Handreichung

Handreichung zum Unterricht und Medienliste als pdf (2010; 2013; 2015 geringfügig stilistisch überarbeitet)

Vorbemerkungen

Eine Untersuchung zum Stellenwert der DDR-Geschichte in 107 deutschen schulischen Lehrplänen[1] kommt zu diesem Ergebnis:

„Das Gesellschafts- und Machtsystem der DDR erfährt somit in nur wenigen Fällen eine relativ geschlossene Darstellung. Die grundsätzliche Charakteri­sierung des gesellschaftlichen Systems mit seinen politischen, ideologischen und ökonomischen Komponenten findet zwar in Ansätzen statt, wird aber kaum detailliert ausgeführt. … Die Durchdringung von Staat, Wirtschaft und Ge­sellschaft seitens der Staatspartei wird nicht transparent. Das Instrumenta­ri­um der Machtsicherung kann somit von den Schülerinnen und Schülern kaum in seiner Komplexität erfasst werden. … Bedenklich ist auch die Tatsache, dass aus der Behandlung des Gesellschafts- und Machtsystems in der DDR kaum Gründe für die Krise des Systems und seinen Zusammenbruch im Herbst 1989 abgeleitet werden.“

In Deutschland herrscht kein großes Interesse an der Geschichte der SED-Diktatur. Anders als bei der „Bewältigung“ der NS-Herrschaft durch 60 Millionen Westdeutsche, die unter den wachsamen Augen des Auslands stattfand, betrifft die zweite deutsche Diktatur und ihre Aufarbeitung nur einen kleinen Teil der Deutschen.

Man nimmt Rücksicht auf die durch Wendeerfahrungen ein weiteres Mal gedemütigten Ostdeutschen.

Geschichtspolitiker/-innen, die jahrzehntelang für eine intensive Auseinander­set­zung mit der nationalsozialistischen Diktatur gestritten haben, wollen nicht, dass die Aufarbeitung der SED-Diktatur und die Zerstörung ihrer Mythen gleich­berechtigt danebensteht.[2]

Eine Medien- und Bücherkiste zum Thema DDR wird es daher schwer haben.

Geeignet ist die Bücherkiste als Bestandsaufbauhilfe für Schulbibliotheken, als Handapparat für Unterrichtsprojekte, Projektwochen, Arbeitsgemeinschaften, für unterrichts­vertiefende Referate. Sie bietet beispielhaft einen Medienmix aus Print- und digitalen Medien. Arbeits- und Präsentationstechniken können mit Hilfe der Materialien trainiert werden.

Einführung

Mein Opa sprach gerne davon, dass 1945 die Katastrophe kam. Jetzt gibt es in der Geschichte Ostdeutschlands auch ein Katastrophenjahr: 1989 – die „Wende“.[3] Die­sen Eindruck muss man zumindest bekommen, wenn man das eine oder andere Buch aus Ostdeutschland in die Hand nimmt, Zeitung liest, einschlägige Veranstal­tungen in den neuen Ländern besucht oder Umfrageergebnisse zur Kenntnis nimmt.

Eine Potsdamer Zeitung titelt im Frühjahr 2008: „Wer im Osten lebt, muss früher ster­ben.“ Die statistische Lebenserwartung ist in der Tat geringer. Dass sie sich aber in den 18 Jahren nach der „Wende“[4] z. B. bei Frauen von 24 Monaten kürze­rer Lebenserwar­tung auf vier Monate kürzere Lebenserwartung reduziert hat, davon stand nichts in der Zeitung.

Durch die „Katastrophe“ der „Wende“ erfährt die DDR eine Neubewertung. Die Weich­­­zeichnung nimmt überhand, wie Prof. Klaus Schroeder, FU Berlin, es formu­liert. Das Ergebnis seiner viel beachteten Untersuchung[5], die im Winter 2007 bekannt wurde, benennt er so: Was in den Köpfen vieler junger Schüler als DDR-Bild vor­herrsche, sei „die Vorstellung eines ärmlichen, skurrilen und witzigen Landes, das aber irgendwie sehr sozial war“.[6]

Ermutigend ist jedoch, dass sich zwei Drittel der befragten Jugendlichen für das Thema interessieren.

Wie umgehen mit der Geschichte der SED-Diktatur?

Die Probleme sind aus der Geschichte der Bundesrepublik nicht unbekannt. Die Deutschen im Westteil des Landes haben sich nach 1945 ähnlich verhalten. Da gab es ein paar Jahre nach Kriegsende Menschen, die die Ansicht vertraten, dass nicht alles schlecht im NS-Staat gewesen wäre. Sie verwiesen z. B. auf die Auto­bahnen und das angebliche Fehlen jeglicher Kriminalität. Es dauerte mehr als zwanzig Jahre, bis kritische Fragen auftauchten. Genauso lange dauerte es, bis gesellschaftliche Veränderungen die überdauernden Denk- und Verhaltensweisen der Nazizeit ablösten.[7]

Schulleiter bespitzelten in der DDR die Lehrer, Lehrer bespitzelten Schüler, Schüler bespi­t­zelten – freiwillig und unfreiwillig – ihre Mitschüler, Chefärzte ihre Ärzte, Kranken­schwestern die Patienten, Außenhandelsvertreter sich gegenseitig. Auf 90 Ein­wohner kam ein Spitzel. An diese flächendeckende Überwachung wollen sich heute nur noch 40% der Ostdeutschen erinnern.

Die autoritären Strukturen in allen gesellschaftlichen Bereichen, die Unterdrückung des geringsten abwei­chenden Ver­­haltens in Schule, Wissenschaft oder Medien, die Erziehung zum Untertanen und zum Hass, die Karrieren der Angepassten in der Nomen­klatura von Staats- und Partei­apparat, das alles scheint dem Vergessen anheim zu fallen.

Während in Westdeutschland 71% die Demokratie für die beste Staatsform halten, halten gerade einmal 38 % der Ostdeutschen die Demokratie für die bessere Staats­­form. Eine Mehrheit (41%) lehnt sie ab.[8]

Ostalgiewelle

Vielleicht ist die Ostalgiewelle eine Trotzreaktion.[9] Sogar die ostalgische Jana Hensel spricht in ihrem Erinnerungsbuch „Zonenkinder“ vom „Märchen des höheren Gemeinschaftsgefühls im Osten“. Das viel beschworene Gemeinschaftsgefühl entsteht dabei erst jetzt, als frag­würdiges Gemeinschaftsgefühl der Wendegewinner aus der Oberschicht des Ostens und der Wendeverlierer. Denn weit her kann es mit dem Gemeinschaftsge­fühl nicht gewesen sein, wenn man ohne Umschweife die eigene Großmutter als Stasi-Spitzel verdächtigt (Claudia Rusch, Meine freie deutsche Jugend), der Lehrer im Klassen­buch sicher­heits­­halber nachsieht, welche Eltern SED-Genossen sind, weil man bei deren Kindern vorsichtig sein muss (Robert Ide, Geteilte Träume). Oder nach der „Wende“ nicht in die Stasi-Akten blickt, weil man sich die Erinnerung an den Freundeskreis nicht kaputtmachen lassen will. Das Gemeinschaftsgefühl machte auch vor den Pfarrerskindern halt, die kein Abitur machen durften, oder vor denen, die das Land verlassen wollten und dafür ins Zuchthaus mussten oder beim Fluchtversuch erschossen wurden. Auch Hans-Joachim Maaz, Der Gefühlsstau[10]sieht eher eine „Notgemeinschaft“ als eine ehrliche persönliche Annäherung.[11]

Robert Ide erklärt die Ostalgiewelle (für die Generation der jungen Ostdeutschen, die zurzeit der Revolution und dem Mauerfall erwachsen wurde) so: „Weshalb wird der Osten behütet, obwohl er in der Rückblende für viele Jüngere trashig aussieht? … Die eigene Kindheit soll in den Erzählungen keinen Schaden nehmen – ein Selbstbetrug. Viele junge Ostdeutsche sind stolz, von jener Seite zu kommen, die ihnen desto verwunschener erscheint, je länger sie verschwunden ist. Besonders in der Fremde befällt einen wohliger Schauer, wenn man Menschen trifft, mit denen man mit Hilfe weniger Worte ein tiefes Gefühl teilen kann – die Erfahrung vom Untergang eines Landes, in dem man selbst gelebt hat. Nicht wenige Westdeutsche beneiden diese geheime Welt und haben das Gefühl, dass ihnen der Zugang verwehrt wird.“ (S. 67)

Es spricht einiges dafür, dass die Verklärung der SED-Diktatur eine Immunisie­rungs­strategie ist. Kritik an der DDR wird gleichgesetzt mit einem Angriff auf die Identität ihrer Einwohner, auf die jeweils eigene Lebensgeschichte. Die Demütigungen und Verlet­zungen der Nachwendezeit, Verlust von Arbeitsplätzen und Existenz­ängste begüns­tigen eine Weichzeichnung oder gar nachträgliche Verherr­li­chung der DDR.

Es scheint in der SED-Diktatur ein privateres Leben möglich gewesen zu sein als in Westdeutschland.[12] Weder gab es die großen politischen Debatten noch Wahl­käm­pfe oder regelmäßige Arbeitskämpfe. Um Wohnen, Kindererziehung und Schule musste man sich nicht sonderlich kümmern, das erledigte die fürsorgliche Partei.[13] Die meisten verstanden es, sich einzurichten zwischen den ideologisch aufgeladenen Horten, Schulen, Hochschulen, Medien, Betrieben und dem Familienleben. Wichtig war nur, dass die Kinder sich nicht in der Schule verplapperten, wenn sie nach (West-)Fernsehsendungen gefragt wurden.

In dem Staat, der seinen Bürgern ein repressives System aufzwang, sie beim Versuch, das Land zu verlassen einsperr­te oder erschoss, der ihnen sogar vor­schrieb, was sie lesen [14] und welche Hosen sie tragen durften, konnte man existenziell sicher und in beschei­denem Wohlstand leben. Das erschwert die Aufarbeitung der Geschichte dieser Diktatur.

Verständnis habe ich für die Menschen, die meinen, ihre Kindheit im Osten würde entwertet, die ihren sicheren Arbeitsplatz in Eisenach oder Lößnitz ver­loren haben, weil keiner mehr den Wartburg oder die volkseigenen Jeans kaufte, für Menschen, die von Wessi-Glücksrittern über den Tisch gezogen wurden. Kurz, denen die Nach­wendezeit mehr Verletzungen zugefügt haben muss als 40 Jahre SED-Diktatur. Kein Verständnis habe ich für eine Trivialisierung und die Verwischung der Unter­schiede von Diktatur und Demokratie. Es zeugt von wenig Redlichkeit, sich aus der Diktatur ein Stückchen gute DDR herauszubrechen.

Es geht nicht darum, die Härten und Ungerechtigkeiten der Nachwendezeit kleinzu­reden.[15] Es geht darum, was in der Schule zum Unterrichtsthema werden muss.

