Presse

Eine Zeitung interviewt einen politischen Gegner

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Wie Journalisten mit Interviewpartnern umspringen, die sie nicht mögen, kann man im ÖR oft erleben. Opfer der Präpotenz deutscher Vertreter/-innen der Vierten Gewalt war in jüngster Zeit z. B. der österreichische Bundeskanzler, im Deutschlandfunk herrschte der Journalist den israelischen Botschafter an. AfD-Politikern ins Wort zu fallen oder sie nicht ausreden zu lassen, qualifiziert anscheinend für den Grimme-Preis. Zeitungsjournalisten sind da nicht viel besser.

Ein aktuelles Beispiel finde ich heute Morgen (11.7.18) auf Seite 12 der Potsdamer Neuesten Nachrichten, dem regionalen Kopfblatt des Tagespiegels.

Journalist Henri Kramer versteht sich wohl eher als linker, präpotenter Aktivist. Er begrüßt den AfD-Kandidaten für den Posten Oberbürgermeisters so: „Ihre Arbeit im Stadtparlament beschränkt sich auf einige Anfragen, vor allem zur Flüchtlingspolitik. Inhaltliche Vorstöße gab es nur selten…“ Der antwortet, dass er in der aktuellen Wahlperiode über 110 Kleine Anfragen gestellt habe, darunter auch „inhaltliche“. Bei den Anfragen und seiner Tätigkeit in einem Ausschuss sei nicht die Flüchtlingspolitik Schwerpunkt gewesen. Es wäre eben typische Oppositionsarbeit gewesen. Dieses Wort gefällt dem Journalisten so gut, dass er es als Überschrift für das Interview nimmt.

Der Kandidat Dennis Hohloch erzählt, dass die AfD-Repräsentanz im Stadtparlament aus zwei Politneulingen bestünde, die nicht dieselbe Arbeit wie alteingesessene große Fraktionen leisten könnten. Inzwischen gäbe es aber schon ein unterstützendes Team.

Nächste Frage: „Sie kritisierten zuletzt, Potsdam müsse autofreundlicher werden (sic!), auch eine dritte Havelbrücke wollen Sie. Sie wollen also die Potsdamer Kulturlandschaft mit Straßen und Brücken verunstalten?

Der Kandidat macht Ausführungen zum maroden Potsdamer Straßennetz, kritisiert das Konzept der Verkehrsberuhigung und findet nicht, dass die Potsdamer Kulturlandschaft durch eine Brücke entlang einer Bahntrasse verschandelt würde.

Henri Kramer kommt zur dritten Frage: „Der AfD-Fraktionschef hat zuletzt erklärt, Hitler und die Nazis seien nur ein Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte. Hat er Recht?“

Der AfD-Kandidat: „Ich verstehe beim besten Willen nicht, was diese Aussage mit meiner Kandidatur zum Oberbürgermeister zu tun haben soll. Wenn Frau Nahles Unionspolitikern „in die Fresse“ hauen möchte, fragen Sie Herrn Schubert (SPD-OB-Kandidat) aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht nach seiner Meinung.

Henri Kramer: „Bitte lenken Sie nicht ab.“

Der AfD-Kandidat entgegnet, dass die Potsdamer lieber etwas zu den Potsdamer Problemen hören wollen und keine Geschichtsabhandlungen über zwölf Jahre deutsche Diktatur. Er könne aber gerne in seinen Geschichtsunterricht kommen, wenn ihn seine Einschätzung zum Nationalsozialismus interessiere. (Dennis Hohloch ist Lehrer.)

Zuletzt wird er gefragt, warum er mit der Asylpolitik ein Problem hätte, obwohl die Integration in Potsdam doch in weiten Teilen zu funktionieren scheine.

Dennis Hohloch findet, dass die Stadt für „horrende Summen“ Wohnraum für Flüchtlinge und Asylbewerber anmiete. Untergebracht würden sie vorwiegend in sozial schwächeren Stadtteilen. Nicht nur dort, sondern in ganz Potsdam hätten sie das Stadtbild verändert.

Der Umgang mit Flüchtlingen werde wohl sein Hauptthema im Wahlkampf. fragt der Aktivist. Der Kandidat verneint das. Schwerpunktthemen würden Verkehrspolitik, Stadtwachstum, Potsdams Identität und sozialer Wohnungsbau werden. „Aber danach haben Sie mich im Interview leider nicht gefragt.“

Herr Kramer weist noch auf eine Langform des Interviews auf pnn.de hin. Warum sollte ich die jetzt noch lesen?

