DDR

Kein Indianerspiel: DDR-Reportagen eines Westjournalisten

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„Kein Indianerspiel: DDR-Reportagen eines Westjournalisten“ enthält Reportagen von Karl-Heinz-Baum, dem langjährigen DDR-Korrespondenten (1977-90) der Frankfurter Rundschau.

Man erfährt in dem E-Book aus dem Chr. Links Verlag nicht nur viel über die Politik der SED und den Alltag der Ostdeutschen, sondern auch über die schwierige Arbeit westlicher Journalisten im SED-Staat. Baum berichtet, wie er die Stasi-Bewacher austrickst, wie gefährlich Kontakte zu ihm für Ostdeutsche waren. Die in seiner Wohnung herrschende Unordnung brachte die Stasi zum Verzweifeln. Als er wieder einmal etwas einfach in eine Ecke warf, setzte er mit dem Wurf allerdings eine Stasi-Wanze außer Gefecht.

Das Buch enthält Fragen für Schüler zum Text. Nach meiner Einschätzung frühestens für einen Leistungskurs „DDR“ geeignet. wie so oft bei gut gemeinten Unterrichtsvorschlagen viel zu viel, viel zu akribisch. Bis man die Antwort(versuche) abgearbeitet, erörtert, korrigiert hat, sind die wenigen Wochenstunden zum Thema längst aufgebraucht.

Aber gut, dass die Stiftung Aufarbeitung die Herausgabe dieses E-Books ermöglicht hat

Damals, als Baum in der FR schrieb, war ich noch Leser dieser Zeitung. Sie spielte mit einer Auflage von fast 200.000 Exemplaren in der Bundesliga der deutschen Presse eine wichtige, linksliberale, gewerkschaftsnahe Rolle. Das waren die Zeiten des Chefredakteurs Werner Holzer, der Redakteure Karl-Hermann Flach und Wolfram Schütte.

Seit der Jahrtausendwende spielt sie nur noch als Lokalblatt in der Kreisliga der  israelfeindlichen, den Schwarzen Block in Schutz nehmenden, den nordafrikanischen Brauch des Antanzens mit anschließender Vergewaltigung auch auf dem Oktoberfest wahrnehmenden linken Blätter. Der jetzige Chefredakteur nennt den Blog AchGut von Henryk Broder niederträchtig, ein linker Professor darf gegen den von anonymen Studenten denunzierten Historiker Jörg Barberowski anschreiben. Eine FR-Journalistin sprach von der zuckenden Fratze von Thilo Sarrazin und rät zu „Hausbesuchen“ der Antifa bei unliebsamen Bürgern.

Das spricht ein linkes Milieu an, zu dem ich nicht gehören möchte. Thomas Schmid spricht von einem Blatt für „linke Spießer“.

 

Spektakuläre DDR-Fluchten

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Es gibt eine Reihe unglaublicher, mutiger Fluchten und Fluchtversuche. Guido Knopp hat sie dokumentiert.

Siehe auch „Hörbuch Fluchttunnel“

Westmedien

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Mir aus der Seele gesprochen: Gunter Weißgerber über „Westpresse“ vor 1989 und heute

DDR-Bewohner schrieben an die BBC

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Susanne Schädlich fand zufällig in Stasi-Akten einen Hinweis auf abgefangene Briefe Ostdeutscher an die Londoner BBC. Sie wurden dort viele Jahre in einer in der DDR beliebten Hörfunksendung verlesen. Hier ihr Bericht. Sie hat inzwischen in einem britischen Archiv Originalbriefe gefunden und konnte einen vom MfS aufgespürten und verurteilten Briefschreiber interviewen. Daraus ist ein Buch entstanden.

Von Susanne Schädlich ist u. a.auch „Immer wieder Dezember“, die Geschichte, wie ihr Onkel ihren Vater, den Schriftsteller Hans-Joachim Schädlich an die Stasi verriet und sich dann selbst tötete.

Die BBC-Sendung „Briefe ohne Unterschrift“ lief von 1949 bis 1974 am Freitagabend 20.15 Uhr. Die Briefe wurden an wechselnde Deckadressen in Berlin (West) geschickt und nach London weitergeleitet. Die Stasi fing jährlich bis zu 1.000 Briefe ab und suchte intensiv nach den Briefschreibern.