Worum es geht

Es reicht nicht, Zeitzeugen ausgewogen am Kaminfeuer plaudern zu lassen und jedem anderen, vor allem dem Wessi[16], das Recht abzustreiten, sich um die Auf­arbei­­tung der Ver­gan­genheit zu kümmern. Die Zeitzeugen aus dem Ministerium für Staats­sicher­heit, aus der Siedlung Wandlitz, aus der Brigade des Schweine­mast­betriebes Haß­leben oder dem Lehrerkollektiv der Grundschule „Karl Marx“ schreiben sich ihre Erin­ne­rungs-Drehbücher. Ihre Erinnerung ist wichtig, ihre Sicht auf die Dinge auf­schluss­reich, verrät oft auch viel mehr, als sie preisgeben wollen. Sie muss allerdings von Historikern quellenkritisch erschlossen werden.[17]

Deswegen sind auch Erinnerungsbücher wie die von Jana Hensel und Robert Ide[18] nicht in der Auswahl der Medienkiste. Sie thematisieren die Gefühle der „Wendegeneration“, die im westlich dominierten vereinigten Deutschland angekommen ist und für die die – möglichst ungetrübte – Erinnerung an ihre Jugend in der DDR zur Identitäts­fin­dung beiträgt.[19] Die Suche nach der Heimat, die Erinnerung an die Orte der Kind­heit enthalten in der Regel kein politisches Bekenntnis zur SED-Diktatur. Bemer­kenswert ist aber, dass eben auch der untergegan­gene Staat positiv gesehen wird.[20]

Die westdeutsche Bundesrepublik hatte viele Jahrzehnte gebraucht, um eine stabile parlamentarische Demokratie zu entwickeln. Die politische Kultur wurde über Jahr­zehnte durch Wahlkämpfe, Debatten und Proteste, durch die Medien, durch eine Rechtsprechung, die die Meinungsfreiheit verteidigte, befördert. In der Ge­schich­­te der SED-Diktatur fehlt diese Entwicklung, fehlen freie Wahlen, fehlen Presse- und Meinungsfreiheit, fehlt „Gegenöffentlichkeit“.[21]

Mythos Antifaschismus

Es gab keine Auseinandersetzung mit dem National­sozialismus und seinen Ursa­chen.[22] Es gab ein paar Schauprozesse und andere gegen Kriegsverbrecher,  vor allem aber gegen Menschen, die Genossen an die Nazis verraten hatten. Die SED-Geschichts­politik bestand in der Erinnerung an wackere Antifaschisten und in der stalinistischen Faschismus­theorie von der Instrumentalisierung Hitlers durch die Finanzkapitalisten. Nazis hätte es nach dem Krieg nur noch in Westdeutschland gegeben. Brandenburgs linker Justizminister Dr. Schöneburg, ein in der DDR ausgebildeter Jurist, spricht sogar von einer „Refaschisierung“ der BRD. (Einer seiner akademischen Lehrer, ein marxistischer Rechtsphilosoph, war zuerst Nazi gewesen.)

Eine offene Diskussion über Nazideutschland gab es in der DDR nie, während in Westdeutschland der Eintritt in die Waffen-SS im Jahr 1945 auch noch nach 60 Jahren ein Thema ist.[23]

So wie im Westen auch, konnten Nazis im Osten Karriere machen, bis in Minister­ämter und das ZK. Der braune Gutsverwalter hatte keine Probleme damit, eine LPG zu leiten. Der Wehrmachtsoffizier ging nahtlos in die NVA über. Nazi-Journalisten setzten ihre Karrieren im „Neuen Deutschland“ und anderen DDR-Medien fort. Hinweise aus dem Ausland auf NS-, SS- und SA-Größen in Presse, Volksarmee und Behörden wurden von der SED souverän überhört. Genau wie im Westen brauchte auch sie erfahrene Polizei- und Verwaltungsbeamte. „Wer Nazi ist, bestimmen wir“ hieß es in der Partei.

Vom faschistischen Personenkult ging es nahtlos über zum stalinistischen. Massenaufmärsche blieben alltäglich[24], innere und äußere Feindbilder wurden weiterhin gepflegt, statt SD und Gestapo bespit­zelte jetzt das MfS.

In Westdeutschland war der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergan­gen­heit keineswegs immer überzeugend, er war oft widersprüchlich. Es dauerte lange, bis eine Auseinan­dersetzung überhaupt in Gang kam. Aber die Debatten um den 8. Mai, „Tag der Befrei­ung“ oder „Tag des Zusammenbruchs“?, um das Holocaust-Denkmal, den Offiziers­widerstand und die Verjährungsdebatte haben ihre Spuren im kollektiven Gedächtnis hinterlassen. Viele in der Generation der 68er haben sich mit ihren Eltern auseinan­der­gesetzt. Es gibt im Westen eine Verunsicherung bei allem, was mit Nation und Nationalismus zu tun hat.[25]

Die höchste Form des Protestes gegen die sozialistische Diktatur, vor allem auch für Kinder der Nomenklatura, war die Hinwendung zu nationalsozialistischen Zeichen und Denkweisen. Ausgerechnet bei der Ausbreitung der Neonazis in Ostdeutschland, zu der auch Pogrome und Morde gehören, haben die Wessis vorschnell die Schuld auf sich genommen und die Vorgeschichte in Ostdeutschland ausgeblendet. Erst allmäh­lich verbreitet sich, was nur wenige wissen wollen: Die ostdeutschen Neonazis sind Kinder der SED-Diktatur und kein Westimport, wenngleich sie von dort unterstützt werden.[26] Hitler ist keineswegs nur Westdeutscher.[27] Der auch im Osten latente Antisemitismus ließ sich gut mit Antizionismus verknüpfen. Die in den DDR-Medien anzutreffende Gleichsetzung Israels mit den Nazis hatte auch etwas Entlas­ten­des.[28]

Karin Hartewig zeigt in „Das Auge der Partei“, wie die Stasi mit den Neonazis umging, sie verschwieg oder verharmloste. Nationale Frage und Fremdenhass, schreibt sie, waren in den 80er Jahren in der Bevölkerung „virulent“ (S. 132). „Judenschwein“ auf Schulhöfen und in der NVA waren nicht unbekannt.[29] Schändungen jüdischer Friedhöfe gab es zu allen Zeiten. Nach Dienst­schluss redete man sich in der Vopo auch schon mal mit SS-Dienst­graden an. Im Geschichtsunterricht fehlte die Shoah fast gänzlich, im Mittel­punkt stand der Arbeiterwiderstand. Da erscheint es plausibel, wenn 2006 in Sachsen-Anhalt das Tagebuch der Anne Frank wieder verbrannt wurde und niemand gewusst haben will, dass das in Deutschland schon einmal passierte. Oder Feuer­wehrleute im Spreewald mit dem (vollständigen) Satz „… hart wie Krupp­stahl“ auf dem T-Shirt herumlaufen und nicht wissen wollen, wer das gesagt hat.

Im zweitgrößten Außenlager des KZ Oranienburg, Jamlitz, in der Nähe von Cottbus, wurden 1945 über 1.000 Jüdinnen aus ganz Europa von der SS ermordet. Dass es sich um Juden handelte, konnte man in der DDR nur mit Mühe erfahren, in der SED-Propaganda waren die Lager-Insassen „Helden des Antifaschismus“, auf einer Gedenktafel „Opfer des Faschismus“. Hinweise auf ihre jüdische Identität fehlten. Ein Lehrer, der mit seinen Schülern die Geschichte des Lagers erforschte, wurde strafversetzt. In den 70er Jahren wurden Leichen aus dem Massengrab exhumiert und – entgegen dem jüdischen Ritus – verbrannt. Der größte Teil ihrer Asche wurde an unbekanntem Ort verscharrt.[30]

Welche Kontinuitäten sich entwickeln konnten, zeigt eine kleine, wenig beachtete Begebenheit der Wendezeit: Die Villa des jüdischen Bankiers Gutmann in Potsdam wurde von den Nazis enteignet. Für die SED war Entschädigung oder Rückgabe von Eigentum an deutsche Juden kein Thema.[31] Die zerfallende Gutmann-Villa war nach der „Wende“ von jungen Potsdamer Hausbesetzern „über­nom­men“ wor­den. Ganz in der Tradition ihrer nationalsozialistischen und kommu­nis­tischen Väter und Großväter weigerten sie sich, die jüdischen Erben, denen das Anwesen nach 70 Jahren rückübereignet wor­den war, auf das Grundstück zu lassen.[32] Das hinderte die Stadtverwaltung Potsdams nicht, Bußgelder gegen die Erben zu verhängen, weil sie das baufällige Gebäude nicht sicherten.

Wenn jetzt Umfragen belegen, dass eine Mehrheit der Ostdeutschen die Demo­kratie ablehnt[33], halte ich das für die Zukunft unseres Landes für gefähr­lich. Angesichts der negativen Folgen der Globalisierung bröckelt ja auch in West­deutsch­land die Zustimmung für die Demokratie, sinkt die Wahlbeteiligung, greift Politik­verdrossenheit um sich. Autoritäre Staaten wie China und die Golf-Emirate sind wirtschaftlich erfolgreicher als demokratische Staaten.[34]

Nachtrag September 2015: Die Sympathie für Putin ist in Ostdeutschland doppelt so hoch wie im Westen. Dies angesichts der Ereignisse in Transnistrien, im Kaukasus, auf der Krim und im Donbass.(http://www.pewglobal.org/2015/06/10/1-nato-public-opinion-wary-of-russia-leary-of-action-on-ukraine/russia-ukraine-report-47/; aufgerufen am 12.9.15)

Ein neues 68?

Vielleicht erleben die neuen Bundesländer auch noch ihr 1968, wenn die Kinder die Eltern nach ihrer DDR-„Verstrickung“ fragen, nach Karrieren, die bruchlos die „Wende“ überstanden, nach den IMs in den neuen Landesparlamenten, den Nachwende-Investoren, die Gelder der SED und des MfS gewinnbringend anlegten, den Doktoren von der Stasi-Hochschule, die jetzt als Rechtsanwälte praktizieren. Noch wird eisern geschwiegen, noch krankt die ostdeutsche Gesellschaft am Vichy-Syndrom.[35]

„Die Erlösung liegt in der Erinnerung“, sagt ein jüdisches Sprichwort. In Polen hat es mehr als 60 Jahre gedauert, bis der polnische Antisemitismus als Diskussions­thema zugelassen werden musste, in Belgien hat die Erinnerung an Belgisch-Kongo, das im 19. Jahrhundert nichts anderes als ein Konzentrationslager im Besitz des belgischen Königshauses gewesen war, gerade erst begonnen. In Pots­dam stellt man zwar noch eine Lenin-Büste, Hinterlassenschaft aus einer russi­schen Kaserne, im Stadtpark auf, aber gleichzeitig wird schon ein Platz nach dem Bürgerrechtler Rudolf Tschäpe benannt. (Die russische Botschaft in Berlin hat ihren Lenin im Vorgarten längst abgebaut!)

