DDR-Literatur

Zwangsarbeit im Gefängnis Hoheneck

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Volker Schlecht und Alexander Lahl arbeiteten an einer Graphic Novel über eine Frau, die über die Ostsee aus der Deutschen Demokratischen Republik fliehen wollte und im Frauengefängnis Hoheneck landete. Dazu führten sie Interviews durch und daraus enstand dieser Kurzfilm. Zwei Frauen berichten aus dem Off zu animierten Bildern aus der Graphic Novel über ihren Gefängnisalltag.

Der Film „Broken“ bekam einen Preis auf dem Sundance Film Festival 1917.

Ebenfalls von Alexander Lahl (und Max Mönch): Treibsand. Eine Graphic Novel aus den letzten Tagen der DDR

Timothy Garton Ash über seine Stasi-Akte

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Der britische Publizist und Historiker Timothy Garton Ash lebte als Student eine Zeitlang in West-, aber auch 18 Monate in Ostberlin. Er schrieb an einer Dissertation über Nazi-Deutschland.

Natürlich wurde er vom MfS misstrauisch beobachtet. Man hielt ihn, der einen Alfa Romeo fuhr, für „bürgerlich-dekadent“, dann, als er – Ende der 70er Jahre – nach Polen und Tschechien fuhr und Kontakt zu Dissidenten hatte, für reaktionär. 1982 wird er ausgewiesen.

Nach der sog. Wende nahm er Einsicht in seine Stasi-Akte und schrieb darüber: „Die Akte Romeo“, 1997. (Deutsche Ausgabe vergriffen, die englische Ausgabe bei Amazon.) Es liest sich wie ein Spionageroman von Graham Greene, ist aber dennoch eine sachliche, nachdenkliche, vor allem wahre Erzählung.

Er macht deutlich, dass die Stasi weniger ein Inlandsgeheimdienst war, in dem Agenten nachrichtendienstlich arbeiteten, sondern ein Apparat zur Überwachung und Einschüchterung der gesamten Bevölkerung. Somit unterscheidet sie sich, ungeachtet technischer Ähnlichkeiten,  von den westlichen Diensten.

Ash suchte seine Stasi-Informanten auf und interviewte sie, soweit sie sich darauf einliessen. Er sprach über ihre Biographie und ihre Beweggründe, für die Stasi zu arbeiten. Da gab es die alte jüdische Dame, die in der Hitlerzeit Kommunistin geworden war, den britischen Kommunisten, den IM aus einem Museum, der sich als Gegenleistung für die Berichte Auslandsreisen erhoffte.

Ash spricht 1997 in den USA über seine Akte: Ein Video-Clip, ca. 30 Minuten Vortrag, 30 Minuten Fragen an den Autor. Er spricht gut verständlich, die Transkription übersetzt leidlich. Die Schreibweisen, die die Software für die Gauck-Behörde findet, sind unerschöpflich.

Die Liquidation des Wolfgang Welsch missglückte der Stasi

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Wolfgang Welsch
(c) obs/ZDFinfo/ZDF/Vita Spieß

Vor einigen Jahren wies ich schon auf das Buch hin: Wolfgang Welsch, Ich war Staatsfeind Nr. 1.

Der Schauspieler und Schriftsteller Wolfgang Welsch geriet wegen systemkritischer Gedichte mit der SED in Konflikt. Nach einem missglückten Fluchtversuch verbrachte er mehrere Jahre in SED-Zuchthäusern. Dabei durchlitt er u. a.  Misshandlungen, Folter und eine Scheinhinrichtung. Seinen Beruf als Schauspieler gab er auf.

Nach dem Verkauf an die Bundesrepublik wurde Welsch Fluchthelfer und schleuste 220 Menschen aus dem SED-Staat.

Er überlebte drei Mordanschläge des MfS. Dass er den letzten, den Giftanschlag (radioaktives Thallium) eines vermeintlichen Freundes, überlebte, grenzt an ein Wunder. Als er von der Einsichtnahme in die Stasiakten nach Hause kommt, hat sich seine Frau erschossen. Sie war vom bulgarischen Geheimdienst gezwungen worden, ihren Mann zu bespitzeln.

