DDR-Literatur

Was gibt es zur Literatur in der DDR zu sagen?

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Tilman Krause und Uwe Wittstock haben dazu etwas beizutragen.

 

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Erinnerung: Lesetipps zur DDR

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Im vorhergehenden Interview über Monika Marons neues Buch wird die Wiederkehr einer Verhaltensweise aus der DDR angesprochen: das Abtasten, d. h. herausfinden, ob man der Person, mit der man gerade redet, vertrauen kann, ob man ihr gegenüber offen reden kann.

(Hervorragend zu beobachten in einer Szene im Film „Barbara“: Die in die Provinz strafversetzte Ärztin taxiert ihren neuen Kollegen. Ist er ein Stasi-Spitzel, der über sie berichten muss. Muss sie vorsichtig sein oder kann sie ihm vertrauen?

Bei so viel Buch und DDR fällt mir meine Leseliste zur DDR wieder ein. Sie wurde 2011/12 zusammengestellt. Es sind Bücher, die ich mit großem Gewinn gelesen habe. Einige wenige vergriffene oder nicht mehr ganz aktuelle habe ich jetzt heraus genommen (Die Originalliste hier).

SB meint: Für Schulbibliotheken empfohlen; hervorgehoben: besonders empfohlen

Und dann gibt es noch den Bestand der Medienkiste „Ampelmännchen und Todesschüsse“ mit Anna Funder, Claudia Rusch, Erika Riemann, Stefan Wolle u. a.

Man kann auch im Blog unter „Lesetipp“ Nachträge zu suchen.

Spielfilme zur DDR

Die DDR und die Juden

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Im Beitrag Die Juden und die DDR: Neue Linie ab 1988 und mehreren anderen ging es um Antisemitismus und Aufarbeitung des Massenmordes der Nazis an den europäischen Juden in Ostdeutschland.

Im Beitrag Antisemitismus in der DDR und die Folgen wurde auf eine westdeutsche Arbeit verwiesen. Deren Schwäche ist, dass sie Antisemitismus rechts verortet und in der DDR vor allem Antizionismus erkennt.

Hier habe ich jetzt eine umfassende Darstellung (bis 1967) zum Thema entdeckt:

Mario Keßler (1995), Die SED und die Juden – zwischen Repression und Toleranz. Politische Entwicklungen bis 1967

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Der Goldbroiler. Eine Fallstudie zur Planwirtschaft

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Eine Kundenbedürfnisse befriedigende Gastronomie war nicht Herzensangelegenheit der sozialistischen Wirtschaftsplaner. Im Vordergrund stand der Auf- und Ausbau der kollektiven Nahrungsaufnahme in Betriebskantinen, Schulen, Krankenhäusern, Kinderbetreuungseinrichtungen und FDGB-Ferienheimen. Das sollte auch dazu dienen, das individuelle Einkaufen von Lebensmitteln und den Besuch von Gaststätten einzuschränken. Die Versorgungsmängel, sichtbar in leeren Schaufenstern und Regalen wäre weniger erkennbar gewesen. Die Zahl der privaten Gaststätten ging in Berlin in den 60er Jahren um ein Drittel zurück. Die der staatlichen nahm aber nicht zu.

Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, vor allem frischen, war ein schwieriges Geschäft für die marxistischen Ökonomen.

Nach dem Vorbild der westdeutschen „Wienerwald-Restaurants“ eröffneten 1967 in Ostberlin drei „Goldbroiler“-Gaststätten, in denen gegrillte halbe Hähnchen angeboten wurden. Diese gastronomischen Einrichtungen wurden überrannt. Die industrielle Mastanlage in Königs-Wusterhausen konnte den Bedarf nicht erfüllen, eine weitere musste eingerichtet werden. Die aus England stammenden Grillgeräte brachen im Dauerbetrieb zusammen. Das Personal wechselte wegen der hohen Arbeitsbelastung häufig und reichte auch nicht aus.

