Lesetipp

Lesetipp: „Drücken Sie bitte die Eins!“ Willkommen in der Servicehölle

Gepostet am Aktualisiert am

Die Telekom rief gerade an. Ich hatte eine Mail an den Vorstandsvorsitzenden geschickt. Wohl deshalb wurde ich angerufen und erhielt keine unverbindliche Textbaustein-Antwort.

Meine Problem war: Der Telekom-Service Hotspot poppte plötzlich im Browser auf. Damit war die Verbindung zu meinem Router gestört. Stattdessen war ich jetzt mit Hotspot verbunden.Wohlgemerkt: Ich habe keinen Hotspotvertrag.

Ich forsche im Internet und treffe auf zahlreiche Leidensgenossen. Die Hilfetipps besagen, man soll auf der Kundenserviceseite der Telekom seinen Hotspot-Vertrag kündigen. Das kann ich nicht, weil ich keinen habe.

Schließlich sehe ich, dass in meiner WLAN-Liste ein Telekom-Hotspot eingetragen ist. Den lösche ich und hoffe, dass er nicht mehr auftaucht.

Ich beschließe dennoch, die Telekom darüber zu informieren, dass ich nicht sehr erfreut war, als Hotspot die Verbindung zu meinem Browser kaperte.

So weit die Vorgeschichte des Anrufs. Die junge Frau am Apparat will noch einmal genau wissen, worum es mir geht. Dann sagt sie: Sie wissen doch, dass es im Internet viel unerwünschte Werbung gibt. Ihr ginge es doch genau so. Ich hole tief Luft und rate ihr, da sie sich ja sichtlich im Internet auskenne, das Problem einmal zu googeln. Ich wäre kein Einzelfall.

Sie bedankt sich abschließend, jetzt hätte sie sich über die Angelegenheit informiert und könne die Sache an einen Techniker weitergeben, der mich anrufen werde.

Ich erinnere mich, dass ich vor vielen Jahren schon Kostproben meiner Erlebnisse mit Callcentern und Kundendiensten zum besten geben hatte. Vor sieben jahren hatte ich einen Buchtipp dazu:

Mit meinen verzweifelten Hilferufen in der Servicewüste von Telekom, dhl, Debeka und Kabel Deutschland stehe ich nicht alleine: Drücken Sie bitte die Eins!“ Willkommen in der Servicehölle bei Ullstein für 8,99 €.

Ein Vorab-Auszug in der Zeitung zeigt: Manche Telekommunikationsfirmen haben gar keinen Kundendienst mehr, sondern nur noch Textbausteinversender.

Mein Rekord bei dhl: 45 Minuten. Vom Band kommt dabei jede Minute eine Ansage: „Gleich, nur noch einen Moment, in wenigen Augenblicken“.

Wo bleibt das Positive? Hier: Ich bin seit 1994 Kunde bei Amazon und mit dem Kundendienst hoch zufrieden.

 

Advertisements

Lesetipp: Dorit Linke, Jenseits der blauen Grenze

Gepostet am Aktualisiert am

Dorit Linke

Dorit Linke, Jenseits der blauen Grenze

In dem Jugendbuch geht es um eine waghalsige Flucht zweier Jugendlicher aus der DDR über die Ostsee. 50 km, 25 Stunden, eine nahezu übermenschliche Anstrengung. Hanna, die Sportschwimmerin, übersteht die Strapazen und wird von einem Boot aufgenommen. Ihr Freund Andreas wohl nicht.

In dem Buch wechseln sich die Kapitel, die den Kampf gegen die Kälte und Wellen, die zunehmende Erschöpfung und die Angst vor Entdeckung schildern, mit Kapiteln ab, in denen Hanna während des Schwimmens Situationen aus der Schule, dem Familienleben, der Freizeit durch den Kopf gehen.

Sind es anfänglich harmlose Streiche, patzige Antworten an ideologisch verknöcherte Lehrpersonen, die unerwünschte Lust auf Westmusik und auf Nutella, die die Stasi immer aus den Westpaketen klaut, so gewinnt die Repression allmählich an Schärfe. Andreas muss vorübergehend in einen Jugendwerkhof, eine Art Jugendknast, Hanna darf nicht studieren, sondern muss in einer Fabrik Dosenöffner zusammenschrauben. Am Ende steht der Entschluss zur Flucht über die Ostsee.

