Städtebau

DDR-Spitzenleistung: 5 km Barockfassaden in Potsdam beseitigt!

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Es sollte eine moderne sozialistische Großstadt entstehen. Dazu brauchte man den Hochhausklotz des Interhotels und den massigen Gebäudekomplex von Institut für Lehrerbildung (Fachhochschule), Staudenhofwohnblock und Stadtbibliothek, unter dem ganze Quartiere der Altstadt verschwanden.

Es gab auch in der DDR Phasen, in denen kriegsbeschädigte Häuser phantasievoll eine barockisierende Fassade erhielten. Hinter erhaltenen Barockfassaden wurden moderne Wohnungen eingerichtet. Es gab auch eine Denkmalschutzliste und Denkmalschutzgesetze.

Im Interhotel konnten Devisengäste eine Knobelsdorff-Suite mieten, benannt nach dem Architekten von Sanssouci und der Französischen Kirche. Auch wurden die Lamellen an der Außenfassade der Fachhochschule, die die Wucht des Gebäudes mildern sollten, in „Potsdam-Gelb“ gestrichen. Aber überwiegend wurde abgerissen, u. a. die Garnisonkirche, die Heiliggeistkirche und das Stadtschloss. Das Theodor-Storm-Haus fiel im Spätsommer 1989 der Spitzhacke zum Opfer. Der Künstler Bob Bahra und andere hatten vergeblich protestiert. Das schon halb verfallene Holländische Viertel erblühte nach der Friedlichen Revolution zu neuem Leben.

Ca. 5 Kilometer barocke Hausfassaden ließ die SED in Potsdam abreißen. Womit wieder einmal bewiesen wäre, dass es sich in einer Diktatur leichter regieren lässt. Denn der Protest dagegen war in der Deutschen Demokratischen Republik sehr überschaubar und brachte den Protestierenden mindestens die Überwachung durch die Stasi.

Wenn heute in Potsdam über den Abriss des Hotelhochhauses oder Fachhochschule aus DDR-Zeiten diskutiert oder er gar beschlossen wird, erhebt sich ein vielstimmiger Aktivistenchor. Dazu zählen Architekten, die lieber modern bauen wollen, d. h. Waschbeton und fassadenlose Wohn- oder Büroquader mit französischen Fenstern, oder Kunsthistoriker und Journalisten, die Potsdamern vorwerfen, dass sie nicht so gebildet sind wie sie, und daher die Schönheit der DDR-Bauten nicht goutieren könnten. Der Vollständigkeit halber nenne ich noch die DDR-Nostalgiker und die Alt- und Neukader der Linkspartei, die mit der Kritik am „Barockfaschismus“ auch gleich den aus Westdeutschland importierten Kapitalismus geißeln können.

Siehe auch Märkische Allgemeine: „Der Fall des Theodor-Storm-Hauses“.

Anm.: Von den 5 km Abrisslänge habe ich gelesen, finde aber keinen Beleg mehr. Für Hinweise bin ich dankbar.

Frankfurter „Edelfedern“ rezensieren Potsdamer Städtebau

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Fachhochschule Potsdam

„Make Potsdam great again“ heißt ein Text in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung von Niklas Maak und Claudius Seidl (FAS v. 2.4.17, p 41).

Die beiden „Edelfedern“, von Haus aus Feuilletonchef der eine, Kunst- und Architekturhistoriker der andere, wissen, was gut ist für Potsdam. Und was schlecht ist.

Schlecht wäre der abwaschbare Plastikbau des Berberini-Museums, gut das monströse Gebäude der Fachhochschule (FH), der Nachbau eines Gebäudes des berühmten Architekten Mies van der Rohe.

Die Wiederherstellung des preußischen Potsdams wäre das Werk reicher Westdeutscher, auch der Oberbürgermeister sei von dort zugewandert. Der Unternehmung fehle die demokratische Legitimation, behaupten sie.

Vielleicht sollte die Redaktion zukünftig einen Faktencheck einführen, bevor die Zeitung in Druck geht.

Der OB und die reichen Wessis hätten „biederes westdeutsches Wendehammer-Dasein“ nach Potsdam gebracht.

Dann belehren die beiden kunstsinnigen Intellektuellen das dumme Potsdamer Publikum: Wer immer nur Cola und Apfelsaft trinke, der würde einen Pétrus-Rotwein oder einen guten Whisky ungenießbar finden. So ginge es auch im Potsdamer Städtebau zu. Wer bei schöner Architektur nur an Neuschwanstein denke, könne mit einem Meisterwerk der Moderne, mit lisenenhaften Längselementen rhythmisierten Fassaden und Op-Art-haften Sichtblenden nichts anfangen.

