Stalin

Stephen Kotkin, Stalin

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Jörg Baberowski ist begeistert vom ersten Band der auf drei Bände angelegten Stalin-Biographie Kotkins: „Paradoxes of Power“. (FAZ 13.1.15, p 10)

Der erste Band erzählt weniger von Stalin als von den ersten Jahren der bolschewistischen Herrschaft. Lenin hätte keinen Plan gehabt, er wäre kein Stratege gewesen. Die Bolschewisten, die unter dem Zaren in Gefängnissen, in der Verbannung, im Untergrund gelebt hätten, hätten keine Ahnung davon gehabt, wie man einen Staat regiert. Sie konnten sich ihrer Herrschaft nicht sicher sein, hatten Angst, jederzeit zu verlieren. Sie herrschten durch Raub und Umverteilung, durch Einschüchterung und Terror. So konnten sie sich schließlich im Bürgerkrieg durchsetzen. Von diesen ersten Jahren sei die Sowjetunion dauerhaft geprägt worden: Misstrauen, Gewalt, Angst, Terror.

Stalin verstand es, Intrigen zu spinnen und Konkurrenten auszuschalten. Er war ganz nach dem Geschmack Lenins. Kotkin verweist die oft erzählten Spannungen zwischen Lenin und Stalin ins Reich der Märchen.

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Ausstellung „Der große Terror in Potsdam“

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Im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte wurde gestern Abend die Foto-Ausstellung „Der Große Terror 1937-1938“ eröffnet, eine Dokumentation des polnischen Fotografen Tomasz Kizny. Sie soll nach Polen, Frankreich und der Schweiz jetzt zum ersten Mal in Deutschland zu sehen sein.

Die Brandenburger Wissenschaftsministerin Kunst begrüßte, dass die Ausstellung gerade in Potsdam gezeigt werde. Für Ostdeutschland sei die Aufarbeitung des stalinistischen Terrors wichtig. Nicht nur in Russland, auch in der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands hat es Lager gegeben. Das Potsdam der DDR-Zeit war mit dem MfS-Untersuchungsgefängnis in der Lindenstraße und dem KGB-Gefängnis in der Leistikowstraße eng mit dem sowjetischen Terror verbunden. Der Direktor des Museums erzählte von den Bedenken im Vorfeld. So sei gefragt worden, ob sie gerade jetzt sein müsse, wo man der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee gedenke und überhaupt, angesichts des Holocausts verbiete sich der Verweis auf Schandtaten anderer. Er verwies darauf, dass es nicht Opfer erster und zweiter Klasse geben könne. Auch ob es die Aufgabe eines Regionalmuseums wäre, an den Terror in der UdSSR zu erinnern, sei er gefragt worden.

Es heißt, dass die Ausstellung zum ersten Mal in Deutschland gezeigt würde. Das stimmt nicht ganz. Das Verdienst gebührt der Stiftung Neuhardenberg. Dort wurde sie zum ersten Mal in Deutschland gezeigt.

Die Porträtfotos der durch den NKWD Ermordeten sind bewegend, deren Lebensende ist schrecklich. Die Fotos wurden vom NKWD kurz vor der Ermordung aufgenommen. Dank der vorübergehenden Öffnung der Archive in der Zeit der Perestroika war es möglich, sie zu finden. Gezeigt werden auch Fotos von Orten, wo man Massengräber Erschossener gefunden hat oder vermutet: Müllkippen, verwahrloste Grundstücke, Wälder und in einer Endlosschleife ein Videoclip vom Verkehr auf einer Autobahn bei Jekaterinburg im Ural, die über ein Massengrab gelegt wurde.

Ministerin Kunst hatte sich ein Zitat von Warlam Schalamov in ihre Rede schreiben lassen, aber seinen Namen falsch ausgesprochen. Das erinnerte mich an den neuen Geschichts-Lehrplan in Berlin und Brandenburg. Da sollen zwar der Herero-Aufstand und der türkische Massenmord an den Armeniern zu Beginn des Jahrhunderts unterrichtet werden, aber von den Massenmorden der Kommunisten im letzten Jahrhundert ist im Lehrplan nicht die Rede. Obwohl das einen größeren Gegenwartsbezug hätte als der Herrero-Aufstand von 1907. Gegenwartsbezug ist angeblich die wichtigste Kategorie des neuen Lehrplans, wenn ich den Zeitungen glauben darf.

