Die Freizeitspione der Deutrans

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Reporter der Illustrierten „Stern“ hefteten sich 1985 an die Fersen eines Lkws des DDR-Transportkombinats „Deutrans“. Das Protokoll dieser „krummen Tour“ erinnert eher an eine Schnitzeljagd denn an einen effizienten Gütertransport. Der Lkw  kurvt über abgelegene Landstraßen, durch Wohngebiete, steht vor Kasernen- und Manövergelände. Fahrten im Kreis, stundenlange Pausen, der Anhänger wird mal ab-, mal angekoppelt. Zwischen zwei benachbarten Frachthöfen, die er anfährt, liegt ein Umweg von 40 Kilometern. Auf der ganzen dreitägigen Irrfahrt werden mal hier, mal da, aber sehr selten, ein paar Kartons ausgeladen.

Deutrans-Trucker testen die Belastbarkeit von Straßendecken und Brücken. Dazu sind bisweilen die Fahrgestelle von Raketentransportern in die Lkws eingebaut. Sie notieren die Kapazität von Bahn- und Flughäfen. Sie stehen mit Vorliebe vor Kasernen, Militärflugplätzen und Manövergelände, stoppen die Reparaturzeiten von defekten Panzern. Vor der Zufahrt zur DVLR, der Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt in Braunschweig, steht mehrmals in der Woche stundenlang ein Deutrans-Anhänger.

300000 Ostblock-Lkws sind in den 80ern jährlich in der Bundesrepublik unterwegs. Bei den großen NATO-Herbstmanövern wird es richtig eng: 100 Ostblock-Sattelschlepper stehen 1985 rund um den Donau-Übergang, wo die Bundeswehr Panzer übersetzen wird. 17 Ostblock-Lastkähne mit z. T. großen Antennen ankern vor und hinter der Übergangsstelle.

Die Lkw-Fahrer betreiben i. d. R. keine „harte“ Spionage, aber ihre Beobachtungen sind dennoch wertvoll für die Militärplaner. NATO-Abhörspezialisten sind verblüfft über die Exaktheit der Drehbücher, mit denen in der Magdeburger Börde der Einmarsch in die Bundesrepublik von der 3. sowjetischen Stoßarmee geübt wird. „Die kennen jede Bodenunebenheit“ staunt ein Experte.

In der Sowjetunion und auch in der DDR (bei den Fallschirmjägern in Lehnin bei Potsdam) gibt es aber auch Spezialeinheiten, in denen Soldaten für ihren Einsatz im Kriegsfall als Saboteure in bestimmten westdeutschen Gebieten ausgebildet werden. Als Berufskraftfahrer erkunden sie ihr zukünftiges Einsatzgebiert. Die Betriebskampfgruppe der Wismarer Werft etwa soll zu gegebener Zeit die Howaldtswerft in Kiel übernehmen. Als Fernfahrer getarnt, erkunden sie ihr Einsatzobjekt.

Die westlichen Nachrichtendienste wissen um die Spionagetätigkeit der Deutransfahrer. Dasselbe passiert in ganz West- und Nordeuropa. Man reagiert gelassen gegenüber dem Treiben : „Das ist der Preis der Freiheit“ hieß es. Die Militärs waren auch dabei umzudenken: Statt strikter Geheimhaltung sollte der potentielle Gegner jetzt ruhig sehen, wie gut man war.

Die Bundesregierung wollte vor allem ihre Entspannungspolitik gegenüber Ostberlin nicht gestört wissen. Als zu Beginn der 80er ein Zollamt einen DDR-Lkw wegen des Verdachts auf Zollvergehen öffnen ließ, protestierte die SED scharf. Daraufhin wurde kein DDR-Lkw mehr kontrolliert.

Siehe auch die Fortsetzung: Alliierte Militärmissionen!

