Christa Wolf reiste mit DDR-Pass nach Kalifornien

Gepostet am Aktualisiert am

(Zuerst 2010 in „Basedow1764“)

Das Feuilleton überschlägt sich ob Christa Wolfs neuem Buch „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“: „Atemberaubende Selbstbefragung“ (PNN), „Tiefenschichten“, „Differenzierungen“,  „grandios“, „bemerkenswertes Buch“.

Nun, das Leben ist ungerecht. Christa Wolf brauchte 20 Jahre, bis sie, die gläubige Jungstalinistin, erkannt hat, dass die „Widersprüche der DDR“, wie es abstrakt bei ihr heißt, während sie doch sonst so konkret beschreiben will, nicht lösbar seien. Da hatten sich Mitbürger schon erhängt, weil die SED ihnen den Bauernhof abnahm, da waren Ostdeutsche schon in Moskau erschossen worden oder darbten in Workuta und das Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen wurde ausgebaut.

Aber Frau Wolf war im Besitz eines DDR-Reisepasses. Das hatte sie Millionen Mitbürgern voraus. Sie musste ihn noch nicht einmal nach einer Auslandsreise abliefern, wie Hunderte anderer Reisekader. Kein Wunder, dass sie sich dieser Privilegien gerne erinnert und das Dokument noch Jahre nach der „Wende“ gerne vorzeigt.

Gauck hat sie nicht gelesen, aber Günter Grass. Gaucks Biographie ist ja auch ein klarer, entschiedener Gegenentwurf zu Wolfs Haltung. Wenn Intellektuelle ihre Irrungen und Wirrungen beschreiben, scheint das allemal spannender, als von Unrecht, Folter und Unterdrückung zu schreiben.

Wie bieder scheint es zu sein, Ausreiseanträge zu stellen, dafür ins Gefängnis zu gehen oder unter Todesgefahr zu fliehen. Dagegen unschlüssig im Atlas blättern, weil man sich nicht für ein Land entscheiden kann: Das ist es, was den Leser interessiert. Lassen wir ihre Nabelschau als Selbstbefragung durchgehen. Und nicht als subtile Ironisierung der Massenflucht aus ihrem Staat.

(Nachtrag 2014: Sie berichtet in nachgelassenen Tagebüchern, dass sie einem ungarischen Kulturattaché in Moskau vorgeworfen hat, dass die Grenzöffnung seines Landes Schuld an den Problemen der DDR sei.)

Wie armselig die Menschen, die froh waren, den DDR-Pass auf den Müll zu werfen. Frau Wolf erlaubt sich das makabre Scherzchen, drei Jahre nach der „Wende“ mit diesem Papier in die USA einreisen zu wollen.

War ihre Unterschrift gegen die Biermann-Ausbürgerung womöglich auch eine Koketterie? Die Niederschlagung des Prager Aufstandes von 1968 hatte sie noch gebilligt. Den Mauerbau hat sie in „Der geteilte Himmel“ verteidigt.

Die Spiegel-Interviewer ((Heft 24/2010, S. 134ff) mühen sich redlich, ihr eine Festlegung zu entlocken. Aber sie bleibt ambivalent. Natürlich dürfen in ihren Interviews (auch im  Tagesspiegel) die Stereotypen der Gysis, Dahns und Grass´ nicht fehlen: Die Ostdeutschen und die DDR werden in eins gesetzt, ein differenzierter Umgang angemahnt.

Dass die Stasi überproportional beachtet wird, ist ja wohl keine westdeutsche Erfindung. Dabei steckt da doch schon viel Differenzierung drin: Nicht die SED, nicht die Planwirtschaft oder die kommunistische Ideologie, noch nicht einmal das MfS, sondern die IMs gelten als das Schlimme an der DDR. (Gerade bei denen müsste man differenzieren.) Der Rest war eine „kommode Diktatur“ (DDR-„Experte“ Günter Grass).

Frau Wolfs Heimat ist der Ulbricht-Honecker-Staat. Ihre enttäuschte Liebe zu ihm ist ihr Lebensthema.

