DDR-Literatur

1989: Betrügerischer Bankrott der SED

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Im Blogbeitrag „Zentralverwaltungswirtschaft“ wiedergelesen:

Bei allen Fehlern, die der Bundesregierung und insbesondere der Treuhand nach der Friedlichen Revolution nachgesagt werden: Hier, in der Zentralverwaltungwirtschaft, und nicht bei der Treuhand liegt der Grund für den Zusammenbruch der DDR. Die SED war 1989 darüber informiert, dass ihr Staat nur durch eine drastische Reduzierung des Lebensstandards, eine Preissteigerung bei den Gütern des täglichen Bedarfs, realistische Mieten, Abbau der Sozialleistungen usw. zu retten gewesen wäre. „Das hätte 1989 zu einer gewaltsamen Explosion geführt. Also machte man den Laden dicht. Das Ende der DDR trug alle Züge eines betrügerischen Bankrotts. Die Verantwortlichen schlichen sich davon und überließen die Probleme den Insolvenzverwaltern.“

Aus: DDR-Führer, Alltag eines vergangenen Staates in 22 Kapiteln, p. 69, Berlin 2008

Es ist das knappe, aber höchst informative Buch zur Dauerausstellung des DDR-Museums in Berlin. Es könnte ohne Weiteres Grundlage für Schulunterricht über die DDR werden. Inzwischen gibt es eine Neuauflage.

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Die Beseitigung des alten Potsdam durch die SED

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In einem neuen Fotobuch ist dokumentiert, wie Abrissbagger in den 70er und 80er Jahren, bis kurz vor der „Wende“, das alte Potsdam abräumten:

Siegfried Lieberenz/Rainer Lambrecht, Bevor der Abrissbagger kommt, Knotenpunkt-Verlag: Potsdam 2017, 26,95 €

(Die – zu kleine – erste Auflage ist schon vergriffen. Es wird aber nachgedruckt.)

Die SED wollte aus Potsdam eine moderne Bezirkshauptstadt machen und betrieb daher, wie es in der Buchvorstellung im Tagesspiegel/PNN heißt, einen systematischen Kahlschlag. Aneinandergereiht ergeben die abgerissenen Gebäude fünf Kilometer. Zuletzt sollte es dem Holländischen Viertel an den Kragen gehen und 1985 wurde noch die einzige Jugendstilkirche abgerissen.

Neue Plattenbauten wurden dicht an alte, bewohnte Gebäude gesetzt. Einwohner erhielten von heute auf Morgen den Befehl, ihre Wohnung zu räumen.

Angesichts des lauten Wehklagens einiger Kunsthistoriker und des linken Potsdamer Politspektrums über den Abriss einer Handvoll Gebäude aus der DDR-Zeit, ist es verwunderlich, dass die Abrisswut der kommunistischen Altvorderen, mit Ausnahme von Schloss und Garnisonkirche, nie thematisiert wurde.

Am Montag, dem 27.11.17, 18 Uhr, wird das Buch in der Französischen Kirche vorgestellt.

Es kommt 3 nach 12, gerade noch recht, um zu zeigen, wie verlogen die Debatte ist: Was ist der Abriss einer Fachhochschule gegen die Abrissorgie der SED?

Die SED hat, neben zahllosen Bürgerhäusern, das Schauspielhaus, die Garnisonkirche, das Schloss, historische Villen und Kirchen abgerissen und den Stadtkanal zugeschüttet. Der Stadtumbau dauerte bis 1989 an und hätte weitergehen sollen. Die noch existrierenden Bürgerhäuser in der Jägeralle sollten weiteren Amtsgebäuden weichen. auch das Holländische Viertel blieb dank der „Wende“ erhalten.

Traurig ist, dass präpotente, aber ahnungslose westdeutsche Journalisten, wie die der FAZ, die Vorgeschichte nicht kennen.

Die Diktatur der Kellner

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„Sie haben keine Ahnung, welch elendes Leben man unter der Diktatur von Kellnern, Klempnern und Taxifahrern führt. Es mag frivol klingen, aber es ist die Wahrheit: Ich habe unter der Stasi weniger gelitten als unter den Kellnern, Klempnern und Taxifahrern. Die Stasi konnte ich ignorieren, ich brauchte sie nicht.“

Aus: Monika Maron, Zonophobie, in: Kopfnuss 1, Essays über Kultur und Politik, Berlin 1993, pp. 54-60

Mehr von Monika Maron hier

Haben Literaten wie Brecht die Existenz der DDR verlängert?