Maaz[36] sagt sehr deutlich: „Ich traue keiner ‚Wende´, solange nicht glaubhafte Zeug­­nisse des Versagens, der personalen Verantwortung und persönlichen Schuld zur Alltagskultur zählen.“[37]

Didaktisch-methodische Überlegungen

Es geht darum, Maßstäbe für die Beurteilung von Demokratie und Diktatur zu vermitteln, sensibel zu machen für Menschen- und Bürgerrechte. Es geht darum zu erkennen, wie staatliche Unterdrückung aussieht und wie sie sich auf Menschen auswirkt.

Die SED hatte in die DDR-Verfassung geschrieben, dass die Partei (von lateinisch: Teil) immer recht hätte und wüsste, wo es lang ginge. Sie hatte Gewaltenteilung, institutionalisierte Opposition, Meinungs- und Pressefreiheit eliminiert.

Das muss nicht allzu viele Bürger im Alltag stören. Für viele gehört zur Erinnerung an eine schöne Kindheit und Jugend auch die Wertschätzung des Staates, in dem sie sie verbracht haben. Eine Linkspartei-Abgeordnete im sächsischen Landtag sagt dies, stellvertretend für viele: „Ich bin in der DDR geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen, habe studiert (Ich komme aus einer Bauernfamilie), als Lehrerin gearbeitet, zwei Kinder bekommen.“ Sie sei stolz auf ihre geleistete Arbeit und auf ihre Familie, deren sie sich nicht schämen müsse.[38] Also kann die DDR nicht schlecht gewesen sein.

Klaus Kordon gelingt eine differenziertere Sicht: Er erinnert sich gern an seine, nicht einfache Jugendzeit und an sein vergleichsweise gut situiertes Leben als erwachsener Berufstätiger. Dennoch wollte er dieses Land verlassen (Klaus Kordon, Krokodil im Nacken).

Auch in Westdeutschland gibt es Bürger, die glauben, in einer Diktatur zu leben, mache keinen Unterschied. Das darf aber nicht Lehrziel der Schule werden, bloß weil es Meinung von Teilen der Bevölkerung ist.

Wenn also nicht die Nischengesellschaft, der „normale“ Alltag der unpolitischen Mehrheit, gar „das Gute“ an der DDR oder die Fehler der „Wende“ thematisiert werden sollen, was dann?

In der westdeutschen Geschichtsdidaktik wird nicht mehr das Konzentrations­lager in den Mittelpunkt der NS-Geschichte gestellt, sondern die Alltags­geschichte, der alltägliche, „normale“ Faschismus – aber eben nicht die unpolitische Nische.[39]

Es macht also Sinn, auch bei der DDR-Geschichte nicht nur auf Besuche in Hohen­schönhausen zu setzen („Gefan­gen in Hohenschön­hausen. Stasi-Häftlinge berich­ten“ von Huber­tus Knabe), sondern die offenen und subtilen Herrschafts­metho­den, die im Alltag wirksam waren, kennen zu lernen. Z. B. was an der Stasi-Hochschule gelehrt wurde, um Schüler als Denunzianten ihrer Mitschüler zu ge­win­nen. Die Fallbeispiele aus Gabriele Schnells „Jugend im Visier der Stasi“ oder aus dem vergriffenen Buch „Stasi auf dem Schulhof“, heraus­gegeben von Klaus Behncke und Jürgen Wolf, aber auch „Das schweigende Klassenzimmer“ von Dietrich Garstka oder die DVD „Schüler gegen Stalin“ eignen sich gut dafür. Die Verhöre durch junge Stasi-Leutnants, die Klaus Kordon schil­dert, brauchen den Vergleich mit dem Verhör von Sophie Scholl nicht zu scheu­en.[40]

„Die wunderbaren Jahre“ von Reiner Kunze erinnern mich an Brechts „Furcht und Elend des Dritten Reiches“: kurze, entlarvende Geschichten aus dem Alltag. „Das Auge der Partei“ von Karin Hartwig dokumentiert Fotografien der Stasi. Die Foto­grafierwut wird an Fällen wie Robert Havemann oder der Punkszene erzählt. Geschich­ten wie „Die Schleife an Stalins Bart“ oder „Das schweigende Klassen­zim­mer“ erzählen, wie schnell der harmlose, unpolitische Alltag in Terror umkippen konnte. Die „Stasi-Stücke“ von Petra Saar und Marion Wagner eignen sich gut zum Nachspielen und zur Diskussion.

Es sind mehrere erzählende Texte aufgenommen worden (Kordon, Plenzdorf, Seidemann, Lange, Rusch, Plenzdorf), z. T. gestaffelt, so dass die Texte in Grup­pen gelesen und diskutiert werden können. Kommentare lassen sich als Wand­zeitung oder als Weblog/Wiki veröffentlichen.

Was bewirkt Unterricht?

Die 68er wissen es, die SED hat es auch gemerkt, die Sozialisationsforschung hat es untersucht: Über Schule kann man Gesellschaft nicht ändern, Einstellungen und Überzeugungen werden durch Unterricht nicht wesentlich be­ein­flusst. Unterricht unterliegt gegenüber wirksameren Sozialisationsinstanzen. Gegenüber Eltern und Leh­rern, die noch mental in der DDR leben, zumal, wenn sie dort gut gelebt haben, gegen eine Geschichtspolitik von Medien und Parteien, denen ein „Kessel Buntes“ lieber ist als „Kontraste“, kann er, zumal das Thema – wie in Brandenburg – erst im 10. Schuljahr und nur einstündig stattfindet, wenig ausrichten.

Was Unterricht kann: Informationen zur Verfügung stellen, Material anbieten, zu Diskus­sio­nen und zum Denken anregen, Thesen und Behaup­tungen überprüfen, offensichtlich Falsches richtig stellen (Vor allem die Bücher von Schröder, Steiner, Eckert, Wolle eignen sich dazu). Es gibt einen Zusammenhang zwischen Kennt­nissen über die DDR und der Beurteilung der DDR. Je mehr man weiß, desto kritischer beurteilt man sie. Wenn Unterricht schon keine Einstellungen zu verän­dern mag, so ist er doch notwendig, um Informations- und Diskussionsangebote zu machen, um zum Nach­denken anzuregen, zum Entdecken zu verlocken.

Es geht nicht um „Faktenhuberei“. Wenn Schüler die Parteien der Nationalen Front aufsagen können, die Gliederung des MfS oder die Namen der Politbüromitglieder, ist noch nicht viel gewonnen.[41]

Angesichts der wenigen Stunden im 10. Schuljahr verbietet sich ein chrono­lo­gischer, systematischer oder kursorischer Unterricht.

Auch wenn es zum Lachen reizt, dass Micky Maus und (lange Zeit) Karl May verboten waren, es genügt nicht, die DDR lächerlich zu machen. Dennoch: Witze („So lachte man in der DDR“, Stefan Wolle, „Die heile Welt der Diktatur“, S. 154 ff), bringen Wahres pointierter auf den Punkt, als es lange Texte können.[42]

Es fällt schwer, die Herrschaft der SED nicht als Versagensgeschichte zu schreiben. „Die DDR war besser“, wie es in Leserbriefen, Websites, inken Schulungs­kursen und Veteranentreffen in Ostdeutschland heißt, kann durchaus als Aus­gangs­these genutzt werden. Man kann die Mythen und Irrtümer ja einmal untersuchen:

  • Die Luft war in der DDR besser!
  • Die DDR war 1989 nicht pleite, sondern wurde platt gemacht![43]
  • Nazis gab es in der DDR nicht! [44]
  • Es herrschte soziale Gleichheit!

Es wird immer betont, dass die Regierenden der DDR in Wandlitz vergleichsweise bescheidene Häuser bezogen hätten. Dass die Ferienhäuser, etwa an der Ostsee, dafür umso luxuriöser waren, dass es in Wandlitz Spitzengas­tronomie gab, West­niveau im Konsumladen, die Bediensteten und Gärtner kostenlos waren, fällt meist unter den Tisch.[45] Sehr wohl hat man sich an­schei­nend dort nicht gefühlt, die meis­ten Wohnungen waren verwanzt und bis in die 60er Jahre tru­gen die Be­woh­ner Pistolen.

Der Einkom­mens­­unterschied betrug in West und Ost erstaunlicherweise etwa 1:6, in der DDR auf niedrigerem Niveau. Als 1990 anlässlich des Währungs­umtausches die Sparkonten offen gelegt wurden, zeigte sich, dass etwa 10% der DDR-Bevöl­kerung über 60% des Sparvermögens verfügten.[46] Auch nicht so viel anders als im „faschistisch-kapi­talistischen“ West­deutschland.[47]

Man kann auch über diesen, in Ostdeutschland häufiger zu hörenden Satz nach­denken:

„Drei Systeme habe ich mitgemacht, unter Hitler, unter Honecker und jetzt“[48]

Als Vertiefung bieten sich an:

  • Die aus dem Arbeitskräftemangel resultierende Frauenemanzipation, die wie im Westen auch, zu Doppelbelastung, nicht zu gleicher Bezahlung und schon gar nicht zu besseren Karrierechancen in Wirtschaft, Partei, Regie­rung und Verwaltung führte.
  • Die Landflucht im Nordosten und Osten, die keineswegs erst nach der Ver­ei­­ni­gung einsetzte, und die fehlenden Investitionen in ländlichen Gebieten. Auch die SED investierte lieber in Sachsen als in Mecklenburg-Vorpommern.

In der Altmark, Bran­den­burg und Vorpommern herrschte seit Jahrhunderten Armut, nicht erst seit 1989.[49]
Die DDR ist das einzige Land der Welt, das ununterbrochen einen Bevöl­ke­rungs­schwund zu beklagen hatte. Die SBZ/DDR haben von 1945 bis 1990 ca. 4 Millionen Menschen verlassen, nach der Revolution (bis 2004) waren es etwas über 2 Millionen, denen ein Zuzug von ca. 1 Million gegenübersteht.[50]

  • Die stetig sinkende Geburtenrate. Sie sank zwar nach der „Wende“ drama­tisch, war aber schon in der Diktatur ein wachsendes Problem gewor­den. In diesen Zusammenhang gehören auch die extrem hohen Abtreibungszahlen.[51]
  • Die Unmöglichkeit, mit einem an der Schwerindustrie des 19. Jahrhunderts orien­tier­ten marxistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell erfolgreich auf Verän­de­rungen wie Globalisierung, Bedeutungsverlust der Industrie­arbeit, Wachstum des Dienstleistungssektors usw. zu reagieren.
  • Die Auswirkung von Repression, Angst und Anpassungsdruck, Sanktionierung alles Abweichenden auf die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Psyche von Menschen[52] („Jeder schweigt von etwas anderem“ u. a.)
  • Biographien: Ulbricht, Honecker, Mielke, Gregor Gysi (Hermann Vinke, Die DDR)
  • Zensur (Wolle, S. 141)
  • Schule (Reiner Kunze, Wunderbare Jahre) [53]
  • Was wäre, wenn es die DDR heute noch gäbe?[54]

Vorschläge zum kreativen Schreiben:

  • Die DDR im Zeitalter von Internet, SMS und Ryanair
  • Die Achse Kuba – Nordkorea – DDR
  • Der chinesische Weg: Korrupte Parteibonzen und ihre Kinder als Global Player, Terror der Geheimpolizei und wachsen­der Reichtum eines neokommunistischen Adels.

