Schule

Vorbild und Zerrbild: wie wirkt die DDR-Schule nach?

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Veranstaltungen der Bundesstiftung Aufarbeitung in Berlin besuche ich recht häufig. Sie lohnen sich fast immer. Hochkarätige Referenten und mit ausgewiesenen Experten besetzte Podien sind die Regel. Im Publikum sitzen überwiegend ältere Jahrgänge, fast immer mit Erfahrungen und Wissen zum Thema.

Jedes Mal wäge ich ab: Bleibe ich im schönen Potsdam auf dem Balkon sitzen, rauche eine Zigarre, trinke einen Rosé oder mache ich mich auf den Weg nach Berlin-Mitte?

Dieses Mal hieß die Veranstaltung „Vorbild oder Zerrbild? Die DDR-Schule in der gesamtdeutschen Bildungsdebatte“.

Die Formulierung gefiel mir nicht. In der deutschen Bildungsdebatte spielt die Ostschule keine große Rolle. Das Wort „gesamtdeutsch“ gehört in die Zeit der Teilung. „Vorbild oder Zerrbild?“ taugt allenfalls als provozierende Schlagzeile. Die beiden Pole, um die eine Diskussion über die Ostschule kreisen sollte, sind sie für mich nicht.

Die eingeladenen Referenten sagten mir, abgesehen von Prof. Geißler und Frau Teuteberg nichts. Als Moderator wurde David Ensikat genannt. Vor drei Jahren hatte sein (Jugend-)buch über das kleine Land mit der großen Mauer gemischte Gefühle bei mir hinterlassen.

Das, was ich hier aufschreibe, spielt sich in Sekunden im Kopf oder eher im Bauch ab: Ich fahre nicht hin.

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PISA-König Finnland: Eine Legende?

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Manches, an das ich mein Leben lang geglaubt habe, wenn auch immer von Zweifeln irritiert, stellt sich inzwischen als Fehleinschätzung heraus: Die Sicht auf den Vietnamkrieg, auf die Alleinschuld Deutschlands am Ersten Weltkrieg, auf die westdeutsche Friedensbewegung, auf die 68er. Meist habe ich darüber im Blog geschrieben.

Jetzt gerät der PISA-Sieger Finnland unter Verdacht.

Mir war von Anfang an klar, dass bei der Erklärung des herausragenden PISA-Ergebnisses die Rolle der finnischen Lehrerinnen und Lehrer unterbewertet wurde. Das Ansehen finnischer Lehrer ist sehr groß, ganz anders als in Deutschland. Die Lehrerausbildung ist anspruchsvoll. Die Bezahlung ist außerordentlich gut. Wegen des Ansturms auf den Beruf kann sich das Land leisten, nur die Besten auszuwählen, ganz anders als in Deutschland. Lehrer unterrichten sehr selbstständig, werden nur wenig von verbindlichen Lehrplänen, Standards, Kompetenzrastern oder gar standardisierten Tests gegängelt. Das Land hat wenig Immigranten.

Trotz allem hingen wir Lehrer in Hessen an den Lippen des Generaldirektors des finnischen National Board of Education, Jukka Sarjala, und des deutschen Mitarbeiters im Erziehungsministerium, Rainer Domisch. (Der als hessischer Kultusminister im Gespräch war.) Sie erklärten uns auf Tagungen, wie wie man in Finnland behutsam und unaufgeregt die Schulen reformiert habe.

Auch vom flächendeckenden, hervorragenden System der Schulbibliotheken schwärmten die damalige hessische Kultusministerin und deutsche Bibliothekare. Während mir die Vorsitzende des finnischen Schulbibliotheksverbandes schrieb, dass es das gar nicht nicht gibt.

Heute lese ich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung („Ein Märchen aus dem hohen Norden“ von André Kieserling, p 62, 28.5.17), dass es mit der PISA-Supermacht Finnland nicht weit her ist.

In den PISA-Jahren 2001 bis 2005 lag Finnland, zusammen mit den südostasiatischen Pauk- und Drillschulen an der Spitze des – umstrittenen – Länderrankings. Seither geht es bergab. Finnlands Platz verschlechtert sich von Mal zu Mal.

Nun hat ein schwedischer Wissenschaftler in frühen Schulleistungsvergleichen herausgefunden, dass der Anstieg im Lernniveau finnischer Schüler lange vor den Schulreformen (Gesamtschule, Dezentralisierung, schülerorientierte Arbeitsformen) begonnen hatte.

Warum die Schüler sich seit fast zehn Jahren verschlechtern, obwohl am reformierten Schulsystem nichts geändert wurde, blieb rätselhaft.

