DDR-Aufarbeitung

Vorbild und Zerrbild: wie wirkt die DDR-Schule nach?

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Veranstaltungen der Bundesstiftung Aufarbeitung in Berlin besuche ich recht häufig. Sie lohnen sich fast immer. Hochkarätige Referenten oder mit ausgewiesenen Experten besetzte Podien sind die Regel. Im Publikum sitzen überwiegend ältere Jahrgänge, fast immer mit  Erfahrungen und Wissen zum Thema.

Jedes Mal wäge ich ab: Bleibe ich im schönen Potsdam auf dem Balkon sitzen, rauche eine Zigarre und trinke einen Rosé oder mache ich mich auf den Weg nach Berlin-Mitte?

Diesmal hieß die Veranstaltung „Vorbild oder Zerrbild? Die DDR-Schule in der gesamtdeutschen Bildungsdebatte“.

Mir gefiel die Formulierung nicht. In der deutschen Bildungsdebatte spielt die Ostschule keine große Rolle. Das Wort „gesamtdeutsch“ gehört in die Zeit der Teilung. „Vorbild oder Zerrbild?“ taugt als provozierende Schlagzeile, um aufzufallen. Die beiden Pole, um die eine Diskussion über die Ostschule kreisen sollte, sind sie für mich nicht.

Die eingeladenen Referenten sagten mir, abgesehen von Prof. Geißler und Frau Teuteberg nichts. Als Moderator wurde David Ensikat genannt. Vor drei Jahren hatte sein (Jugend-)buch über das kleine Land mit der großen Mauer ebenfalls schon gemischte Gefühle hinterlassen.

Das, was ich hier aufschreibe, spielte sich in Sekunden im Kopf oder eher im Bauch ab: Ich fahre nicht hin.

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Lesetipp: Manfred Quiring, Putins russische Welt

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Quiring, PutinDas Buch der US-amerikanischen Politologin Karen Dawisha über Putins Kleptokratie hat keine Chance, ins Deutsche übersetzt zu werden, weil die Verlage Angst vor Putins Anwaltskanzleien haben.
Nun hat der Moskau-Korrepondent der (Ost-)Berliner Zeitung und später der Welt, Manfred Quiring, beschrieben, wie in Russland Geheimdienstleute (früher KGB, jetzt FSB), Oligarchen und Mafia-Clans die zarten marktwirtschaftlichen und demokratischen Ansätze der frühen 90er Jahre erst zu ihren Gunsten ausgenutzt und inzwischen beseitigt zu haben.
Das Volk wird mit nationalistischem Getöse zugedröhnt: Siegesfeiern über die Deutschen, Propaganda vom bedrohten, aber überlegenen Russland, Lobpreisung Stalins.
Der Westen gilt als dekadent und russlandfeindlich. Aber die Milliardäre um Putin bringen ihr Geld und ihren Immobilienbesitz gerne auf den Cayman-Inseln und bei panamaischen Banken unter, lassen ihre Kinder an der US-Ostküste studieren und fahren deutsche Edelautos.
Der langjährige Russlandkenner Quiring zitiert immer wieder russische Quellen und kennt aus seiner Korrespondententätigkeit manche Drahtzieher.
Er greift die deutsche Debatte über die angebliche Ost-Erweiterung der NATO auf und geht Satz für Satz durch, warum das eine unsägliche Geschichtsklitterung ist.

Man wünscht sich, dass die Putin-Versteher, allen voran Matthias Platzeck, einen Blick in das Buch werfen. Wenn man russische Sprache, russische Literatur liebt und russische Freunde hat, muss man nicht ständig dem Westen Überheblichkeit und Aggressivität vorwerfen und bei Russland großzügig über alles hinwegsehen.

Ein Gewinn ist, dass Quiring es versteht, Skandale, Morde, unfassbare Geldgeschäfte, Aufstieg und Fall einzelner Personen in den Gesamtzusammenhang der Transformation Russlands von einem hoffnungsvollen Partner des Westens zu einem Failed State a la Somalia und Venezuela zu stellen.