Es ist nicht leistbar, in ein paar Stunden im 10. Schuljahr alles aufzuarbeiten. Aber wenn Schüler/-innen nach 10 oder 12 Schuljahren Schwierigkeiten haben, den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie zu erklären und muss man sich fragen, was denn sonst noch in der Schulzeit passierte.

Die folgenden Fragen bieten sich nicht nur für die letzten drei Wochen Geschichts­unterricht im 10. Schuljahr an:

  • Lassen sich Sozialismus und Demokratie vereinbaren?[55]

Wie kann Herrschaft optimal organisiert werden? Direkte Demokratie, Genos­sen­schaft, Gewalten­teilung oder Einparteienherrschaft, „bürgerlicher“ Parlamen­taris­mus, Herrschaft auf Zeit oder Unfehlbarkeit einer Partei?[56]

Die drei Ks der Politik: Konflikt, Kompromiss und Konsens kann man in den unter­schiedlichen Organisationsformen politischer Herrschaft einmal durchspie­len. Die so trocken erscheinenden Schemazeichnungen von Diktatur und Parla­men­ta­ris­mus in den Sozialkunde­büchern können damit belebt werden.

Man ist in der neuen Bundesrepublik, nicht zuletzt in Ostdeutschland, schnell bei der Hand, „die da oben“ als unfähig, geldgierig, als Wahlbetrüger und ähnliches zu beschimpfen. Auf die SED-Oberen, auf das Politbüro, trifft das in ungleich stärke­rem Ausmaß zu. Das aber scheint niemanden mehr zu interes­sieren. Einem west­deutschen Minister würde man Privilegien der ostdeutschen Oberschicht nicht durch­­gehen lassen. Wenn ein westdeutscher Politiker private Touren mit dem Dienstwagen unternimmt, steht das in der Zeitung. Wenn ein DDR-Bürgermeister sich das Haus eines Republikflüchtlings aneignete, wenn ein Politbüromitglied sich mit dem Hubschrauber in seine Jagdhütte fliegen lässt oder einen falschen Profes­sor­en­titel trägt, erfuhr das niemand[57]. Da lassen sich schon ein paar Unter­schiede zwischen einer sozialistischen Demokratie und einer parla­men­tarischen heraus­arbeiten.[58] Und bei aller Kritikbedürftigkeit des parlamentarischen Systems er­scheint es als das kleinere Übel im Vergleich zur Herrschaft von ZK und Polit­büro.

Sozialismus als eine von mehreren Ideologien, die im parlamentarischen System Mehrheiten suchen, Kompromisse eingehen, Niederlagen ein­ste­cken, aber nicht repressiv und gewalttätig durchregieren und im Gegner den zu vernichtenden Feind sehen, das bekommt ja auch den von der SED über die PDS zur Linkspartei[59] gewanderten postkommunis­tischen Politikerinnen und Politikern, die (im Osten) mit derzeit 20-30% Stimmenanteil respek­tabler dastehen als in Diktaturzeiten mit Wahlfäl­schung zustande gekom­menen 98%.

Schnell landet man bei Churchills Satz von der Demokratie als der schlech­testen Herrschaftsform, ausgenommen alle anderen.

Bevor ich selbst Parlamentarismus, Rechtsstaat und oberste Bundesorgane unterrich­tete, habe ich immer zuerst das Regierungssystem der DDR behandelt. So wurde aus der Gegenüberstellung deutlich, was es heißt, Herrschaft auf Zeit auszuüben, statt ein Politbüro zu haben, aus dem man nur durch Tod oder Putsch entfernt werden konnte. Oder unabhängige Gerichte statt „Rechtsanwälten“, die beim Zentral­komi­tee der SED um gut Wetter für ihre Mandanten betteln mussten.[60]

  • Ist die Planwirtschaft der sozialen Marktwirtschaft überlegen?

Die Bankrotterklärung der Zentralverwaltungs­wirt­schaft scheint bei der Auf­arbei­tung der SED-Diktatur keine große Rolle zu spielen. Zumindest steht sie im Schatten des angeblichen ökonomischen Desasters der Nachwendezeit.

Die aus­ufern­de Sozialpolitik Honeckers, die die Pleite der DDR beschleunigte, aber die Bevöl­kerung ruhig stellen sollte, setzt sich in den Umverteilungs- und Steuererhöhungsplänen SED-Nachfolgepartei „Die Linke“ fort.[61]

Wenn der Broiler in der Gaststätte weniger kostet als beim Metzger, der LPG-Bauer für ein Ei bei Ablieferung 31 Pfennig erhält und es im Konsum dann für 25 ­kau­ft, wenn Brot an Schweine verfüttert wird, weil es so billig zu haben ist, bei Warm­mieten von 85 Mark kein Geld für Wohnungs­instandhaltung und -moderni­sierung bleibt, die Zimmerwärme über geöffnete Fenster reguliert wird, weil es keine Thermo­staten gibt, dann sollte nicht nur geschmun­zelt werden. Es sollte auch zum Anlass genommen werden, zu über­prüfen, ob ein Zentral­verwal­tungs­wirtschafts­system, auch als NÖSPL[62] vere­delt, wirklich ernst genom­men werden kann. Werner Obsts „Reiz der Idee – Pleite der Praxis. Ein deutsch-deutscher Wirt­schafts­­­vergleich“ von 1983 hat nichts von seiner Gültigkeit verloren.[63]

Die DDR hatte über die Bundesrepublik Zugang zum EU-Binnenmarkt. Sie war de facto EU-Mitglied, sehr zum Unwillen ihrer sozialistischen Bruderstaaten und der restlichen EU-Mitglieder, denen dieses Privileg überhaupt nicht gefiel. Im Interzonen­handel, der seit 1949, unbeschadet aller politischen Ereignisse geräuschlos funktionierte, wurde der SED ein zinsloser Überziehungskredit, der Swing, ge­währt.[64] Sie hat sogar Pornohefte und Zigaretten in Westeuropa verkauft.

Die Gegenüberstellung von Sozialismus und Kapitalismus ist einer der zahlreichen Siege im Kampf um Wörter, die die Kommunisten errungen haben. Dabei wird unterschlagen, dass schon bei Adam Smith der Staat eine regulierende Rolle einzu­neh­men hatte. Das reicht heute von Kartellamt über Sozialpolitik, Arbeits­schutz bis Umwelt- und Verbraucherschutz. Bereiche, in denen die SED-Diktatur keineswegs den nichtsozialistischen Ländern überlegen war.

Auch wenn die soziale Marktwirtschaft ihre Glanzzeiten hinter sich zu haben scheint und die Wirtschaftsverbände ihre Interessen meist durchsetzen: Wenn man ihre Geschichte kennt, ist der Sozialismus keine überzeugende Alter­na­tive.[65]

Der Glaube an ein sozialistisches Land, in dem einst Milch und Honig flössen, ist ein quasireligiöses Heilsversprechen.[66] Richard Schröder erzählt den Witz: „Was passiert, wenn in der Sahara der Sozialismus eingeführt wird? Erst mal gar nichts, nach einiger Zeit wird aber der Sand knapp.“

Es ist ein Merkmal der Auseinandersetzung um die DDR in Ostdeutschland, dass das Wirtschaftssystem kaum vorkommt. Die Diskussion wird vielmehr davon beherrscht, wie man ein differenziertes Bild des Alltags zeichnet, wie man Biographien respektiert und nicht alles in Bausch und Bogen verdammt.

Von einer aberwitzigen Preis- und Subventionspolitik, von dem bürokratischen  Kontrollwahn, die Gesamtproduktion an Kniestrümpfen und Fotokopierpapier für ein Jahr vorzuschreiben, von der Unfähigkeit der Zentralverwaltungswirtschaft effizient, kostensparend und umweltschonend zu produzieren, wird in Schulen und Medien selten geredet.

Als Einstieg geeignet:

Enteignungsaktion Rose (DDR-Geschichte in Augenblicken. Von Jugendweihe bis Biermann-Ausbürgerung, CD 1), weiteres Material zu sozialistischer Planwirtschaft (Schröder, Eckert, Steiner, Vinke, Mählert, Wolle, S. 189ff)

Ein Papier von Wirtschaftsstudenten der Goethe-Universität in Frankfurt/M.[67] Aus dieser sehr prägnanten, übersichtlichen Gesamtschau seien hier nur die wesentlichen, nicht alle jeweils erläuterten Punkte genannt:

Gigantische, unproduktive Bürokratie zur Koordination der Wirtschaft
Unflexibilität der Wirtschaft
Teurer Sicherheitsapparat
Chaotische Wirtschaftsweise
Wirkungslosigkeit von Systemen zum Leistungsanreiz
Unproduktive Wirtschaftsweise
Umweltbelastungen
Versorgungsengpässe
Korruption[68]
Fehlende Identifikation mit dem System
Keine Eigeninitiative
Gesundheitsgefährdungen am Arbeitsplatz

Projektorientierung

Ausgehend von einem ereignisgeschichtlichen Überblick oder von Aufnah­men aus der Zeit der Maueröffnung (DVD „Auf den Spuren einer Diktatur“) können Fragen und Themen­bereiche gesammelt und in Arbeits­gruppen­ erarbeitet werden.

Die Gruppen präsentieren ihre Ergebnisse als Wandzeitungen, Folien­präsen­ta­tio­nen oder mit Hilfe digitaler Tools (Wiki, Weblog, Website). „Leuchttürme“ könnten wich­tige Daten der Ereignisgeschichte sein: 1949 / 1953 / 1961 / 1989-90.

Die auditiven und visuellen Medien der Kiste eignen sich hervorragend als Start­medium. Insbesondere „Auf den Spuren einer Diktatur„, wo, von den Wende­jahren ausge­hend, in kurzen Beiträgen verschiedene Themen (Widerstand, Aus­reise, Doping, Justiz, Schieß­befehl, Stasi u. a.) aufgegriffen werden.

Filmausschnitte findet man auch in digitalen Enzyklopädien (Brockhaus, Encarta) und Youtube.