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Uwe Kolbe setzt sich mit der Rolle von Schriftstellern in der DDR auseinander: Brecht. Rollenmodell eines Dichters

Uwe Kolbe war selbst Schriftsteller in der DDR. Allerdings hatte er, als kritischer Kopf,  die meiste Zeit Publikationsverbot.

Was man in der DDR nicht von Tucholsky lesen durfte

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Tucholsky-BriefmarkeGerhard Zwerenz schrieb 1989 einen Text über die Tucholsky-Zensur in der DDR. Zwerenz war 1957 aus der SED ausgeschlossen worden und suchte Schutz in Westdeutschland. Er blieb unbequem: Auf einer PDS-Liste war er in den 90ern Mitglied des Deutschen Bundestages, später empfahl er, die Linkspartei zu wählen.

Die ostdeutsche Tucholsky-Gesamtausgabe war eine bibliophile Kostbarkeit des Verlages Volk und Welt auf „luxuriösem Papier“. Sie war billig, 600 Seiten für 15 DDR-Mark. Wogegen die zehnbändige Taschenbuchausgabe von Rowohlt, die, ähnlich wie die Brecht-Taschenbuchausgabe von Suhrkamp, bei häufigem Gebrauch zerfiel und zur Loseblattsammlung wurde. Sie kostete meiner Erinnerung nach fast 100 D-Mark.

Zwerenz vergleicht die sozialistische Tucholsky-Ausgabe mit einem opulenten Mahl. Dann aber merke man: der Suppe fehle Salz, dem Braten die Würze, dem Salat ein Schuss Zitronensaft.

T. hatte über einen frühen Sowjetunion-Reisenden geschrieben, einen glühenden Verehrer Lenins und der Oktoberrevolution, der das Land mit einer rosaroten Brille bereiste. Tucholsky äußert sich keineswegs antisowjetisch, mahnt aber mehr Realismus an. Das durften die Herausgeber den Lesern in der DDR nicht zumuten. Tucholskys Ironie fiel der Zensur zum Opfer: Sogar der Sonnenschein, so schrieb er, ginge auf den Einfluss Lenins zurück.

Auch dies fehlt: Tucholsky erzählte einen Witz: Auf einem Wagen saßen Vertreter verschiedener politischer Parteien. Als der Wagen steckenblieb, geschah folgendes: Der Deutschnationale schoß den Chauffeur nieder, der Zentrumsmann sagt: „Mit Gott!“ und blieb sitzen, der Demokrat schlug vor, eine große Koalition zu bilden, der Mehrheitssozialist wollte den Karren aus dem Dreck ziehen, ließ aber keinen aussteigen, die Unabhängigen schimpften und die Kommunisten gaben gute Ratschläge, brüllten aber so, dass sie kein Mensch verstand.“ Dieser Witz war im Leseland DDR nicht erlaubt.

Zwerenz´Text steht in einem längeren, schon etwas vergilbten Zeitungsartikel. Es gibt noch mehr zensierte Stellen. Ich fand ihn, als ich in meiner Rowohl-Tucholsky-Ausgabe etwas nachschlagen wollte.

Lutz Seiler, Kruso: Lyrik in Romanform

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Auf Hiddensee war man schon ein bisschen raus aus der DDR. Kein Wunder, dass die Insel Menschen anzog, die mit der SED-Diktatur fertig waren. Sie schuften, in Sichtweite der dänischen Insel Mon, als Saisonkräfte (Esskaas) in den Ausfluglokalen. Fast bilden sie eine Gemeinschaft der Aussteiger, der auf Hiddensee Gestrandeten.

In der einsamen, im Norden der Insel gelegenen Gaststätte „Klausner“ wird ständig das schmutzige Geschirr der urlaubenden Gäste gespült. Kakerlaken werden erschlagen, aber es kommen ständig neue. Der Deutschrusse Kruso, Sohn eines russischen Generals und einer ZIrkustänzerin organisiert das Zusammenleben der Gestrandeten. Er entscheidet, wo überall geschlafen wird. So kommt sein Freund Ed, ein abgebrochener Germanistikstudent, immer wieder kurzzeitig zu einer neuen Bettgefährtin.

Es gibt seltsame Rituale, Initiationen, Tänze am Strand, Waschungen in den Abwaschbecken der Küche. Rimbaud und Trakl werden häufig zitiert. Viel ist von Toten die Rede. Eds Schwester starb bei einem Verkehrsunfall, Krusos Schwester war in die Ostsee hinausgeschwommen.