Statt nur um sich selbst und ihre Befindlichkeit zu kreisen, sollte sie „Black Box DDR“ lesen. Da erführe sie etwas über damalige Mitbürger, die weniger privilegiert als sie waren.

Der Maler Karl Schmitt-Rottluff schrieb 1946: “Der eine Spuk ist zu Ende, der andere beginnt.“

Nachtrag: Einen erfrischend kritischen Blick auf Christa Wolf und ihr neues Buch warf die „Märkische Allgemeine Zeitung“ v. 19.6.10. (Link leider verschwunden)

Noch ein Nachtrag: Frau Wolf gibt natürlich auch dem ZEIT-Feuilleton ein Interview. Sie erzählt, wie sie als DDR-Reisekader in Frankreich und anderswo die lukullischen Genüsse des NSW kennenlernte, z. B. Austern. Ich finde das genauso geschmacklos wie ihr Wedeln mit dem DDR-Reisepass.

Wer sich mit Ostdeutschen unterhält und erfährt, wie sie mit viel Geld in Delikatläden exotische Kochbücher kauften und trickreich Spaghetti bolognese herstellten, ein in der DDR unbekanntes Gericht, oder sich seltene Gewürze von Freunden und Besuchern aus dem Westen schicken ließen, wie sie nach der Friedlichen Revolution die Welt auch kulinarisch entdecken, der fühlt sich abgestoßen vom Interview der Austern-essenden DDR-Bürgerin Wolf.

Dass sie dem enttarnten IM Heinrich Fink, Nachwende-Rektor der Humboldt-Universität, die Stange hält, muss einen dann auch nicht mehr wundern.

Update September 2013: Christa Wolfs Enkelin Jana Simon ist Journalistin. Sie hat jetzt Gespräche mit ihren Großeltern Christa und Gerhard Wolf veröffentlicht. Sie konnte den Großeltern kritische Fragen stellen: Warum sie nicht in den Westen gegangen sind, wieso sie als überzeugte Kommunisten ein Haus kaufen konnten, wieso Christa W. Mitglied blieb, als ihr Mann aus der Partei ausgeschlossen wurde, warum die stalinistischen Säuberungen und die Stasi-Spitzelei sie in ihrem Glauben nicht erschüttert hätten. Befriedigende Antworten gibt es nicht: Ein bisschen Selbstmitleid, unerschütterlicher Glaube an die Heilsbotschaft, ein bisschen Leiden am Realsozialismus. Die Privilegien für Kunstschaffende machten alles erträglich.

Karim Saab stellt in der Märkischen Allgemeinen (MAZ) das Buch vor: Jana Simon, „Sei dennoch unverzagt. Gespräche mit meinen Großeltern“ vor (Leider kein Link).

1950 übrigens gab es für die Kommunismusbegeisterung der Christa Wolf einen ersten Knacks: Sie stellt irritiert fest, dass es keine Wahlkabinen bei der Volkskammerwahl gibt.

 

Voraussichtlich letztes Update: Zum neuesten Buch, Christa Wolf, „Man steht bequem zwischen allen Fronten“, Briefe 1952 -2011, Berlin 2016, schreibt Friedmar Apel in der FAZ eine Rezension.

Er bestätigt alles, was oben gesagt ist. Ihre Wertschätzung der Privilegien, die Kunstschaffende in der DDR genießen. Ihre Verachtung des einfachen Volks, das nach der Konsumwelt des Westens giert. (Während sie Austern schlürft.)

Die ständige Rechtfertigung für ihre Haltung zum SED-Staat, für ihre IM-Tätigkeit und ihr Schwanken zwischen Aufbegehren und Schweigen. Sie gebraucht dieselbe Formulierung wie Künstler in der NS-Zeit: Dableiben erfordere mehr Mut als Weggehen.

Erstaunlich für wie wichtig sie sich hält: Sie bleibt in der Partei, als ihr Mann ausgeschlossen wird. Sie(!) entwirft eine Kabinettsliste für eine neue DDR-Regierung. Sie plädiert auf der Kundgebung am 4.11.89 für einen Neustart der DDR. Sie korrespondiert in den 90er mit Margarete Mitscherlich und Jürgen Habermas.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s