zum Thema passend: „Orgien machten das Leben in Germanien erträglich“

Lesetipp: Die Lust an der Schuld

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Ich lese gerade

Antonia Grunenberg, Die Lust an der Schuld. Von der Macht der Vergangenheit über die Gegenwart, Berlin: Rowohlt 2001.

Schon lange suche ich ein Buch über den Umgang der Deutschen mit Auschwitz und dem Holocaust. Was mich an diesem Umgang stört, ich vermeide das Modewort „Diskurs“, weil es gerade diesen darüber nicht gibt, ist, dass er Rechtsextremisten überlassen bleibt. Oder, wenn es kein Rechtsextremist ist, er sofort in diese Ecke gestellt wird, sei es, weil er missverständlich formuliert hat, sei es, dass er missverstanden wird.

So erging es Martin Walser („Auschwitzkeule“) und Philipp Jenninger, der 1988 im Bundestag versuchte, die Begeisterung der Deutschen für Hitler zu erklären. Das wurde prompt als Rechtfertigung missverstanden und er musste als Bundestagsvizepräsident zurücktreten. Ignaz Bubis, Vorsitzender des Zentralrates der Juden verwendete ein Jahr später absichtlich Teile von Jenningers Rede, ohne dass irgendjemand daran Anstoss genommen hätte.

Was ich mir wünschte, wäre eine kritische Analyse des deutschen Schuldkomplexes, die man nicht in die rechte Ecke stellen könnte. Den Rest des Beitrags lesen »

Samuel Schirmbeck vermisst Islamkritik

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Vor über 20 Jahren war Samuel Schirmbeck ein hervorragender, kenntnisreicher ARD-Korrepondent in Nordafrika. (So wie man sich heute die Nahost-Korrespondent/-innen der ARD wünschen würde.)

Er ist inzwischen ein ebenso kompetenter kritischer Beobachter islamischer und islamistischer Aktivitäten in Deutschland geworden. Für ihn ist es bedrückend, islamische Funktionäre zu erleben, die sich für Sonderrechte für Muslime einsetzen und westliche Werte ablehnen. Das hat ihn etwas von seinen islamophilen linksgrünen Freunden aus SPD und Gewerkschaften entfernt.

Die Neue Zürcher Zeitung v. 19.4.17 stellt sein Buch vor: „Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen. Warum wir eine selbstbewusste Islamkritik brauchen“ (via mena-watch)

Siehe im Blog auch hier! (2015)