Konnte man in der DDR glücklich sein, zu welchem Preis und auf wessen Kosten?

Die Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur ist deswegen so schwierig, weil es verschiedene, widersprüchliche Erzählungen zur DDR gibt. Im postmodernen Zeitalter stehen diese Narrative gleich gültig nebeneinander. Wer auswandern wollte und deswegen ins Zuchthaus kam, wird sich anders erinnern als der, der eine Neubauwohnung zu einer lächerlich niedrigen Miete bezog. Wer bei den Grenztruppen das Vaterland vor den täglichen Bedrohungen durch den angeblich faschistischen Westen zu schützen glaubte oder die Flucht von gut ausgebildeten Ingenieuren und Ärzten durch gezielte Schüsse unterband, hat eine andere Sicht als die Pfarrerstochter, die nicht auf die Oberstufe durfte oder als die Sportlerin, deren Gesundheit durch Doping ruiniert wurde.

Manche Ostdeutschen nehmen die Kritik an der SED-Diktatur persönlich. Wer trotz Pannen, Pech und Pleiten der Planwirtschaft sein bestes zur Erfüllung des Planes gab, fühlt sich doch getroffen, wenn die Planwirtschaft kritisiert wird. Wer in der DDR auf der Sonnenseite stand, also das Doppelte oder Dreifache des Durchschnittsgehaltes bekam, in der Datsche einen der knappen Telefonanschlüsse besaß und beruflich dank der Parteimitgliedschaft Karriere machen konnte, sieht den untergegangenen Staat rosiger als der ehemalige Abiturient, der vom Hausmeister vor versammelter Mannschaft aus der Schule entfernt wurde, weil er in einem Aufsatz geschrieben hatte, er träume davon, einmal in einem amerikanischen Straßenkreuzer zu fahren.

Der ehemalige Dissident und derzeitige Chef der Stasi-Unterlagenbehörde, Roland Jahn, trifft eine einfache, aber für viele leider nicht mögliche Unterscheidung: „Wir waren in der DDR glücklich, aber nicht wegen, sondern trotz des Staates.“

In manchen DDR-Alltagskulturmuseen kann man den Eindruck gewinnen, dass es jenseits von Mauer und Todesstreifen, jenseits von totaler Überwachung und Propaganda in allen Medien einen unpolitischen, harmonischen Alltag von Menschen gab, die alle nett zueinander waren. Warum diesem Staat vier Millionen Menschen, teils unter Lebensgefahr, wegliefen, wieso es 1989 zu einer Revolution kommen konnte, wird dadurch rätselhaft. Es wäre doch so vieles in der DDR besser gewesen als in dem anderen „System“, der BRD, heißt es: angeblich das Gesundheitswesen, das Schulwesen, die Frauenemanzipation, die Kinderbetreuung, die Mieten, die Friedenspolitik, die Völkerfreundschaft, die Abschaffung des Faschismus. Brach der Staat nur zusammen, weil er so kleinlich bei Reise- und Meinungsfreiheit war?

So unpolitisch kann der Alltag nicht gewesen sein. Ines Geipel weist in der Einführung zu ihrem sehr lesenswerten Buch „Black Box DDR“ darauf hin: Es gab einige tausend Menschen, die an der Zonengrenze zwangsumgesiedelt wurden und bei ihren neuen Nachbarn im Landesinnern keineswegs willkommen waren. Es gab Hunderttausende Vertriebener aus den Gebieten jenseits der Oder. Sie durften von ihrem Schicksal nichts erzählen. Es gab Bauernfamilien, in denen der Vater Selbstmord beging, als die Schlägertrupps kamen und ihn zum Eintritt in die LPG zwingen wollten.

Die Millionen, die das Land verließen, hinterließen in ihren Familien und in den Betrieben eine Lücke. Es gab ein paar tausend Privilegierte, die ins Ausland reisen durften, die schnell an neue Autos, auch Zweitwagen kamen, Zugang zu eigenen Krankenhäusern und Läden hatten.