Im Zuge der KSZE-Entspannungspolitk wurde die Sendung eingestellt. In den letzten Jahren häufte sich in den Briefen die Kritik an der sozialliberalen Ostpolitik, die der SED nach Meinung der Briefschreiber zu weit entgegenkam.

Demokratischer Sozialismus: Original und Mogelpackung

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Scheinbar gibt es im wieder vereinigten Deutschland zwei Parteien des demokratischen Sozialismus, die SPD und die Partei Die Linke. Wie geht das?

Nun, die eine ist Original, die andere Fake.

Im Kaiserreich, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, spaltete sich die Arbeiterbewegung. Nicht alle Voraussagen von Karl Marx über die Verelendung des Kapitalismus waren eingetreten. Die SPD hatte immer mehr Wählerstimmen gewonnen. Sie stellte 1912 erstmals die stärkste Fraktion im Reichstag. Allein Wahlrecht, Wahlkreiseinteilung und die nicht vorgesehene Kanzlerwahl durch das Parlament verhinderten einen sozialdemokratischen Kanzler. Den gab es erst in der Weimarer Republik.

Der demokratische Sozialismus war die Richtung, mit der der bisherige revolutionäre Sozialismus revidiert wurde. Daher spricht man von Revisionismus. Die Revisionisten akzeptierten angesichts der Erfolge der SPD bei den Wählern den Parlamentarismus und den Rechtsstaat, schließlich auch die Marktwirtschaft. Diesen letzten Schritt ging die SPD 1969 mit ihrem Godesberger Programm. In ihm wurde der Verstaatlichung von Industriebetrieben und auch dem Kampf gegen die Kirchen eine Absage erteilt. Unterstützung kam vom ehemaligen Kommunisten Herbert Wehner („Glaubt einem Gebrannten!“). Der SPD ging es nicht mehr um den revolutionären Systemwechsel und den kommunistischen Endzustand in ferner Zukunft, sondern darum, die bestehenden Zustände stetig zu verbessern. Sie war jetzt endgültig die Partei des demokratischen Sozialismus.

Die revolutionären Sozialisten fanden über Vorläufer Gruppen und Bünde 1918 in der KPD, der Kommunistischen Partei Deutschlands zusammen. Die sagte sogleich der entstehenden Weimarer Republik den Kampf an. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg unterstützen den bewaffneten Kampf gegen die Republik. Der KPD-Chef Ernst Thälmann organisierte Aufstände gegen die Republik in Sachsen, Thüringen und Hamburg, um die 1919 gescheiterte Revolution doch noch zu entfachen. Vorbild waren der Putsch der Bolschewisten in Russland und ein kommunistischer Rätestaat. Mit seiner Kandidatur 1925 bei der Reichspräsidentenwahl entzog er den sozialdemokratisch-bürgerlichen Wählern die Mehrheit. So wurde der Sieg des rektionären Hindenburgs mit all seinen schädlichen Folgen für die Weimarer Demokratie möglich.

Es waren nicht zuletzt Sozialdemokraten, die die linksradikalen Aufständischen bekämpften und die Republik retteten. Es gab im sozialdemokratisch regierten Preußen ein Uniformverbot für die nationalsozialistische SA und einen „Radikalenerlass“ gegen KPD- und NASDAP-Angehörige im Staatsdienst. die KPD dagegen kooperiert gelegentlich mit den Nazis und verweigerte sich der Zusammenarbeit mit der SPD gegen die Nazis.

Bis heute denunzieren die Kommunisten die revisionistische SPD: „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten! Sozialdemokraten sind „Sozialfaschisten“. Lange Jahre noch lief jeder Bewohner der DDR, der von demokratischem Sozialismus sprach, Gefahr im Zuchthaus zu landen. Sozialismus wäre in sich demokratisch, meinte die SED. Der Sozialismus galt als  Überwindung der bürgerlichen Demokratie. Demokratischer Sozialismus war eine überflüssige Verdopplung. Kommunisten anderer Länder sprachen von Volksrepublik. Dabei meinte Republik schon Volksherrschaft. Die SED verwandte den bürgerlichen Begriff „demokratisch“ trotzdem im Staatsnamen. wie Ulbricht schon sagte: „Es muss demokratisch aussehen.“

Es überrascht daher, dass die SED sich 1990, nach dem Zusammenbruch der DDR, in „Partei des demokratischen Sozialismus“, PDS, umtaufte.