70 Jahre nach Jalta

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Die Konferenz von Jalta/Krim im Februar 1945 war die zweite von drei Konferenzen der Anti-Hitler-Koalition. Die erste war 1943 in Teheran, die dritte im August 1945 in Potsdam. Es ging um die Nachkriegsordnung in Europa, die Aufteilung Deutschlands und die Fortführung des Krieges gegen Japan.

Stalin beanspruchte eine Sicherheitszone vor seinem Land. Dazu sollten gehören: Das Baltikum, Polen und der Rest Ostmittel- und Südosteuropas, darunter Griechenland, auch Italien. Finnland galt als neutral, stand aber unter sowjetischen Einfluss. Schon ein halbes Jahr vor Jalta hatte Churchill mit Stalins Zustimmung auf einem Zettel notiert:

  • Rumänien: Russland 90 % – die anderen 10 %
  • Griechenland: Großbritannien 90 % – Russland 10 %
  • Jugoslawien: 50 % – 50 %
  • Ungarn: 50 % – 50 %
  • Bulgarien: Russland 75 % – die anderen 25 %

(Was sich Churchill unter 10% vorstellte, kann ich nicht sagen.)

Italien wollten die West-Alliierten nicht Stalin überlassen. Das Land hatte eine starke kommunistische Partei und es bedurfte diplomatischer, finanzieller und geheimdienstlicher Mühen, das Land nicht an Stalin zu verlieren. Polen sollte nicht kommunistisch werden, schließlich war Groß-Britannien in den Krieg gegen Deutschland mit dem Versprechen gegangen , die Polen vor deutscher Vorherrschaft zu beschützen. Da konnte man schlecht zusehen, wie es jetzt Stalin in die Hände fiel. Bei Polen blieben weitere Fragen offen, z. B. die des Verlaufs der Westgrenze. Ungarn, so die Vorstellungen der West-Alliierten, sollte neutral werden. In Griechenland begannen die einheimischen Kommunisten 1946 einen blutigen Bürgerkrieg, in den sogar britische Truppen eingreifen mussten. (Lesetipp: Nicholas Cage: Eleni) Im Land gab es schon lange die Auseinandersetzung zwischen kommunistischen, monarchistisch-nationalistischen und republikanischen Gruppen. Die Kommunisten wurden aus dem entstehenden Ostblock heraus unterstützt.

(Mit Hilfe von Wikipedia und angestoßen von einem Kommentar in der PNN von Chr. von Marschall, in dem er schreibt, dass die Teilung Europas, die in Jalta festgelegt worden war, erst 44 Jahre später, 1989 überwunden wurde. Für die „eingefrorenen“ Konflikte in Georgien, Moldawien, Berg-Karabach, im Kaukasus und jetzt in der Ukraine bedürfe es wohl auch eines langen Atems.

Karl Schlögel, Terror und Traum. Moskau 1937

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„Terror und Traum“ von Karl Schlögel entfaltet das Panorama Moskaus in den Jahren 1937/38. Es macht die Faszination des Sowjetkommunismus spürbar, dokumentiert aber vor allem die Hölle, die er erschafft.

20 Jahre nach dem Putsch der Bolschewiki ist eine Bilderbuchwelt entstanden, ein Land mit modernsten Auto- und Traktorenfabriken, Erschließung der entlegensten Landesteile, künstlichen Wasserstraßen, monumentalen Gebäuden, Schulen und Universitäten. Moskau hat eine U-Bahn mit palastartigen Bahnhöfen, Vergnügungsparks, Galerien, Theatern und eine gigantische Baustelle für den „Palast der Sowjets“, einer Mischung aus Rockefeller-Center und der geplanten Halle des Volkes in der Reichshauptstadt Germania. Die Leninstatue auf seiner Turmspitze sollte 75 Meter hoch sein. Zu Ende gebaut wurde der Palast nicht.

Mit Radio, Film, Musik, gigantischen Paraden und Kongressen wird im riesigen Imperium und im Ausland die Botschaft von der neuen klassenlosen Gesellschaft, dem neuen Menschen und den herausragenden technischen Leistungen verkündet.

