Planwirtschaft

Lesetipp: Die Bilanz. Eine wirtschaftliche Analyse der deutschen Einheit

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Ein beliebter Slogan in der DDR-Aufarbeitung ist der Satz: „Sie beleidigen damit die Ostdeutschen.“ Bei Dr. Gysi geschieht das gerne auch mit Prozentangabe: „Sie beleidigen gerade 20% der Ostdeutschen.“ Wer Kritik am SED-Regime übt, beschädige ostdeutsche Biographien oder Lebensleistungen. Auch die Wissenschaft ist nicht unbeeinflusst von dieser Sicht der Dinge. Im enttäuschenden Band „Friedensstaat, Leseland, Sportnation? DDR-Legenden auf dem Prüstand“ lassen Forscherinnen DDR-Aufarbeitung nur noch zu, wenn sie als Therapie für beschädigte ostdeutsche Biographien konzipiert sei (Gallinat/Kitterl: Zum Umgang mit der DDR-Vergangenheit heute). Schon der Herausgeber konstatiert, dass eine Aufarbeitungsindustrie entstanden wäre, die über die Köpfe der DDR-Bürger hinweg arbeiten würde. Man müsse das Gute an der Diktatur erkennen und würdigen, damit die Biographien nicht beschädigt würden. Erst wenn sich die ehemaligen Bürger dieses Staates nicht mehr in ihren Biographien beschädigt fühlten, könnten sie, so stünde zu hoffen, zugeben, dass nicht alles gut war in der DDR. Fehlt nur noch der Satz: DDR-Aufarbeitung wäre ein westdeutsches Projekt.

Da tut es gut, ein anderes Buch lesen: Karl-Heinz Paqué, Die Bilanz. Eine wirtschaftliche Analyse der deutschen Einheit. Siehe dazu meine Anmerkungen im Blog. Nach der Lektüre wird man fragen:

Was hat die ostdeutschen Biographien mehr beschädigt, die kritische DDR-Aufarbeitung oder 40 Jahre sozialistische Planwirtschaft?

Was mich erstaunt ist auch die ständige Vereinnahmung aller Ostdeutscher: Immer heißt es die Ostdeutschen. Dabei gibt es die nicht. Fehlt nur noch der Satz Dr. Gysis: Die Ernennung Gaucks zum Bundespräsidentenkandidaten beleidige 30% der Ostdeutschen.

Update: „Frontal 21“ des ZDF erklärt uns am 13.9.2010, wie die Treuhand die blühende DDR-Wirtschaft zugrunde richtete: „Beutezug Ost“ heißt das viel versprechend. Natürlich darf in solchen Sendungen der Wendebankier Edgar Most nicht fehlen. Er weist dann gerne daraufhin, dass es auf dem Territorium der ehemaligen DDR keinen namhaften Konzern, keinen größeren Firmensitz mehr gäbe. Ostdeutschland sei nur noch die verlängerte Werkbank westlicher Konzerne. Was Herr Most, der von der DDR-Staatsbank zur Deutschen Bank wechselte, unterschlägt: Die SED hat 40 Jahre lang Unternehmer, Unternehmerfamilien und Firmen vertrieben. Genannt seien die Glasindustrie, u.a. Schott (Jenaer Glas), Autobauer, u.a. Auto-Union (Horch, Audi), Madaus-Pharma, Zeiss-Optik.

Durch die Enteignungen in der SBZ 1945 bis 49 und später in der DDR wurden über eine halbe Million mittelständischer Unternehmer vertrieben. Die erhielten zwar in der BRD Lastenausgleich für „Kriegsfolgeschäden“, aber nicht mehr ihre von der SED abgewirtschafteten Betriebe und Güter zurück. Vor allem: Sie kamen nicht mehr als Unternehmer zurück.
Jetzt zu lamentieren, dass es im Osten keine größeren Firmensitze mehr gäbe, ist nicht sehr ehrlich.