Es war wohl nicht möglich, Hähnchen mit einer Standardgröße und einem Standardgewicht zu züchten. Aber es gab den Standardpreis von 3,50 Mark pro Hälfte. Der kostendeckende Preis hätte bei 6 Mark liegen müssen. Der staatliche Zuschuss für die drei ersten Berliner Gaststätten betrug 800.000 Mark. Man ging dazu über, die Hähnchen nach Gewicht zu verkaufen…

Patrice G. Poutrus, Die Erfindung des Goldbroilers. Über den Zusammenhang zwischen Herrschaftssicherung und Konsumentwicklung in der DDR

Köln 2002, digital erfasst in: Zeithistorische Studien / Die Erfindung des Goldbroilers. Über den Zusammenhang zw. Herrschaftssicherung und Konsumentwicklung in der DDR (Band 19)

Lese-Vorschlag: Die Seiten 201 – 226

Siehe auch u. a. im Blog: Tentmann, Die Herrschaft der Dinge und Suchergebnis „Planwirtschaft“

Nachtrag: Über die Produktion von Streichholzschachteln in Kuba schreibt Klaus Leciejewski. Es ist keine Satire, sondern eine exakte Beschreibung von Planwirtschaft!

Kabarett im Sozialismus

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Für die wenigen Kabarettisten muss eine Sisyphusarbeit gewesen sein. Wie kann man den Sozialismus mit Satire befördern? Für die SED waren Satire und Kabarett kein willkommener Begleiter auf dem Weg zum Kommunismus.

Kontrolliert wurden die Texte und Lieder von der allerersten Ideenskizze bis zur Kontrolle in der Aufführung. Dabei hatten die Texter die Schere schon im Kopf. Ihnen war auch klar, dass die zuständigen Kader zuallererst an sich selbst und ihre Karriere dachten, wenn sie strichen oder Veränderungen verlangten. Deswegen lieferten die Kabarettisten passende Parteitagsbeschlüsse und Marxzitate mit, mit denen das Programm gerchtfertigt werden konnte.

Die zuständigen Kader saßen im Rat der Stadt, im Rat des Bezirks, in den jeweils parallelen Parteigremien und im lokalen MfS. Letzteres stützte sich auch auf Zuträger aus der jeweiligen Direktion.

Ganz verhindern konnte man Satire und Kabarett nicht, obwohl die Obrigkeit lieber Humor und Witze statt Satire gehabt hätte. Die Systemkonkurrenz verlangte es: In Berlin (West) gab es die „Stachelschweine“. Die Antwort des Ostens waren die „Stacheltiere“, eine kurzlebig DEFA-Filmreihe (Folge 41).

Wem das noch nicht reicht, hier die ausführliche Monographie dazu:

Sylvia Klötzer, Satire und Macht. Film, Zeitung, Kabarett in der DDR, Köln 2006

Im DDR-Museum gab es dazu 2014 eine Veranstaltung

Eine DDR-Biographie: Dr. Wolfgang Meyer

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Am 9.9.1988 besetzte Dr. Wolfgang Meyer zusammen mit 17 weiteren Ausreisewilligen die dänische Botschaft in Ostberlin.

Meyer hatte die Doppelqualifikation Facharbeiterausbildung und Abitur. Er wurde Diplom-Lehrer für Mathematik und Polytechnik.

1987 stellte er für seine Familie einen Ausreiseantrag. Er wurde sofort mit Berufsverbot belegt und aus dem Schuldienst entlassen. Sein Personalausweis wurde eingezogen.

Der dänische Botschafter benahrichtigte das MfS. Zwei Dutzend Stasileute marschierten in das exterritoriale Gebäude und verhafteten die 18 Besetzer. Die Erwachsenen wurden zu mehrjährigen Gefängnsistrafen auf Bewährung verurteilt und durften im März 1989 ausreisen.

Meyer schrieb zwei Bücher über seine Erfahrungen mit der Ausreise: „Dänen von Sinnen“ und „Die mit dem Storch zogen“. Darin vertritt er die These, dass die Besetzung der dänischen Botschaft den Anfang der Botschaftsfluchten markierte. Er ist davon überzeugt, dass die Ausreisebewegung die DDR mehr destabilisierte als die Bürgerrechtler. Leider werde sie aber in ihrer Bedeutung für die „Wende“ im Vergleich zu den Bürgerrechtlern völlig vernachlässigt.

Mit Unterzeichnung der KZSE-Schlussakte von Helsinki 1973 hatte die SED das Recht auf Freizügigkeit anerkannt. Aber Ausreisewillige wurden schikaniert und eingesperrt, in einigen Fällen abgeschoben, dann auch an die Bundesregierung verkauft. Von 1974 bis 1989 gab es unübersehbar viele öffentliche Aktionen von Ausreisewilligen. Geschätzt werden über 400.000 Ausreiseanträge. (Siehe dazu einen Auszug aus „Flucht und Ausreise“)

Meyer wurde in Bonn in Politikwissenschaft promoviert. Nach einem fünfmonatigen Sitzstreik stellte ihn das thüringische Kultusministerium wieder als Lehrer ein.