Aber nicht nur deswegen ist das Land im permanenten Ausnahmezustand. Die eine Seite der Medaille ist der Traum vom Paradies auf Erden, dem man näher gekommen zu sein glaubt. Die andere Seite ist der unfassbare Terror, der 1937/38 seinen Höhepunkt erlebt. Den Rest des Beitrags lesen »

Winston Churchill im Zweiten Weltkrieg

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In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts war die britische Regierung geneigt, Stalins Herrschaft in einem rosigen Licht zu sehen. Der millionenfache Hungertod von Polen, Kasachen und vor allem Ukrainern 1930/31 durch die Zwangskollektivierung und den Abtransport der Ernten durch die Bolschewisten und der Große Terror 1937/38 mit 900.000 Tötungen und noch viel mehr Einlieferungen in den GULag waren für Groß-Britannien innenpolitische Ereignisse, die sie nichts angingen. Man brauchte die UdSSR – wieder – als Verbündeten gegen Deutschland und seine Nazi-Tyrannen.

So gab das britische Informationsministerium zu Beginn des Weltkrieges eine Informationsbroschüre heraus, in der Stalins Mordaktionen der 30er Jahre als Nazi-Propaganda dargestellt wurden.

Auch wenn Churchill selbst keine Sympathie für Stalin und die Kommunisten hatte, der Haß auf Hitler und die schon wieder erfolgreichen Deutschen war größer. Die endgültige Niederlage Deutschlands zwanzig Jahre nach Versailles war ihm wichtiger. Da war der Feind meines Feindes der Freund.

Der britische Schriftsteller George Orwell war empört über die Beliebtheit Stalins in England. Deswegen schrieb er 1948 den Roman „1984“, in dem er einen Albtraum von einem totalitären Staat beschreibt, in dem jede Individualität unterdrückt wird und die Überwachung der Menschen mit modernsten technischen Methoden geschieht. Auf diesem Weg sah er die UdSSR.

In den Konferenzen von Teheran 1943 und Jalta 1945 ließ Churchill sich von Stalin über den Tisch ziehen. Als er im Mai 1945 erkannte, dass ganz Ostmitteleuropa und Osteuropa Stalins Beute wurden, war er für einen Moment bereit, gegen Russland in den Krieg zu ziehen, was für das kleine England natürlich völlig unrealistisch war. Man war in den Zweiten Weltkrieg gezogen, um Polen gegen Deutschland beizustehen und jetzt wurde Polen durch den Eisernen Vorhang vom befreiten Europa getrennt und erneut besetzt.

(nach der Rezension des Buches von Thomas Kielinger: Winston Churchill. Der späte Held. Eine Biographie, durch Rainer Blasius, FAZ v. 14.10.2014, p. 6)

Vor 75 Jahren: Der Ribbentrop-Molotow-Pakt

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Am 23.8.1939 wurde der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt unterzeichnet. Außenminister Ribbentrop war mit seinen Bemühungen um eine Verständigung mit Groß-Britannien gescheitert. Für ihn war der Vertrag mit der UdSSR ein großer persönlicher Erfolg. (Er war später dagegen, dass Russland von der Wehrmacht überfallen wurde.) Stalin hatte erkannt, dass Hitler nun doch kein vorübergehendes Phänomen war, deshalb verbündete er sich nach dem Scheitern von Verhandlungen mit London und Paris mit ihm, nicht zuletzt, um die westlichen Mächte zu ärgern. Immerhin zwei Jahre, 1939 bis 1941, unterstützte er mit Öl-, Getreide- und anderen Rohstoff-Lieferungen Hitlers Krieg im Westen.

In einem geheimen Zusatzprotokoll gestand Hitler Stalin Finnland, Estland und Lettland, Bessarabien und die Nordbukowina zu. Das Deutsche Reich sollte Litauen erhalten. Stalin lieferte Hitler im Gegenzug tausende deutsche Kommunisten aus, die seit 1933 in die Sowjetunion geflohen waren und von denen viele im Zuge des Roten Terrors im GULag gelandet waren.