Das Plätzchen zwischen Fachhochschule und einem Plattenbauwohnhochhaus erinnert die Rotweinexperten an Lucio Costa, den Schüler von Oscar Niemayer. Costa entwarf den Grundriss von Brasilia. Ich hätte diese mit Büschen, Bänken und Spalieren möblierte Schneise, die, zugegeben, etwas vernachlässigt wirkt, als Eingang zu einer Schrebergartenkolonie in Frankfurt-Zeilsheim vermutet. Auf Brasilia wäre ich beim Durchqueren nicht gekommen.

Mir sei nach diesem hämischen Artikel auch ein wenig Häme erlaubt: Den Vorgänger des Feuilletonchefs Seidl, den verstorbenen Frank Schirrmacher, zog es nach Potsdam. Er wohnte in Sacrow. Die FH kann man von dort nicht sehen.

Das Gebäude Mies van der Rohes in Des Moines/USA, dem die Fachhochschule nachempfunden sein soll, habe ich auf einem Foto im Internet gefunden. Es ist ein quadratischer schwarzer Bau mit großen Fenstern, nur das Erdgeschoss, das von den beiden oberen Stockwerken überwölbt wird, ist mit hellem Sandstein verkleidet. Es erinnert entfernt an die Neue Nationalgalerie. Auf diese Idee kommt man bei der FH nicht.

In Des Moines, in dem typischen quadratischen Straßennetz der US-Städte und den unterschiedlich hohen Hochhäusern drum herum, wirkt das Gebäude fast filigran. Der angebliche Nachbau in Potsdam ist dagegen ein massiger Fremdkörper. Aber ich bin halt kein Kenner von Pétrus-Weinen.

Wenn der Potsdamer Architekt es wenigstens 1:1 nachgebaut hätte. Der Nachbau entspricht mindestens drei Quadraten des Originals, an einem Ende war noch die Stadtbibliothek angebaut. Im Vergleich zu Des Moines ein monströses Gebäude, errichtet nicht zuletzt, um die preußische Nikolaikirche zu verdecken. (Gibt es bei Architekten nicht einen sehr rigiden Urheberrechtsschutz?)

Von den Potsdamer Lokalblättern ist die MAZ begeistert von der furiosen Kritik, die PNN berichtet und hat auch Raum für die Korrektur, dass das Stadtparlament seit über 20 Jahren mit der Wiedergewinnung der alten Mitte beschäftigt ist und damit an Ansätze aus der Bürgerschaft der DDR anknüpft, also keineswegs, wie Seidl/Maak suggerieren, die Potsdamer von einem westdeutschen Oberbürgermeister kolonisiert werden.

Zum Städtebau in Potsdam siehe auch hier im Blog!

Der lange Marsch der Linken gegen ein konservatives Stadtbild

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Sozialistischer Städtebau
Sozialistischer Städtebau in Ostberlin

Das Potsdamer Stadtparlament hatte nach jahrelangen Debatten, Workshops und Befragungen einen Plan zur Wiedergewinnung der historischen Mitte beschlossen. Das beinhaltete auch den Abriss des Hochhaushotels im ehemaligen Lustgarten, den Abriss der Fachhochschule und des Plattenbauwohnquartiers Staudenhof.

Was gestern beschlossen wurde, kann heute durch Bürgerentscheide wieder gekippt werden. So sah das eine von der linksextremen Stadtratsfraktion Die Andere initiierte Unterschriftensammlung für ein Bürgerbegehren, das das Quorum von 15.000 Unterschriften erreichte. Das Parlament verneinte aus juristischen Gründen die Zulässigkeit eines Bürgerentscheids, aber entschied sich gleichzeitig für einen Kompromiss: Das nicht ins Stadtbild passende Hotelhochhaus, an dem das Herz der Ostalgiker hängt, soll stehen bleiben, dafür aber das Gebäude der Fachhochschule (FH) abgerissen werden. Außerdem gab es noch ein paar kleinere Konzessionen beim Wiederaufbau der unter der FH begrabenen Quartiere.

Die linken Bürger*innenentscheid-Initiator*innen sind empört, dass die Linkspartei diesen Kompromiss mitträgt. Sie klagten gegen den Parlamentsbeschluss. Alles oder nichts, bloß keinen Kompromiss.

Siehe auch hier!

Jetzt wurde vom Verwaltungsgericht entschieden, dass die Ablehnung zu Recht erfolgt sei, da das Begehren die Bürger falsch informiert habe.

