Planwirtschaft

Auch der Versandhandel rettete die DDR nicht

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Die unschönen Schlangen vor den Geschäften trübten das Bild vom Arbeiter-und-Bauern-Paradies DDR. Um das zu verhindern, verfielen die Planwirtschaftsbürokraten  auf die Idee, einen Versandhandel aufzuziehen.

Was auf den ersten Blick kompatibel mit Zentralverwaltungswirtschaft scheint, erwies sich für die SED als Reinfall.

Auf zwei Millionen Kunden brachte es der „Konsument“-, später „Centrum“-Versandhandel. Vor allem die Landbevölkerung war angetan. Von der Kittelschürze für die LPG-Bäuerin bis zum Overall für den Traktoristen gab es Nützliches für den Alltag.

Aber während die Nachfrage stieg, kam man mit dem Angebot nicht hinterher. Weder reichten die Bestände, noch wurde das Angebot vergrößert. Schließlich war etwa die Hälfte der bestellten Waren nicht lieferbar.

Am 13. August 1976, dem Jahrestag des Mauerbaus, wurde der Versandhandel eingestellt.

Erfolgreicher war der GENEX-Geschenkdienst. Er wurde der Kommerziellen Koordination (KoKo) des Außenhandelsministeriums unter Leitung von Stasi-Oberst Schalck-Golodkowski unterstellt. Die KoKo war ein riesiges Schattenimperium. Sie betrieb Waffenhandel, unterstützte die DKP finanziell, beschaffte Embargoware, exportierte enteignete Kunstgegenstände und Antiquitäten, versorgte die SED-Oberschicht mit westlichen Konsumgütern und importierte Sondermüll.

GENEX war als Geschenkdienst mit dem Einverständnis der Bundesregierung für die Kirchen in der DDR gegründet worden. Die DDR weitete das Verfahren aus. Bundesbürger konnten über die Genexfirmen in Dänemark und der Schweiz, später auch in Westdeutschland, DDR-Bewohnern schenken, was in einem Katalog verzeichnet war. Zu 90% waren es Güter aus der DDR-Produktion, darunter auch Motorräder, Autos und Möbel. Alles, auch Autos, wurde nach wenigen Wochen geliefert. Natürlich musste   der Kaufpreis in D-Mark entrichtet werden. Mehrere tausend Wartburgs wurden so jährlich verkauft. Hinter diesem Versandhandel stand die Notwendigkeit, Devisen zu erwirtschaften.

Groß war der Unmut der DDR-Bewohner, die keine Westverwandten oder keinen Zugang zur D-Mark hatten.

Wer im Ausland beschäftigt war, erhielt ein Genex-Konto, mit dem er aus einem Ost-Genex-Katalog zwar keine Westwaren, aber schwer erhältliche Güter, wie z. B. Fliesen, Schlagbohrmaschinen und auch Autos, kaufen konnte.

(nach Der Spiegel, Wikipedia „Genex“ und „Kommerzielle Koordination“)

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Frank Trentmann: Die Herrschaft der Dinge

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Der in Groß-Britannien lehrende deutsche Historiker Frank Trentmann hat eine faszinierende Weltgeschichte geschrieben: Die Herrschaft der Dinge. Die Geschichte des Konsums vom 15. bis ins 21. Jahrhundert. Es ist eine enzyklopädische Geschichte des Konsums rund um die Welt.

Das von mir benutzte Taschenbuch umfasst 850 Seiten, davon 700 Seiten Text. Es geht um Konsum, um die Lust auf Dinge, auf kostbare Kleidung, schöne Möbel, exotische Früchte und Waschmaschinen. Lust auf Konsum beginnt nicht erst in der Renaissance, schon die Frachtschiffe der Römer schafften die Dinge heran, die die Bewohner der Hauptstadt begehrten. Man erfährt viel Neues, z. B. über die ersten Warenhäuser, über erste Werbung, Marketing und Konsumentenkredite oder über das Luxusgut Kakao.