 

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Journalisten: Richter in eigener Sache

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Altpapier

Rainer Grell, AchGut-Autor schreibt über Erfahrungen mit Journalisten in seiner Zeit als leitender Beamter in einer Landesregierung:

Gute Presse, schlechte Presse

Grimm zitiert den Rechtswissenschaftler Dr. Ulrich Vosgerau:

„[Er] beschreibt sehr anschaulich die hilflose Situation des Normalbürgers, der ins Visier der Presse geraten ist: „Real agieren Massenmedien nicht selten als alternative Staatsgewalt oder jedenfalls politische Gewalt ohne durchgreifende verfassungsrechtliche Bindung. Sie unterscheiden zwischen erlaubten und verbotenen Meinungen oder Äußerungen; sie attribuieren Schuld oder Mitschuld; sie klagen öffentlich an, ohne dem Angeklagten irgendeine Möglichkeit zu seiner Verteidigung zu geben; sie sind immer zugleich Streitpartei und Richter in eigener Sache“.

Foto: pixabay

Wie privat twittern ÖR-Journalisten?

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Der Generaldirektor des österreichischen Rundfunks (ORF) erlässt Richtlinien, die seinen Mitarbeitern Grenzen aufzeigen bei ihren Äußerungen in den sozialen Medien. Auch wenn sie sich dort als Privatpersonen äußern, müssen sie berücksichtigen, dass sie Angehörige eines über Zwangsgebühren finanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunks sind, deren private politische Meinung beim Publikum nicht so einfach von der Berichterstattung getrennt werden kann. Dadurch werde die Objektivität und Überparteilichkeit des ÖR beeinträchtigt.

 

Edelfeder Konstantin Sakkas

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konstantin-sakkas

Er sondert seine Gedanken als freier Mitarbeiter ab, er selbst nennt sich Editor at Large, bei Cicero, Tagesspiegel, Die Zeit, beim Südwestrundfunk, beim Deutschlandfunk und in der Anthroposphenzeitschrift Die Drei.

Der Editor at Large kennt sich nicht nur mit Japanern aus, sondern auch bei der Potsdamer Garnisonkirche, dem Infanterieregiment 9 und den Widerstandsoffizieren vom Juli 1944: alles Ex-Nazis. Widerstand? Eine Mär! In: Frank Bayer (Hrsg.), Die Garnisonkirche braucht niemand. Argumente gegen den Wiederaufbau, erschienen in der „edition ost“ der Eulenspiegel-Verlagsgruppe.

 

Alles schon mal dagewesen: Einseitige Berichterstattung der Medien 1988/89

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Was zurzeit in den Medien passiert, die einseitige Berichterstattung über die Flüchtlingskrise oder die israelkritischen Berichte, gab es vergleichbar schon einmal: die Berichte über die Ereignisse in der DDR gegen Ende der 80er Jahre, vor allem Oktober/November 1989. Wobei es damals weniger an den Korrespondenten vor Ort lag, als an den politischen Rücksichten der Heimatredaktionen.

Karl-Heinz Baum war Korrespondent der Frankfurter Rundschau in der DDR. In der Fachzeitschrift „Horch und Guck“ hat er über Erfahrungen von DDR-Korrespondenten mit ihren Zeitungen geschrieben: „Berichtet doch mal was anderes“, Horch und Guck , Heft 67, 2010, pp 26ff.

Hans-Jürgen Börner erinnert sich an seine Vorgesetzten von der Tagesschau-Redaktion: „Sagen Sie mal, wer um Himmels willen ist eigentlich dieser Herr Eppelmann? Berichtet doch mal über was anderes als über diesen Pfarrer. Macht doch auch mal schöne Filme über die DDR!“ Schließlich sei Intendant Plog, wahrscheinlich von SPD-Leuten im Rundfunkrat, gedrängt worden, Börner abzulösen. Üblich war bisher gewesen, Verträge mit Korrespondenten zu verlängern, wenn sie das wünschten. Börner hatte darauf hingewiesen, dass die nächsten Monate (Oktober/November 1989) besonders „heiß“ würden. Es half nichts, er wurde abgelöst.