Seine Geschichte wurde als Spielfilm „Der Stich des Skorpion“ verfilmt. (Trailer)

Wolfgang Welsch, inzwischen promovierter Politologe, erzählt seine Geschichte in dem Dokumentarfilm von Angelika Schmidt-Biesalski an den Original-Schauplätzen (2015).

Anmerkung: Ich war unentschieden, ob ich im Titel statt Stasi nicht SED hätte schreiben sollen. Fachleute halten es für sehr wahrscheinlich, dass die Morde des MfS vom Politbüro abgesegnet wurden. Aber wie so oft, gibt es keine Belege. Das erlaubt der Linkspartei und anderen DDR-Verherrlicher*innen bis heute, das Unterdrückungssystem nicht der SED anzulasten, sondern „nur“ dem MfS.

Der ehemalige Dresdner Oberbürgermeister Berghofer erzählte einmal, dass in der SED Untergrundpraktiken herrschten: Befehle wurden zwar auch schriftlich übermittelt. Aber der Adressat musste die schriftliche Anweisung nach Lektüre wieder zurückgeben. Auf diese Weise bekam er z. B. den Auftrag, dass bei Wahlen die Auszählungsergebnisse mit Bleistift notiert werden sollten.

Die SPD und die deutsche Einheit

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Ilse Fischer widmet sich in: Die SPD (West) und die deutsche Einheit 1989/90, den Verdiensten und dem Zögern der SPD in sehr ausgewogener Weise.

In den 80er Jahren intensivierte die SPD die Kontakte zur SED mit dem Ziel des Abbaus ideologischer Konfrontation. Darüber übersah sie die Entstehung der Bürgerrechtsbewegung.

Ab Januar 1990, als Bundeskanzler Kohl die Gunst der Stunde nutzte und zum Kanzler der Einheit wurde, fühlte sie sich dann den Oppositionsgruppen verpflichtet, die den Zusammenschluss mit der BRD ablehnten.

SPD-Vorsitzender Lafontaine wollte die Zuwanderung Ostdeutscher in die Bundesrepublik begrenzen(!) und setzte auf eine Zweistaatenlösung. Wie auch nicht wenige Bundesbürger stand er einem post-nationalen, westeuropäisch und ökologisch orientierten Lebensgefühl nah. Die Realität in der DDR war für ihn kein relevantes Thema.

So entging ihm auch die Bedeutung der Rettung der Stasi-Akten vor der Vernichtung. Die lief seit mehr als drei Monaten, als die Bürgerrechtler endlich darauf aufmerksam machten, indem sie die Stasi-Zentrale in der Normannenstraße besetzten. Lafontaine tauchte plötzlich auf und ließ sich erklären, worum es ging (G.S, nach einem mündlichen Augenzeugenbericht eines Bürgerrechtlers).

In der SPD, vor allem in der Bundestagsfraktion, so Ilse Fischer, hätten sich letztlich, gegen Lafontaine, die Kräfte durchgesetzt, die die Chancen des Jahres 1990 erkannt hatten.

Ilse Fischer, Die SPD (West) und die deutsche Einheit 1989/90, in: Deutschland Archiv, 31.1.2017, http://www.bpb.de/241665

Die SPD, deren Politiker die Entspannungspolitik gegenüber der DDR so erfolgreich begonnen hatten, konnte von der Friedlichen Revolution nicht profitieren. Sie hatte noch mit der SED zusammen gesessen, als auf den Straßen schon die Bürgerrechtler zusammengeschlagen und verhaftet wurden.  

 

Wo ist der Riss? Neues Buch über Potsdam in der Friedlichen Revolution

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Über Potsdam Ende der 80er Jahre gibt es ein neues Buch:

Buchcover: Im Riss zweier Epochen

Es war die Zeit, die die einen, nach Egon Krenz (SED), die „Wende“ nennen, andere – eher die Minderheit – sprechen von Friedlicher Revolution. Jetzt gibt es ein neues Buch über diese Jahre. Es hat den manierierten Titel: „Im Riss zweier Epochen“. Was da reißt, erschließt sich mir nicht. Zwei Epochen? Können Epochen reißen? Können Epochen auseinandergerissen werden? Zerreißt es die Menschen, die sozusagen mit dem einen Bein in der einen, dem anderen in der anderen Epoche stehen? Ein zu theatralisch geratener, schwer verständlicher Titel.