Es ist nicht der westliche Kapitalismus, der zum Konsum verführt. Trentmann erzählt gut lesbar vom Konsum in Japan, China, in Hitlerdeutschland und in kommunistischen Diktaturen. Letzteres interessiert mich natürlich besonders. Trentmann macht deutlich, dass die kommunistischen Herrscher in mehrfacher Hinsicht mit dem Bedürfnis ihrer Untertanen nach Konsumgütern nicht klarkamen. Die Ideologie ging davon aus, dass in einer sozialistischen Gesellschaft die Entfremdung der Menschen von der Arbeit aufgehoben sei. Der Mensch verwirkliche sich in der nicht mehr entfremdeten Arbeit. Eine Flucht in das Privatleben, in die Freizeit und eben den Konsum wäre nicht mehr notwendig. Die Proletarier folgten dem nicht.

Es war nicht allein die Verlockung der westlichen Konsumgesellschaft, die den Kommunismus kollabieren ließ. Den Rest des Beitrags lesen »

Wagenknechts Traumland Venezuela

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Verrostetes SchiffDie Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) stellt die venezolanische Katastrophe in den richtigen historischen Zusammenhang (6.8.17, p 29, von Sebastian Baltzter). Anderenorts lese ich seit Jahren nur, dass der Verfall des Ölpreises die wirtschaftlichen Schwierigkeiten verursacht hätte. Der war zu Beginn der sozialistischen Revolution niedriger als heute!

In Venezuela regieren seit 20 Jahren Sozialisten. Die deutschen Kommunisten Dr. Sahra Wagenknecht und der verstorbene Prof. Lothar Bisky waren voll des Lobes. All die angeblichen marxistischen Wundermittel wurden angewandt: Enteignung, Verstaatlichung, Umverteilung, Preisfestsetzungen und ein Sozialstaat vom Feinsten.

Es passierte, was immer passiert, wenn das sozialistische Paradies auf Erden errichtet wird. Verstaalichung und Planwirtschaft führten zu Produktionsrückgang, zu ausbleibenden Investitionen, Preis- und Devisenkontrollen zu Schwarzmarkt. Im ölreichsten Land der Erde wird Benzin jetzt aus den Nachbarländern importiert! Trotz der üppigen, auch von den UN gelobten Sozialprogrammen sind mehr Leute arm als zu Beginn der sozialistischen Revolution: Statt wie früher 45% gelten jetzt 70% der Bevölkerung als arm. Nur der Oberschicht der Bonzen um Diktator Maduro und den Spitzen des Militärs geht es bestens. Man verdient am Schmuggel, man lenkt die Hilfsprogramme um und bringt das Vermögen im Ausland in Sicherheit.

In der FAS dürfen regelmäßig Kommunisten wie Wagenknecht und Zizek schreiben, über Goethe, Gedichte, Ludwig Erhard und alles Mögliche sonst noch. Fragt sie doch mal nach Venezuela!

Obwohl, was werden sie sagen? Die CIA war´s, die Bilderberger, die Ölkonzerne…

Wieder gesehen: „Die Außenhändler der DDR“

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Der Film über die DDR-Außenhändler lief heute Abend wieder einmal im ö.-r. TV. Aus diesem Anlass lese ich noch einmal, was ich vor vier Jahren dazu geschrieben habe.

Meine Wahrnehmung hat sich etwas geändert: Während ich damals vor allem die unkritische, ostalgische Dokumentation sah, in der die Behauptung von der DDR als zehntgrößtem Industriestaat wiederholt wurde (Faktenchecker.wdr.de wo seid ihr?), sehe ich jetzt, dass man mit dieser Dokumentation aber auch exemplarisch das Scheitern des Sozialismus zeigen könnte: Die Kommandowirtschaft der Sozialisten produziert und muss das Produkt dann mit aller Gewalt (und unter Preis) verkaufen. In der Marktwirtschaft produzieren Unternehmer das, was der Markt verlangt. aber Unternehmer durfte es in der DDR nicht geben.

Natürlich sind die Außenhändler/-innen stolz auf ihre Lebensleistung. Sie sind nicht am Untergang der DDR schuld. Aber ihre Erfolge, z. B. der Verkauf von Produkten, die enteignete Unternehmer entwickelt hatten oder der Verkauf von Benzin aus billig von der UdSSR geliefertem Rohöl oder von konfiszierten Antiquitäten, beweist nicht die Überlegenheit des Sozialismus.