Dorit Linke, selbst frühere Leistungsschwimmerin, beschreibt minutiös die Muskelschmerzen und Krämpfe, die aufgesprungenen Lippen, das in den Neoprenanzug eindringende kalte Meerwasser, die von den Flossen blutig gescheuerten Füße. Die Sätze werden im Lauf der Flucht, mit wachsender Erschöpfung, immer kürzer. In den letzten Fluchtkapiteln ist es nur noch ein Stakkato von Wörtern und unvollständigen Sätzen.

Das Buch war 2015 für den Deutschen Jugendbuchpreis nominiert. Das freut mich sehr. Ich habe in meiner Zeit als Lehrer den Preis intensiv verfolgt und auch viele Jahre die Preisverleihung auf der Frankfurter Buchmesse besucht. Betrübt war ich, weil es Bücher zum Thema DDR extrem selten, nach meiner Erinnerung eigentlich nie (Doch, eine Ausnahme: Ein Sachbuch), in die Auswahl schafften. Aber nahezu jedes Jahr wurde ein Kinder- oder Jugendbuch über den Nationalsozialismus ausgezeichnet.

Das Buch erschien 2017 in der 2. Auflage. Es gab anscheinend ein Theaterstück, aber die Webseite ist verschwunden. Eine Unterrichtseinheit gibt es auch. Als Konzession an den Zeitgeist wird darin den Schülern ein Arbeitsblatt zur aktuellen Einwanderung in Europa aufgegeben:

„Um Flüchtlinge aufzuhalten und sie an der Einreise ins eigene Land zu hindern, haben
im Zusammenhang mit den syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen einige europäische Staa-

ten Grenzzäune gezogen und Grenzeinrichten (sic!) errichtet.

Glaubst du, dass das ein probates Mittel ist?“

 

In der Ostsee sind sehr viel weniger DDR-Flüchtlinge ertrunken, als Einwanderer nach Europa im Mittelmeer. Was lehrt uns das?

Mehr Lesetipps u. a. hier!

Lesetipp: Seymour Hersh, Reporter

Gepostet am Aktualisiert am

HershSeymour M. Hersh, Reporter: A Memoir

„Wie das Nachrichtengeschäft derzeit aufgestellt ist, treibt es einen in den Wahnsinn. Wie gedankenlos und dumpf das geworden ist. Geschwindigkeit verdummt, Cable News (TV-Nachrichtenkanäle) sind ein Desaster.“ Zitat aus einem Interview in der NZZ

Hersh berichtet von seinen Vietnam-Reportagen.Was er von der US-Kriegsführung erzählt, ist noch schlimmer, als ich in Erinnerung habe.  Er brachte das My Lai-Massaker in die Öffentlichkeit. Über My Lai, schreibt er, hat er nicht alles veröffentlicht, was er erfahren hatte. Hersh ist Gegner dieses Krieges. Aber er betont, dass er versucht, objektiv zu sein, dass seine persönlichen Einstellungen nicht seine journalistische Arbeit dominieren dürfen. Ein New-York-Times-Herausgeber, Max Frankel, formuliert es so: „Egal wie seine persönliche Meinung ist, er ist vor allem Reporter.“

Wo erlebt man diese Haltung bei deutschen Journalisten, die wie besessen ihre Meinungen über Pegida, AfD, Nazi-Sachsen, Islamkritiker und „Klimaleugner“ kommunizieren?

Er erfuhr deswegen so viel, weil seine Informanten ihm vertrauten. Seine Quellen schützte er. Lieber verzichtete er auf eine Veröffentlichung, wenn er seinen Tippgeber dadurch gefährdet hätte.

Seine Stücke wurden, wie üblich, gecheckt. D. h. Fact-Checking fand bei den Artikeln der Zeitung statt, nicht wie in der ARD die Regel, anderswo oder nur dann, wenn es zur politischen Einstellung der ARD-Mitarbeiter/-innen passt!