Eine Frau aus Eisenhüttenstadt, die ihr Leben lang für 60 Mark Monatsmiete in einer Dreizimmerwohnung wohnte, versteht in dieser ARD-„Dokumentation“ überhaupt nicht, wieso die staatlichen Kredite, mit denen die billige Miete subventioniert wurde, nach der „Wende“ als Schulden bei der Wohnungsgesellschaft bilanziert wurden. Auch die Wohnungsgesellschaftsmitarbeiterin versteht die Wende-Welt nicht mehr. Sie hätten doch früher in der DDR nie Schulden gehabt.

Dass sich Werner Schulz für eine solche „Dokumentation“ hergibt, erstaunt mich.

Weitere Lesetipps zum Thema.

Der Text erschien 2010 auf „Basedow1764“. Ich übertrage nach und nach einige weiterhin lesenswerte Texte in diesen Blog.

Pro und Contra Diktatur. Mehr Ausgewogenheit beim Unterricht über die DDR?

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Dieser Text entstand, weil ich Handreichung und Literaturliste zur Medienkiste „Ampelmännchen und Todesschüsse“ einmal der für Schule zuständigen Mitarbeiterin der Brandenburgischen Beauftragten für die Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur zum Lesen gab. Ich war so naiv zu glauben, dass das vom Hessischen Kultusministerium bezahlte Projekt auf Interesse stoßen würde. Auch auf ihre sachverständige Meinung hoffte ich.
Auf Nachfrage teilte sie mir per E-Mail mit, dass ich das überarbeiten müsste, denn es würde gegen das Überwältigungsverbot des Beutelsbacher Konsenses verstoßen. Außerdem hätte ich einmal die Abkürzung IM falsch erklärt.

 

Viele Jahre gab es den Vorwurf, das Thema DDR werde kaum unterrichtet und in den Köpfen vieler junger Schüler ­herrsche als DDR-Bild „die Vorstellung eines ärmlichen, skurrilen und witzigen Landes (vor), das aber irgendwie sehr sozial war”. So fasste Prof. Klaus Schroeder seine Studien zum Schülerwissen über die DDR vor allem in den neuen Bundesländern zusammen.[1]

Jetzt lautet der Vorwurf, dass die Repression im Vordergrund stünde und nicht das Fortschrittliche in der SED-Diktatur. Übersetzt heißt das wohl, zu viel Staatssicherheit, zu wenig Kita und Frauenemanzipation. Verlangt wird mehr Ausgewogenheit.

Dabei beruft man sich im Osten Deutschlands auf ein westdeutsches Dokument aus dem Jahre 1976, den Beutelsbacher Konsens.[2] Er ist – auf einer Seite zusammengefasst – das informelle Ergebnisprotokoll einer Tagung westdeutscher Politikdidaktiker: Politikunterricht darf nicht indoktrinieren. Er muss kontrovers und ausgewogen sein. Den Rest des Beitrags lesen »

Lesetipp: Planwirtschaft in der DDR

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Das am meisten vernachlässigte Thema bei der DDR-Aufarbeitung und beim Unterricht über die DDR ist die Planwirtschaft. Andere Aspekte der SED-Diktatur werden bevorzugt: Schule, Kita, Frauenemanzipation.  Beliebt sind auch Vergleiche zwischen Ost- und Westdeutschland: Antifaschismus, Frauenemanzipation.

Daher der Lesetipp: André Steiner, Die Planwirtschaft der DDR. Aufstieg und Niedergang der DDR.

Die ca. 120 Textseiten umfassende Broschüre wird von der Landeszentrale f. pol. Bildung in Thüringen herausgegeben und ist auch bei der Stiftung Aufarbeitung erhältlich.

Lesetipp: Die Planwirtschaft der DDR

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Planwirtschaft ist das am meisten vernachlässigte Thema bei der DDR-Aufarbeitung und beim Unterricht über die DDR.