„DDR-Geschichte in Augenblicken“ und „50 Jahre in 50 Tagen“ sind Audio-CDs, die in Kurz-Beiträgen Originaltöne oder Interviews zu bestimmten Phasen oder Ereig­nissen im geteilten Deutschland bringen.

Fallanalyse (Exemplarisches Lernen)

Keinesfalls ist beabsichtigt, mit diesem Medienangebot einen systematischen oder chronologischen Geschichtsunterricht vorzuschlagen. Viel eher bietet sich die Me­tho­de der Fallanalyse[69] an. Dabei wird ein Ereignis, ein Konfliktfall, gewählt und die darin involvierten Konfliktparteien und divergierenden Interessen erarbeitet. Ver­tie­fende Informationen werden immer wieder auf den Fall und die handelnden Per­sonen zurückgeführt. Politik wird dadurch sehr viel konkreter, als wenn der Unter­­richt sich auf Institutionenkunde beschränkt.

  • Fälle von Widerstand wie sie in „Die Schleife in Stalins Bart“ oder im „Schweigenden Klassen­zimmer“ dokumen­tiert sind.
  • Stasi- und Justizmethoden („Das Auge der Partei“, DVD „Jeder schweigt von etwas anderem“, „Schüler gegen Stalin“, „Das schweigende Klassen­zimmer“), Bestrafung von Todesschützen an der Grenze

Wahlpflichtkurs, Arbeitsgemeinschaft oder Projekttag

Die Medienkiste „Ampelmännchen und Todesschüsse“ bietet sich für vielfältigen Gebrauch an: Wahlpflichtkurse, Arbeitsgemeinschaften, Projekttage und -wochen, Vor- oder Nachbereitung eines Zeitzeugenbesuchs oder eines Gedenkstättenbesuchs.  Wenn sie in der Schulbibliothek vorhanden ist, wäre die erste Hürde, nämlich die Materialbeschaffung durch die Fachlehrerin/den Fachlehrer, genommen.

Erzählende Literatur

Die erzählende Literatur ist überwiegend in Mehrfachexemplaren vorhan­den, so dass in Gruppen über das Gelesene diskutiert werden und in den Sach­büchern Aspekte weiter verfolgt werden können.

Hier können Formen des Lesetagebuches (z. B. Rezension, Brief an Autor/Autorin oder handeln­de Personen, kontra­fakti­sches Schreiben) angewandt werden.

Ausgiebiges Lesen der belletristischen Bücher und der Falldarstellungen ist ein empfehlenswerter Einsieg in die Thematik, wenn man Zeit und eine motivierte Gruppe hat.

Wenn nichts anderes geht:

Die Lektüre von Klaus Kordons „Krokodil im Nacken“ (ab Herbst 2008 als stark gekürzte Schulausgabe lieferbar) ist das mindeste, was gemacht werden sollte, und wäre nicht das schlechteste.

Noch kürzer:

George Orwell, Die Farm der Tiere

Auch als Hörbuch, sehr gut gelesen von Hans Korte; Diogenes Verlag, 2008, 3 CDs, 4 Std.

Für den Fall, dass die Bücherkiste in Brandenburg auf Interesse stößt:

Im Rahmen des Unterrichtsprojekts oder weiterführend können lokal­geschichtliche Unter­suchungen durchgeführt werden

  • Straßen- und Städte­namen,
  • Gedenksteine und was sich hinter ihnen verbirgt
  • Geschichte öffentlicher Gebäude, Gefäng­nisse, Grenzbefestigungen, Nut­zung von NS-Konzentrations­lagern als SMAD-Lager,
  • Lebensläufe lokaler GULag- und Stasi-Häftlinge,
  • Zusammenleben mit der Sowjetarmee,
  • eine Durchsicht von DDR-Schul­büchern[70] (z. B. Geschichte, Mathe­matik),
  • Erinnerungen an die Bürgerrechtsbewegung[71]
  • Widerstand und Zivilcourage[72]

Bei Exkursionen sind folgende Einrichtungen wert, besucht zu werden:

Gedenkstätte Ehemaliges Stasi-Gefängnis, Berlin-Hohenschönhausen, www.stiftung-hsh.de

Empfehlenswert ist – sofern es den Schülerinnen und Schülern zeitlich zugemutet werden kann – zuerst das ehemalige MfS, Ruschestr. 103, (Normannenstr.) zu besuchen und anschließend das Gefängnis in Hohenschönhausen.

Man muss beides zusammen erleben: Zuerst dieses muffige Ministerium für die Schreibtischtäter, die (Selbst-)Heroisierung der „Tschekisten“, die Spitzeltechnik, und dann das wichtigste Gefängnis dieses Ministeriums.

Informations- und Dokumentationszentrum der BStU, Karl-Liebknecht-Straße 31/33, 10178 Berlin  www.bstu.bund.de  Dort ist auch eine Fülle von Unterrichtsmaterialien erhältlich.

Ehem. Stasi-Gefängnis Lindenstraße, Potsdam

Ehem. KGB-Gefängnis, Leistikowstr., Potsdam

Gedenkstätte Haftanstalt Bautzen  www.gedenkstaette-bautzen.de

Dokumentationszentrum in der ehemaligen Leipziger Stasi-Zentrale „Runde Ecke“, www.runde-ecke-leipzig.de

Die „Runde Ecke“, hat eine Datenbank online gestellt, in der 1500 Objekte fotografiert und erläutert wurden. Man muss mal stöbern, z. B.: „Postkontrolle“, „Schminken“, „Geruchsprobe“: http://www.runde-ecke-leipzig.de/cms/?id=250

Weitere Gedenkstätten und Museen:  www.nachkriegsmuseen.de/stasi.html

Mindmap mit Verwendungsvorschlägen (von Hans Günther Brée):

ddrmindmap_gb

Kurzübersicht zur Verwendung der Medienkiste im Unterricht (Download einer kurzen Powerpointpräsentation)

„Ampelmännchen und Todesschüsse“ ist eine Bücher- und Medienkiste im Rahmen des Projekts „Die Bibliothek in der Kiste“ der Landes­arbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken in Hessen e.V. (1992 – 2012).
Zur didaktischen Begründung dieser Bücher- und Medienkisten: Es gibt Sachbücher, die in altersangemessener Weise Themen wissenschaftlich korrekt, sprachlich verständlich, anschaulich und motivierend darbieten. Wer Lesen in der Schule fördern will, kann dies nicht allein mit Lehrbüchern, Fotokopien und Arbeitsb­lättern tun. Für einen offeneren Unterricht stellen Sachbücher eine gut geeignete Hilfe dar: Sie ermöglichen Angebote für unters­chiedliche Lesefähigkeiten, sie sind weniger „didaktisiert“, lassen Platz für eigenständige Lese- und Lernstrategien. In der Theorie klingt das sehr einleuchtend. Im Alltag scheitert eine Benutzung von Sach­büchern im Unterricht, die mehr als akzidentiell sein soll, allein schon daran, dass ein maß­­ge­schneiderter Bestand an Büchern, mit denen eine Klasse arbeiten kann, selten in der Schule oder Schulbibliothek, auch nicht in einer nahe gelegenen Stadtbibliothek  vorhanden ist.
Diese Überlegungen sind Ausgangspunkt des Projekts „Die Bibliothek in der Kiste“ der Landes­­arbeitsgemeinschaft Schulbiblio­theken (LAG). Ziel ist es, Lehrerinnen und Lehrern die Bearbeitung von Unterrichtsthemen mit Hilfe von Kinder- und Jugend­büchern (bzw. geeigneten Sachbüchern) zu ermöglichen. Die Bücher werden den Schulen als „Mini-Bibliothek“ in Bücherschränk­chen oder -koffern leihweise zur Verfügung gestellt. Finanziert wird das Projekt mit Mitteln des Hessischen Kultusministeriums.
Die Bücher sollen aber nicht nur Wissen vermeh­ren, in Arbeits­techniken einführen und schüler­orientierte Unterrichtsformen ermög­lichen. Sie sind im weitesten Sinn Leseför­derung, sollen zum Lesen verlocken und die Erfahrung ermöglichen. dass sich Lesen lohnt.
Während anfangs (1992) im Projekt nur Sachbücher verwendet wurden, wurden im Laufe der Zeit auch belletristische Literatur und für andere Medien (Videos, Dias) einbezogen.  Seit Beginn des Internetzeitalters werden bei den Sachthemen auch Internet­adressen aufgenom­men. Das Internet ist keine Bibliothek, es ersetzt ältere Medien keineswegs. Angestrebt wird ein „Medienmix“, durch den die Leistung und der Wert des einzelnen Mediums deutlich werden. Lesen bleibt auch im Computerzeitalter unver­zichtbar.
Anspruch ist, nicht bloß einen Querschnitt der Verlagsproduktionen zu dem jeweiligen Thema anzubieten, sondern eine schulstufenbezogene Auswahl zu treffen. Da der Buchmarkt volatil ist, sind Bibliotheken und der Antiquariatsbuchhandel nicht zu unter­schätzen. Gelegentlich befindet sich auch ein nach langem Suchen beschafftes Buch in den Schränkchen.

Weitere Informationen unter: www.schulbibliotheken.de

Fußnoten:


[1] Ulrich Arnswald, Zum Stellenwert der DDR-Geschichte in schulischen Lehrplänen, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 41-42/2004,

http://www.bpb.de/publikationen/HB7S0C,2,0,Zum_Stellenwert_der_DDRGeschichte_in_schulischen_Lehrpl%E4nen.html Siehe auch Fn. 4!

[2] Siehe: Wohin treibt die DDR-Erinnerung. Dokumentation einer Debatte, hrsg. von Martin Sabrow u.a., Göttingen 2007 (auch Bundeszentrale f. pol. Bildung), „Zwickmühle der Vergangenheit“, in: Der Spiegel, 21/2008, S. 166f. Brandenburgs Kultusministerium lehnt z. b. die Finanzierung eines Dokumentations­zentrums in Brandenburg ab, in dem sowohl der DDR-Haftanstalt als auch der NS-Hinrichtungsstätte und der Euthanasiemorde gedacht werden sollt. Es will nur eine Euthanasiegedenkstätte finanzieren. (Potsdamer Neueste Nachrichten, 3.6.08)

[3] Marianne Birthler bezeichnete die DDR als „zweite Katastrophe in der jüngeren Geschichte Deutsch-lands“. (23.05.07 in einer Veranstaltung in Berlin)

[4] Der Begriff wurde von Egon Krenz geprägt. Gemeint war, die erneuerte SED solle jetzt die „Wende“ herbeiführen. Von Revolution, was ja berechtigt wäre, spricht kaum noch jemand.

[5] Eine Studie des Forschungsverbundes SED-Staat der Humboldt-Universität, Berlin; z. B. in:

www.sueddeutsche.de/jobkarriere/artikel/484/142174/3/. Einige Lehrkräfte, so Schroeder verhinderten die Schülerbefragungen zum Teil sogar aggressiv und versuchten mitunter auch zu manipulieren.