Für die Aktivist_innen um den Oberaktivisten André Tomczak ist das das Signal zum Aufbruch in eine neue Dimension des Kampfes gegen den Barockfaschismus in Potsdam. Jetzt entstand ein „breites Bündnis“ der gesellschaftlichen Gruppen, Vereine, Initiativen, die irgendwie links sind: die aus der DDR stammende Volkssolidarität, eine Art sozialistisches Rotes Kreuz, der Verein zur Förderung antimilitaristischer Traditionen, das Stadtteilnetzwerk Potsdam-West, die „Kulturlobby“ usw.

(Noch) nicht dabei: der Humanistische Verband, der die DDR-Tradition der Jugendweihe pflegt, der Bauernverband, die Interessenvertretung der aus den DDR-Kolchosen hervorgegangenen Agrarfirmen, die Deutsch-Russische Freundschaftsgesellschaft, der Nachfolger der Deutsch-Sowjetischen Freundschaftsgesellschaft der DDR, der Verein der Bundestagsfraktion der Linkspartei, die Amadeu-Antonio-Stiftung, die Prussian(!) Fat Cats, eine linksextreme, Rollschuhsport treibende Damengruppe, die den Wiederaufbau der Garnisonkirche bekämpft.

Das erinnert an die DKP-Taktik in Westdeutschland: Es gab immer wieder Kampagnen, die von „breiten Bündnissen“ getragen wurden. Wenn man genauer hinschaute, waren die Antifa-, Friedens-, Antikriegs-, Menschenrechts-Initiativen, die Vielfalt und Buntheit vorspiegelten, in Wirklichkeit Vorfeldorganisationen der DKP.

Tomczak und seine Mitkämpfer planen ein Happening auf dem Alten Markt, ein „farbenfrohes Fest“. Sicher sind noch Schaumstoffsteine übrig vom Werfen auf das Stadtschloss in Erinnerung an den 48er Revolutionär Max Dortu. Jetzt könnte man sie auch auf das Barberini werfen.

Die RetterInnen der Potsdamer „DDR-Moderne“ sprechen nicht mehr vom „Barockfaschismus“, den die zugezogenen westdeutschen Reichen errichten würden, sondern von einem „konservativen Stadtbild“, das sie bekämpfen.

(unter Verwendung eines PNN-Berichts v. 7.3.17)

Interessant ist ein Vergleich mit Dresden. Ähnlich wie heute die linke Szene die angeblich feudale Baukultur Potsdams bekämpft, hat die SED versucht, beim Wiederaufbau des kriegszerstörten Dresdens, eine sozialistsche Großstadt erstehen zu lassen. die hutigen Potsdamer auseinandersetzungen geschahen dort währende der DDR-Existenz. Denkmalschützer und Bürger setzten sich für den Erhalt und die Rekonstruktion historischer Gebäude ein, während die Kommunisten breite Straßen und Großkomplexe für Essen und Einkaufen planten und teilweise auch realisierten: Tanja Scheffler, Vom schnellen Scheitern der sozialistischen Städtebaukonzepte. Der Weg zurück zur historischen Stadt, Deutschland-Archiv 29.11.2012, http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/147752/dresden-das-scheitern-der-sozialistischen-stadt  (8.3.17)

 

Potsdam vor und nach 1945

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Die Aufnahmen wurden zwischen 1910 und 1959 gemacht:

Neues Bauen in Potsdam (und Berlin)

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Architekten und Linksextreme in Potsdam finden die hier gepflegten und gehegten Baustile Barock, Rokoko, Klassizismus, Jugendstil zu dominant. Für die Linken ist das alles „Barockfaschismus“. Die Architekten wollen lieber Neues bauen als zu renovieren.

Ich habe mich einmal in der Stadt umgesehen. Modernes Bauen ist sehr uniform. Quadratische oder schmale bis auf den Fußboden gezogene Fenster, quadratische Häuser. Überall gleich, egal, ob Studentenwohnheim, gehobene Eigentumswohnungen oder Bürogebäude. Anderswo sehen auch moderne Jugendstrafanstalten und Kasernen so aus.

Das Hauptmerkmal: Es gibt keine Fassaden mehr. Jede Seite des Gebäudewürfels sieht gleich aus: glatte Wand und endlose Fensterraster.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Dann vielleicht doch lieber „Barockfaschismus?

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Nachtrag 1.9.16: Vor sechs Tagen schrieb ich – endlich – diesen Text. Jetzt lese ich mit Freude in der FAZ v. 1.9., dass der renommierte Frankfurter Architekt und Direktor des Instituts für Stadtbaukunst, Christoph Mäckler, auf einer ganzen Seite beklagt, dass Architekten keine schönen und bewohnbaren Städte mehr bauen könnten.