Über andere Aspekte der SED-Diktatur redet man lieber: Schule, Kita, Frauenemanzipation, Leseland DDR. Das verlangt weniger Sachkenntnis und manche können da auch den Staat schönreden. Überhaupt: Die DDR wird in der Erinnerung immer schöner, kuschliger und sozialer als sie es je war.

Das Thema Planwirtschaft ist schwieriger. Man muss als Referenzsystem die Funktionsweise der Marktwirtschaft kennen: die Rolle des Preises, die Funktion des Wettbewerbs, die Rolle des Staates, die Bedeutung des Unternehmers.

Die marxistische Produktionsweise ohne Wettbewerb und Kostenbewusstsein, aber mit zentraler Lenkung und Planung bis zum Schnürsenkel und der Zahnbürste bedingt einen gigantischen, teuren Staatsapparat, führt zu Korruption und Misswirtschaft. Es gibt keinen Anreiz zur Schonung der Umwelt oder der Ressourcen und zur Innovation.

Irgendwo habe ich dieses treffende Bild gelesen: Planwirtschaft ist so, wie wenn man einen Maikäfer zerlegt und dann versuchr, seine Einzelteile wieder zusammenzufügen und sich wundert, dass er nicht mehr lebt.

Prof. André Steiner hat mit „Von Plan zu Plan“ eine Geschichte der DDR-Planwirtschaft geschrieben. Jetzt gibt es von ihm eine Darstellung, die wegen ihrer Kürze für die politische Bildung besonders gut geeignet ist:

Die Planwirtschaft der DDR, von André Steiner, hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung, Thüringen, 2016

Siehe u. a. auch hier im Blog: Planspiel „Planwirtschaft“

Lang anhaltende mentale Unterschiede zwischen Ost und West?

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In vielen Leitartikeln wird mahnend konstatiert, dass auch nach 25 Jahren Unterschiede in der wirtschaftlichen Entwicklung von Ost- und Westdeutschland bestehen oder sich die Angleichung gar verlangsamt habe.

Es werden die blühenden Landschaften vermisst, die wahren oder vermeintlichen Fehler der Wirtschafts- und Sozialunion werden diskutiert, die Annexion der gar nicht bankrotten DDR-Betriebe durch gierige Westkonzerne, die sich auf die hoch produktiven Ostbetriebe gestürzt hätten, wird beklagt, die verheerende Wirkung der Treuhand, die den Industriestaat DDR geschleift hätte.

Man hat unterschätzt gerne die Wirkung der Ideologie, die einen Teil Deutschlands, der vor dem Zweiten Weltkrieg Gebiete höhere wirtschaftliche Produktivität als Westdeutschland vorzuweisen hatte, einer planwirtschaftlichen Bürokratie unterwarf.

Da erhielten Bauern unrentable Betriebsgrößen aus der Auflösung der Rittergüter, dann wurden Bauern in riesige Staatsbetriebe („Genossenschaften“) gezwungen. Dem entzogen sich Zehntausende durch Flucht in den Westen, Dutzende durch Selbsttötung. 250.000 Unternehmer wurden kriminalisiert und enteignet, flohen in den Westen, wo sie ihre Betriebe neu gründeten. Heute wird beklagt, dass in Ostdeutschland zu wenig Konzernzentralen wären. Wie stellt man sich das vor? Dass die Unternehmer und Unternehmen 20 oder 35 Jahre nach Enteignung und Flucht wieder umziehen, womöglich nach Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern, wo die ehemalige SED-Kader und ihr noch in der DDR sozialisierter Nachwuchs nach der Revolution mitregieren oder mitregiert haben?