Nun kann ein einzelner Forscher nicht nicht alle Faktoren, die bei erziehungswissenschaftlichen Fragestellungen eine Rolle spielen, in einer einzelnen Studie, die zudem auf Sekundäranalysen beruht, umfassend untersuchen.

Aber seine Vermutung klingt vertraut: Die finnischen Lehrer unterrichteten lehrerzentriert, im Frontalunterricht. Das änderte sich in den Reformjahren erst allmählich. Die PISA-Erfolge der ersten Jahre sind wohl eher dem alten System und dem retardierenden Unterrichtsstil der Lehrer zu verdanken. Interviews mit finnischen Lehrern, die sich kritisch über Gruppenarbeit und selbstbestimmtes Lernen äußerten, dienen ihm als Zeugen.

Real Finnish Lessons von Gabriel Heller-Sahlgren

Längere DDR-Dokumentationen und Spielfilme

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Die Klasse – 1961, Dokumentation mit Spielszenen.

Schüler, denen in Ostberlin der Besuch der EOS, der zum Abitur führenden Oberstufe, versagt wurde, gehen in Berlin (West) aufs Gymnasium. Es gab eigens eingerichtete „Ostklassen“. 1961, kurz vor dem Abitur, werden sie vom Mauerbau überrascht.

Die Kritik (FAZ) lobt das Dokudrama von 2015.


Romeo – DDR-Spionage in Westdeutschland, mit Martina Gedeck

Nicht verwechseln mit Timothy Gorton Ashs Buch gleichnamigen Buch!


Der heimliche Blick – Wie die DDR sich selbst beobachtete 2015, 44 Min.

Aufnahmen aus dem DDR-Alltag, die nicht veröffentlicht wurden.


Stasi-Mediathek der Stasi-Unterlagenbehörde


Der Filmemacher Gerd Keil hat alle seine Filme, die meisten haben den Schwerpunkt DDR, auf einen Youtube-Kanal gestellt: über Spionage, Zwangsadoption, Stasi, Honecker und Genossen, Vereinigung, Unterricht über die DDR.

Unbedingt Gerd Keils Webseite ansehen! Sein Fluchtversuch wurde der Stasi von seinem Vater und seinem Bruder verraten.


Siehe auch die Literatur- und Medienliste „Ampelmännchen und Todesschüsse“!

Stasiakten in der Abiturprüfung

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Im Friedrich-Ebert-Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf werden im Rahmen der Abiturprüfung Stasi-Akten genutzt. Die sogenannte 5. Prüfungskomponente ist eine Präsentationsprüfung, in der die Schüler ein selbst gewähltes Thema erarbeiten und vorstellen. An diesem Gymnasium wird dafür in Zusammenarbeit mit der BStU die Recherche in den Stasi-Unterlagen angeboten.

Jetzt hatte das Stasi-Museum in der Normannenstraße Abiturienten eingeladen, ihre Arbeiten vor Fachpublikum noch einmal zu präsentieren. Die Fachleute konnten feststellen, dass nicht einfach aus dem Internet abgeschrieben worden war, sondern wissenschaftspropädeutisch gearbeitet wurde.

Die Themen waren: Die Pharma-Tests westlicher Firmen, der Einfluss westlicher Rockmusik auf DDR-Gruppen, die Tauglichkeit der deutschen Einheit für die beiden Koreas. Frühere Themen waren u. a. die Verwendung radioaktiver Substanzen zur Markierung von Personen (Dies wurde bei Westreisen von Wirtschaftsvertretern eingesetzt.)

(nach einem Bericht in: Der Stacheldraht 8/2016, p 12, Zeitschrift des Bundes der Stalinistisch Verfolgten e.V., Landesverband Berlin-Brandenburg)

Grundschulen in Berlin: schlimmer gehts nimmer

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Im Blog Science Files: „Berliner Modell: Wie man Grundschulen zerstört und ein Bildungssystem ruiniert“

Update: Die neue rot-rot-grüne Landesregierung Rot-Rot-Grün will an den  Schulen die Sprachangebote für Arabisch, Türkisch und Kurdisch ausbauen. Damit werde die Integration gefördert, informierte die bildungspolitische Sprecherin der Grünen. Außerdem stärke Zweisprachigkeit das Denkvermögen.

Deutschpflicht auf dem Schulhof?

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Vor zehn Jahren gab es einen Aufstand in den sog. sozialen Medien, weil in einer Berliner Schule vereinbart worden war, nicht nur im Unterricht, sondern auch in der Pause auf dem Schulhof Deutsch zu sprechen.