Hitler bekam durch den Vertrag freie Hand gegenüber Polen. Er hoffte, England und Frankreich würden nicht eingreifen, wenn er gegen Polen Krieg führte. Beide Diktatoren teilten sich das Land. Auch Stalin war kein Freund der Polen. Der polnische General Pilsudski hatte in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg die noch schwache Sowjetunion militärisch besiegt und sich Teile Litauens und der Ukraine (Wolhynien, Ostgalizien) einverleibt. Stalin war damals einer der Befehlshaber der von Pilsudski besiegten Roten Armee gewesen. Für die Russen war die Besetzung Ostpolens ein Akt der Befreiung der dort von Polen unterdrückten Völker. (Nach russischen Angaben waren von den 10 Millionen Einwohnern nur 1 Million Polen, die anderen vor allem Ukrainer, Weißrussen und Juden. Andere Quellen sprechen von 5 Millionen polnisch Sprechenden. Polen hatte in der Zwischenkriegszeit eine rigorose Polonisierungspolitik betrieben. Aus dem russisch besetzten Polen wurden nach polnischen Angaben 800.000 bis 1,2 Mio. Menschen nach Sibirien und Zentralasien deportiert – mehrheitlich Polen; es waren aber auch Deutsche und Juden dabei. Die Sterblichkeit lag bei 30%. Nach sowjetischen Angaben belief sich die Zahl der Deportierten nur auf 300.000. Allein 250.000 bis 300.000  polnische Soldaten gerieten in sowjetische Gefangenschaft. Keinem wurde der Status von Kriegsgefangenen zuerkannt, tausende wurden ‚liquidiert‚.

Hitler und Ribbentrop befolgten bis 1938 die von allen vorhergehenden Weimarer Regierungen verfolgte Polen-Politik: Verzicht auf die im Versailler Friedensvertrag abgetretene Provinz Posen-Westpreußen, aber Rückgabe der Freien Stadt Danzig bei Gewährung polnischer Zugangsrechte zu den Häfen der Stadt und einen exterritorialen Straßenkorridor durch das abgetretene Gebiet nach Ostpreußen. Polen war zu keinen Verhandlungen bereit gewesen. Schon bei den in Versailles festgelegten Volksabstimmungen hatte Polen auch Gebiete mit deutscher Abstimmungsmehrheit für sich gefordert. Es kam zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, so dass britische Soldaten, die die Abstimmung überwachen sollten, Deutsche schützen mussten.

Die polnische Regierung hatte mehrfach in London um Beistand bei einem Überfall auf das Reich gebeten. Eine deutsch-polnische Grenze an Oder und Neiße wurde in der Zwischenkriegszeit als realistisches und berechtigtes polnisches Ziel gesehen.

Die Aufteilung Polens unter den beiden Diktatoren markiert den Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Vera Lengsfeld erinnert an den Hitler-Stalin-Pakt, u. a. daran, dass Wehrmacht und Rote Armee 1939 im besetzten Polen gemeinsame Paraden abhielten, dass der NKWD und die Gestapo dort Koordinierungstreffen durchführten. Das Europäische Parlament habe 2009 eine Entschließung „zum Gewissen Europas und zum Totalitarismus“ angenommen hat, mit der Forderung, den 23. August zum gemeinsamen Gedenktag für die Opfer aller totalitären und autoritären Regime zu erklären. Seitdem ist dieser Gedenktag fester Bestandteil der Erinnerungskultur der baltischen und anderer osteuropäischer Staaten. Bis heute verlaufe die Erinnerung an den Hitler-Stalin-Pakt in Europa sehr unterschiedlich. In Polen und im Baltikum sei das deutsch-sowjetische Abkommen ein zentraler Bezugspunkt der nationalen Erinnerungskulturen.

Das fiel mir schon in der Gedenkstätte Leistikowstraße in Potsdam auf, einem ehemaligen KGB-Gefängnis: Das einzige, was man dort lesen konnte: „Die Hitlerarmee überfiel 1939 Polen.“

Auch die Linkspartei spricht nicht gerne über den Hitler-Stalin-Pakt. In bewährter Manier gedenkt sie an diesem historischen Datum des Stalinisten „Teddy“ Thälmann. Der wurde, so Frau Lengsfeld, am 18. 8. im KZ ermordet. Stalin hatte nicht das geringste Interesse, seinen treuen Anhänger ins Arbeiter-und-Bauern-Paradies zu holen.

Die Gebiete, die Hitler 1939 Stalin zugestand, werden heute von den deutschen Putin-Versteher/-innen als legitime Einflusssphären Russlands angesehen.

Putin redet davon, die Russischsprachigen in den Nachbarstaaten heim ins Reich zu holen. Hitler machte 1938 in Österreich und in der Tschechoslowakei, 1939 in Danzig dasselbe.