Es ist zweifellos verdienstvoll, über diese Jahre ein Buch zu schreiben. Noch längst ist nicht alles erforscht. Längst gibt es zweckdienliche Narrative, die weglassen, was stören würde.

Warum sind die Potsdamer Bürgerrechtler so schnell verschwunden? Sie hatten in Potsdam eines der besten Wahlergebnisse der ganzen DDR, über 16%. Waren die kommunistischen Kader im roten Potsdam anpassungsfähiger? Es gab die marxistischen Hochschulen, darunter die für Staat und Recht und die der Stasi, tausende MfSler, 900 konspirative Wohnungen, die Bezirksverwaltung, die NVA- und Grenztruppenkader. Wie war die Stasi-Überprüfung in der Stadtverwaltung? Nach dem, was man inzwischen über die Stasi-Überprüfung auf Landesebene weiß, lässt das nichts Gutes hoffen.

Es dauerte lange, bis nach dem Bürgerrechtler Tschäpe ein kleiner Platz benannt werden durfte. Einen Platz der Friedlichen Revolution gibt es bis heute nicht. Die Umbenennung des Platzes der Einheit (von KPD und SPD) in Platz der Deutschen Einheit wurde von der Stadtverordnetenversammlung abgelehnt.

Die SED-Kader der letzten Stunde, etwa Heinz Vietze und Rolf Kutzmutz, waren die PDSler der ersten Stunde. Der Stasi-Aufpasser in der Hochschule für Staat und Recht, Dr. Hans-Jürgen Scharfenberg, bis heute Linkspartei-MdL und Linkspartei-Stadtverordneter, konnte mehrmals nur knapp als Potsdamer OB verhindert werden. (Er will demnächst wieder kandidieren.)

Die Buchvorstellung wurde von der SPD-Stiftung „Friedrich Ebert“ durchgeführt. Daher saß wohl auf dem Podium ein SPD-Vertreter und Mitarbeiter der Stadtverwaltung, aber kein Bürgerrechtler.

Die Märkische Allgemeine geht ausführlich auf den Inhalt ein und zollt dem Buch verhaltenes Lob.

Im Buchhandel ist das Buch erst ab 22.3. erhältlich. (Eine Woche nach der Podiumsveranstaltung am 16.3. )

 

Alle Beiträge zu Zwangskollektivierung

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Der Blog „Ampelmännchen und Todesschüsse“soll (m)ein Archiv sein. Mit den Stichworten, Schlagworten und der Suchfunktion kommt man schon ziemlich weit. Die Suche bei WordPress lässt dabei Wünsche offen, z. B. fehlende Trunkierung oder Treffer, wo keine Treffer sind.
Um es übersichtlich zu machen, habe ich hier alle meine Beiträge zum Kolchosenwesen der DDR (Walter Ulbricht nannte die LPGen Kolchosen) von Hand aufgelistet.
Vorab noch zwei Zitate zur Zwangskollektivierung:

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DDR: 400 Entführungen, 7 Bewährungsstrafen

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Gefangenentransporter des MfS
Gefangenentransporter des MfS

Die ostdeutschen Kommunisten haben in Westdeutschland und West-Berlin ca. 400 Menschen entführt und in der DDR eingesperrt, gefoltert und/oder hingerichtet. Davon berichtet ein im Herbst 2016 erschienenes Buch von Wolfgang Bauernfeind:

Menschenraub im Kalten Krieg: Täter, Opfer, Hintergründe

Einer der bekanntesten Fälle war der von Karl-Hermann Fricke. Die Stasi hatte seinen Vater in den berüchtigten Waldheimer Prozessen zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Der Sohn war Hilfslehrer für Russisch. Er wurde mitten im Unterricht wegen Vorbereitung zum Hochverrat verhaftet: Er hatte gegenüber einer Kollegin eine flapsige Bemerkung gemacht.