Aber wer nur ökonomische Kennziffern vergleicht und mehr und länger den Transfer von Subventionen verlangt, greift zu kurz. Es gibt nicht nur eine ökonomische Kluft, es gibt auch eine mentale. Prof. Klaus Schroeder zitiert in einem Text in der heutigen FAZ („Vom gescheiterten Plan zum Markt“; 25.9., p 20) einen ostdeutschen Geschäftsführer, der 1990 sagte: „Der materielle Schaden von vierzig Jahren SED-Herrschaft wird in zweieinhalb Jahren behoben sein, aber der menschliche Schaden, die Verkrustung der Gesellschaft, durch soziale und kulturelle Prägemuster, die Inflexibilität im Denken und Handeln und die damit desolate Motivationslage sind eine Erblast, die über Jahrzehnte hinweg die Entwicklung hemmen werden.“

Hinsichtlich der materiellen Schäden war er zu optimistisch. Der Unterschied, den er zwischen Wirtschaft und Gesellschaft macht, wird aber gerne übersehen. Klaus Schroeder nennt Umfrageergebisse: Die Hälfte der Ostdeutschen verbindet mit Planwirtschaft nicht das Wort Mangel, sondern Sicherheit. Bei Marktwirtschaft assoziieren 80% Ausbeutung. Auch wenn man Umfragen nur begrenzt vertrauen mag, die Unterschiede zwischen den Antworten West- und Ostdeutscher sind markant.

Dazu passen meine Beobachtungen und Informationen: Ausgerechnet aus zwei Städten, die auch für ostdeutsche Verhältnisse nur bescheiden vorangekommen sind, Frankfurt/Oder und Dessau, ist zu hören, dass die örtliche Wirtschaft bei der Stadtverwaltung eine aufgeschlossenere, wirtschaftsfreundlichere Haltung vermisst. Dem Land Brandenburg wurde vom BGH bescheinigt, dass es verhindert hat, dass Bauern aus dem Vermögen und Landbesitz der aufzulösenden LPGen angemessen entschädigt wurden. Man hat lieber die alten Strukturen gefördert. Heute sind die meisten LPGen Agrarfirmen, die von den ehemaligen LPG-Chefs geleitet werden und/oder in ihrem Besitz sind.

In der Griechenlandkrise gibt es Stimmen, die sagen, dass das, was die schwere Krise des Landes verursacht hat, seine Wurzeln in jahrhundertealten Traditionen – aus der Zeit der Osmanenherrschaft – hat:

  • den Klientelismus, d. h. die eigenen Leute, die Verwandtschaft, mit gut dotierten Posten zu versorgen
  • das Misstrauen und die Ablehnung staatlicher Ordnung, d. h. möglichst wenig oder keine Steuern zu bezahlen
  • durch Schmiergeld alles zu erreichen

Diese Mentalität, die durch Jahrhunderte gut getragen hat, kann nicht durch eine ausländische Troika kurzfristig verändert werden.

Man muss sich auch in Ostdeutschland auf Mentalitäten einstellen, die noch über Generationen wirksam bleiben werden.

Zum Glück gibt es immer wieder Geschichten von Menschen, für die 1989 ein großes Glück war und die DDR nicht das verlorene Paradies geworden ist. Und die Nachgeborenen lassen sich nicht auf die „Dritte Generation Ost“ reduzieren.

Industriespionage des MfS: Genutzt hat es letztlich auch nicht

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Helmut Müller-Engbergs, Stasi-Spezialist der BStU, in der digitalen Ausgabe der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ); Datum nicht feststellbar, wahrscheinlich 2011:

„Zwei von fünf Agenten, die für die Stasi in der BRD tätig waren, waren mit Wissenschaft- und Technikspionage befasst. Das schließt aber auch die Agenten ein, die beispielsweise in Universitäten im Forschungsbereich tätig waren. Der Bereich Wissenschaft und Technik ist DAS Tätigkeitsfeld der Stasi in der Bundesrepublik Deutschland und in den USA.