Updates November 2014: Putin lobt den Ribbentrop-Molotow-Vertrag. Timothy Snyder dazu. Der polnische Historiker Wlodzimierz Borodziej dazu. Borodziej stellt übrigens fest, dass Polen nach dem Ende der UdSSR darauf verzichtet habe, auf der Rückgabe des 1945 von Stalin weggenommenen Ostpolens zu bestehen.

Empathie für Putin als Folge mangelnder Kenntnis der Geschichte Ostmitteleuropas?

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Ich glaube, dass ein wesentlicher Grund für die Empathie für Putin die mangelnde Kenntnis der Geschichte Ostmitteleuropas im 20. Jahrhundert ist.

Für viele, nicht zuletzt Journalisten, beginnt sie 1939 mit dem deutschen Einmarsch in Polen und 1941 mit dem Überfall auf die Sowjetunion mit all den entsetzlichen Untaten der deutschen Armee- und Polizeieinheiten: die Einsatzgruppenmorde, die Belagerung Leningrads, der Kommissarbefehl, das Verhungernlassen russischer Kriegsgefangener, die Deportation der Fremdarbeiter. Das alles ist so monströs, dass die Aufarbeitung der deutschen Schuld keinen Platz ließ für eine Kenntnisnahme der gesamten ostmitteleuropäischen Geschichte.  Den Rest des Beitrags lesen »

Russische Propaganda erfolgreich

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Erst dachte ich, ich hätte mich verlesen. Da gab es eine Sendung von zwei ARD-Journalisten aus der Redaktion des angeblich medienkritischen Magazins ZAPP, die den deutschen Medien vorwarfen, zu kritisch mit dem russischen Präsidenten Dr. Wladimir Putin und seiner Ukraine-Politik umzugehen. (Steht leider nicht mehr in der Mediathek)

So kann man sich täuschen. In meiner Wahrnehmung war das Gegenteil der Fall. Sowohl in der Gesellschaft als auch in den Medien nehme ich viel Verständnis für Russland wahr. Lange Zeit fand ich die gründlicheren Analysen und informativen Reportagen in der ausländischen Presse. Unsere Star-Publizisten Jakob Augstein, Jens Jessen, Alice Schwarzer sagten uns, was sie dachten, ohne sich allzusehr mit Informationen zu belasten. Der Spiegel brauchte eine Anlaufzeit, bevor er ausgewogen berichtete. In die taz verirrt sich schon einmal eine informationsgesättigte Stellungnahme, aber dann wird auch wieder – im Zweifel links – aus dem Satz eines einzelnen Pro-Russen – „Die Faschisten in Kiew begehen in der Ostukraine Völkermord“ – ein Reportage-Fazit gemacht. Man muss diesen Artikel genau lesen, um herauszukriegen, dass das ein Zitat ist, und nicht(?) die Auffassung des Tazlers.

Ausgiebig wurde über verständnisvolle ältere SPD-Politiker berichtet, Eppler, Schmidt, Bahr, Schröder, Clement, Platzeck und von Industriebossen, die in Russland Geschäfte machen wollen. Linksparteiler/-innen übernehmen die Sprachregelungen der russischen Propagandaindustrie und reden von Faschisten, die in Kiew regieren würden. Sie sind ja einschlägig sozialisiert: der antifaschistische Schutzwall, der faschistische Aufstand vom 17.6.1953, die „Faschisierung“ der BRD (So zuletzt der zurückgetretene brandenburgische Justizminister Schöneburg).

Nachtrag 10.9.: Dass der seinerzeit von der SPD eingesetzte Bundeswehr-Genalinspekteur Kujat die NATO der Lügen über Russlands Anteil am Ukrainekrieg bezichtigt, ist bemerkenswert. Darüber hätte ich gerne mehr erfahren. Schließlich war Herr Kujat in höchsten NATO-Gremien tätig und hat nie vorher etwas von seinem Zweifel an der NATO und seinem Verständnis für Russland verlautbart.