Baums Vertrag mit der Westdeutschen Allgemeinen wurde gekündigt. Er hatte zu ausführlich über Wahlfälschungen bei den DDR-Kommunalwahlen geschrieben: „Wenn ein Staat ein Wahlergebnis bekannt gegeben hat, dann haben das auch Sie zu akzeptieren.“

Der Spiegel-Korrespondent Ulrich Schwarz erhielt 1988 nicht mehr die gewohnte  Weihnachtsgratifikation für gute Arbeit. Warum? Er kümmere sich zu viel um die Bürgerrechtler, zu wenig um die Funktionäre.

Die Kundgebung vom 4.11.1989 auf dem Berliner Alexanderplatz wurde von keinem ARD-Sender live übertragen, wohl aber vom DDR-Fernsehen. Baum zitiert einen Ost-Berliner: „Während wir hier deutsche Geschichte schreiben, überträgt das Westfernsehen Boris Becker.“

Peter Wensierski erinnert sich, wie schwierig es war, mit verdeckter Kamera gedrehte, spannende Filme mit DDR-Bürgerrechtlern in den ARD-Tagesthemen unterzubringen.

Der Deutschlandfunk verschlief die Nacht des 9.11., als die Mauer geöffnet wurde. Während weltweit, auch in Westdeutschland, pausenlos live gesendet wurde, war beim DLF klassische Musik zu hören.

Die besten Fake-News verbreitete Christoph Dieckmann in Die Zeit. Er wollte 1986 in der DDR beobachtet haben, dass „Bewegung statt Stagnation herrsche… das Grau weicht überall freundlichen Farben, die niederdrückende Trübsal ist verflogen. Keine Spur von Kontaktscheu bei den Funktionären.“ Übrigens ein typischer Text für Zeit-Edelfeder Dieckmann. Er war die Hauptursache dafür, dass ich Die Zeit 2014 gekündigt habe.

Warum Journalisten überwiegend links sind

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Roger Köppel, Chefredakteur der Schweizer Weltwoche, erinnert sich an einen Satz eines NZZ-Redakteurs aus der Zeit, als er selbst dort Redakteur war:

„Auslandredaktor Christoph Mühlemann, Sturmgeschütz im Kalten Krieg, aber auch Brillantautor von feinster Bildung, hatte es mir während eines gemeinsamen Abenddiensts erklärt: Die meisten Journalisten sind links aus Unfähigkeit, denn der Marxismus ist einfacher zu begreifen als der Liberalismus.“

Geschwätz von Gestern

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Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur Die Zeit 2016 über die Presse in Zeiten der Masseneinwanderung:

„…weil mich im zurückliegenden Jahr so sehr gestört hat, dass eine von der Politik der Bundesregierung abweichende Meinung, manchmal auch schon kritische Fragen, unter den Generalverdacht gestellt wurden, man habe etwas gegen Flüchtlinge oder betreibe das Geschäft der Populisten.

Es gab in den vergangenen zwölf Monaten aber einiges zu kritisieren. Nicht alles, was am 4. und 5. September 2015 geschah, konnte sofort recherchiert und verifiziert werden. Aber gerade weil dem so war, ist die anfängliche Euphorie unter Journalisten so schwer zu verstehen.“

Und: „Es ist etwas faul in unserer Branche. […] Vor allem was die schreckliche Erscheinungsform des Rudeljournalismus angeht. Wir haben es mit einer veränderten Medienhierachie zu run. Es sind die Online-Medien, die mittlerweile den Takt vorgeben. Was am Morgen Top-Thema bei Spiegel Online ist, läuft am Abend ihn ähnlichem Stil in der Tagesschau. Wir lügen nicht – wir sind schlampig, denkfaul und ein bisschen propagandistisch.“ (Quelle)

Das war gestern.

Eine Auswahl von Artikeln in Die Zeit aus 2018: Die Zeit Migrationskrise

Nachtrag:

Die_Zeit_Kippa

Dürfen die das? Saudischer Prinz erkennt Israel an

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Wer Berichte israelischer Medien oder unvoreingenommener europäischer Medien las, konnte schon seit einiger Zeit wissen, dass der eliminatorische Israel-Hass arabisch- palästinensischer Politiker, Organisationen, Milizen und der laut FAZ in Gaza existierenden „Zivilgesellschaft“ kein gesamt-arabisches Phänomen ist.