In der multikulturellen Schule mit einigen Dutzend Muttersprachlern war dies von Schülervertretung, Elternbeirat und Kollegium einvernehmlich beschlossen worden.

Pädagogen, Eltern der Schule mit Migrationshintergrund und der aus Pakistan stammende Schulsprecher mussten den eigentlich selbstverständlichen Beschluss der Öffentlichkeit erklären. Die Wutbürger/-innen und die Medien, die sich über die angebliche Deutschtümelei aufgeregt hatten, fanden bald danach anderswo andere Geschehnisse, über die sie sich aufregten.

Lautstark hatte vor zehn Jahren auch ein türkischer Verein gegen Deutsch in der Pause gewettert. Er sieht seine Zeit jetzt gekommen und verlangt von dem zukünftigen Berliner Senat, er solle die Schulen „anweisen“, eine Deutschpflicht auf dem Schulhof zu verhindern.

(nach FAZ v. 11.10.16, p 9, „Man sprach Deutsch“ von Regina Mönch)

Soziologische Bestätigungsforschung

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Vor einem Jahr schrieb ich mir (im Blog „Basedow1764“) meinen Frust über die überflüssig gewordenen akademischen Fächer Sozial- und Politikwissenschaften von der Seele. Die Soziologie bestehe heute in weiten Teilen aus Armuts- und Frauen- bzw. Genderforschung, schrieb ich. Die sozialwissenschaftlichen Lieblingsvokabeln seien: rassistisch, rechtspopulistisch, islamophob, neoliberal, sexistisch, benachteiligt, unterprivilegiert, frauenfeindlich. Die müsse man nicht mehr definieren. Sie zu verwenden zeige, dass man auf der richtigen Seite stünde.

Gerald Wagner macht in seinem Bericht vom Deutschen Soziologentag 2016 (FAZ v. 5.10.16, p N3, „Soziale Ungleichheit ist nicht das Böse“) einen einfachen Vorschlag, den umzusetzen vielen Soziologen aber schwerfallen wird.

Es gehe in immer wieder neuen Studien darum, dass Armut und Arbeitslosigkeit die Bildungverläufe von Kindern negativ beeinflussten. Es würden Armutskarrieren aus Hartz-IV-Familien untersucht und immer wäre die Schule unfähig, Ungleichheit abzubauen. Die Norm für die Soziologie wäre Gleichheit. Sie erforsche Ungleicheit, was zu einer „völlig überraschungsfreien Bestätigungsforschung“ führe. Die herrschende empirische Sozialforschung, so Wagner, bestätige, was man schon vorher gewusst habe. Diese Art der Forschung könne man eigentlich lassen und das gesparte Geld in die Pädagogik geben.

Wagner schlägt nun vor, statt auf immer dieselben sozialstatistischen Daten zurückzugreifen und mit jeder neuen Studie die vorhergehenden Studien über soziale Ungleichheit und Benachteiligung in Schule und Arbeitswelt zu bestätigen, doch einmal zu untersuchen, wie es passieren kann, dass manchen Kindern aus bildungsfernen Schichten ein Bildungaufstieg gelingt.

Ich frage mich schon bei Gelegenheit ganz unwissenschaftlich, was da passiert ist: Wenn ich eine türkischstämmige Abiturientin bei „Wetten dass…“ glänzen sehe oder ein türkischstämmiger Jurist in einer Nachrichtensendung zu hören ist. Dass nicht nur die Schule am mangelnden Bildungserfolg Schuld hat und Ungleichheit produziert, wie Studien immer wieder herausgefunden haben wollen, zeigen mir die Bildungsverläufe von Kindern anderer Herkunft. Früher galt das für die Einwanderer aus Portugal oder Griechenland, oder es ist die hohe Zahl der Abiturienten in (christlichen) vietnamesischen Familien.

Schrecken Soziolog/-innen davor zurück, Ursachen von Ungleichheit auch in der familiären Erziehung zu erforschen?

Nicht zuletzt Schule könnte, so Wagner, davon profitieren, wenn ein Paradigmenwechsel der soziologischen Forschung dazu führen würde, nicht immer neu von ihr Unmögliches einzufordern.

Auch in Frankreich wird gegendert. Und wie!

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Wer nicht einverstanden ist mit genderistischen Behauptungen, etwa dass das Geschlecht frei wählbar wäre und die Heteronormativität der Gesellschaft abgeschafft werden müsse, da es weit mehr als zwei Geschlechter gäbe, gilt hierzulande als rechts. So kann man das u. a. bei der Bundeszentrale für politische Bildung lesen.