So hatte es auch Dr. Gysi in der Schule gelernt. Deswegen fuhr er sogleich nach Moskau. Ob er Marine Le Pen, auch eine Putin-Versteherin, traf? Er ließ sich darüber informieren, dass die Wiedervereinigung Deutschlands der gleiche Vorgang gewesen wäre wie die Wiedervereinigung Russlands mit der Krim. Ersteres habe Russland unterstützt, jetzt, bitteschön, seien die Deutschen am Zug. Den Rest des Beitrags lesen »

Domenico Losurdo: Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende

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In der FAZ geben die „Edelfedern“ der Redaktion Empfehlungen für Bücher-, Musik-, Filmkäufe. Oft finde ich Tipps, die nicht zu sophisticated, zu intellektuell oder zu teuer sind.

Redakteur Dietmar Dath, bisher nur als Lenin-Fan bekannt, empfiehlt dieses Mal u. a. das Stalin-Buch des italienischen Philosophen Losurdo. Der stellt Stalin als großen, verdienstvollen Staatsmann dar, der nicht blutrünstiger und grausamer war als demokratisch-kapitalistische Staatsführer. Erst der Verriss durch Chruschtschow hätte das Monster Stalin geschaffen. Den Rest des Beitrags lesen »

David King, Ganz normale Bürger. Die Opfer Stalins

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Es sind Passfotos von ganz normalen Sowjetbürgerinnen und -bürgern, Journalisten, Schlossern, Buchhalterinnen, Offizieren, Ingenieuren, Parteimitgliedern und Parteilosen, Juden, Wissenschaftler/-innen, Veteranen des Putsches der Bolschewiki im Oktober 1917, die David King, von 1965 bis 1975 Leiter der Kunstredaktion der Londoner Sunday Times, in „Ganz normale Bürger. Die Opfer Stalins“ (Mehring-Verlag, 29,90€) veröffentlicht.

Aufgenommen haben sie Fotografen des Geheimdienstes NKWD, vor allem in den 30er Jahren, die letzten stammen aus dem Jahr 1950. Sie entstanden jeweils kurz vor der Erschießung dieser Menschen. Sie waren angeklagt wegen haarsträubender Sabotage- und Spionagevorwürfe, wegen der angeblichen Bildung antisowjetischer, konterrevolutionärer terroristischer Vereinigungen, sie wurden zu falschen Geständnissen erpresst. Anfang der 90er Jahre, nach dem Ende der UdSSR, wurden sie rehabilitiert.

Die Fotos unterscheiden sich von üblichen Polizeifotos. Sie wurden mit längerer Belichtungszeit und ohne künstliches Licht aufgenommen. Dadurch sind sensible, beeindruckende Porträts entstanden.

In dem Fotoband vom Herbst 2012 sind sie auf Buchseitenformat vergrößert: Man blickt in erschrockene, gleichmütige, in sich gekehrte, ungläubige, verzweifelte, traurige, ein Lächeln versuchende Gesichter. Sie lassen einen so schnell nicht mehr los, sie bleiben im Gedächtnis, auch wenn man das Buch schon längst beiseitegelegt hat.

Die Fotos wurden in den Tagen des Zusammenbruchs der UdSSR von Memorial gefunden. Herausgeber David King erläutert in einer Einleitung den Hintergrund, den Roten Terror, der Stalins Herrschaft von der Mitte der 20er Jahre bis zu seinem Tod 1953 prägte. Auf dem Höhepunkt 1937/38 steigerten sich die Planvorgaben für Erschießungen von vermeintlichen Volksschädlingen ins Unermessliche. Die Forschung geht heute von 800.000 Ermordeten allein in diesen beiden Jahren aus. Es konnte jeden treffen, niemand konnte sich sicher fühlen. Denunziation und Misstrauen vergifteten das Zusammenleben. Auch engste Weggefährten Stalins aus der Bürgerkriegszeit, auch  Geheimdienstchefs, Armeegeneräle und Fabrikdirektoren fielen seinen Schergen zum Opfer.  

Die Bücher von Barberowski, Schlögel und auch Snyder über die Herrschaft des Terrors in der UdSSR beeindrucken auf ihre Weise, durch die Präsentation einer manchmal erdrückenden Menge an Quellen und Statistiken. Der vorliegende Fotoband gibt den Opfern im wahrsten Sine des Wortes ein Gesicht und setzt Millionen Ermordeten ein Denkmal.

Ich wünsche dem Buch eine große Verbreitung. Auch in Schulbibliotheken erscheint es mir für die obere Mittelstufe und die Oberstufe gut nutzbar.