Die PDS/Linkspartei beruft sich in ihrem Parteiprogramm auf Eduard Bernstein, den Vater des demokratischen, nicht revolutionären Sozialismus. Sie beruft sich aber auch auf die revolutionären, am Bolschewismus orientierten Aktivisten wie Luxemburg und Thälmann. Sie liefert einen Kessel Buntes, aber keine Klarheit darüber, wo sie ideologisch steht. Angesichts der Kommunistischen Plattform und Dutzender weiterer Gruppierungen, die das Wort „kommunistisch“ im Namen führen, und einer ehemaligen Vorsitzenden, die zusammen mit einer ehemaligen RAF-Terroristin „Wege zum Kommunismus“ sucht, ist eine „Wende“ der Kommunisten zum demokratischen Sozialismus wenig glaubhaft. Allein der Name „Rosa-Luxemburg“ für die Partei-Stiftung zeigt, wie ernst der demokratische Sozialismus gemeint ist. Nichts lag ihr ferner als die sozialdemokratische Variante des Sozialismus.

 

Leben in der DDR

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Interessante Einblicke in den DDR-Alltag vermittelt eine Dokumentation (ZDF 2013, Gerd Gerlach, Nina Rothermundt, 4 Teile). Ich vermute, dass sie keinen Eingang in die beliebten DDR-Alltagskulturmuseen finden wird, obwohl die Serie bewusst den Alltag und nicht die Haupt- und Staatsaktionen zeigt.

Der Titel ist: „Wie die DDR wirklich war“. Woher der hier zu sehende Titel „schockierende Lebenszustände“ stammt, weiß ich nicht. Er ist reißerisch und  überflüssig.

Überflüssig ist wohl auch zu verneinen, dass ich durch meine Postings die Bürger Ostdeutschlands herabwürdige. Das schrieb mir ein Kommentator.

Die vier Originaltitel gibt es in der ZDF-Mediathek noch bis Anfang Januar 2018.

 

Kurt Lichtenstein: ein Kommunist wird an der Zonengrenze erschossen

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Kurt Lichtenstein hatte eine lupenreine kommunistische Biographie: Als KPD-Funktionär vor den Nazis nach Russland geflohen, in Frankreich in der Résistance tätig, als französischer Fremdarbeiter im Nazideutschland eingesetzt, war im spanischen Bürgerkrieg, arbeitete mit Ulbricht und Honecker zusammen, war ab 1947 KPD-Abgeordneter in Nordrhein-Westfalen.

Dann kam es, wie es kommen musste: Er wird als angeblicher Verräter enttarnt und 1953 aus der Partei ausgeschlossen. Er arbeitet als Hilfsarbeiter, bis er eine Anstellung bei einer Zeitung bekommt.

1961 sieht an der damals noch offenen, aber bewachten Zonengrenze eine DDR-Ernte-Brigade und steigt aus, um sie zu filmen. Er wird von DDR-Grenzern wenige Meter von der Grenze entfernt durch Schüsse tödlich verletzt. Herbert Wehner nahm an seiner Beerdigung teil.

Der Forschungsverbund SED-Staat an der FU Berlin hat seine Geschichte festgehalten.

Helmut Kohl war 1988 privat in der DDR

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Und die Stasi war überfordert.

Hier ist der Link!

Das Kino International in Berlin

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Es gibt sie, die Beispiele der architektonischen Ostmoderne. Hier ein weiteres: Das Kino International in Berlin, eröffnet 1963 in der 1961 von Stalinallee in Karl-Marx-Allee umbenannten Straße in der Nähe des Alexanderplatzes.

Kino International Berlin
Foto: Daniel Horn, Yorck Kinogruppe

In Monumente, der schönen Zeitschrift der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, steht mehr darüber.

 

Franz Fühmann

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Von Franz Fühmann kenne ich nur eine einzige Erzählung: „Das Judenauto“. Diese Geschichte hat mich sehr beeindruckt. Ich denke, ich stieß auf sie Ende der 70er Jahre als Lektürevorschlag für die Schule.

Zur Inhaltsangabe verlinke zu Dieter Wunderlichs Film- und Buchtipps-Seite.