Lesetipp: Die Bilanz. Eine wirtschaftliche Analyse der deutschen Einheit

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Ein beliebter Slogan in der DDR-Aufarbeitung ist der Satz: „Sie beleidigen damit die Ostdeutschen.“ Bei Dr. Gysi geschieht das gerne auch mit Prozentangabe: „Sie beleidigen gerade 20% der Ostdeutschen.“ Wer Kritik am SED-Regime übt, beschädige ostdeutsche Biographien oder Lebensleistungen. Auch die Wissenschaft ist nicht unbeeinflusst von dieser Sicht der Dinge. Im enttäuschenden Band „Friedensstaat, Leseland, Sportnation? DDR-Legenden auf dem Prüstand“ lassen Forscherinnen DDR-Aufarbeitung nur noch zu, wenn sie als Therapie für beschädigte ostdeutsche Biographien konzipiert sei (Gallinat/Kitterl: Zum Umgang mit der DDR-Vergangenheit heute). Schon der Herausgeber konstatiert, dass eine Aufarbeitungsindustrie entstanden wäre, die über die Köpfe der DDR-Bürger hinweg arbeiten würde. Man müsse das Gute an der Diktatur erkennen und würdigen, damit die Biographien nicht beschädigt würden. Erst wenn sich die ehemaligen Bürger dieses Staates nicht mehr in ihren Biographien beschädigt fühlten, könnten sie, so stünde zu hoffen, zugeben, dass nicht alles gut war in der DDR. Fehlt nur noch der Satz: DDR-Aufarbeitung wäre ein westdeutsches Projekt.

Da tut es gut, ein anderes Buch lesen: Karl-Heinz Paqué, Die Bilanz. Eine wirtschaftliche Analyse der deutschen Einheit. Siehe dazu meine Anmerkungen im Blog. Nach der Lektüre wird man fragen:

Was hat die ostdeutschen Biographien mehr beschädigt, die kritische DDR-Aufarbeitung oder 40 Jahre sozialistische Planwirtschaft?

Was mich erstaunt ist auch die ständige Vereinnahmung aller Ostdeutscher: Immer heißt es die Ostdeutschen. Dabei gibt es die nicht. Fehlt nur noch der Satz Dr. Gysis: Die Ernennung Gaucks zum Bundespräsidentenkandidaten beleidige 30% der Ostdeutschen.

Update: „Frontal 21“ des ZDF erklärt uns am 13.9.2010, wie die Treuhand die blühende DDR-Wirtschaft zugrunde richtete: „Beutezug Ost“ heißt das viel versprechend. Natürlich darf in solchen Sendungen der Wendebankier Edgar Most nicht fehlen. Er weist dann gerne daraufhin, dass es auf dem Territorium der ehemaligen DDR keinen namhaften Konzern, keinen größeren Firmensitz mehr gäbe. Ostdeutschland sei nur noch die verlängerte Werkbank westlicher Konzerne. Was Herr Most, der von der DDR-Staatsbank zur Deutschen Bank wechselte, unterschlägt: Die SED hat 40 Jahre lang Unternehmer, Unternehmerfamilien und Firmen vertrieben. Genannt seien die Glasindustrie, u.a. Schott (Jenaer Glas), Autobauer, u.a. Auto-Union (Horch, Audi), Madaus-Pharma, Zeiss-Optik.

Durch die Enteignungen in der SBZ 1945 bis 49 und später in der DDR wurden über eine halbe Million mittelständischer Unternehmer vertrieben. Die erhielten zwar in der BRD Lastenausgleich für „Kriegsfolgeschäden“, aber nicht mehr ihre von der SED abgewirtschafteten Betriebe und Güter zurück. Vor allem: Sie kamen nicht mehr als Unternehmer zurück.
Jetzt zu lamentieren, dass es im Osten keine größeren Firmensitze mehr gäbe, ist nicht sehr ehrlich.