Dass Brandenburger und Ostberliner Schüler am schlechtesten abschnitten, erklärt nachträglich, warum der Berliner Senat und die Potsdamer Landesregierung (Die Potsdamer Schüler/innen bilden das Schlusslicht beim DDR-Wissen!) sich nicht entschließen konnten, die Untersuchung mit zu finanzieren. Das Geld für ein Gutachten, in dem die methodische Sorgfalt der Studie bezweifelt wurde, stellte der Berliner Senat aber zur Verfügung.

Immerhin hatte die brandenburgische Landesregierung beschlossen, die Richtlinien für den Geschichts­unterricht zu überarbeiten. Vor der Verabschiedung wurde es allerdings wieder etwas entschärft. Vergleiche zwischen NS- und SED-Diktatur werden nun nicht mehr angeregt. DDR-Ursachen für Frem-den­feindlichkeit sollen auch nicht mehr untersucht werden. Potsdamer Neueste Nachrichten v. 14.12.07..  Dem Bericht hat die Landesregierung m. E. nicht widersprochen.

Eine bemerkenswerte Fußnote der Untersuchung ist, dass NPD-orientierte Jugend­liche die DDR ähnlich positiv sehen wie der PDS-nahestehende (Zurzeit der Umfrage hieß sie noch so.) Da trifft sich Volks­gemeinschaft mit antikapitalistischen und antiisraelischen Einstellungen.

[6] Prof. Schroeder in einem Vortrag am 7.4.08 in Potsdam

[7] Man denke nur an die Forderung Willy Brandts „Mehr Demokratie wagen!“, an die Strafrechtsreform, an die Mitbestimmung von Schülern und Studenten in Schulen und Hochschulen.

[8] Statistisches Bundesamt (Hrsg.) Datenreport 2006, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2006, S. 644. Umfrageergebnisse des Spiegels im Rahmen der Serie „Zukunft der Demokratie“, Heft 19/2008 ff. sind nicht ganz so drastisch, aber tendenziell vergleichbar. Katja Neller, DDR-Nostalgie, Wiesbaden 2007, kommt zu dem Ergebnis, dass es so etwas wie eine Rückfallsucht in undemokratische Verhältnisse gibt. Das Forsa-Institut hält Umfragergebnis, die eine hohe Demokratie-Ablehnung ergeben für „Unfug“ und versucht, mit einer eigenen Studie dagegen zu halten. (u.a. Tagesspiegel v. 26.09.08). Der als Bundespräsident kandidierende Ex-DDR-Kabarettist Sodann, der keine Demokratie im gegenwärtigen Deutschland zu erkennen vermag, wurde von seinen Führungsleuten schon interpretiert: sei eine Demokratie. (Frankfurter R undschau v. 16.10.08)

[9] Sehr lesenswert dazu: Mary Fulbrook, Verarbeitung und Reflexion der geteilten Vergangenheit seit 1989, in:  Christoph Kleßmann u. a. (Hrsg.), Deutsche Vergangenheiten – eine gemeinsame Herausfor­de­rung, Berlin, 1999, pp. 286 -298.

[10] Hans-Joachim Maaz, Der Gefühlsstau. Ein Psychogramm der DDR, Berlin 1990 (nur noch antiqua­risch), z. B. auf S. 91

[11] „Wir wurden dazu erzogen, den Mund zu halten. ´Auch ihr werdet wegen eurer Zunge Ärger bekom­men‘ – das wurde uns Kindern andauernd eingeschärft. Wir hatten unser ganzes Leben lang Angst, den Mund aufzumachen. Unsere Mutter sagte immer, jeder andere sei ein Spitzel.“ (Aus: Die Flüsterer: Leben in Stalins Russland, von Orlando Figes, Berlin 2008)

Schwer vorstellbar, dass in einer Gesellschaft, in der man ohne Umschweife die Großmutter als IM ver­dächtigt oder das Westfernsehen erst guckt, wenn die Kinder im Bett liegen, dieser Satz einer Russin nicht ebenfalls gegolten haben sollte. Noch ein Beispiel: In einer Gruppe junger Leute, die 1968 gegen die Niederschlagung des Prager Aufstandes protestierten, war es in einem Falle der Vater, der seinen Sohn anzeigte, bei einem anderen war die Mutter IM. (FAZ v. 21.8.08, S. 44f.)

[12] Siehe dazu auch Stefan Wolle, Die heile Welt der Diktatur, S.126f

[13] Siehe auch dazu Mary Fulbrook, Fn 9!

[14] Micky Maus und Karl May waren (zeitweise) verboten, Brechts Kriegsfibel war umstritten. Der SED-Verlag Volk und Wissen druckte so genannte Plusauflagen: Er bezahlte den Westverlagen eine Auflage von 100.000 Exemplaren, z.B. des „kleinen Prinzen“, druckte aber 300.000. Die SED verdiente also an dem durch ihre Zensur geschaffenen Lesehunger der Bevölkerung.

[15] Ich habe aber noch größeren Respekt vor Menschen, die nach der „Wende“ ihr Ministeramt zurück­gaben, weil sie nicht mit einem als IM verdächtigten Ministerpräsidenten zusammenarbeiten wollten oder die die Stra­ßen­seite wechseln würden, wenn ihnen Dr. Gysi entgegenkäme, wie ein Stasi-Opfer erzählt.

„Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein!“ diesen Satz sagte Hans Filbinger, ehemaliger Minis­terpräsident von Baden-Württemberg, in einem Interview zu seiner Verteidigung gegen Vorwürfe, er habe als Richter an NS-Unrechtsurteilen mitgewirkt. IMs reden ähnlich, behaupten, sie hätten keinem geschadet. Angehörige der DDR-Ober­schicht und Menschen, die das MfS in seinen Akten führte, treten im Bundes­tag und in den neuen Landtagen als Interessenvertreter Ostdeutschlands auf. Bürgerrechtler sind weitgehend aus Politik und Verwaltung verschwunden. SED-Opfer beklagen sich, dass sie in den Ämtern wieder die alten Gesichter sähen.

[16] Ich habe mich gefragt, ob ich als (Besser-)Wessi eine solche Bücher- und Medienkiste zu­sam­men­stellen darf. Kann aber die DDR wirklich nur beurteilen, wer in ihr als unpolitischer „Normal­bür­ger“ (das Wort las ich in einem Leserbrief in einer ostdeutschen Zeitung), womöglich als gläubiger Marxist, gelebt hat?

Ich habe es nie vergessen, dass in einer Diskussion über den Zweiten Weltkrieg ein ehemaliger Wehr­machts­major mir damals jungem Geschichtsstudenten vorwarf, ich sei nicht bei Stalingrad dabei gewe­sen, ich dürfe doch über den Krieg gar nicht reden.

[17] Politisch Verfolgte als Zeitzeugen sind wichtig für Schulen. Deswegen geht ja auch um sie der geschichtspolitische Streit. Die Opfer stören die verklärende Erinnerung. Deswegen soll der Alltag und nicht mehr der Stasi-Terror im Mittelpunkt der Erinnerungskultur stehen. Zu fragen wäre, was die Ver­fech­ter dieses Konzeptes wollen. Der Potsdamer Historiker Martin Sabrow möchte, dass Schüler mit ihrem in der Schule erworbenen Wissen(!) den unterschiedlichen Perspektiven von Zeitzeugen konfrontiert werden. (Frankf. Allg. Sonntagszeitung v. 4.2.09)

Unbequem ist auch der Vergleich mit der Nazizeit. Hier soll ein Abstand gewahrt bleiben. National­sozialis­ten haben nicht für eine gute Sache gefoltert und getötet, wie die Kommunisten. Wenn ein Vergleich dennoch als didaktische Anregung in den Lehrplan aufgenommen wird, streicht ihn der SPD-Finanzminister von Brandenburg wieder raus. (Potsdamer Neueste Nachrichten v. 14.12.07)

[18] Jana Hensel, Zonenkinder, Reinbek 2002, mehrere Auflagen; Robert Ide, Geteilte Träume, München 2007. Hensel plaudert über Kindheitserinnerungen, die sich überall hätten ereignen können. Ide erzählt sehr viel realistischer und politischer von Kindheit, Jugend und Schule und der Entfremdung zwischen Eltern und Kindern in der Nachwendezeit. Sehr lesenswert!

[19] Wenn die Aufarbeitung der DDR-Geschichte behindert wird, ist es besonders ärgerlich. Richard Schröder stellt in seinem Buch „Die wichtigsten Irrtümer über die deutsche Einheit“ einiges richtig, was an der DDR nachträglich schön gerechnet wird. Ärgerlich ist auch, dass der renommierte Fischer-Verlag in Plenzdorf/Dammanns „Ein Land, genannt die DDR“ die Schriftstellerin Daniela Dahn davon schwärmen lässt, dass, sieht man von ein paar kleinen Schwächen ab, die DDR auf dem besten Weg ins Arbeiter-und-Bauern-Paradies gewesen war, als die „Wende“ dazwischen kam. Der Ausstellungsband „Partei­diktatur und Alltag in der DDR“ des Deutschen Historischen Museums in Berlin dokumentiert eine arg enttäuschende Ausstellung (2007). Sei zeigt ein paar Reliquien (Brühwürfel und Ulbrichts Pelzmütze), erklärt aber nichts und schon gar nicht, wie die allmächtige Partei den Alltag durchdrang. Die Bücher von Autoren, die den unberechtigten Untergang der DDR durch imperialis­tische Machen­schaften be­schwö­­ren und von Amazon-Lesergenossen dafür fünf Sternchen erhalten, sollen hier gar nicht erwähnt werden.

Im Streit um die richtige Art der Aufarbeitung der SED-Diktatur wird die „Betroffenenliteratur“, die Ge­schi­chte von Tätern und Opfern, als unzureichend empfunden. Das verzerre das Gesamtbild. (Mary Ful­brook, Fn. 9, S. 293) Man stelle sich vor, so würde bei der Behandlung der nationalsozialistischen Dik­tatur argu­mentiert werden: „Lauft doch nicht dauernd mit den Schulklassen ins KZ, ladet nicht so viele jü­dische Zeitzeugen ein!“ „Das Tagebuch der Anne Frank“: Betroffenheitsliteratur, die dem Gesamtbild Nazi-Deutschlands nicht gerecht würde. In der eingangs erwähnten Untersuchung der 107 Lehrpläne, s. Fn 1! notiert Ulrich Arnswald, dass das Thema Verfolgung zu kurz komme. Es werde nur in zwei Lehr­plänen erwähnt (Bayern und RPF).