Was mich seinerzeit beeindruckte, war, dass dieser Text eines DDR-Schriftstellers von Juden und Antisemitismus, von der Entstehung eines Vorurteils handelte. Er macht deutlich, dass die Entstehung eines Vorurteils ein komplexer, psychologischer, sozialer Prozess ist. Das, was wirklich ist, und das, was vernünftig ist, spielen dabei keine wesentliche Rolle. Fantasie und Einbildung überlagern oder verfälschen die Realität. Deswegen ist es so schwer, über Vorurteile aufzuklären und sie mit Argumenten und Tatsachen zu widerlegen.

Dass ein solch subtiler Text aus der DDR kam, das fiel mir damals schon auf. Denn der SED war nicht sehr an Juden gelegen, Antisemitismus und Holocaust waren kein Thema. (Jurek Becker – Jakob, der Lügner, Bronsteins Kinder – sind kein Gegenbeweis. Becker war selbst Jude. Sein Drehbuch „Jakob der Lügner“ wurde zuerst einmal von den Kultur-Aufpassern abgelehnt.) Aber es machte mich auch nicht neugierig auf mehr Fühmann. Was er sonst noch geschrieben hatte, war mir nicht bekannt, ich hörte auch nichts darüber.

Was ich wusste, war, dass er einst glühender Nationalsozialist, dann glühender Stalinist und auch später noch überzeugter Sozialist und DDR-Bürger war.

Jetzt stoße ich auf das Buch „Ins Innere. Annäherungen an Franz Fühmann, hrsg. von Peter Braun und Martin Straub, Göttingen: Wallstein 2016. Es enthält Beiträge mehrerer Autor/-innen zu Begegnungen mit ihm, zu seinem Leben und einzelnen Werken. Sie machen bekannt mit einem großartigen Menschen.

Der ehemalige Jesuitenschüler war wohl ein sehr religiöser Mensch. Seine Hingabe an die links- und rechtsextremen Ideologien ist für mich kein Widerspruch, eher ein Beweis.

Als Kriegsgefangener darf er eine sowjetische Antifa-Schule besuchen. In ihnen sollen Nazis zu Marxisten umerzogen werden. Fühmann wird Lehrgruppenleiter. Ihm wird bescheinigt, für eine leitende Tätigkeit in der SED-Kulturbürokratie oder im Journalismus befähigt zu sein.

Trotz allmählicher Enttäuschung von der (Kultur-)politik der SED, bleibt er Sozialist und versucht, durch konstruktive Kritik, die DDR zu verbessern. Dadurch gerät er ins Visier des MfS. Allein die Devise Mielkes, die Feinde der DDR nicht wegzusperren, sondern sie zu zersetzen und unglaubwürdig zu machen, rettet ihn vor dem Zuchthaus. Der Chef des Hinstorff-Verlages und andere aus Fühmanns Umgebung schreiben Berichte über ihn. Bonzen aus der Kulturbürokratie versuchen, ihn zu beeinflussen.

Fühmann wurde zum Fremdling in seiner Wahlheimat DDR. So formuliert es einer der Autoren des Erinnerungsbandes. Er wurde 1957 Nationalpreisträger, ab 1958 flog er aus allen Ämtern.

Es überrascht nicht, dass die SED auch über „Das Judenauto“ nicht begeistert war. Das entsprach nicht dem holzschnittartigen Narrativ vom antifaschistischen Staat, in dem man wenig für Juden und für Israel übrig hatte und die Erinnerung an den Holocaust den Westdeutschen überließ. Eine solche individuelle, sehr persönliche Annäherung an ein Thema, das in der DDR tabuisiert war, konnte der SED nicht gefallen.

Bei Franz Fühmanns Beerdigung 1984 hatte die Stasi vor der Zeremonie Kränze, die vom Ständigen Vertreter der Bundesrepublik Deutschland und westdeutschen Verlagen niedergelegt worden zu den Gartenabfällen bringen lassen.

Nachtrag, zwei Stunden später: Ich stehe vor dem Bücherregal und will „Ins Innere. Annäherungen an Franz Fühmann einsortieren.

Oh, wie peinlich! Da steht „Die dampfenden Hälse der Pferde im Turm von Babel. Ein Sprachspielbuch für Kinder von Franz Fühmann“. Wie konnte ich das vergessen. ein wundervolles Buch über Sprache, 1978 im Ostberliner Kinderbuchverlag erschienen. eine Fundgrube für Ideen zum Kreativen Schreiben. Lang ist´s her…