Das Problem der Gentrifizierung habe hier seine Ursache. Es gäbe keine attraktiven Straßen,  Plätze und Gebäude in Neubaugebieten. die alten Wohnviertel würden als „zeitgemäße Wohnumgebung von allerhöchster Qualität“ gesehen werden.

Link zu Mäckler-Beiträgen in der FAZ. (Der o.a. ist noch nicht enthalten.)

Christoph Mäckler hat den Terminal 3 auf dem Frankfurter Flughafen entworfen, der 2022 eröffnet werden soll.

Nachtrag 10.10.16: Die Phase attraktiven Städtebaus scheint in Berlin schon lange vorbei zu sein. Sogar das, was nach der Wende als besonders gelungen bezeichnet wurde, hatte schon Schwächen. In das sterile, zugige Hochhausviertel am Potsdamer Platz zieht es mich überhaupt nicht. Am Hauptbahnhof fällt mein Blick immer gleich auf die von Mehdorn gekürzten östlichen Bahnsteigröhren. Die sind jetzt Stummel.

Immerhin beeindruckt das Gebäude noch. Aber schlimm ist, was inzwischen um den Bahnhof herum entstanden ist. Der Platz auf der Südseite, zur Spree hin ist von Neubauten gesäumt. einer so langweilig wie der andere. Von der Nordseite, hochtrabend Europaplatz genannt, reden wir lieber gar nicht.

        Welches Foto wurde nicht am Berliner Hauptbahnhof, sondern am Potsdamer gemacht?

In Potsdam schießen um die Innenstadt herum Neubaugebiete ins Kraut. Wenn man sie sieht, kann man verstehen, warum Viertel wie der Prenzlauer Berg oder das Frankfurter Nordend so attraktiv sind. Man sehe sich im Bornstedter Feld den Johan-Bouman-Platz an. Er soll, wenn es nach der Architektin geht, die gute Stube des Viertels werden.

Wenn man sich umsieht, fühlt man sich, wie man sich in einer sibirschen Pionierstadt der Sowjetzeit gefühlt haben muss. Mag sein, wenn etwas Abstandsgrün gepflanzt worden ist und hinter den Fenstern Gardinen hängen, sieht es sicher nicht mehr ganz so schrecklich aus. Die „gute Stube“ ist von einem Parkplatz, der drei Viertel des Platzes einnimmt, durch eine sehr lange Holzbank abgetrennt, die die Attraktion des Platzes werden soll.

 

(Das Foto ganz rechts stammt aus Potsdam)

Das Geld der anderen

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Linken wird nachgesagt, dass sie eines besonders gut können: Das Geld anderer Leute ausgeben. In Potsdam zeigt sich das gerade wieder einmal.

Um den historischen Wiederaufbau der Innenstadt („Barockfaschismus“) zu verhindern und DDR-Gebäude zu retten (Hotel Mercure, Fachhochschule, Rechenzentrum), fordern die Linken, die Linksaußenpartei die Andere und deren Bürgerinitiative „Die Mitte neu denken“, aus dem Rechenzentrum ein Künstlerhaus zu machen (Schon geschehen!) und aus der alten Fachhochschule (FH) ein Kommunikations- und Begegnungszentrum (Entwurf: FH als Ergänzungsbau für die neue Stadtbibliothek, als Innovationszentrum, als Haus der Stadtgesellschaft sowie als Tagungs- und Kongresszentrum mit Café und Gaststätte).

Kunst- und Begegnungshäuser mit Café und Ausstellungsfläche sind beliebte städtebauliche Vorschläge in Potsdam. Aus der Politik ist zu hören, dass es schon 47 Kunst- und Begegnungszentren gäbe.

Ein Projekt kann noch so unausgegoren sein, 15.000 Unterschriften bekommt man in der starken linkspopulistischen Potsdamer Szene schnell.

Da ist es egal, ob nebendran gerade eine frisch renovierte Stadtbibliothek, eine Wissenschaftsetage und die VHS eingezogen sind. Erweiterungsbedarf hört sich immer gut an. Stadtgesellschaft und Innovation klingt auch progressiv.

Um Kosten geht es bei den Linken natürlich nicht. Die Gruppe der Steuerzahler wird es klaglos richten.

Die Renovierung des maroden Rechenzentrums würde mehr als 30 Millionen kosten. Da zweifelt man zuerst einmal die Kostenschätzung an und hat flugs eine neue Kontroverse – auf Twitter, auf Facebook, in Pressemitteilungen und in den Zeitungen: Hat die Stadt falsch gerechnet, warum macht die Stadt ihre Berechnung nicht transparent? Da muss ein unabhängiger Sachverständiger beauftragt werden.