Die Staatssicherheit hat Westdeutschland genau untersucht: Wer stellt welches Produkt her? Wo wird welches Verfahren entwickelt? Und nur die Unternehmen waren relevant, die etwas entwickelten, das die DDR auch gebrauchen konnte. Die Stasi hatte dafür drei Abteilungen geschaffen: eine für Atomenergie und Physik, die zweite für Raketentechnik, Biologie, Chemie und Landwirtschaft und die dritte für Schwermaschinen und die Rüstungsindustrie. Und auf deren Speisezetteln fand man alle großen Industrieschiffe der Bundesrepublik. An erster Stelle stand mit großem Abstand das Leckerland der Stasi: Siemens. Jeden Tag wurden allein aus dem Siemens-Konzern zwei Informationen an die Stasi geliefert.

Hausintern wurde immer geprüft, ob eine bestimmte Aktion oder Investition Gewinn abwerfen würde. Wenn es keine Gewinnmarge gab, war das Projekt zu knicken. Ein Beispiel: Zwischen 1986 und 1989 wurden im Sektor Wissenschaft und Technik zwei Millionen D-Mark investiert. Wieder reingekommen sind nach den Stasi-Berechnungen 1,5 Milliarden Valuta-Mark. So einen Profit kann sich manches Unternehmen nur wünschen.“

 

Gelohnt hat sich die Industriespionage langfristig dennoch nicht. Die sowieso schon innovationsfeindliche und rückständige Planwirtschaft konnte manches gar nicht nutzen und sich selbst nicht weiter entwickeln, sondern wurde von spioniertem Input abhängig.

Kohls „blühende Landschaften“ sind Ergebnis westlicher Selbsttäuschung über die DDR

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Über den Satz Helmut Kohls von den „blühenden Landschaften“, die in Kürze auf dem Gebiet der gerade untergegangenen DDR entstehen würden, ergießt sich bis heute Häme und Spott, insbesonderen im Osten. Was dabei nicht offen gelegt wird, ist, dass diese optimistische Aussage deswegen entstehen konnte, weil sich die westdeutsche Sicht auf die DDR ab den 70er Jahren gewandelt hatte. Statt von sogenannter DDR, von Pankow, vom Regime, sprach man jetzt von der DDR ohne Gänsefüßchen. Man glaubte der Propaganda der SED, der Konsum-Offensive, die Honecker seit seiner Machtübernahme auf Pump finanzierte. Man bewunderte die Sozialleistungen. Die bisherige Kritik an der Planwirtschaft verschwand aus der Forschung und den westdeutschen Schulbüchern. Schließlich geisterte die falsche Zahl von der DDR als zehntgrößtem Industriestaat der Welt herum und wurde nie nachgeprüft. Deutlichstes Zeichen für den Paradigmenwechsel war die Auflösung des Forschungsbeirates für Fragen der Wiedervereinigung 1975, der sich kritisch mit der Planwirtschaft und ihren Problemen auseinandersetzte. In der Folgezeit ging man von einer immer besser werdenden Planwirtschaft aus und sah die DDR durch eine rosarote Brille, während sich ihr wahrer Zustand schneller verschlechterte als vorher. Am Schluss warnte der Chef der obersten DDR-Planbehörde, Schürer, vor dem unmittelbar bevorstehenden Bankrott. Die Produktivität war auf ein Drittel des westdeutschen Standes gesunken. (Sie liegt jetzt nach 25 Jahren bei über 70%.)