In Frankreich scheint ist die Auseinandersetzung noch heftiger. Dort gab es einige Jahre lang das Schulbuch „ABC der Gleichheit“, in dem nach Meinung von Gegnern Ehe und Familie entwertet wurden. Es musste zurückgezogen werden. Ebenso erging es einem Biologiebuch, in dem es ein Kapitel „Mann oder Frau werden“ gibt.

Die Bildungsministerin Vallaud-Belkacem hatte in ihrer Zeit als Frauenministerin dafür plädiert, Gender Studies in Frankreich zu etablieren. Jetzt, nach der Kritik des Papstes an der französischen Ehe für alle, sagt sie, die Gender-Theorie gäbe es gar nicht.

Sie machte kürzlich von sich reden, als sie die bilingualen Klassen abschaffen wollten, weil diese die Ungleichheit förderten. (Sie residiert übrigens in einem Pariser Stadtschloss.)

Verschärfend kommt in Frankreich hinzu, dass Präsident Hollande steuerliche Vergünstigungen für Familien gestrichen hat und die künstliche Befruchtung in lesbischen Ehen erlaubt. Sozialisten reden ganz offen davon, dass mit dem Gender Mainstreaming ein Zivilisationswandel eintreten würde. Dazu passt aus Sicht christlicher Franzosen, dass die Hollande-Regierung im Unterricht das christliche Mittelalter zum Wahlpflichthtema heruntergestuft hat, den Islam dagegen zum Pflichtthema gemacht hat.

Anders als in Deutschland wird der Genderismus nicht als Thema der Rechten gesehen. Es ist eine Allianz von katholischen und islamischen Eltern, die z. Teil gegen die Homosexuellen-Ehe ist, zum Teil die Entwertung der traditionellen Familie und Ehe beklagt. Als neuer Faschismus wird das anders als in Deutschland aber nicht gesehen.

(nach FAZ v. 5.10.16, p 3; „Seid fruchtbar und mehret Euch“ von Michaela Weigel)

Gespannt bin ich schon, wie die Umsetzung der neuen Sexualkunde-Lehrpläne, die jetzt nach und nach in den Bundesländern eingeführt werden, in Schulen mit überwiegend evangelikaler, katholischer oder muslimischer Klientel ankommen werden. Sie propagieren ja sexuelle Vielfalt anstatt der heteronormativen traditionellen Kleinfamilie und befassen sich ab der Mittelstufe mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen. (Die Aufnahme der Pädophilie als Element sexueller Vielfalt stand zwar bei einigen Grünen-Verbänden im Programm, hat sich aber bisher nicht durchgesetzt.)

Hat Finnland das DDR-Schulsystem übernommen?

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Den Narrativen von der fortschrittlichen DDR ist manchmal schwer beizukommen. Sei es, dass die DDR der zehntstärkste Industriestaat der Welt gewesen sein soll, der beste “antifaschistisch-demokratische” deutsche Staat mit der höchsten sozialen Gerechtigkeit gegenüber Witwen, Behinderten und Rentnern, mit den emanzipiertesten Frauen.

Man findet jenseits der Web 2.0-Kommentarkriege meist Belege für die Haltlosigkeit dieser Parolen. Wer das feststellt, beleidigt nicht 17 Millionen Deutsche, wie das von der Partei Die Linke. behauptet wird.

Es ist wie mit dem angeblich so hohen Eisengehalt beim Spinat, der auf einer falschen Kommastelle beruht: Die Weltbank hatte die DDR auf Grund eines Rechenfehlers ihrer Statistiker so wirtschaftsstark wie Italien gesehen. Die SED hatte kein Interesse, das von der Weltbank sogleich korrigierte Bild zu verbreiten. Es wird bis heute konserviert und auch mancher rbb-Moderator ist der Meinung, der Ruin der DDR sei von der Treuhandanstalt verursacht.

Auch die  Übernahme des DDR-Schulsytems durch Finnland ist so ein Mythos.

Es gibt kein Dokument, das die Wahrheit oder Unwahrheit eindeutig belegt oder es muss noch danach geforscht werden. Ich will versuchen, ein paar Überlegungen zusammenzustellen.

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Lehrer und Schule in der DDR. Ein Lesetipp

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mietznerIn ihrer Dissertation von 1993 rekonstruiert die Bildungshistorikerin Prof. Dr. Ulrike Mietzner die Geschichte einer Schule in Mecklenburg von 1945 bis zum Mauerbau 1961, vom Gymnasium zur sozialistischen Oberschule:

Enteignung der Subjekte – Lehrer und Schule in der DDR, Opladen: Leske und Budrich 1998, (Amazon)

 

Ganz konkret kann man anhand von Schulakten, Berichten der Schulaufsicht, Direktiven der Partei und Interviews nachvollziehen, wie der Aufbau des Sozialismus im Schulwesen aussah: Die Maßregelung oder Entlassung der gymnasial oder reformpädagogisch orientierten Lehrer. Der totale Zugriff der Kommunisten auf Lehrer und Schüler, die politisch-ideologische Indoktrination im Unterricht, im Schulleben, bis zu rigide durchgeplanten „antifaschistisch-demokratischen“ Schulfeiern, das Aufspüren von „feindlich gesinnten“ Schülern und Lehrern.