Die Renovierung des Fachhochschulgebäudes dürfte noch mehr als 30 Millionen kosten. Eigentlich sollte die Fläche der FH an private Investoren verkauft werden, die die kleinteilige Vor-DDR-Bebauung wiederherstellen sollten. Die SED hatte das Gebäude über mehrere Gässchen und Quartiere gelegt. Nicht zuletzt, um die benachbarte Hofkirche, die Nikolaikirche zu verdecken und den Wiederaufbau des Stadtschlosses ein für allemal zu verhindern.

Ähnlich war es – erfolgreich – beim Schwimmbadneubau gelaufen: Die Stadt wollte das Gelände des alten, maroden Schwimmbades am Brauhausberg verkaufen und damit ein Bad im ehemaligen Bundesgartenschaugelände finanzieren. Das wurde verhindert. Der Wortführer dieser Initiative ist inzwischen Mitglied der Linkspartei.

Muss man die Abrisskosten dagegen rechnen? Was ist besser, ein marodes Rechenzentrum, das man nicht braucht, zu sanieren oder abzureißen? Allerdings hätte die Sanierung den „Vorteil“, dauerhaft ein Haus für Künstler und die Begegnung mit denselben zu gewährleisten und damit den Wiederaufbau der Garnisonkirche zu erschweren, weil das Rechenzentrum zum Teil auf deren Grundstück liegt.

Bei der Hochhausscheibe des Hotels diente ein Abriss dem harmonischeren Stadtbild. Der Potsdamer Milliardär Plattner baut dort kein Museum, was er ursprünglich zugesagt hatte. Die Abrisskosten von 30 Millionen € hatte er auch zahlen wollen. Den Vorschlag zog er angesichts lautstarker Sprechchöre der Parteimitglieder von Die Andere bei einer Kundgebung der Abrissbefürworter zurück.

Wie viel Urbanität die Stadt durch die Rekonstruktion das Mitte wieder gewinnt, zeigt sich an der neuen Havel-Promenade, die am Landtagsschloss beginnt.

Beim Hotel-Abriss sind die Befürworter inzwischen müde geworden. Es gibt Stimmen Prominenter, die sich mit dem Gedanken anfreunden, dass der Bau stehen bleibt. Der in Potsdam wohnende Bild-Chefredakteuer residierte für ein Wochenende in dem umstrittenen Bau. Er war sehr angetan und plädiert seitdem für seinen Erhalt. Allerdings hatte er an diesem Wochenende den Vorteil, den Bau nicht von außen sehen zu müssen.

Wenn es auf einen Kompromiss hinaus liefe – Abriss FH – Erhalt Hotel -, wäre es ein Zeichen einer aufgeklärten Stadtgesellschaft, eine Niederlage für Bürgerinitiativen, denen Kompromisse fremd sind.

Vielleicht kann im Hotel dann wieder die Bar ganz oben eröffnet werden. Der BND dürfte ja wohl kein Interesse an der Mitarbeit von Bardamen haben.

Mercure vom Schloss aus
Hotel Mercure vom Schloss aus gesehen

Warum hängen manche Potsdamer so sehr am Hotelhochhaus im Lustgarten?

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Eine von Mitgliedern der Linksaußen-Partei Die Andere gegründete Bürgerinitiative fordert einen frischen Blick auf die Stadtplanung: „Die Mitte neu denken“. Damit soll, was seit 1988 zum Erhalt bzw. zur Wiederherstellung des historischen Stadtbildes diskutiert und schließlich parlamentarisch festgelegt wurde, zur Disposition gestellt werden. Für das entsprechende Bürgerbegehren werden Unterschriften gesammelt. Ob die Bürger wirklich entscheiden, dass alle parlamentarischen Beschlüsse der letzten Jahre im Papierkorb landen, ist offen. Unterstützt wird die Linksaußen-Initiative von der Linkspartei.

Zu den von den Linken bekämpften stadtgestalterischen Maßnahmen gehört die Absicht, den hässlichen Hochhausplattenbau des heutigen Hotels Mercure abzureißen. In Dialektik lassen sich Linke nicht übertreffen: Während sonst die DDR im milden Licht gesehen wird, wird jetzt die Abrisswut der SED mahnend angeführt: Man solle doch bitte die damaligen Fehler nicht wiederholen.

Auch der Abriss des hässlichen Baus der Fachhochschule und die Wiederherstellung der kleinteiligen Bebauung des Areals soll verhindert werden.