Der erste Roman des Lyrikers Lutz Seiler ist kein Wenderoman, auch wenn die Handlung, wenn man von einer solchen überhaupt reden darf, im Sommer und Winter 1989 spielt. Die reale Flucht der DDR-Bewohner in diesen Monaten ist nicht das Thema. Kruso geht es in seinen Reden und Feiern um wahre, innere Freiheit, nicht um die Freiheit, die Flüchtlinge im Westen suchen. Für Kruso liegt die wahre Freiheit nicht auf westdeutschen Autobahnen, sondern im Osten.

Aber nach und nach verschwinden die Ausgestoßenen im Westen. Ironischerweis ist die Grenz am entgegengesetzten Ende der DDR zuerst durchlässig. Nur Kruso und Ed bleiben übrig. der todkranke Kruso wird von seinem Vater, dem russischen General in einem Pamzerkreuzer heimgeholt.

Ich denke mir, während ich durch Seiten voller Träume, Halluzinationen und Erinnerungsfetzen gleite, vor, wie die Verfilmung aussehen würde: Es würde ein surrealistischer Film werden.

Nicht ganz von der Hand zu weisen ist die Einschätzung von Elke Schmitter, dass der Roman mit Thomas Manns Zauberberg verglichen werden kann. Zumindest entfernt, würde ich sagen.

Ich hätte zuerst Seilers Epilog lesen sollen. Da geht es ganz realistisch um seine Suche nach dem Schicksal Tausender über die Ostsee Geflüchteter, die ertrunken sind, deren Leichname von Schiffsschrauben zerstückelt, von Fischen angefressen wurden und an die dänische Küste gespült wurden, Diese Toten kehren im Roman immer wieder.

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Lesetipp: Christine und Bodo Müller haben dramatische Fluchtgeschichten zusammengetragen: „Über die Ostsee in die Freiheit“ (Ca. 5.000 Fluchtversuche über die Ostsee, davon erfolgreich ca. 590, 27 Tote) Lutz Seiler erzählt, dass sich die Dänen wundern, dass außer ihm noch nie ein Deutscher zu verschollenen, am dänischen Strand gefundenen sterblichen Überresten von DDR-Flüchtlingen recherchiert hat.

DDR-Bewohner schrieben an die BBC

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Susanne Schädlich fand zufällig in Stasi-Akten einen Hinweis auf abgefangene Briefe Ostdeutscher an die Londoner BBC. Sie wurden dort viele Jahre in einer in der DDR beliebten Hörfunksendung verlesen. Hier ihr Bericht. Sie hat inzwischen in einem britischen Archiv Originalbriefe gefunden und konnte einen vom MfS aufgespürten und verurteilten Briefschreiber interviewen. Daraus ist ein Buch entstanden.

Von Susanne Schädlich ist u. a.auch „Immer wieder Dezember“, die Geschichte, wie ihr Onkel ihren Vater, den Schriftsteller Hans-Joachim Schädlich an die Stasi verriet und sich dann selbst tötete.

Die BBC-Sendung „Briefe ohne Unterschrift“ lief von 1949 bis 1974 am Freitagabend 20.15 Uhr. Die Briefe wurden an wechselnde Deckadressen in Berlin (West) geschickt und nach London weitergeleitet. Die Stasi fing jährlich bis zu 1.000 Briefe ab und suchte intensiv nach den Briefschreibern.

Im Zuge der KSZE-Entspannungspolitk wurde die Sendung eingestellt. In den letzten Jahren häufte sich in den Briefen die Kritik an der sozialliberalen Ostpolitik, die der SED nach Meinung der Briefschreiber zu weit entgegenkam.

Zwangsarbeit im Gefängnis Hoheneck

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Volker Schlecht und Alexander Lahl arbeiteten an einer Graphic Novel über eine Frau, die über die Ostsee aus der Deutschen Demokratischen Republik fliehen wollte und im Frauengefängnis Hoheneck landete. Dazu führten sie Interviews durch und daraus enstand dieser Kurzfilm. Zwei Frauen berichten aus dem Off zu animierten Bildern aus der Graphic Novel über ihren Gefängnisalltag.

Der Film „Broken“ bekam einen Preis auf dem Sundance Film Festival 1917.

Ebenfalls von Alexander Lahl (und Max Mönch): Treibsand. Eine Graphic Novel aus den letzten Tagen der DDR

Timothy Garton Ash über seine Stasi-Akte

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Der britische Publizist und Historiker Timothy Garton Ash lebte als Student eine Zeitlang in West-, aber auch 18 Monate in Ostberlin. Er schrieb an einer Dissertation über Nazi-Deutschland.