Ägypten blockiert Gaza in weitaus rigiderem Umfang als Israel. Die wirtschaftlichen Beziehungen zu Saudi-Arabien und Jordanien werden seit einiger Zeit ausgebaut. Es gibt militärische Kooperation mit Golfemiraten. Air India erhielt Überflugrechte über die Arabische Halbinsel auf dem Weg nach Tel Aviv.

Manche arabische Journalisten schreiben ohne Hass über Israel und den Palästina-Konflikt. Manche arabische Politiker haben die Nase voll davon, dass die palästinensischen Araber mit ihrem Hass auf die Juden alle anderen Themen an die Wand drücken. Und jetzt erkennt der saudische Prinz Muhammad bin Salman Israels Existenzrecht an.

Mein Eindruck war, dass manche deutsche Zeitung vom Schlag getroffen war. Das durfte doch nicht wahr sein, dass der Störenfried Israel (so ähnlich R. Hermann in der FAZ) mit Nachsicht bei Arabern rechnen darf.  J. Stahnke stellt in derselben Zeitung erleichtert fest, dass der Prinz eine rote Linie ziehe: die Unantastbarkeit islamischer Heiligtümer in Jerusalem. Er vermutet, dass Trump dem Prinzen die Anerkennung diktiert hätte.

Bernd Zeller hat das Staunen des Feuilletons unnachahmlich ironisiert:

zeller-israel

Matthias Matussek: White Rabbit

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white rabbit

Ich muss zugeben, dass ich Matthias Matussek in seinen Stern- und Spiegel-Jahren nie viel Aufmerksamkeit geschenkt habe. Dass er, der Starjournalist und Starautor, der Szene der Edelfedern der „Qualitätspresse“ zugehörig, quasi über Nacht von den Angehörigen seiner Klasse, darunter auch ehemaligen Freunden und Freundinnen, zum Outlaw wird, zum Rechten, zum Wortführer der Nazis, nahm ich zur Kenntnis. Das passiert schnell mit einem, der die begeisterte Willkommenskultur und die Sympathie der Linken und der Kirchenfürsten mit der Religion des Friedens, dem Islam, nicht teilt.

Sein Buch über seine Hinwendung zum orthodoxen Katholizismus, seine Verehrung für Gilbert K. Chesterton, seine Aufenthalte in anderen Ländern, seine Begegnungen mit den Prominenten in Kultur und Politik, fast schon eine Autobiographie, ist lesenswert. Er kann schreiben!
Am spannendsten sind natürlich seine Erfahrungen beim Spiegel und beim Stern, in den Leuchttürmen, heute müsste man sagen: den Elfenbeintürmen, des sog. Quaitätsjournalismus  und schließlich sein Rauswurf bei der Welt.

Auch wenn man schon weiß, dass die Repräsentanten der Vierten Gewalt keine Lichtgestalten sind: Wie sehr Intrigen, Fehden und Feindschaften zwischen den Edelfedern der „Qualitätspresse“ die Inhalte der Zeitungen bestimmen, überrascht den gemeinen Leser dann doch.

Gewiss hätte es dem Buch nicht geschadet, wären Chesterton und sein Pater Brown weniger oft erwähnt worden. Man spürt auch, dass er verletzt ist, weil und wie er von den Kolleginnen und Kollegen ausgestoßen worden ist. Aber das Buch ist keine gehässige Abrechnung. Dafür kann er zu gut schreiben. Und sein Archiv liefert treffende Beispiele dafür, dass „Lügenpresse“ keine bloße Behauptung ist.
Matussek selbst ist nicht weniger eitel als seine (ehemaligen) Kollegen. Angesichts seiner überragenden journalistischen Fähigkeiten darf man ihm das nachsehen.

Wolfgang Herles interviewt Matussek

Herrlich! Matussek rezensiert Matussek

N.B.: Kein großer Verlag war bereit, Matusseks Manuskript zu drucken.

Zensur durch die Presse

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„Wir brauchen keine Zensur der Presse. Wir haben eine Zensur durch die Presse.“

Das schrieb vor ca. hundert Jahren der Journalist und Autor Gilbert K. Chesterton, zitiert von Matthias Matussek in seinem äußerst lesenswerten Buch White Rabbit oder Der Abschied vom gesunden Menschenverstand.