[20] In einer Längsschnittstudie schneidet bei den Befragten der „Wendegeneration“ im Systemvergleich die DDR in fast allen Bereichen mit z. T. extrem hohen Werten hervorragend ab: Soziale Gerechtigkeit, soziale Sicherheit, Familienförderung, Gleichberechtigung der Frau, Kinderbetreuung, Schutz vor Krimi­nalität, Schulbildung, Verhältnis der Menschen untereinander, Gesundheitswesen. Siehe: Berth, Hendrik u. a., Einheitslust und Einheitsfrust. Junge Ostdeutsche auf dem Weg vom DDR- zum Bundesbürger. Eine sozialwissenschaftliche Längsschnittstudie von 1987 – 2006, Gießen 2007, p.69

[21] Desto bewunderungswürdiger ist die große Leistung der Bürgerrechtler in den Monaten der friedlichen Revolution.

[22] Abgesehen von den 40ern und anfänglichen 50ern, als u. a. die SMAD (Militäradministration in der sowjetisch besetzten Zone bis zur Gründung der DDR 1949) noch zuständig für die Verfolgung von Nazis war. Die verheerenden Folgen dieser fehlenden Aufarbeitung für die gemeinsame politische Zukunft des ver­ein­­ten Deutschlands sind noch nicht abzusehen. Laut Umfragen gehen Ostdeutsche mit der NS-Ver­gan­genheit sehr viel unbefangener um (Fn. 9).

Bezeichnend ist ein lapsus linguae auf der Leipziger Dokumentarfilmwoche 1981: In einer Debatte über einen westdeutschen Film sagte ein Diskutant: „Als dann in der BRD der Faschismus errichtet wurde…“ Gemeint war die Weimarer Republik. Niemand nahm Anstoß an der Formulierung. (Peter Wen­siers­ki/ Wolfgang Büscher, Null Bock auf DDR, p. 90)

[23] Bei Günter Grass sicher zu Recht. Der DDR-Nationalpreisträger Erwin Strittmatter war Mitglied eines SS-Polizeiregiments gewesen, was erst nach seinem Tod bekannt wurde. Er war wohl nicht an Mord­aktio­nen beteiligt, hat sie aber im Regimentstagebuch protokollieren müssen.

[24] Genau wie die Hitler-Diktatur begann die DDR-Gründung mit einem Fackelzug!

[25] Annette Kahane von der Amadeu-Antonio-Stiftung sagte in einem Tagesschau-Interview: „Der Unter­schied ist, dass die Gesellschaft im Westen wacher ist. Im Osten ist es den Menschen oft egal – oder sie sympathisieren sogar heimlich mit den Tätern. In manchen Regionen im Osten gibt es eine große Leere – auch was die Werte betrifft. Wenn eine fremdenfeindliche Gewalttat passiert, ist die erste Reaktion: ‚Jetzt kommen wieder die Westmedien, und wir kriegen Ärger.“ (Amadeu Antonio wurde 1990 von Jugend­lichen in Eberswalde getötet.)

Der ehemalige Regierungssprecher Heye sagt: „Es gibt kleine und mittlere Städte in Brandenburg und anderswo, wo ich keinem, der eine andere Hautfarbe hat, raten würde hinzugehen.“ In Halle bezahlt die Universität ausländischen Professoren Taxifahrten, um Zwischenfälle zu vermeiden.

Erkannt wird inzwischen, dass die nazistischen und fremdenfeindlichen Aktivitäten die wirtschaftliche Ent­wicklung bremsen. Die Ablehnungsquote ausländischer Spezialisten auf Jobangebote ist im Osten dop­pelt so hoch wie in Westdeutschland.

[26] Inzwischen tragen Ost-Neonazis ihre Erfahrungen mit befreiten Zonen und bürgernahem sozialem Enga­gement nach Westen. Sascha Lange, schreibt in „DJ Westradio“: „Das rechtsextreme Gedankengut … war, anders als es die DDR-Medien später verbreiteten, nicht aus dem Westen importiert, sondern seit Jahrzehnten in der DDR selbst herangewachsen. … Nazis waren nicht nur Hilfsschüler, sondern auch Söhne von mittleren SED-Bonzen. Fascho-Sein wurde … zur … Fundamentalopposition von Jugend­li­chen gegen den DDR-Staat“ (S. 118f.)

[27] Zitat aus der o.a. Schülerbefragung

[28] Andrej Hermlin, Sohn von Stefan Hermlin, erzählt von seinem Geschichtslehrer, dass der einmal im Unterricht zur westdeutschen TV-Serie Holocaust Stellung nehmen musste: Da fehle der kommunistische Widerstand (Was nicht stimmt) und außerdem seien nicht nur arme unschuldige Juden getötet worden, sondern auch jüdische Millionäre. (Von A. Hermlin in einer Veranstaltung in Berlin am 20.5.08 erzählt.)

[29] U. a. wurde Andrej Hermlin so in einer NVA-Kaserne begrüßt. (Von ihm erzählt in einer Veranstaltung in Berlin am 20.5.08)

[30] S. dazu Annette Leo, Peter Reif-Spirek (Hrsg.), Helden, Täter und Verräter. Studien zum DDR-Anti­faschismus, Berlin 1999,  S. 37ff)

[31] Was den letzten SED-Vorsitzenden, Dr. Gysi, nicht hinderte, im Frühjahr 1990 den jüdischen Weltbund aufzufordern, mit einem Kredit der bankrotten DDR zum Weiterleben zu verhelfen. Liest man Kommentare in israelischen und amerikanischen Zeitungen dazu, spürt man die Verblüffung ob dieser Chuzpe.

[32] Das hinderte die Stadtver­waltung Potsdams nicht daran, den Erben die Kosten für die Sicherung der Ruine in Rech­nung zu stellen. Nicht zu klären war für mich, ob die Besetzer das Haus nur zerfallen ließen oder auch beschädigt haben.

Wer mehr zum Antismitismus der SED, nicht dem Antizionismus!, erfahren will: Stefan Meining, Kommunistische Judenpolitik. Die DDR, die Juden und Israel, Hamburg: 2002.

[33] Siehe Fn. 4!

[34] Weite Teile der Linkspartei, allen voran Prof. Dr. Norman Paech, sind mit der Menschenrechtspolitik Chinas nicht unzufrieden. Auch das SED- und später PDS-, dann Linksparteimitglied Egon Krenz war ja schon hochzufrieden mit chinesischer Menschenrechtspolitik wie der Erschießung demonstrierender Studenten 1989 auf dem Tian’anmen-Platz in Peking. Von der Kommunistin Sarah Wagenknecht aus dem Linksparteivorstand, die sich Hoffnungen auf einen Stellvertreterposten macht, ist kein kritisches Wort über die DDR bekannt geworden.

[35] In Frankreich wurde die Zusammenarbeit der Vichy-Regierung mit der Nazi-Regierung, insbes. bei der Verfolgung und Ermordung der französischen Juden fast 60 Jahre beschwiegen, mit Lügen zugedeckt, die Résistance mythisch überhöht. Siehe: http://www.zeit.de/2002/12/Untergang_einer_Staatsluege?page=1

[36] A.a.O., S.94

[37] Mir fallen nur Wolfgang Berghofer (Oberbürgermeister von Dresden) und Günter Schabowski (Polit­büro­­mitglied) ein.

Die Verengung der Aufarbeitung der SED-Diktatur auf die Stasi und die IMs erweist als fatal: Es wird unerbittlich um Menschen gestritten, die wegen einer besseren Wohnung, einer schnelleren Autoliefe­rung, wegen eines väterlichen Freundes als Stasi-Kontaktperson IM wurden. Man verliert aus dem Blick, dass manche gezwungen wurden, manche durch ihre Berichte auch Menschen geschützt haben, manche gleich wieder ausgestiegen sind oder gar nein gesagt haben! Dabei verliert man auch die Nomen­­klatura aus dem Blick. Ein Angehöriger der DDR-Oberschicht wie Dr. Gregor Gysi, Sprecher der DDR-„Rechtsanwälte“, SED-Mitglied und „Reisekader“, empört sich über die Unterstellung einer Zusam­men­arbeit mit dem MfS mit dem Hinweis, sein Ansprechpartner sei das Zentralkomitee gewesen. Siehe auch die Fälle in: Ich habe „Nein!“ gesagt. Zivilcourage in der DDR, von Marco Hecht und Gerhard Praschl, Berlin 2002 und Fn 72.

[38] Potsdamer Neueste Nachrichten v. 12.9.2008

[39] Auch noch ein Jahrzehnt nach der „Wende“ 1945 hielten viele Deutsche die Nazizeit für die Zeit, in der es den Deutschen besser als zurzeit gegangen war.

[40] Bedauerlich, dass in Brandenburg ein solcher Vergleich im Unterricht nicht erwünscht ist; s. Fn 5!

[41] Leider wird Geschichte sehr oft als Pauk- und nicht als Denkfach praktiziert. Grundlegende Auseinandersetzung mit dem kommunistischen Gesellschaftssystem, mit der kommunistischen Ideologie ist, wenn auch in unzulänglichem Maß, erst Thema des Politikunterrichts der S II; s. Fn 1!

Die Einführung operationalisierter Bildungsstandards kommt hoffentlich auch für den Geschichts- und Po­li­tikunterricht, so dass die von Schülern zu erwartenden Kompetenzen präziser bestimmt werden können.

[42] Richard Schröder zitiert den Klassiker: „Was passiert, wenn der Sozialismus in der Sahara eingeführt wird? Fünf Jahre nichts, dann wird der Sand knapp.“ Lesenswert auch die „Sieben Weltwunder der DDR“. (Die wichtigsten Irrtümer über die deutsche Einheit, S.71).

[43] Zu den Mythen und Irrtümern der Wendezeit siehe die Bücher von Schröder, Steiner, Eckert!

[44] Amadeu-Antonio-Stiftung verleiht eine Ausstellung „Das hat´s bei uns nicht gegeben! Antisemitismus in der DDR“, www.amadeu-antonio.stiftung.de

[45] Obst vergleicht das Einkommen des westdeutschen Bundeskanzlers mit dem Einkommen und den kostenlosen Privilegien von Honecker und Stoph Ende der 60er Jahre. Beides ist in etwa gleich. Hone­ckers Gesamteinkommen betrug aber das 14fache des DDR-Durchschnitteinkommens, das des Bundeskanzlers das (seinerzeit) 5fache eines durchschnittlichen westdeutschen Arbeitnehmer­einkom­mens.

[46] Diese Akte ist laut Prof. Schroeder (Vortrag in Potsdam am 7.4.08) nicht mehr auffindbar.

[47] Ich verwende deswegen den Begriff der DDR-Oberschicht, auch wenn es diese in der sozialistischen Gesellschaft eigentlich nicht geben sollte. Die Privilegien der Nomenklatura (eigene Krankenhäuser, be­son­­dere Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten, Reisefreiheiten) gepaart mit überdurchschnittlichem Nomi­naleinkommen, rechtfertigen das.