Natürlich wurde er vom MfS misstrauisch beobachtet. Man hielt ihn, der einen Alfa Romeo fuhr, für „bürgerlich-dekadent“, dann, als er – Ende der 70er Jahre – nach Polen und Tschechien fuhr und Kontakt zu Dissidenten hatte, für reaktionär. 1982 wird er ausgewiesen.

Nach der sog. Wende nahm er Einsicht in seine Stasi-Akte und schrieb darüber: „Die Akte Romeo“, 1997. (Deutsche Ausgabe vergriffen, die englische Ausgabe bei Amazon.) Es liest sich wie ein Spionageroman von Graham Greene, ist aber dennoch eine sachliche, nachdenkliche, vor allem wahre Erzählung.

Er macht deutlich, dass die Stasi weniger ein Inlandsgeheimdienst war, in dem Agenten nachrichtendienstlich arbeiteten, sondern ein Apparat zur Überwachung und Einschüchterung der gesamten Bevölkerung. Somit unterscheidet sie sich, ungeachtet technischer Ähnlichkeiten,  von den westlichen Diensten.

Ash suchte seine Stasi-Informanten auf und interviewte sie, soweit sie sich darauf einliessen. Er sprach über ihre Biographie und ihre Beweggründe, für die Stasi zu arbeiten. Da gab es die alte jüdische Dame, die in der Hitlerzeit Kommunistin geworden war, den britischen Kommunisten, den IM aus einem Museum, der sich als Gegenleistung für die Berichte Auslandsreisen erhoffte.

Ash spricht 1997 in den USA über seine Akte: Ein Video-Clip, ca. 30 Minuten Vortrag, 30 Minuten Fragen an den Autor. Er spricht gut verständlich, die Transkription übersetzt leidlich. Die Schreibweisen, die die Software für die Gauck-Behörde findet, sind unerschöpflich.

Die Liquidation des Wolfgang Welsch missglückte der Stasi

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Wolfgang Welsch
(c) obs/ZDFinfo/ZDF/Vita Spieß

Vor einigen Jahren wies ich schon auf das Buch hin: Wolfgang Welsch, Ich war Staatsfeind Nr. 1.

Der Schauspieler und Schriftsteller Wolfgang Welsch geriet wegen systemkritischer Gedichte mit der SED in Konflikt. Nach einem missglückten Fluchtversuch verbrachte er mehrere Jahre in SED-Zuchthäusern. Dabei durchlitt er u. a.  Misshandlungen, Folter und eine Scheinhinrichtung. Seinen Beruf als Schauspieler gab er auf.

Nach dem Verkauf an die Bundesrepublik wurde Welsch Fluchthelfer und schleuste 220 Menschen aus dem SED-Staat.

Er überlebte drei Mordanschläge des MfS. Dass er den letzten, den Giftanschlag (radioaktives Thallium) eines vermeintlichen Freundes, überlebte, grenzt an ein Wunder. Als er von der Einsichtnahme in die Stasiakten nach Hause kommt, hat sich seine Frau erschossen. Sie war vom bulgarischen Geheimdienst gezwungen worden, ihren Mann zu bespitzeln.

Seine Geschichte wurde als Spielfilm „Der Stich des Skorpion“ verfilmt. (Trailer)

Wolfgang Welsch, inzwischen promovierter Politologe, erzählt seine Geschichte in dem Dokumentarfilm von Angelika Schmidt-Biesalski an den Original-Schauplätzen (2015).

Anmerkung: Ich war unentschieden, ob ich im Titel statt Stasi nicht SED hätte schreiben sollen. Fachleute halten es für sehr wahrscheinlich, dass die Morde des MfS vom Politbüro abgesegnet wurden. Aber wie so oft, gibt es keine Belege. Das erlaubt der Linkspartei und anderen DDR-Verherrlicher*innen bis heute, das Unterdrückungssystem nicht der SED anzulasten, sondern „nur“ dem MfS.

Der ehemalige Dresdner Oberbürgermeister Berghofer erzählte einmal, dass in der SED Untergrundpraktiken herrschten: Befehle wurden zwar auch schriftlich übermittelt. Aber der Adressat musste die schriftliche Anweisung nach Lektüre wieder zurückgeben. Auf diese Weise bekam er z. B. den Auftrag, dass bei Wahlen die Auszählungsergebnisse mit Bleistift notiert werden sollten.