Außenminister Fischer hatte in einem Gespräch mit Hersh die einflussreichen Hardliner Donald Rumsfeld und Paul Wolfowitz in der Bush-Administration als Trotzkisten bezeichnet. Hersh schrieb, ein europäischer Diplomat hätte das gesagt. Als sein Faktenchecker sich von Fischer das Wort bestätigen ließ, rief der ihn an und wollte, dass es nicht veröffentlicht werde. Hersh meinte, er wolle es doch einem europäischen Diplomaten zuschreiben, nicht dem deutschen Außenminister. Fischer, der Marx-Kenner, erwiderte: „Ich bin doch in Europa der einzige Diplomat, der weiß, was ein Trotzkist ist.“ Hersh musste lachen und folgte der Forderung Fischers.

 

 

Lesetipp: Das Moralapostolat

Gepostet am Aktualisiert am

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. lobt das „mutige“ Buch in der Neuen Zürcher Zeitung. Eine Interviewerin des Deutschlandfunks macht in einem erstaunlich zurückhaltenden, gleichwohl ablehnend geführtem Interview den Autor darauf aufmerksam, dass der Einfluss der Kirche auf Öffentlichkeit und Politik doch im Schwinden begriffen sei. Ihr wichtigster Einwand: sein Buch werde von Rechten gelobt.

Horst G. Herrmann: Im Moralapostolat. Die Geburt der westlichen Moral aus dem Geist der Reformation. Manuskriptum/Edition Sonderwege 2017, 22,90 €, auch als E-Book erhältlich

Der Philosoph Herrmann seziert den Weg – nicht von Luther zu Hitler, sondern – von Luther zu Habermas und Merkel. Das ist schwere Kost für theologische Laien; nicht zuletzt wegen der fast 600 Fußnoten.

Wenn ich es richtig verstanden habe: Nach Luther kann die Erbsünde, die jeder Mensch von Geburt an mit sich trägt, nicht durch individuelle Reue, Taufe und Beichte getilgt werden. Das geht nur im Katholizismus. (Judentum, Quäker und der Islam kennen keine Erbsünde.)

Das trifft denn auch auf den Umgang mit dem Holocaust zu. Während Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland seit Kriegsende von Kollektivschuld reden, waren es Vertreter der katholischen Kirche, die realitätsnäher auf die fatale Behauptung der deutschen Kollektivschuld am Ersten Weltkrieg hinwiesen und lieber von individueller Schuld und der Notwendigkeit individueller Strafverfolgung, der Prüfung des Einzelfalls, sprechen.

Die Begriffe „Tätervolk“ und Tätergesellschaft“ sind zwar von Rechten erfunden worden, machen aber sichtbar, wie sehr die Moralisierung von Geschichte und Politik überhand genommen hat. So ist erklärbar, dass die Vereinigung Deutschlands nicht sein darf (Günter Grass), weil die Trennung die ewige Strafe für die Verbrechen der Deutschen wäre.

Ich habe mich, der schweren Lektüre wegen, auf Kapitel („Marginalien“, Randbemerkungen, nennt sie der Autor) konzentriert, in denen es um die bundesdeutsche Gegenwart geht. Der Hass auf Deutschland (Robert Habeck, die Antifa), die Verteufelung von CO2, Klima-Leugnern und der AfD als Wiedergänger der NSDAP sind eine Spätfolge von Luthers Erbsündenlehre.

Der im Lutherjahr so gefeierte Reformator wird nicht nur auf Normalmaß gestutzt, Hermann begründet auch, warum Luther Lehren ein Rückfall hinter die Glaubenslehren des Katholizismus und der orthodoxen Ostkirchen sind.

 

Ein Film für präfaschistische Zeiten

Gepostet am Aktualisiert am

Wir leben hierzulande gerade in präfaschistischen Zeiten. Zumindest haben das eine Berliner Migrationswissenschaftlerin mit iranischen Wurzeln und der vom türkisch-deutschen Fußball-Millionär Özil angehimmelte Sultan festgestellt. Letzterer weiß, wovon er redet.