Ein russischer Wissenschaftler hat die Weltmarkterlöse für Rohstoffe mit der russischen Außenpolitik verglichen. Er kommt zu dem Ergebnis, dass immer dann, wenn steigende Preise für Öl und Gas Geld in die Kassen des Kreml spülte, Russland als Aggressor auftrat: Der Beginn des Tschetchenien-Krieges, der Einmarsch in Afghanistan, Krim-Annexion und Ostukrainekrieg fanden in Zeiten hoher Rohstoffpreise statt. Wenn die Kassen leerer wurden, wurde Russland außenpolitisch zahm und nahm auch gerne westliche Kredite in Anspruch.

Das Buch ist eine Dokumentation, kein Kriminalroman. Aber man liest es mit offenem Mund.

Ein Nebeneffekt der Lektüre (nicht nur dieser): Wie gut, dass die Transformation der DDR in eine Marktwirtschaft und Demokratie nicht so verlaufen ist. Es gab zwar Ansätze, einiges lief so. Aber  es war doch eine Nummer kleiner und mit der Eingliederung in die Bundesrepublik blieb Ostdeutschland nicht sich selbst überlassen. Zwar wanderten auch Grundstücke und Häuser preisgünstigst aus Staats- und Parteibesitz an schlaue Kader. Manche Manager verkauften ihren Betrieb an der Treuhand vorbei oder sahen sich plötzlich als Chef einer Agro-GmbH, die sie vorher als LPG-Vorsitzender geleitet hatten.

Die Idee, der Bevölkerung Anteilscheine an den Staatsfirmen zu geben, führte in Russland dazu, dass clevere Unternehmer diese von den ahnungslosen Menschen kauften und so in den Besitz der privatisierten Staatskonzerne kamen. Die Idee gab es auch beim Zusammenbruch der DDR. Und sie wird bis heute glorifiziert. Dumm war nur, dass das Volkseigentum an zum großen Teil maroden, nicht weltmarktfähigen, die Umwelt belastenden Betrieben nicht viel wert war. Und die Abnehmer im Comecon waren weggebrochen oder kauften lieber im Westen.

Wie gut, dass man alles, was schief ging, der Treuhand in die Schuhe schieben kann.

Schüler drehen Film über Speziallager

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Nicht sehr oft kommt es vor, dass ein sowjetisches Speziallager das Interesse von Jugendlichen hervorruft. Eher geht es um die nationalsozialistischen Konzentrationslager und nicht darum, wie die Sowjets nach der Befreiung Deutschlands vom Faschismus die Lager weiternutzten. (Zu Speziallagern siehe im Blog u. a. hier!)

Oranienburger Gymnasialschüler drehen einen Film mit einem der letzten Zeitzeugen, der drei Jahre im Speziallager auf dem Gelände des ehemaligen KZs Sachsenhausen in Oranienburg bei Berlin verbringen musste.

Das Thema Speziallager war in der DDR tabu. In den Geschichtsbüchern und dem Geschichtsunterricht spielen sie auch heute keine Rolle. In der brandenburgischen Gedenkstättenstiftung dominiert die antifaschistische Bildungsarbeit. Die sowjetischen Speziallager sind ein nachrangiges Thema, das man nicht verhindern konnte.

Ein Nachhall davon ist noch beim Pressesprecher der Stiftung zu hören. In der PNN v. 13.6.17 wird über das Filmprojekt berichtet und der Stiftungsmitarbeiter zitiert. Demokratie falle nicht vom Himmel und sei stets gefährdet und: „Die Schüler lernen am Nationalsozialismus und den Folgen, was schlimmstenfalls möglich ist.“

 

Unser Faschismus kann auch Antifaschismus

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Ein ausgezeichneter Essay von Matthias Moosdorf über die Deutschen.

Circa 1.000 Tote an den Grenzen der DDR

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327 Menschen sind an der Zonengrenze, der innerdeutschen Grenze, in den 40 Jahren der Existenz der Deutschen Demokratischen Republik gestorben. Diese Zahl steht in der neuen Untersuchung von Jochen Staadt und Klaus Schroeder vom Forschungsverbund SED-Staat der FU Berlin. Sie haben fünf Jahre recherchiert. Nur noch eine Handvoll Todesfälle sind ungeklärt.

Wenn man die 139 Toten an der Berliner Mauer, die 39 vor dem Mauerbau an der Sektorengrenze Getöteten (plus 100 Verdachtsfälle), die bei der Flucht über die Ostsee (26 sind bekannt) und die an den Außengrenzen der DDR Getöteten addiert, sind es ca. 1.000 Tote.