Erst nach den Wochen des Jubels und der Freudentränen angesichts des Endes der SED-Diktatur erkannte man den desolaten Zustand. Nach und nach enthüllte sich den Treuhandmanagern, auf was sie sich da eingelassen hatten. Auf die große Transformation war der Westen nicht vorbereitet. Die Wissenschaftler, die sich damit befasst hatten, mussten, wie gesagt, 1975 ihre Arbeit einstellen. Man kann es nachlesen, wie etwa Finanzstaatssekretär Sarrazin blass wurde, als er erkannte, dass es überhaupt keine nennenswerten Steuereinnahmen in der DDR gegeben hatte. Die SED hatte einfach die Gewinne der Kombinate abgeschöpft. Treuhandmanager boten DDR-Betriebe wie Sauerbier in ganz Europa an. Ein paar Schnäppchen wurden an der Treuhand vorbei vertickt (Interhotels, Staatsbank, Leuna) Und bevor die Treuhand zugreifen konnte, hatten sich auch SED-Kader, MfS-Offiziere und Kombinatsdirektoren das eine oder andere Sahneschnittchen zugeteilt.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir im Politikunterricht die Vergleichstabellen West-Ost, die uns das Gesamtdeutsche Ministerium (Sorry, das war wohl auch schon umgetauft worden: „innerdeutsche Beziehungen“ ) geliefert hatte, interpretierten: Naja, bei der Ausstattung mit Farbfernsehern noch ein wenig zurück, die Wohnungsgröße kleiner als in der BRD, dafür aber spottbillige Miete, bei den Autos, nun ja, längere Lieferzeit, dafür die Bahnfahrkarte fast zum Nulltarif. Sollten wir nicht alle mehr Bahn fahren? Im Erdkundebuch wurde das Eisenhüttenkombinat Ost mit dem VW-Werk in Wolfsburg verglichen, die LPG „Thomas Müntzer“ mit einem Tierzuchtbetrieb im Emsland. So viel anders war es nicht. Halt noch ein wenig Rückstand im Konsum. Das würde sich auswachsen, Konvergenztheorie nannte man das.

Siehe auch hier im Blog!

 

 

Knastarbeit als Wirtschaftsfaktor in der DDR

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Beim Besuch des neuen Berliner DDR-Museums, eines Ablegers des Deutschen Historischen Museums, staunte ich über eine Information aus dem Frauengefängnis  Hoheneck. Der dortige MfS-Aufseher, der auch für den ökonomischen Bereich zuständig war, sprach von Millionenbeträgen, die die Insassen mit der Fertigung von Textilien für Westfirmen erwirtschafteten. Dazu passt diese Rezension:

Karl-Wilhelm Fricke bespricht in der FAZ von heute ein neues Buch über Zwangsarbeit in DDR-Gefängnissen.

Die Arbeit der bis zu 39.000 Häftlinge war ein fester Bestandteil der Planwirtschaft. Als es unter Honecker Amnestien gab, brachte dies Probleme. Es mussten Sonderschichten und Überstunden angeordnet werden, um den Produktionsausfall zu kompensieren. Drei-Schichtbetrieb war schon der Normalfall. Arbeitsschutznormen wurden wenig geachtet, Die Häftlinge erhielten 20 bis 50 Mark im Monat. Das Gefängnis-HO-Angebot war dürftig. Ein kleiner Teil des Geldes war Rücklage für die Zeit nach der Haftentlassung. 80% der Erlöse aus der Produktion gingen an das Gefängnis.

Inside Ost – Vom West-Berater zum Ost-Unternehmer

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Christopher J. Schwarzer wird mit 29 Jahren Mitarbeiter der  Unternehmensberatung Roland Berger. Die Firma  soll helfen, für die volkseigenen Betriebe der untergegangenen DDR Käufer zu finden.

Schwarzer erzählt nicht ohne Humor von seinem Alltag in den ersten Nachwendejahren. Er weiß, dass es keinen guten Eindruck macht, wenn die jungen Damen und Herren der elitären Beraterfirmen in dicken Wagen über schlechte Straßen in die Betriebe kommen. Die Autoverleiher aber geben den guten Kunden gerne Upgrades oder haben schon alle Mittelklassewagen verliehen. Die Berater starteten ihre Expeditionen vom Flughafen Tegel aus oder vom letzten Hotel an der Grenze. Schweizer kann es heute nicht fassen, dass man ohne Handy, Laptop und Navi arbeiten konnte. Erst als sie mit der Treuhand in das heutige Finanzministerium einziehen und in Honeckers ehemaligem Grand Hotel wohnen, wird es etwas bequemer. Sie genießen das erwachende Berliner Clubleben.