Im Internet öffnete er ein Diskussionsforum „Flucht und Ausreise“.

Dr. Meyer starb 2017 in Speyer.

Überwiegend nach „Abschied“ v. Jörg Bernhard Bilke, in: Der Stacheldraht, 9/2017, p16

1989: Betrügerischer Bankrott der SED

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Im Blogbeitrag „Zentralverwaltungswirtschaft“ wiedergelesen:

Bei allen Fehlern, die der Bundesregierung und insbesondere der Treuhand nach der Friedlichen Revolution nachgesagt werden: Hier, in der Zentralverwaltungwirtschaft, und nicht bei der Treuhand liegt der Grund für den Zusammenbruch der DDR. Die SED war 1989 darüber informiert, dass ihr Staat nur durch eine drastische Reduzierung des Lebensstandards, eine Preissteigerung bei den Gütern des täglichen Bedarfs, realistische Mieten, Abbau der Sozialleistungen usw. zu retten gewesen wäre. „Das hätte 1989 zu einer gewaltsamen Explosion geführt. Also machte man den Laden dicht. Das Ende der DDR trug alle Züge eines betrügerischen Bankrotts. Die Verantwortlichen schlichen sich davon und überließen die Probleme den Insolvenzverwaltern.“

Aus: DDR-Führer, Alltag eines vergangenen Staates in 22 Kapiteln, p. 69, Berlin 2008

Es ist das knappe, aber höchst informative Buch zur Dauerausstellung des DDR-Museums in Berlin. Es könnte ohne Weiteres Grundlage für Schulunterricht über die DDR werden. Inzwischen gibt es eine Neuauflage.

Die Beseitigung des alten Potsdam durch die SED

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In einem neuen Fotobuch ist dokumentiert, wie Abrissbagger in den 70er und 80er Jahren, bis kurz vor der „Wende“, das alte Potsdam abräumten:

Siegfried Lieberenz/Rainer Lambrecht, Bevor der Abrissbagger kommt, Knotenpunkt-Verlag: Potsdam 2017, 26,95 €

(Die – zu kleine – erste Auflage ist schon vergriffen. Es wird aber nachgedruckt.)

Die SED wollte aus Potsdam eine moderne Bezirkshauptstadt machen und betrieb daher, wie es in der Buchvorstellung im Tagesspiegel/PNN heißt, einen systematischen Kahlschlag. Aneinandergereiht ergeben die abgerissenen Gebäude fünf Kilometer. Zuletzt sollte es dem Holländischen Viertel an den Kragen gehen und 1985 wurde noch die einzige Jugendstilkirche abgerissen.

Neue Plattenbauten wurden dicht an alte, bewohnte Gebäude gesetzt. Einwohner erhielten von heute auf Morgen den Befehl, ihre Wohnung zu räumen.

Angesichts des lauten Wehklagens einiger Kunsthistoriker und des linken Potsdamer Politspektrums über den Abriss einer Handvoll Gebäude aus der DDR-Zeit, ist es verwunderlich, dass die Abrisswut der kommunistischen Altvorderen, mit Ausnahme von Schloss und Garnisonkirche, nie thematisiert wurde.

Am Montag, dem 27.11.17, 18 Uhr, wird das Buch in der Französischen Kirche vorgestellt.

Es kommt 3 nach 12, gerade noch recht, um zu zeigen, wie verlogen die Debatte ist: Was ist der Abriss einer Fachhochschule gegen die Abrissorgie der SED?

Die SED hat, neben zahllosen Bürgerhäusern, das Schauspielhaus, die Garnisonkirche, das Schloss, historische Villen und Kirchen abgerissen und den Stadtkanal zugeschüttet. Der Stadtumbau dauerte bis 1989 an und hätte weitergehen sollen. Die noch existrierenden Bürgerhäuser in der Jägeralle sollten weiteren Amtsgebäuden weichen. auch das Holländische Viertel blieb dank der „Wende“ erhalten.

Traurig ist, dass präpotente, aber ahnungslose westdeutsche Journalisten, wie die der FAZ, die Vorgeschichte nicht kennen.