In Tschechien hält man nicht viel von der Aufarbeitung der Verbrechen der Grenzsoldaten

Der Stacheldraht – Zeitschrift der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft

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Auch wenn ich kein von der SED-Verfolgter bin, lese ich das Verbandsblatt mit Gewinn (und spende gelegentlich).

Es findet sich viel zur Aufarbeitung des Geschehens in der DDR und natürlich sind auch die Informationen über die Unzulänglichkeiten und Benachteiligungen bei der Linderung des materiellen und psychischen Leids der von der SED-Verfolgten aufschlussreich.  So geschah es kürzlich, dass sich nur ein linker Bundestagsabgeordneter bereit fand, mit Verbandsvertretern zu sprechen. Der sprach auch offen aus, dass es bemerkenswert sei, dass sich ausgerechnet die Nachfolgepartei der SED für ein Anliegen der von der SED-Verfolgten einsetze.

In der Ausgabe 4/2017 finde ich wiederum viele Informationen:

Der chinesische Dissident Harry Wu ist gestorben

Wus Vater war Bankier, er verlor in der Kulturrevolution Stellung und Vermögen und starb im Gefängnis. Wus jüngerer Bruder wurde von Maos Rotgardisten erschlagen, seine Mutter beging Selbstmord.

Wu galt als „Rechtsabweichler“ und wurde zu 25 Jahren Lagerhaft verurteilt. 19 Jahre saß er ab. Er wurde gefoltert. Dann erhielt er seinen Arbeitsplatz an einer Pekinger Universität zurück. Er emigrierte in die USA und bekam deren Staatsbürgerschaft.

1995 reiste er inkognito in die Volksrepublik. Er deckte den Handel mit menschlichen Organen auf. In China werden Gefangene getötet und deren Organe verkauft.

(Der Spiegel hatte in diesem Fall auch kurz berichtet.)

Nachtrag GS: Wus Ruf als Menschenrechtler und Dissident wurde beschädigt, als Yahoo Millionen Dollar Entschädigung an chinesische Dissidenten zahlte, da sie der Pekinger Regierung E-Mail-Accounts zur Verfügung gestellt hatten. Das führte in China zu zahlreichen Verhaftungen. Im Zusammenhang mit diesen Geldzahlungen gab es Vorwürfe von Dissidenten gegen Wu wegen angeblicher finanzieller Ungereimtheiten.

Andererseits weiß man, dass Dissidenten gerne etwas vorgeworfen wird, um sie unglaubwürdig zu machen.

aus: Der Stacheldraht 4/2017, p 6, von Peter E. Müller

„Universität“ Workuta

Erschütternd ist auch die Geschichte des Althistorikers Peter Musiolek. Er war mit seinen Eltern aus der Tschechoslowakei vertrieben worden und landete in der Nähe von Brandenburg a. d. Havel. Er studierte Textilchemie in Cottbus. Dort wurde er vom NKWD verhaftet und verurteilt wegen Zersetzung der DDR. Staatsfeindliche Handlungen, so der Verfasser des Berichts, Wilhelm K. H. Schmidt, konnten ihm nicht nachgewiesen werden. Musiolek kam nach Workuta. Vor der Entlassung im Vorfeld des Adenauerschen Staatsbesuchs 1955 wurden er und andere deutsche Gefangene noch wochenlang 8.000 km mit Zügen durch Sibirien gefahren. Kein Mensch weiß bis heute warum. Er war einer wenigen, die nicht nach Westdeutschland wollten. Er machte, nach einem Geschichtsstudium, Karriere als Historiker an der Humboldt-Universität.

Seiner ersten akademischen Förderin und Chefin, einer Westdeutschen, die als Anhängerin Stalins in die DDR übergewechselt war, nahm er durch seine Lebensgeschichte den Glauben an Stalin und den Kommunismus.

Er war zunehmend enttäuscht von der Hochschulpolitik der SED. Bei Prof. Kuczynski im Institut für Wirtschaftsgeschichte fand er eine Nische, die Wirtschaftsgeschichte der Antike.

Musiolek starb am 16.11.1989.

aus: Der Stacheldraht 4/2017, p 7

Ältere Ausgaben sind als pdf abrufbar

 

Die Kinder gedopter DDR-Sportlerinnen stellen Fragen

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In der FAZ v.17.5.17, p 27, berichtet Michael Reinsch von der andauernden Nichtbeachtung der DDR-Doping-Opfer: „Es reißt die Leute weg“.