Mit der allgegenwärtigen Bespitzelung hatte man sich arrangiert. Mancher Gast eines Potsdamer Kult-Cafés erinnert sich schmunzelnd, dass SED-Juristen aus den umliegenden Gerichten und Hochschulen neben linksalternativen Lebenskünstlern und Stasi-Spitzeln saßen und der ganze Salon natürlich verwanzt war.

Ähnlich wie es nach 1945 in Westdeutschland Widerstände gegen die Aufarbeitung des Nationalsozialismus gab („Ein ganzes Volk bockt“, las ich einmal.), ist es heute (sowohl 1990 als auch jetzt, 2014): Man müsste sich der eigenen Anpassung, des fehlenden Mutes bezichtigen, man müsste zugeben, dass man opportunistisch war, um Karrierechancen wahrzunehmen. Eher werden die diffamiert, die sich wehrten, eingesperrt wurden und/oder das Land verließen. „Ihr seid doch abgehauen!“ heißt es. „Warum beklagt ihr euch über die Haft? Ihr hättet doch keinen Ausreiseantrag stellen müssen.“So etwas müssen sich Freunde anhören.

Auch die Erfahrungen in den 90er Jahren, nach der Revolution,  die Entlassungen, Arbeitslosigkeit, die totale Umstellung des Wirtschafts-, Sozial- und Rechtssystems haben zu einer Trotzreaktion geführt. Das Leben fast zweier Generationen brach plötzlich weg. Da wurden neue Schuldige gesucht: Der Westen, die Treuhand, die Raubritter, die Turbokapitalisten. Während die SED-Funktionäre zuerst Angst hatten, am nächsten Laternenpfahl aufgeknüpft zu werden, verstanden sie es schnell, sich mit ihrer Nachfolgepartei zum Sprecher DER Ostdeutschen zu machen. Für ihre weiche Landung im vereinigten Deutschland war gesorgt: Ihre Kaderakten waren gesäubert oder geschreddert. Ihre MfS-Doktoren- und Professorentitel durften sie behalten. Die Regierung Modrow brachte einige tausend Kader in Verwaltungen und im Schuldienst unter. Dank der gebunkerten Milliarden behielt die Partei ihre Infrastruktur und konnte Kredite vergeben. Im Land Brandenburg, einer SED-Hochburg, sorgte der regierungsamtliche „Brandenburger Weg“ dafür, dass man bei MfS-Verbindungen nicht so genau hinsah.

Dennoch: Ich verstehe, dass man sich gerne an Schönes erinnert: An einen schönen Urlaub, an den ersten Kuss, an wilde Partys, an das Moped und die Tasse Kakao bei der Oma, die erste eigene Wohnung, die kleinen Erfolge bei der Beschaffung der richtigen Jeans und guter westlicher Rockmusik.

Muss man deswegen den SED-Staat als liebenswerte Heimat sehen und die Diktatur bagatellisieren?

In den folgenden Abschnitten werden Vorschläge zur exemplarischen Erforschung des Lebens Jugendlicher gemacht:

Link zum Thema Schule: http://www.poolalarm.de/kindersuchdienst/ddr-schule.htm

Ein Kommentar zu „Konnte man in der DDR glücklich sein, zu welchem Preis und auf wessen Kosten?

    Schubert sagte:
    11/03/2016 um 2:10 pm

    …das ist so die „gängige Meinung“. Also eine Meinung nicht ohne Selbstzensur (einer höher entwickelten Form der hier so kritisierten, jedoch lächerlichen Form von Überwachung durch plumpe Staatsbeamte). Die herrschende Meinung ist immer die Meinung der Herrschenden, sagt Brecht. Wissenschaftlich die Geschichte zu betrachten, bedeutet immer zu allererst, wissenschaftlich die Gegenwart zu betrachten. Erst dann bekommt Forschung einen Wert…

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