Ich hatte mich in einem früheren Beitrag gewundert, warum ausgerechnet an einem für Ausländer gebauten Devisenhotel, in dem diese von der Stasi überwacht wurden, das Herz ostalgischer Potsdamer und junger Linkspopulisten hängt. Die Stasi-Mitgarbeiter*innen überwachten nicht nur die Gäste, sondern auch das Personal. Deswegen unterhielten sich die Angestellten vorzugsweise an der frischen Luft.

Ich muss mich korrigieren: Das Potsdamer Interhotel wurde zwei Jahre nach Eröffnung auch für Bewohner der DDR freigegeben (mit Ausnahme der Etage für Devisengäste). Die Preise waren moderat. Man konnte sogar Reit- und Tennisstunden buchen und sich mit einem hoteleigenen kleinen Schiff auf der Havel herumfahren lassen.

(Im Restaurant im Interhotel in Leipzig war Mitte der 80er nach meiner Erinnerung der Zutritt für Ostdeutsche nur in Begleitung von Devisengästen erlaubt. Und die Bardamen hatten, wie in Potsdam, Kontakte zur Stasi.)

Heute erscheint ein köstlicher Leserbrief in den PNN. Der Autor fragt: Wozu brauchen Potsdamer das Hotel? Übernachten sie dort? Essen sie dort? Sollte man nicht eher auswärtige Hotelgäste zum Abriss befragen? Er fand heraus, dass das Hotel auf booking.com die schlechteste Bewertung aller Potsdamer Hotels bekommt. Dann gibt er den Erfahrungsbericht eines Hotelgastes zum besten: Das veraltete Heizungssystem zwinge dazu, die Klimaanlage auch dann einzuschalten, wenn man es warm haben wolle. Sie mache einen Lärm wie eine landende Boeing, also entweder laut und warm oder kalt und leise. Gut sei, dass man im Hotel den Bau nicht von außen sähe.

Noch geht die Strategie der Linkspopulisten nicht auf. Sie versuchen beharrlich, alle stadtplanerischen Beschlüsse in Frage zu stellen und zwar unablässig und immer wieder aufs Neue. Dazu erfinden sie süffige simple Slogans: „Neu denken!“, „Noch einmal nachdenken!“, „Architektonische Vielfalt statt barocker Einfalt!“, „Kitas/Schulen statt Schlösser!“ Nachtrag: Dem Wortführer und Gründer der Initiative wäre am liebsten, wenn Grundstücke und Gebäude in öffentlicher Hand wären, wie er am 11.2.17 in einer rbb-Sendung sagte.

Wenn der eine Vorstoß keinen Erfolg hat, dann kommt eben der nächste. Es lässt sich immer ein Grund finden: angeblich zu wenig Transparenz in den Gremien, zu wenig direkte Demokratie, noch ein Workshop, noch eine Befragung. Eine wohlwollende Begleitung durch die Medien in Wort und Bild ist gewährleistet. Erstaunlich: zuletzt kommentierten die PNN die Aktivist/-innen kritisch.

Nachtrag Juni 2016: Jetzt wurde herausgefunden, dass Bürgerbegehren und Bürgerentscheide mit ihren niedrigen Quoten nicht die ordentlich beschlossene Bauleitplanung der Stadt kippen dürfen. Sogleich beginnt die Diskussion darüber, ob die Bauleitplanung schon in Kraft war, ob eine Änderung der Bauleitplanung ihre In-Kraftsetzung auf einen Termin 14 Tage nach dem Beginn der neuen Unterschriftensammlung der Linkspopulisten verschoben hätte und somit das Begehren der Bürger zulässig wäre…

Durchgängig in der linken Argumentation ist die Missachtung parlamentarischer Beschlüsse. Da ist man sich (nicht nur) linksaußen mit Dr. Rosa Luxemburg einig: Parlamentarismus ist eine Art Geisteskrankheit.

Nachtrag Nov. 2016: Die permanente Infragestellung der städtebaulichen Beschlüsse und der Kampf um den Erhalt des Hochhausturms als Erinnerung an die DDR-Baukultur durch  Kundgebungen, Unterschriftensammlungen, Anträge, Aktionsgruppen und das entsprechende Presseecho waren erfolgreich: Die Stadt verzichtet auf Ankauf und Abriss.

Vielleicht ist das eine Win-Win-Situation: Wer argumentiert, dass eine Stadt auch hässlich sein darf, dass innerstädtische Brachen reizvoller wären als hübsch restaurierte Adelspaläste und die Errungenschaften der DDR-Baukultur mindestens so viel Wert wären wie das feudalistische Sanssouci, behält mit dem „Hochhaus am falschen Ort“ (So ein Potsdamer Architekt) eine Erinnerung an den gescheiterten Sozialismusversuch.