Dazu passt der Film ganz gut, den ich bei Amazon Prime gefunden habe. (Im Zwangsgebühren-TV gab es mal wieder nichts.):

The Promise – Die Erinnerung bleibt über den türkischen Völkermord an den Armeniern. Über eine Million Armenier wurden 1915/16 ermordet. Einen ersten Völkermord an den Armeniern gab es 1894-96.

Letztlich kann der aufwändig produzierte Film nicht wirklich die Gräueltaten in den Jahren des Massenmords 1915/16 nachvollziehen. Einige drastische Bilder gibt es dennoch zu sehen. Aber es gelingt, das Konstaninopel der damaligen Zeit auferstehen zu lassen. Gemildert wird das grausige Geschehen durch eine traurige Dreiecks-Liebesgeschichte.

Der Film endet mit der Rettung von 4.000 Armeniern, überwiegend Frauen und Kinder, vom Berg Musa Dagh durch französisches Militär.

Wer über den Völkermord lieber lesen will: Franz Werfel, Die 40 Tage des Musa Dagh.

Und in Potsdam gibt es eine Dokumentation zum Völkermord. Sie zeigt Dokumente, die der deutsche Pfarrer Johannes Lepsius. Er informierte in Deutschland über beide Mordaktionen, traf aber auf fast keine Unterstützung. Das Deutsche Reich war mit dem Osmanischen verbündet

Lesetipp Black Box DDR revisited

Gepostet am

Da ich gerade an die Anfänge dieses Blogs erinnert wurde, hier ein Eintrag von 2009, mit einem unverzichtbaren Lesetipp.

Was ist mit Narrativ gemeint?

Gepostet am

In fast 30 Beiträgen verwende ich das Wort „Narrativ“. Am Anfang staunte ich demütig über die vermeintliche Bildung der Benutzer der Vokabel. Musste sich doch dahinter mehr verbergen als hinter Erzählung, Behauptung, Version, Meinung. Das Dahinter vermochte ich aber nicht zu entdecken. Der Hinweis, dass es eine Lieblingsvokabel von postmodernen Philosphen war, beendete dann meine Suche nach der höheren Weisheit. Fortan gebrauchte ich das Wort ironisch und polemisch.

Jetzt entdecke ich eine sprachwissenschaftliche Grundlegung:

SPRACHREPORT 3/2017 – 34

Es lohnt immer, sich selbst zu informieren: Rechtspopulist Victor Orban

Gepostet am Aktualisiert am

Es ist ja fast die Regel geworden, sich bei Nachrichtensendungen zu fragen, ob das stimmt, was da so seriös vorgelesen wird, überhaupt stimmt.

Früher, im Unterricht, war mein Rat: Lasst uns doch mal nachlesen, was der und der eigentlich gesagt hat. Oder: Hat jemand nachgelesen, was eigentlich im Gesetz steht? Oder: Wer sagt/schreibt das?

Das war angewandte Informationskompetenz, bevor den Schulen empfohlen wurde, sie sollen Schülern beibringen, wie man richtig googelt.

Ich muss mich allerdings an die eigene Nase fassen.

Bis jetzt habe ich geglaubt, was ich in unseren Medien über den Ungarn Victor Orban erfahren habe. Dann stolperte ich über eine seiner Reden…

Orban-Rede auf einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung

Die Welt zitiert Orban aus einem Bild-Interview so:

Frau Merkel [sei] in der Frage, wer in Ungarn leben darf, nicht zuständig.

Er fügt hinzu: „Würde ich eine Flüchtlingspolitik wie Ihre Kanzlerin machen, würden mich die Menschen noch am selben Tag aus dem Amt jagen.“ Die Ungarn als jahrzehntelang besetztes Volk seien empfindlich in der Frage ihrer nationalen Unabhängigkeit.

Woher kommt die neudeutsche Gesinnungsdiktatur?

