DDR im Unterricht

Schulklassen in Stasi-Gefängnissen

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Gestern Abend liefen auf Phoenix in der Reihe „Mein Ausland“ Filme über die baltischen Staaten. Eine kurze Sequenz fand ich bemerkenswert.

In allen drei Staaten wird an die Sowjetherrschaft 1940 und 1944 – 1992 erinnert. Die KGB-Gefängnisse sind Gedenk- und Dokumentationsstätten.

In einem der Filme wurde der Besuch einer Schulklasse in einem KGB-Gefängnis begleitet. Die Schüler werden von „Aufsehern“ empfangen, müssen im Kriechgang über den Hof, werden verhört und in Zellen eingesperrt.

Es schien mir kein Ferienspaß zu sein. Zumindest äußerten sich Schüler im Interview sehr ernsthaft über ihre Empfindungen, während sie von Schauspielern in Gefängniswärterrollen traktiert worden waren.

In Brandenburg haben Professoren und politische Bildner/-innen Bedenken, wenn in Gedenkstätten ehemalige Insassen Schulklassen führen. Die Schüler könnten überwältigt werden.

 

Neues Kartenspiel zur Vermittlung von Wissen über die DDR

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Mit den Karten des Spiels „Wendepunkte“ können Schüler der oberen Mittelstufe, aber nicht nur die, das Leben in der DDR und in der Zeit nach der Friedlichen Revolution kennenlernen.

Das Spiel entwickelt sich anhand von biographischen Elementen – Engagement in der Kirche, Eintritt in die SED, Studium in Moskau oder heimlich Flugblätter verteilen.

Die DDR ist nicht auf Statistik, Organigramm, Gesetzestext oder Mauerfoto reduziert, sondern es werden Lebensläufe und persönliche Entscheidungen mit dem kommunistischen System verschränkt und damit das Leben in diesem Staat konkret und nachvollziehbar.

Natürlich darf ein Lehrerheft nicht fehlen. Es enthält die nötigen Informationen zum Spiel, aber vor allem Anregungen, Materialien und Links zu sechs Themenblöcken, die wiederum der Verschränkung von Ideologie und individuellen Biographien treu bleiben.

Es ist ein großer Wurf!

Jeder Geschichtslehrer weiß, dass das, wozu Kartenspiel und vertiefende Arbeitsanregungen im Lehrerheft auffordern, im Regelunterricht zeitlich nicht zu leisten ist. Da stellt man mit Schrecken fest, dass das Schuljahr schon bald vorbei ist und man im Geschichtsunterricht beim Nationalsozialismus hängen geblieben ist. (Über Politikunterricht, den es in Berlin in der Mittelstufe so gut wie nicht gibt, und die Kompetenzorientierung von Unterricht, durch die Inhalte austauschbar werden, will ich gar nicht erst reden.) Aber man kann Projekttage und -wochen damit gestalten. Auch ist in Vergessenheit geraten, dass man Themenelemente auch schon in früheren Jahrgängen behandeln kann oder exemplarisch vorgeht.

Michael Geithner, Social Media Manager des Berliner DDR-Museums, das ich in diesem Blog schon mehrmals gelobt habe, ist einer der beiden Autoren des Kartenspiels. Dank der Unterstützung der Bundesstiftung Aufarbeitung kann es Schulen kostenlos zur Verfügung gestellt werden.

Dieses DDR-Museum leistet eine großartige Arbeit, eben weil es sich nicht als bloße Devotionaliensammlung von DDR-Alltagsgegenständen wie etwa das Museum in Eisenhüttenstadt versteht. (Wobei Alltagsleben und seine Objekte in Berlin keineswegs zu kurz kommen. Es gibt eine Objekt-Datenbank!) Es ist ein aktives Museum, das u. a. Veranstaltungen anbietet und einen Wissenschaftler Fragen zur DDR beantworten lässt.

 

Längere DDR-Dokumentationen und Spielfilme

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Die Klasse – 1961, Dokumentation mit Spielszenen.

Schüler, denen in Ostberlin der Besuch der EOS, der zum Abitur führenden Oberstufe, versagt wurde, gehen in Berlin (West) aufs Gymnasium. Es gab eigens eingerichtete „Ostklassen“. 1961, kurz vor dem Abitur, werden sie vom Mauerbau überrascht.

Die Kritik (FAZ) lobt das Dokudrama von 2015.


Romeo – DDR-Spionage in Westdeutschland, mit Martina Gedeck

Nicht verwechseln mit Timothy Gorton Ashs Buch gleichnamigen Buch!


Der heimliche Blick – Wie die DDR sich selbst beobachtete 2015, 44 Min.

Aufnahmen aus dem DDR-Alltag, die nicht veröffentlicht wurden.


Stasi-Mediathek der Stasi-Unterlagenbehörde


Der Filmemacher Gerd Keil hat alle seine Filme, die meisten haben den Schwerpunkt DDR, auf einen Youtube-Kanal gestellt: über Spionage, Zwangsadoption, Stasi, Honecker und Genossen, Vereinigung, Unterricht über die DDR.