Wer einen Blick für Proportionen hat, wird jedenfalls noch eine Weile erkennen, auf welche Weise die Kommunisten Parks, Schlösser und Marktplätze aus vergangenen Epochen zerstören wollten, wenn sie sie nicht gleich in die Luft jagten.

Jetzt bleibt es sen kapialistischen Investmentgesellschaften überlassen, was sie mit ihrem bald 50 Jahre alten Hotelbau machen werden. Wenn sie dereinst die Lust verloren und alles abgeschrieben haben, schenken sie es vielleicht der Stadt. Der Vorschlag, daraus ein Künstlerhaus oder ein Kulturzentrum zu machen, wird nicht lange auf sich warten lassen…

(Einge Details zum Hotel nach: Jörg Fröhlich, Ein Hotel im Lustgarten von Potsdam: Das Interhotel Potsdam in historischer Umgebung von 1967 bis heute, books on demand, 2012)

 
 

Direkte Demokratie: Geht´s auch ´ne Nummer kleiner?

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Dies ist eine Fortführung zweier Beiträge aus 2012 und 2015.

Noch wird die parlamentarische Demokratie nicht zur Geisteskrankheit erklärt, wie das Dr. Rosa Luxemburg tat. Aber als Skeptiker wird man wohl bald in den großen Topf der Rassisten, Rechtspopulisten, Wutbürger und alten weißen Männer geworfen werden.

  • Die als Piratenpolitikerin berühmt gewordene jetzige Journalistin Marina Weisband leitet ein, von wem auch immer finanziertes Projekt, in dem sie Schüler „endlich“ an die Demokratie heranführt, allerdings an die von ihr favorisierte Liquid Democracy.
  • Bürgermeisterdirektwahlen wurden eingeführt, weil das Volk persönlich und nicht die Gemeindeversammlung den Bügermeister wählen sollte.
  • Der Vereinssprecher von „Mehr Demokratie Thüringen“, dem Lobbyverband für direkte Demokratie, ist gleichzeitig der „Demokratiebeauftrage“ des sozialistischen Thüringer Ministerpräsidenten Ramelow. Er ist auch im Bundesvorstand des Vereins. Der Verein streitet für eine generelle Absenkung des Wahlalters auf 16, für die Abwahl von Bürgermeistern, für die Herabsetzung der Quoren für Referenden. Für gut organisierte Minderheiten wird es immer einfacher, Parlamente auszuhebeln.
  • Bei den Kommunalwahlen in Hessen konnten auf ellenlangen Wahlscheinen bis zu 81 Kreuzchen gemacht werden, Panaschieren und Kumulieren sei Dank.
  • Die Quoren bei Volksbegehren und Volksabstimmungen werden heruntergesetzt.

Ich selbst hatte einmal auf change.org ein Begehren unterschrieben und kriege jetzt – „Lieber Günter“ – den Newsletter. Da könnte ich ständig dutzendfach Begehren unterschreiben. Für den Rest sorgt change.org. Der Verban meldet, dass es 2015 in Deutschland täglich (genau: 348) eine Unterschriftensammlung für ein Volksbegehren gegeben hätte. Laut der aktivisten wären ca. 30% davon unzulässig u. a.wegen Formfehlern und nicht abstimmbarem Thema (z. B. Änderung von parlamentrarisch beschlossenen Haushaltsplänen. Vor allem, so beklagt die Lobby, wären die Abstimmungshürden zu hoch.

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Diskussion um Abriss eines Potsdamer Hotel-Hochhauses läuft sich wieder warm

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Nachdem die Rekonstruktion der Potsdamer Mitte mit dem Landtagsschloss und den Palästen um den Alten Markt vorangekommen ist und als städtebaulicher Gewinn wahrgenommen wird, hat auch die Diskussion um den Abriss des Hochhauses „Hotel Mercure“ wieder an Fahrt gewonnen. Das Hochhaus, 1969 als Interhotel im Lustgarten des abgerissenen Stadtschlosses erbaut, sollte Wahrzeichen für eine moderne sozialistische Großstadt werden, in der die Relikte des Feudalismus, Schlösser, Gutshäuser und Kirchen getilgt waren.