Gepostet am Aktualisiert am

»Vielleicht lässt sich erst heute der Gedanke denken und aushalten, dass der Faschismus so falsch war, dass nicht einmal sein Gegenteil richtig ist.«

Der Autor Horst G. Hermann zitiert hier den Sozialwissenschaftler Helmut Dubiel.

Im MoralapostolatEs geht um ein Interview mit dem Deutschlandfunk zu Hermanns Buch „Im Moralapostolat“, das der DLF-Interviewerin überhaupt nicht gefiel. (Darüber informiert philosophia perennis.)

Gibt es eine bessere Empfehlung als ein Verriss im Deutschlandfunk?

Horst G. Hermann fragt, ob die Reformation „die politische Korrektheit, die hypermoralische Gesinnungsdiktatur, die ‚Alternativlosigkeit‘, die Erinnerungs- und die Willkommenskultur unserer Tage“ hervorgerufen hat.

 

 

Wei Zhang: Eine Mango für Mao

Gepostet am Aktualisiert am

zhang_mango_coverZehn Jahre dauerte die Große Proletarische Kulturrevolution, von 1966 bis 1976. Es war letztlich ein Putsch des Massenmörders Mao gegen seine Parteibürokratie. Millionen Menschen verhungerten, wurden gefoltert, in Arbeitslager gesperrt, öffentlich zur Schau gestellt und gedemütigt. Hunderttausende wurden getötet.

Wei Zhang, in Zürich lebende Publizistin, erzählt in ihrem Roman „Eine Mango für Mao“ von einem Mädchen, das am Beginn der Kulturrevolution gerade eingeschult wird. Das Kind muss mit den Absurditäten und der Grausamkeit des Alltags zurechtkommen. Der Vater, ein Ingenieur wird zum einfachen Stahlarbeiter degradiert, das baufällige Holzhaus der Oma wird enteignet.

Sie ist stolz auf ihr bescheidenes Sparbuch, bis ihr klar wird, dass sie jetzt Kapitalistin sein dürfte und Ärger bekommen wird. Die Lehrer wechseln häufig, weil immer wieder „Volksverräter“ unter ihnen entdeckt werden. Schüler marschieren stundenlang, um in Volkskommunen „Praktika“ zu machen. Die Mutter ersteht auf dem Schwarzmarkt Fleisch vom Bauern. Die besseren Stücke musste er dem Staat und den Parteibonzen abliefern.

Als ihr Vater ganz stolz auf einen Gutschein für ein Essen in der Werkskantine 2 ist, der Gaststätte für die gehobenen Kader des Werks, und sie vor der Essensausgabe anstehen, wird bekannt gegeben, dass Mao gerade gestorben. Die Essensausgabe wird eingestellt. Der Gutschein verfällt.

Anders als in den großen Dokumentationen zur Kulturrevolution, etwa der von Frank Dikoetter (siehe ersten Link!), droht die Brutalität, die hier einem Volk von seinem Herrscher widerfährt, fast unterzugehen. Andererseits erschließt sich für den Leser mit der Wahrnehmung eines Kindes, für das dieses perverse Menschenexperiment Alltag ist, doch sehr eindringlich, was in diesen Jahren passiert ist.

Für die kleine Yingying bleibt manches unverständlich, sie lernt, vorsichtig zu sein. Vor allem die Mutter bringt die Familie über die Runden, sie versorgt auch noch eine Oma, die „schwarz“ , d. h. ohne Lebensmittelkarte, bei ihnen untergekommen ist. Aber es gibt auch kleine Freuden, fast eine erste Liebe, die Zuneigung zum Vater, das Erschrecken über die erste Menstruation.

Im heutigen China wird die Kulturrevolution nicht gefeiert, aber an eine kritische Aufarbeitung des Maoismus ist, genau wie beim Stalinismus in Russland, nicht zu denken. Im Gegenteil, beide Diktatoren werden in ihren Ländern weiterhin verehrt. Wei Zhang schreibt mit ihrem – nicht autobiographischem – Werk gegen das Vergessen an.

Was es mit der Mango, dem Kultobjekt der Kulturrevolution, auf sich hat, ist in diesem Buch erklärt: Maos Mango. Massenkult der Kulturrevolution.