Unbedingt Gerd Keils Webseite ansehen! Sein Fluchtversuch wurde der Stasi von seinem Vater und seinem Bruder verraten.


Siehe auch die Literatur- und Medienliste „Ampelmännchen und Todesschüsse“!

Platzecks Geschichtsklitterung (wiedergelesen)

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Der Beitrag stand 11/2009 auf Basedow1764. Ich habe ihn wiedergelesen, weil er im Zusammenhang mit Platzecks Sicht auf Russland zeigt, dass er sich treu geblieben ist.

SED-Wappen„Wir wollen nicht verklären“, sagt Ministerpräsident Platzeck (Stand 2009!; GS). Das unterschreibt auch sein neuer Koalitionspartner, die Linkspartei. Man will nur sagen, wie es wirklich war. Und zukünftig dafür sorgen, dass die Landeszentrale für politische Bildung auch die „Wende“version der Linkspartei verbreitet. Die geht so:  „Wir wussten, dass sich was ändern muss.“ (Originalton Dr. Enkelmann, PDS). „Wir haben unsere Leute nicht schießen lassen und dadurch ein Blutvergießen verhindert“ (Dr. Gysi u. a.). „Mit einem 5-Mrd.-Kredit hätten wir das Land weiter regieren können“ (Originalton DDR-Wirtschaftsministerin Dr. Luft). „Erst die Treuhand hat die im Grunde gesunde Substanz der Wirtschaft zerstört“ (Originalton G. Grass, D. Dahn u. v. a.).

Von den Bürgerrechtlern, die sich in diesen Gedenktagen häufig auf Podien wiedersehen, kommen inzwischen selbstkritische Töne: „Wir sind über den Tisch gezogen worden.“ „Die haben uns (in die Potsdamer Stasizentrale) erst rein gelassen, als sie fertig mit dem Aktensäubern waren.“ „Während wir vorne am Runden Tisch, der paritätisch mit SED und Bürgerrechtlern besetzt war saßen (bei den Bürgerrechtlern saßen natürlich auch IMs), haben die hinten weiter Akten vernichtet.“ „Die Stasi-Besetzungen waren Nebenschauplätze.“ „Das Gute war, dass es bald freie Wahlen gab und dass diese Wahlen um einen Monat vorgezogen wurden. Denn die Restauration schritt voran.“

Das MfS/AfN, die Regierung Modrow, der Innenminister Diestel haben dafür gesorgt, dass nicht alles zerschlagen oder aufgelöst wurde, dass weiter Akten vernichtet wurden (Das zog sich bis in Regierung de Maizière hinein!), dass die MfS-Leute günstig Wohnungen und Häuser kaufen konnten, geschönte Lebensläufe bekamen und finanziell abgesichert in die neue Zeit gingen. Die SED-Juristen in den Verwaltungen und an den Runden Tischen hatten sehr schnell westdeutsches Recht gelernt und blockierten die mutigen, aber naiven Bürgerrechtler rechtsstaatlich einwandfrei, wo es ging.

In Westdeutschland interessiert das alles wenig, in Ostdeutschland eigentlich auch nicht.

Jetzt setzt Herr Platzeck noch eins drauf. Er instrumentalisiert die westdeutsche Nachkriegsgeschichte für die Legitimierung und Überhöhung seiner rot-roten Koalition. Den Rest des Beitrags lesen »

Was man über die DDR gelesen haben sollte

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Die Liste hatte ich 2011 veröffentlicht und 2016 um einen Titel aktualisiert. Man kann nicht oft genug auf gute Bücher zur DDR hinweisen. Zu den meisten gibt es im Blog einen Beitrag. Die ursprüngliche Liste wurde leicht gekürzt. Die fett Gedruckten mag ich besonders. Die Reihenfolge ist zufällig:

Zeitzeugenportal Brandenburg

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Ulrike Poppe, die Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur (LAKD), stellte heute das Webportal www.zeitzeugen.brandenburg.de vor. Es geht um „Erfahrungsberichte über politisches Unrecht und Widerstand von 1945 bis 1989.

Finanziert wurde das Projekt aus dem „Mauerfonds“ des Bundes für soziale und kulturelle Projekte. In ihn fließen Mittel aus dem Verkauf von Berliner Mauer- und Grenzgrundstücken.

Fast fünfzig Zeitzeugeninterviews sind abspielbar. Dazu gibt es die Biografien. Ein umfangreiches Glossar hilft bei der Erschließung. Vier Schwerpunktthemen sind kurz erläutert, ihnen sind Zeitzeugen zugeordnet: Sowjetische Speziallager, Volksaufstand, Mauerbau, Spezialheime der Jugendhilfe. In den Interviews kann auch frei nach Namen, Orten, Stichwörtern gesucht werden.

Das Portal soll erweitert werden.

Ich kann nicht viele Schicksale einfach so hintereinander lesen.

In Brandenburg sind die von der SED-Verfolgten als Zeitzeugen umstritten. Professoren der Universität Potsdam behaupten eine Überwältigung von Schülern, wenn sie mit den Erzählungen der SED-Opfer konfrontiert werden. Ein anderer Potsdamer Historiker sieht eine Überbetonung der Repression beim Thema „DDR“ im Schulunterricht.