Heute hängt das Herz der linken und linksextremen Potsdamer/-innen an dem einstigen Devisenhotel. Ist es für diese doch ein ziemlich letztes Zeugnis der DDR-Baukunst (abgesehen von den Plattenbau-Stadtteilen Zentrum-Ost, Waldstadt I und II) in der ehemaligen DDR-Bezirkshauptstadt, in die der „Barockfaschismus“ zurückgekehrt wäre. Während das Stadtparlament mehrheitlich für den Abriss ist, kämpft die linke Szene dagegen. Ihre lautstarken Proteste haben den Potsdamer Milliardär Hasso Plattner davor zurückschrecken lassen, den Abriss zu finanzieren und dort ein Museum für seine DDR-Bilder zu bauen. Im Bürgerhaushalt, einer Spielwiese für Anhänger der direkten Demokratie, haben linke Gruppen unter den ca. 6.000 beteiligten Bürgern es erreicht, dass die Verhinderung des Abrisses an dritter Stelle der „Bürgerwünsche“ steht.

Für das nach dem Abriss wieder gewonnene freie Gelände des ehemaligen Lustgartens schlägt eine Architektengemeinschaft eine „Wiese des Volkes“ vor. Für die Ostalgiker dürfte es jetzt schwer werden: Kein Abriss oder „Wiese des Volkes“. Letzteres beflügelt doch auch die Erinnerung an die gute, alte Zeit.

Typisch für die in Potsdam unter Linken herrschende „Dialektik“: Das ehemalige Interhotel gehört zu Potsdam und darf nicht abgerissen werden, die Garnisonkirche gehört nicht zu Potsdam, sie darf daher nicht wieder aufgebaut werden.

Ganz Clevere argumentieren so: Die Sprengungen von Garnisonkirche und Stadtschloss durch die Kommunisten seien doch schon schlimm gewesen. Man dürfe den Fehler jetzt nicht wiederholen.

Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte man die 17 Hotel-Geschosse abtragen konnen, aber das „Ernst-Thälmann-Stadion“, das die SED in den Lustgarten gepflanzt hatte, erhalten sollen. Ein besserer Name als der des KPD-Stalinisten hätte sich finden lassen.

War Schinkel Protofaschist?

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Die Potsdamer Linken leiden unter dem eintönigen Stadtbild, das von reichen eingewanderten Wessis an allen Ecken restauriert wird: piefig und kleinstädtisch (so der stv. Chefredakteur der Potsdamer Neuen Nachrichten), voller präpotenter Sichtachsen (so die linksextreme Partei Die Andere), vor allem aber: barockfaschistisch (so die Aktivist/-innen der Potsdamer Antifa.

Nun hat eine Architekturzeitschrift die 35 Jahre alten Vorlesungen des Berliner Religionswissenschaftlers Klaus Heinrich ausgegraben, der Karl Friedrich Schinkels klassizistischen Baustil als nicht immun gegen die Übernahme und Vergröberung durch Hitlers Lieblingsarchitekten Albert Speer bezeichnet. Schinkels klassizistischer Stil wäre „willfährig“ gegenüber faschistischem Bauen gewesen. Da sowohl Schinkel als auch Speer sich auf antike griechische Baustile beziehen, ließe sich die Verwandtschaft zum Faschismus unschwer in die Antike ausdehnen. Sicher nicht einfach als eine gerade Linie, sondern durch erst von Denkern freizulegende verborgene Beziehungen und Verschränkungen.

„Alles hängt mit allem zusammen“ lautet eine Spruchweisheit. Das gilt sicher auch in der Architekturgeschichte. Wenn ich die Monumentalbauten aus der Zeit der Französischen Revolution (Das meiste blieb Entwurf) anschaue, sehe ich Ähnlichkeiten mit späterem faschistischem Bauen. Haben bolschewistische Architekten der 30er Jahre Speer nachempfunden oder Schinkel oder die Architektur der Französischen Revolution? Könnte man in Unger´s Sockelbau von Frankfurts westlichem Messehochhaus und im Berliner Neubau für den Bundesnachrichtendienst nicht auch die „kalte Lagerarchitektur“ (Heinrich) des antiken dorischen Stils, dem Ursprung des Klassizismus Schinkels, entdecken?

Man kann die Verwandtschaften auch weiterspinnen: Die Waffen-SS der Nazis galt bei ihrer Gründung als moderne Armee, als Konkurrenz zur ständischen Wehrmacht. Sie war im Vergleich zu dieser fortschrittlich: Man musste nicht adlig sein, um Karriere zu machen. Auch die Söhne von Handwerkern und Arbeitern konnten den Generalsrang erreichen. Das machte sie über Deutschland hinaus attraktiv. Gleichheit war eine Errungenschaft der Französischen Revolution. Dass eine Abteilung der Waffen-SS später die Bewachung der Konzentrationslager übernehmen musste, konnten die ersten Freiwilligen nicht ahnen.

2015-08-10 08.55.31

Bauen in Potsdam:

eintönig, piefig, kleinstädtisch, in der Nachfolge Schinkels faschistoid?

(nach PNN v. 27.08.2015)