Sehr konkret und anschaulich wird das Buch durch die Zeitzeugen-Interviews. Man kann erkennen, wer im Nachhinein nachdenklich geworden ist, wer sich partout nicht mehr an seine damalige Handlungsweise erinnern will, wer bis heute Hardliner geblieben ist und alles zur Reaktion auf die Machenschaften des bösen Westens schiebt.

Lehrer wurden bespitzelt und verhöhnt, man hatte Angst vor Denunziation. „Wir liefen jedes Mal ans Fenster, wenn draußen ein Auto vorfuhr“, erinnert sich eine Lehrerin.

Man sollte annehmen, dass dieses Buch im brandenburgischen Verbundkatalog, nicht zuletzt in der Stadt- und Landesbibliothek im Wissenszentrum Potsdam auffindbar ist. Fehlanzeige! Immerhin ist es in der UB in Potsdam ausleihbar. Ein Exemplar reicht wohl für die (von mir geschätzt) 4.000 Lehramtsstudierenden.

Wir müssen uns heute belehren lassen, wie gut die DDR-Schule gewesen sein soll und hören vom Mythos des Vorbilds DDR-Schule für Finnland. Kritische Darstellungen werden abgewehrt. Bei der DDR-Aufarbeitung ginge es vor allem um Repression belehren uns Potsdamer Historiker. Potsdamer Politologen warnen vor einer Überwältigung durch Zeitzeugen in Gedenkstätten und im Unterricht.

Dann gibt es heute noch die kritisch-linken Geister, die von der Anfangszeit der SED-Diktatur schwärmen, wo man noch mit Begeisterung den Weg zum Sozialismus gepflastert hätte und es besser machen wollte als die Nationalsozialisten.

Eigentlich müsste das Buch Pflichtlektüre für Brandenburger Lehrer und Bildungspolitiker sein.

Ergänzend siehe auch Freya Klier, Lüg Vaterland

Dagegen der Unsinn, den der sonst so kritische Götz Aly über die Wärme und Geborgenheit schreibt, die die DDR-Schule den Kindern gegeben hätte; ganz anders als die westdeutschen Schulen der Adenauerzeit. (Vielleicht ist es auch Satire und ich habe es nicht gemerkt.)

Es handelt sich im Buch von Frau Prof. Mietzner übrigens um die Schule, die Uwe Johnson besuchte.

Einige Zitate und Stichworte daraus:

Statt der (reformpädagogischen) Arbeitsschule wurde die Leistungsschule eingeführt: „Wenn der Klassenverband ständig in Gruppen aufgelöst wird oder im Unterrichtsprozess einzelne Gruppen mit unterschiedlichen Zielen und Aufgaben arbeiten, führt das zur Auflösung und Zersplitterung des Klassenverbandes im Sinne des Gruppenunterrichts der bürgerlichen Reformpädagogik, zur Negierung der führenden Rolle des Lehrers und hat eine Senkung des Bildungs- und Erziehungsniveaus unserer Schule zur Folge.“ (S. 283)

„Wir müssen alle Erziehungs- und Bildungsmöglichkeiten ausnutzen, um die Menschen zu schaffen, die in der Lage sind, die gesellschaftlichen Zusammenhänge klar zu erkennen und zu begreifen, und die Entwicklung bewusst vorantreiben helfen. diese neuen Menschen zu formen, muss beim Kinde beginnen.“ (Protokoll der Landestagung der sozialistischen Lehrer und Erzieher Mecklenburgs 1949; S. 111 im Buch)

Der Schulleiter wurde auf der Kreislehrerkonferenz ermahnt, mit der FdJ-Gruppe zu beraten, wie die Mitglieder der (christlichen; GS) Jungen Gemeinde voll auszuschalten sind. (S. 200)

Eine Interviewpartnerin erinnert sich: Der Hauswirt habe gesagt: „Immer, wenn Sie weg sind, kommen Leute und gehen in ihre Wohnung.“ Man sorgte sich, wenn der Ehemann nicht zur gewohnten Zeit nach Hause kam. Es gab eine Flucht in den Witz, aber man schaute sich vorher um. (S. 271ff)