Die ehrenamtliche Beratungsstelle der Doping-Opfer-Hilfe, die mietfrei in den Räumen der Robert-Havemann-Stiftung untergekommen war, muss aufgegeben werden, da die Stiftung umzieht.

Politik und der offizielle Sport zeigen nach wie vor kein Interesse am Schicksal der Opfer.

130 Opfer der zweiten Generation haben sich gemeldet. Wobei eine Schädigung nur anerkannt wird, wenn die Mutter während des Dopings schwanger war.

Den ehrenamtlich tätigen Helferinnen fällt es schwer, das, was ihnen täglich Leid und Verzweifelung begegnet, zu verarbeiten.

Die krassesten Fälle seien die, in denen Eltern den Missbrauch bis heute gut heißen. Ein Stasi-Vater hat alle Unterlagen vernichtet, mit denen die Tochter einen Antrag auf Entschädigung stellen wollte. eine Doping-Geschädigte möchte einen Mitschnitt der Gesprächsaufzeichnung für ihre Eltern. Die weigern sich, ihr zuzuhören. Die DDR wäre gut gewesen, Doping hätte es nicht gegeben.

 

Thüringen will DDR erforschen

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Die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit hatte Rot-Rot-Grün im Koalitionsvertrag vereinbart. Gerade angesichts des weltweiten Vormarsches autoritärer Herrschaftsausübung sei die Erforschung moderner Diktatur- und Herrschaftsmechanismen aktuell, sagte Minister Wolfgang Tiefensee (SPD).

Minister Tiefensee ist sicher unverdächtig. Sein Ministerpräsident hat sich, obwohl Linker, Respekt und Ansehen auch beim politischen Gegner verschafft. Hoffentlich ist Thüringen auch auf der „Arbeitsebene“, also in den Verwaltungen hinter der Landesregierung, nicht auf strammem Linkskurs.

Es gibt schon ausreichend DDR-Geschichtsschreibung, in der ein „frischer“ Blick auf die Wohlfühldiktatur geworfen wird.

Ein Mahnmal für die Opfer des Kommunismus in Deutschland

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Stephan Hilsberg plädierte 2013 für ein zentrales Denkmal für die Opfer des Kommunismus in Deutschland.

Timothy Garton Ash über seine Stasi-Akte

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Der britische Publizist und Historiker Timothy Garton Ash lebte als Student eine Zeitlang in West-, aber auch 18 Monate in Ostberlin. Er schrieb an einer Dissertation über Nazi-Deutschland.

Natürlich wurde er vom MfS misstrauisch beobachtet. Man hielt ihn, der einen Alfa Romeo fuhr, für „bürgerlich-dekadent“, dann, als er – Ende der 70er Jahre – nach Polen und Tschechien fuhr und Kontakt zu Dissidenten hatte, für reaktionär. 1982 wird er ausgewiesen.

Nach der sog. Wende nahm er Einsicht in seine Stasi-Akte und schrieb darüber: „Die Akte Romeo“, 1997. (Deutsche Ausgabe vergriffen, die englische Ausgabe bei Amazon.) Es liest sich wie ein Spionageroman von Graham Greene, ist aber dennoch eine sachliche, nachdenkliche, vor allem wahre Erzählung.

Er macht deutlich, dass die Stasi weniger ein Inlandsgeheimdienst war, in dem Agenten nachrichtendienstlich arbeiteten, sondern ein Apparat zur Überwachung und Einschüchterung der gesamten Bevölkerung. Somit unterscheidet sie sich, ungeachtet technischer Ähnlichkeiten,  von den westlichen Diensten.

Ash suchte seine Stasi-Informanten auf und interviewte sie, soweit sie sich darauf einliessen. Er sprach über ihre Biographie und ihre Beweggründe, für die Stasi zu arbeiten. Da gab es die alte jüdische Dame, die in der Hitlerzeit Kommunistin geworden war, den britischen Kommunisten, den IM aus einem Museum, der sich als Gegenleistung für die Berichte Auslandsreisen erhoffte.

Ash spricht 1997 in den USA über seine Akte: Ein Video-Clip, ca. 30 Minuten Vortrag, 30 Minuten Fragen an den Autor. Er spricht gut verständlich, die Transkription übersetzt leidlich. Die Schreibweisen, die die Software für die Gauck-Behörde findet, sind unerschöpflich.