[48] Zitiert von Martin Sonneborn, ehem. Chefredakteur der Satire-Zeitschrift Titanic in: FAZ v. 9.6.08, p. 42. Sonneborn dreht einen Film über eine Rundreise in Ostdeutschland. Der Bericht geht so weiter: „Ich frag­te natürlich nach, welches System das beste gewesen sei. Daraufhin stemmte er die Arme in die Hüften, seufzte auf ‚pffffffft´ und starrte minutenlang ratlos in den Himmel.“

[49] Die ehemaligen Großfarmen, die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, in denen die Bauern als Landarbeiter beschäftigt waren, werden heute, teilweise mit den ehemaligen LPG-Vorsitzen­den als Geschäftsführer, mit modernster, Arbeitskräfte sparender Technik weitergeführt. Die Landarbei­ter, soweit sie nicht eine Altersversorgung erhalten, die sie in der DDR in der Höhe nie erhalten hätten, sind arbeits­los.

[50] http://www.tagesschau.de/inland/meldung159186.html. 1960 vor dem Bau des „antifaschistischen Schutz­walls“ verließen z. B. 247000 Menschen die DDR, 25000 zogen zu. 2004 verließen 185000 Menschen die neuen Bundesländer, 133000 zogen zu. (Datenreport 2006, hrsg. vom Statistischen Bun­desamt, Bonn 2006, S. 47)

[51] Das Statistische Bundesamt geht für die ehemalige Bundesrepublik von einer „erheblichen Unterer­fas­sung“ aus, da es eine Meldepflicht erst ab 1995 gibt. Andererseits galt für die DDR, dass jede dritte schwangere Frau eine Abtreibung vornehmen ließ.

[52] Das wird deutlich bei den Reaktionen auf die Erwähnung der häufigen Abtreibungen in der DDR im Zusammenhang mit der Ursachenforschung bei den zahlreichen Kindsmorden durch junge Mütter

http://www.focus.de/politik/deutschland/abtreibungen-normalste-sache-der-welt_aid_263590.html oder bei Hinweisen auf die autoritäre Erziehung im Zusammenhang mit Ausländerfeindlichkeit

http://www.rbb-online.de/_/kontraste/beitrag_jsp/key=rbb_beitrag_1259342.html

Diese Thematik scheint zum Tabuthema zu werden, weil in Frage gestellt wird, dass es ein normales Le­ben jenseits von Partei und Staat gegeben hätte. Maaz, s. Fn 7, S. 191, schreibt dazu: „Wenn ich die Wahrheit nicht zulasse, weil sie so schmerzt, muss ich viel Energie zu ihrer Unterdrückung aufwenden.“ Er befürchtet, dass dies die Gegensätze zwischen West- und Ostdeutschen in Zukunft noch viel krasser werden lässt. http://www.zeit.de/2001/14/Wie_Pubertierende

[53] Das als effizient vermutete Schulwesen der DDR scheint als ein letzter Mythos nicht nur zu überleben, sondern erfreut sich wachsender Sympathie in Westdeutschland. Dass in den 60er und 70er Jahren die meisten Staaten vielgliedrige Schulsysteme abgeschafft haben, interessiert weniger. Die westdeutschen Reformschulen (Bielefeld, Wiesbaden, Odenwaldschule, Bensheim) sind out. Verwunderlich, dass aus­gerechnet dieses jetzt hoch gelobte Schulsystem in den Revolutionsmonaten im Mittelpunkt der Kritik stand, etwa bei Christa Wolf.

[54] Verblüffend realistisch, wenn auch ein wenig langatmig: Christian von Ditfurth, Die Mauer steht am Rhein. Deutschland nach dem Sieg des Sozialismus, Köln 22007 (1999)

[55] Der Spiegel zitiert die Bundestagsabgeordnete der Partei „Die Linke, Ulla Jelpke: „… Sozialismus -„meinetwegen auch demokratisch – ….“ (Der Spiegel, 30/2008, p 47). Die oft bemühte Formulierung „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ ließe sich auch einmal hinterfragen…

[56] Lenin sorgte 1921, nach dem Aufstand der Kronstädter Matrosen, mit dem Verbot der Fraktionsbildung dafür, dass unterschiedliche Meinungen in der KP nicht mehr diskutiert werden durften. By the way: Der Satz von Rosa Luxemburg über die Freiheit Andersdenkender erhält einzig in diesem Zusammenhang sei­­nen Sinn. Luxemburg kritisierte 1918 Fehler Lenins und seinen sich abzeichnenden Unfehlbarkeits­anspruch. Mit bürgerlicher Demokratie, noch nicht einmal mit dem revisionistischen demokratischen Sozialismus der SPD hat Luxemburgs Satz etwas zu tun.

[57] Dass es für große Teile der DDR-Elite einen reibungslosen Übergang in die neue Bundesrepublik gab, nicht zuletzt dank der Milliarden Mark, die der SED/PDS 1990 zur Verfügung standen und die nie mehr vollständig zurückgefordert werden konnten. Die Unabhängige Kommission zur Überprüfung des Vermö­gens der Parteien und Massenorganisationen der DDR schloss 2006 ihre Arbeit nach sechzehn Jahren ab und schrieb: „Die SED/PDS verfolgte eine Strategie der Vermögensverschleierung.“

[58] Franz Loeser, Philosophieprofessor an der Humboldt-Universität und hochrangiger SED-Funktionär, berichtet in seinem stellenweise lesenswerten Buch „Die unglaubwürdige Gesellschaft. Quo vadis DDR?“ Köln 1984, diese Details. Er floh Anfang der 80er Jahre aus der DDR, blieb aber überzeugter Marxist. Er hielt die SED-Diktatur für „entartet“ und hoffte auf eine wahre sozialistische Demokratie.

[59] Vereinsrechtlich scheint es so zu sein, dass die SED nie aufgelöst wurde, sondern sich nach Anpas­sung an das Parteiengesetz mehrfach umbenannte.

[60] Zumindest behauptet der ehemalige DDR-Rechtsanwalt und letzte SED-Vorsitzende Dr. Gysi, dies für seine Mandanten getan zu haben.

[61] Gegen Lafontaines „50 Milliarden-Versprechen“ meldeten sogar Linkspartei-Abgeordnete Bedenken an.

[62] „Neues ökonomisches System der Planung und Leitung“ (NÖSPL). Dabei handelt es sich um eine Reform des planwirtschaftlichen Systems in den 60er Jahren, d.h. Einführung marktwirt­schaft­licher Ele­men­te in die Zentralverwaltungswirtschaft.

[63] Obst war ein wichtiger Manager der DDR-Planwirtschaft, der den Staat 1969 resigniert verließ. Er sagt den Zeitpunkt der Pleite der DDR zum selben Zeitpunkt voraus, wie Planungschef Schürer 1989, nämlich 1990/91. Als der SPD-Politiker Ringstorff 1990 nach den ersten freien Volkskammerwahlen forderte, die Erlöse der Privatisierung der DDR-Wirtschaft der Bevölkerung zugute kommen zu lassen, fragte ihn der DDR-Ministerpräsident de Maizière, wie er darauf komme, dass da etwas zu verteilen wäre. (Schröder, a.a.O. S. 72)

[64] Siehe z. B. den Bericht des Spiegel über den zu erwartenden Bankrott der DDR 1983: www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,533807,00.html

[65] Die DDR hatte, nach meiner Kenntnis nie eine Spekulationskrise. Sie war allerdings schneller bankrott als Lehmann Brothers Inc., die 1850 gegründet wurden.

[66] So nennt Loeser die Zeit, in der der Kommunismus einst verwirklicht sein wird; s. Fn. 24. Vergleiche dazu auch die Studie Kommunismus als Religion. Die Intellektuellen und die Oktoberrevolution, von Michail Ryklin, Frankfurt am Main und Leipzig 2008.

[67] http://www.wiwi.uni-frankfurt.de/Professoren/ritter/veranstalt/ss97/wipol/projekt/pro31.htm

[68] Dieses Thema scheint noch nicht sehr erforscht zu sein. Eine Mangelwirtschaft, in der aber alles zu kriegen ist, kann nur durch Korruption am Laufen gehalten werden. Das fing schon bei Autoreifen und Klemp­ner­terminen an. Siehe dazu auch das Interview mit Frau Birthler:

http://www.transparency.de/birthler-interview-RB32.1215.0.html http://www.transparency.de/Birthler-Interview-RB-32.1215.0.html

[69] Siehe Gottfried Breit, Mit den Augen des anderen sehen – Eine neue Methode zur Fallanalyse. Schwal­bach 1991, 2. unveränderte Aufl. 1992, oder Methodentraining I für den Politikunterricht, erhältlich im Buchhandel oder bei der Bundeszentrale für politische Bildung,

http://www.bpb.de/publikationen/ARHLJP,0,0,Methodentraining_I_f%FCr_den_Politikunterricht.html

[70] Gegebenenfalls die Beispiele auf http://www.poolalarm.de/kindersuchdienst/ddr-schule.htm

[71] So stand z. B. statt des Italieners Marconi ein Russe als Erfinder der drahtlosen Telegraphie im Phy­sikbuch.

[72] Immer mehr davon kommt allmählich ans Licht. Z. B. gab es Aussteiger, die als Indianer(!) zu leben versuchten oder Punks. Es gab illegale Radiosendungen und Flugblätter, Wandzeitungen in Schulen. Es gab IMs, die bewusst falsch informiert haben oder sich offenbarten und damit für SED unbrauchbar wurden. Im Mai 2008 aktuell: Der Fall von Sabine Popp, die im Vogtland 1980 Parolen („Wieder­vereinigung“ oder „Mauer weg“) auf die Straße malte. Sie, ihre Schwester und ein Freund mussten für mehrere Jahre ins Gefängnis. Der junge IM, der für seine Denunziationen mit einer Auslandsreise, Geld, einem Austauschmotor und einem Kredit belohnt wurde, sieht sich als Opfer, da sein Name in einer Ausstellung genannt wird, und bemüht die Gerichte. Die Nachbarschaft hält bis heute Distanz zur „Fa­schis­­tin“ Sabine Popp (FAZ, 5.7.08, S. 3).

Alle URLs, soweit nicht anders vermerkt, wurden zwischen 01.02. und 20.02.2008 angeschaut.

Gerne bin ich bereit, für hier nicht belegte Aussagen und Informationen Quellen anzugeben.

© 2008-17 Günter K. Schlamp

Landesarbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken in Hessen e.V. www.schulbibliotheken.de

Stand  18. 4. 2014

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7 Kommentare zu „Handreichung

    […] Handreichung „DDR im Unterricht“ […]

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    Sapere aude! sagte:
    02/09/2014 um 6:28 am

    […] wirkte sich das Denunziantentum (nicht nur im Bereich der Schule) im Dritten Reich und in der SED-Diktatur […]

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    […] war Antisemitismus in der DDR-Alltagskultur unschwer zu beobachten, aber auch in Schauprozessen der Anfangsjahre. Ostberliner Rabbiner […]

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