Wer wissen will, was es mit der westdeutschen Militärspionage in der DDR auf sich hat, kann sich in Martin Wagner/Matthias Uhl, BND contra Sowjetarmee, schlau machen. (Bei der Bundeszentrale f. pol. Bildung erhältlich)

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5 Kommentare zu „Die Freizeitspione der Deutrans

    Paulchen sagte:
    17/08/2015 um 1:07 pm

    Natuerlich wird vieles leicht als „DDR-Bashing“ abgetan.
    Doch eines muss man der NVA lassen – die waren wirklich gut vorbereitet.
    Ich stamme aus dem Westen und lebe heute im Osten.
    In meiner Kindheit gab es in der naehe eine sowjetische Militaer-Administration – und („Oh Wunder!“) das hier Beschriebene spielte sich ebenso mit den LKW von „Sowtransawto“ ab.
    Kurz nach der Wende lernte ich in Sachsen meine heutigen Freunde kennen – und die kannten sich in meiner alten Heimat verdammt gut aus. Auf die Nachfrage, wie das denn mit fehlenden Reisemoeglichkeiten zusammenpasste, lachten sie und erklaerten, sie waren dienstlich (als Aufklaerer) da.
    Sie kannten Details, die selbst viele Einheimische nicht wissen – es war ihr Aufmarsch-Korridor.

    Die Arbeit der NVA war gruendlicher als die der BW (zumindest soweit man es weiss).

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      Basedow1764 sagte:
      18/08/2015 um 2:03 pm

      Danke für den Kommentar! Die „LKW-Spionage“ wird ja gerne auch als Hirngespinst dargestellt. Deshalb ist es wichtig, Beobachtungen und Gespräche dazu öffentlich zu machen.
      Aufklärung in der DDR zu betreiben war für westliche Dienste ungleich schwieriger. In einer offenen Gesellschaft kann man sich nun einmal freier bewegen als in einer, in der alles überwacht wird. Dennoch wusste man eine ganze Menge. Es gab Überläufer und mit Geld konnte man einiges erreichen.
      Geheimdienste interessieren sich für alles (wie wir bei NSA gerade merken). Man wollte z. B. wissen, ob der Geschwaderkommandant eine Freundin hat, wie die Stimmung in der Bevölkerung gegenüber den „Freunden“ ist, welche Panzer, Flugzeuge und Waffen gerade ins Manöver ziehen. Alle diese Mosaiksteinchen trugen zu einem Lagebild bei.

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    Vielleichtliegichfalschglaubsabernicht sagte:
    20/01/2015 um 10:50 pm

    Ach ja! Noch was! Die beste Restauration ist 40 km weit weg? Na dann……Hänger ab und los! Gute Freunde treffen trotz 40 km Umweg? Na dann……..Gang rein und los! Das ist es doch was diesen Job ausmacht! Ich mach das heute noch so!

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    Vielleichtliegichfalschglaubsabernicht sagte:
    20/01/2015 um 10:44 pm

    Also ich hab in meinem jungen Leben gar einige Deutrans Kapitäne kennengelernt! Ich denke 80% (Minimum) hat mit diesem Mist nichts am Hut gehabt! Sicher gab es da ein paar solche Verseuchten,aber der größte Teil hat definitiv nur so „getrödelt“ zwecks Westspesen! Was man ihnen ja nicht verdenken kann! Ich hab ältere Herren kennenlernen dürfen die sich in einer Telefonzelle verlaufen! Ich glaub nicht das so jemand über irgendwelche Tragfähigkeiten urteilen konnte! Sorry,meiner Meinung nach ist dieser Artikel ausgemachter blödsinn aus der Zeit des kalten Krieges………..war bestimmt Sonmerloch beim Stern!

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      Basedow1764 sagte:
      21/01/2015 um 8:46 am

      Vom Gefühl her neige ich Ihrer Auffassung zu. Aber was die DDR angeht, halte ich nichts für unmöglich. Da verriet sogar die Ehefrau den Ehemann an das MfS und umgekehrt. Reisen in das nicht-sozialistische Ausland waren ein Privileg, das nicht jedem gewährt wurde. Das wollte man ungern verlieren
      Ob Lkw-Fahrer, die in der Regel Terminfracht fahren, große Umwege machen, um gut zu essen und mit Freunden abzuhängen, bezweifle ich auch bei West-Spediteuren.

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