Eine Frau aus Eisenhüttenstadt, die ihr Leben lang für 60 Mark Monatsmiete in einer Dreizimmerwohnung wohnte, versteht in dieser ARD-„Dokumentation“ überhaupt nicht, wieso die staatlichen Kredite, mit denen die billige Miete subventioniert wurde, nach der „Wende“ als Schulden bei der Wohnungsgesellschaft bilanziert wurden. Auch die Wohnungsgesellschaftsmitarbeiterin versteht die Wende-Welt nicht mehr. Sie hätten doch früher in der DDR nie Schulden gehabt.

Dass sich Werner Schulz für eine solche „Dokumentation“ hergibt, erstaunt mich.

Weitere Lesetipps zum Thema.

Der Text erschien 2010 auf „Basedow1764“. Ich übertrage nach und nach einige weiterhin lesenswerte Texte in diesen Blog.

Pro und Contra Diktatur. Mehr Ausgewogenheit beim Unterricht über die DDR?

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Dieser Text entstand, weil ich Handreichung und Literaturliste zur Medienkiste „Ampelmännchen und Todesschüsse“ einmal der für Schule zuständigen Mitarbeiterin der Brandenburgischen Beauftragten für die Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur zum Lesen gab. Ich war so naiv zu glauben, dass das vom Hessischen Kultusministerium bezahlte Projekt auf Interesse stoßen würde. Auch auf ihre sachverständige Meinung hoffte ich.
Auf Nachfrage teilte sie mir per E-Mail mit, dass ich das überarbeiten müsste, denn es würde gegen das Überwältigungsverbot des Beutelsbacher Konsenses verstoßen. Außerdem hätte ich einmal die Abkürzung IM falsch erklärt.

 

Viele Jahre gab es den Vorwurf, das Thema DDR werde kaum unterrichtet und in den Köpfen vieler junger Schüler ­herrsche als DDR-Bild „die Vorstellung eines ärmlichen, skurrilen und witzigen Landes (vor), das aber irgendwie sehr sozial war”. So fasste Prof. Klaus Schroeder seine Studien zum Schülerwissen über die DDR vor allem in den neuen Bundesländern zusammen.[1]

Jetzt lautet der Vorwurf, dass die Repression im Vordergrund stünde und nicht das Fortschrittliche in der SED-Diktatur. Übersetzt heißt das wohl, zu viel Staatssicherheit, zu wenig Kita und Frauenemanzipation. Verlangt wird mehr Ausgewogenheit.

Dabei beruft man sich im Osten Deutschlands auf ein westdeutsches Dokument aus dem Jahre 1976, den Beutelsbacher Konsens.[2] Er ist – auf einer Seite zusammengefasst – das informelle Ergebnisprotokoll einer Tagung westdeutscher Politikdidaktiker: Politikunterricht darf nicht indoktrinieren. Er muss kontrovers und ausgewogen sein. Den Rest des Beitrags lesen »

Lesetipp: Die Planwirtschaft der DDR

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Planwirtschaft ist das am meisten vernachlässigte Thema bei der DDR-Aufarbeitung und beim Unterricht über die DDR.

Über andere Aspekte der SED-Diktatur redet man eher: Schule, Kita, Frauenemanzipation, Leseland DDR, billige Mieten und Antifaschismus. Das verlangt weniger Sachkenntnis und manche können so die Diktatur schönreden. Die DDR wird in der Erinnerung immer schöner, kuschliger und sozialer, als sie es je war.

Auch die Planwirtschaft inzwischen nicht allzu negativ gesehen. Petersen, Institut für Demoskopie Allensbach hat herausgefunden, dass das Image der Marktwirtschaft kaum besser als das der Planwirtschaft ist. 42% der Ostdeutschen glauben nicht, dass es ihnen in einer staatlich gelenkten Wirtschaft schlechter ginge als in einer Marktwirtschaft.

Das Unterrichtsthema Planwirtschaft ist schwierig. Man muss als Referenzsystem schon vorab die Funktionsweise der Marktwirtschaft kennen: die Rolle des Preises, die Funktion des Wettbewerbs, die Rolle des Staates, die Bedeutung des Unternehmers.