Schwarzer ist für Bekleidungsfirmen zuständig. Er und sein Team analysieren die Stärken und Schwächen der volkseigenen Betriebe und versuchen gleichzeitig, westliche Betriebe zu finden, die man als Erwerber gewinnen könnte. Die Treuhand hat in der ganzen Welt Kontaktbüros, aber das Interesse an Ostbetrieben hält sich sehr in Grenzen. Den Rest des Beitrags lesen »

Umwelt in der DDR

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Das neue Heft von Guck und Horch (Nr. 76, 2/2012) befasst sich mit der zerstörten Umwelt (Inhaltsübersicht; pdf)

Aus dem Editorial:

„Think Big“ – die kommunistische Diktatur mochte es gern groß. Das ist auch
nicht weiter verwunderlich. Weil das System alle Macht in der Parteiführung
konzentrierte und auf ein weitgehendes Durchregieren von oben nach unten
angelegt war, mussten keine „demokratischen Rücksichten“ auf Menschen und
Umwelt genommen werden. Der Weg war frei für die kommunistischen Großprojekte, von der Schaffung des „sozialistischen Menschen“ in der „Volksbildung“ über die sozialistische Planwirtschaft bis hin zur Kollektivierung in der Landwirtschaft.

Während man die Menschen durch schlichte Unterdrückung noch eine Zeitlang
in die Anpassung an die Verhältnisse zwingen konnte, reagierte die Natur
da unnachgiebiger. Weil die industrielle Produktion im Mittelpunkt stand und
man die Folgeschäden für die Umwelt, so lange es irgend ging, ignorierte, kam
es zu einer rekordverdächtigen Umweltverschmutzung in der DDR. Man sah
den Dreck und roch den Gestank. Anfang der achtziger Jahre hatte die DDR
europaweit die höchsten Pro-Kopf-Emissionen an Schwefeldioxid.
Die Wasserverschmutzung in den industriellen Ballungsgebieten nahm verheerende Ausmaße an. Standorte wie Bitterfeld und Espenhain hätten nach den von der UNO empfohlenen Grenzwerten als nicht bewohnbar eingestuft werden müssen.

Nicht nur in der Industrie, auch in der Landwirtschaft führte das kommunistische Think Big“ zu einschneidenden Schäden an der Natur. Weil man in großem Stil die Felder durch Entfernen natürlicher Entwässerungskanäle und das Abholzen von Hecken an den Feldrainen vergrößerte, stieg die Bodenerosion und die Äcker vernässten. Die Natur verweigerte der SED den Gehorsam. (Hervorhebung von mir; GS)

Hängengeblieben bin ich gleich an:  Jens Schöne, Mauerbau und ländliche Gesellschaft der DDR, in: Horch und Guck 76, Umwelt in der DDR, S. 56ff: Darin u. a.: Der Kreis Eilenburg in Sachsen war 1959 der erste vollständig kollektiviert Landkreis. Mit einem Großeinsatz an Kadern, Justizfunktionären  und Stasi war jeder Widerstand gebrochen worden. Der Kreis war dann auch am stärksten betroffen von den republikweiten Folgen der Kollektivierung: Produktionsrückgang, explosionsartiger Anstieg des Viehsterbens, hohe Konventionalstrafen für die Nichterfüllung von Exportverpflichtungen, Wegfall der Einnahmen aus den hoch besteuerten bäuerlichen Privatbetrieben. Und eine unzufriedene Landbevölkerung, die mit Streiks, LPG-Austritten, dem Anzünden von Scheunen und Flucht in den Westen reagierte.

Unmittelbar nach dem Mauerbau am 13.8. 1961 schlug die Nomenklatura des Kreises Eilenburg, Rat des Kreises, SED-Kreisleitung, MfS-Kreisdienststelle zu: Willkürliche Verhaftungen, Zusammenschlagen von Menschen, Wegnahme von Sachen. Leitende Kader drohten mit Erschießen oder Zähne einschlagen. Im Kreisgebiet herrschte im Spätsommer 1961 das Faustrecht resümiert der Autor.