Umso bemerkenswerter, dass es dieses Portal jetzt gibt. Es war wohl auch eine richtige Entscheidung die LKAD dem Landtag zuzuordnen und nicht der Staatskanzlei oder einem Ministerium.

Historische Bildung wird beliebig

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Auf meiner Warteliste der zu besprechenden Links steht ein Aufsatz von der Webseite der Bundeszentrale für politische Bildung:

Subjektorientierte historische Bildung. Geschichtslernen in der Auseinandersetzung mit widersprüchlichen Deutungsangeboten zur DDR-Geschichte,

von Johannes Meyer-Hamme, http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/139259/subjektorientierte-historische-bildung?p=all

In den ersten Sätzen des Textes wird die Einseitigkeit der Geschichtsbilder moniert, die die DDR als Unrechts- und Repressionsstaat zeigen. Den Rezipienten würde dieses DDR-Bild aufgedrängt werden.

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Kurzübersicht zur Verwendung der Medienkiste „Ampelmännchen und Todesschüsse“

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Mir fällt gerade auf, dass ich die hier gezeigte Präsentation digital nie öffentlich gemacht habe. Sie war vor drei Jahren für eine Vorstellung auf der Geschichtsmesse der Stiftung Aufarbeitung entstanden.

Am besten zu verstehen ist sie allerdings, wenn man die gleichnamige Handreichung und die dazu gehörigen Medien kennt.

Handreichung und Medienliste wurden seit 2009 über 10.000mal aufgerufen und 100mal heruntergeladen.

Rückmeldungen bekam ich leider nie.

Außer diesen beiden: Ein Brandenburger Geschichtslehrer wollte meine letzte reale Medienkiste erst haben, holte sie dann aber, ohne abzusagen zum vereinbarten Termin nicht ab. Und die für Schule zuständige Mitarbeiterin der Brandenburgischen Diktaturbeauftragten erblickte in der Handreichung einen Verstoß gegen den Beutelsbacher Konsens und riet mir zu einer Überarbeitung.

Was ich wohl nie erfahren werde: Was haben die gemacht, die die Seite aufgerufen haben? Haben sie vor Schreck gleich weitergeklickt, haben sie eigentlich eine Handreichung zum Angeln gesucht, waren sie dankbar, dass sie keine eigene Unterrichtsvorbereitung mehr schreiben mussten?

Nachtrag: Zufällig sehe ich, dass die Präsentation auf drei Plattformen ohne Herkunftsnachweis unter drei verschiedenen Namen hochgeladen hochgeladen wurde.

Der Beutelsbacher Konsens und die Geflüchtetenkrise

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Der Leserbrief einer fachdidaktisch beschlagenen FAZ-Leserin schärft den Blick!

In der Debatte um die richtige DDR-Aufarbeitung meldete sich – wie schon in einem früheren Beitrag erwähnt –  der ehemalige DDR-Militärhistoriker Prof. Angelow von der Universität Potsdam zu Wort und kritisierte das seiner Meinung nach den Schulen verordnete einseitige Geschichtsbild von der DDR. Stattdessen solle der westdeutsche Beutelsbacher Konsens angewandt werden: Ausgewogenheit, Kontroversität, Überwältigungverbot, Ergebnisoffenheit. (Link)

Die Leserin wendet das in Brandenburg so beliebte Konsenspapier in einem anderen Zusammenhang an. Sie fragt nach einer ausgewogenen, kontroversen, nicht belehrenden Berichterstattung zur Geflüchtetenkrise.

Stasiakten in der Abiturprüfung

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Im Friedrich-Ebert-Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf werden im Rahmen der Abiturprüfung Stasi-Akten genutzt. Die sogenannte 5. Prüfungskomponente ist eine Präsentationsprüfung, in der die Schüler ein selbst gewähltes Thema erarbeiten und vorstellen. An diesem Gymnasium wird dafür in Zusammenarbeit mit der BStU die Recherche in den Stasi-Unterlagen angeboten.

Jetzt hatte das Stasi-Museum in der Normannenstraße Abiturienten eingeladen, ihre Arbeiten vor Fachpublikum noch einmal zu präsentieren. Die Fachleute konnten feststellen, dass nicht einfach aus dem Internet abgeschrieben worden war, sondern wissenschaftspropädeutisch gearbeitet wurde.

Die Themen waren: Die Pharma-Tests westlicher Firmen, der Einfluss westlicher Rockmusik auf DDR-Gruppen, die Tauglichkeit der deutschen Einheit für die beiden Koreas. Frühere Themen waren u. a. die Verwendung radioaktiver Substanzen zur Markierung von Personen (Dies wurde bei Westreisen von Wirtschaftsvertretern eingesetzt.)

(nach einem Bericht in: Der Stacheldraht 8/2016, p 12, Zeitschrift des Bundes der Stalinistisch Verfolgten e.V., Landesverband Berlin-Brandenburg)