Fricke konnte in den Westen fliehen und wurde als Journalist und Buchautor ein unerbittlicher Chronist der SED-Diktatur. Er war es, der Stasi-Chef Mielke als Mörder zweier Polizisten in der Weimarer Republik entlarvte.

Mielke setzte alles daran, seiner habhaft zu werden. 3.000 Seiten umfasst seine Akte. Ein für die Stasi arbeitendes Ehepaar lockte ihn in eine West-Berliner Stasi-Wohnung unter dem Vorwand, sie hätten ein Buch, das er für seine Recherchen dringend gesucht hatte. Er wurde betäubt und nach Ostberlin gebracht…

Der Spiegel einestages erzählt die Geschichte

Lediglich 13 ehemalige IM und drei Kontaktpersonen mussten sich nach der Wende für ihre Taten vor Gericht verantworten. Und nur sieben konnten verurteilt werden – allesamt auf Bewährung.

Auch Mielke konnte nach Revolution nicht etwa wegen seiner kriminellen Handlungen in der DDR verurteilt werden, sondern wegen der zwei Morde 1931.

Bei der Aufarbeitung der Regierungskriminalität der DDR gilt der Grundsatz: „Was damals Recht war, kann heute kein Unrecht sein.

Neues Buch über mutige junge Leipziger 1989

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Der Journalist Peter Wensierski erzählt in einem neuen Buch eine „Wahnsinnsgeschichte“ von mutigen jungen Leuten zur Wendezeit in Leipzig: „Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution“.

Wensierski war u. a. für den Spiegel schon tätig, als der noch ein wichtiges Nachrichtenmagazin war.

Mit Wolfgang Büscher schrieb er 1984: Null Bock auf DDR – Aussteigerjugend im anderen Deutschland (vergriffen).

Er drehte als Dokumentarfilmer und TV-Reporter u. a. den Film Mauerläufer.

Die Bundeszentrale für politische Bildung und der Rundfunk Berlin-Brandenburg gaben 2005 Auf den Spuren einer Diktatur heraus. 32 Filme zur DDR-Geschichte auf 3 DVDs aus dem TV-Magazin „Kontraste“ , die er in Zusammenarbeit mit Roland Jahn und Ilko-Sascha Kowalczuk zusammengestellt hatte.

 

Was man über die DDR gelesen haben sollte

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Die Liste hatte ich 2011 veröffentlicht und 2016 um einen Titel aktualisiert. Man kann nicht oft genug auf gute Bücher zur DDR hinweisen. Zu den meisten gibt es im Blog einen Beitrag. Die ursprüngliche Liste wurde leicht gekürzt. Die fett Gedruckten mag ich besonders. Die Reihenfolge ist zufällig:

Berliner Grenztote, bevor es die Mauer gab

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Ab 1948 gab es Kontrollen an den Grenzen von Berlin (West) zum sowjetischen Sektor und zur Sowjetzone bzw. der DDR. Man konnte die Grenze passieren, wurde aber kontrolliert.

Im Lauf der 50er Jahre wurden zunehmend kleine Übergänge und Trampelpfade unpassierbar gemacht und vor allem in Berlin (West) arbeitende Ostdeutsche schikaniert.

Auch im Zeitraum von 1948 bis 1961 gab es Erschießungen an dieser Grenze. Opfer waren Flüchtlinge, desertierende russische Soldaten, aber auch Schmuggler, psychisch Kranke und Betrunkene, die den Grenzsoldaten verdächtig erschienen.

Dies wurde jetzt erstmals erforscht. 39 Tötungen konnten bestätigt werden, hundert Verdachtsfälle ließen sich nicht mehr aufklären:

Gerhard Sälter, Johanna Dietrich, Fabian Kuhn, Die vergessenen Toten. Todesopfer des DDR-Grenzregimes von der Teilung bis zum Mauerbau

Bericht in Die Welt/N24