Dabei gäbe es genügend Beispiele: Es muss etwas falsch sein, wenn Brot als Viehfutter benutzt wird, weil es so billig. Oder wenn der LPG-Mitarbeiter den Broiler beim Metzger billiger einkauft, als die LPG für das Schlachthuhn erhält. Oder die Miete so billig ist, weil der Staat Bau, Renovierung und Modernisierung von Wohnungen finanziert. Er erhält aber keine Einkünfte aus Vermietung, sondern muss unaufhörlich Geld ausgeben.

Für die Betriebe gibt es keine Anreize, innovativ, ressourcen- oder umweltschonend zu produzieren. Sie liefern Stückzahlen, Abnahme ist garantiert, Konkurrenz gibt es nicht. Etwaige Gewinne aus dem Verkauf kassiert der Staat. Fabrikdirektoren entscheiden nicht über Investitionen, das macht die Planbürokratie

Die marxistische Produktionsweise ohne Wettbewerb und Kostenbewusstsein, aber mit zentraler Lenkung und Planung bis zum Schnürsenkel und der Zahnbürste bedingt einen gigantischen, teuren Staatsapparat, führt zu Korruption und Misswirtschaft.

Irgendwo habe ich dieses treffende Bild gelesen: Planwirtschaft ist so, wie wenn man einen Maikäfer zerlegt, dann versucht, seine Einzelteile wieder zusammenzufügen und sich wundert, dass er nicht mehr lebt.

Prof. André Steiner hat mit „Von Plan zu Plan“ eine Geschichte der DDR-Planwirtschaft geschrieben. Jetzt gibt es von ihm eine Darstellung, die wegen ihrer Kürze für die politische Bildung besonders gut geeignet ist: Die Planwirtschaft der DDR, von André Steiner, hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung, Thüringen, 2016

Siehe u. a. auch hier im Blog: Planspiel „Planwirtschaft und Zentralverwaltungswirtschaft

Lang anhaltende mentale Unterschiede zwischen Ost und West?

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In vielen Leitartikeln wird mahnend konstatiert, dass auch nach 25 Jahren Unterschiede in der wirtschaftlichen Entwicklung von Ost- und Westdeutschland bestehen oder sich die Angleichung gar verlangsamt habe.

Es werden die blühenden Landschaften vermisst, die wahren oder vermeintlichen Fehler der Wirtschafts- und Sozialunion werden diskutiert, die Annexion der gar nicht bankrotten DDR-Betriebe durch gierige Westkonzerne, die sich auf die hoch produktiven Ostbetriebe gestürzt hätten, wird beklagt, die verheerende Wirkung der Treuhand, die den Industriestaat DDR geschleift hätte.

Man hat unterschätzt gerne die Wirkung der Ideologie, die einen Teil Deutschlands, der vor dem Zweiten Weltkrieg Gebiete höhere wirtschaftliche Produktivität als Westdeutschland vorzuweisen hatte, einer planwirtschaftlichen Bürokratie unterwarf.

Da erhielten Bauern unrentable Betriebsgrößen aus der Auflösung der Rittergüter, dann wurden Bauern in riesige Staatsbetriebe („Genossenschaften“) gezwungen. Dem entzogen sich Zehntausende durch Flucht in den Westen, Dutzende durch Selbsttötung. 250.000 Unternehmer wurden kriminalisiert und enteignet, flohen in den Westen, wo sie ihre Betriebe neu gründeten. Heute wird beklagt, dass in Ostdeutschland zu wenig Konzernzentralen wären. Wie stellt man sich das vor? Dass die Unternehmer und Unternehmen 20 oder 35 Jahre nach Enteignung und Flucht wieder umziehen, womöglich nach Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern, wo die ehemalige SED-Kader und ihr noch in der DDR sozialisierter Nachwuchs nach der Revolution mitregieren oder mitregiert haben?

Aber wer nur ökonomische Kennziffern vergleicht und mehr und länger den Transfer von Subventionen verlangt, greift zu kurz. Es gibt nicht nur eine ökonomische Kluft, es gibt auch eine mentale. Prof. Klaus Schroeder zitiert in einem Text in der heutigen FAZ („Vom gescheiterten Plan zum Markt“; 25.9., p 20) einen ostdeutschen Geschäftsführer, der 1990 sagte: „Der materielle Schaden von vierzig Jahren SED-Herrschaft wird in zweieinhalb Jahren behoben sein, aber der menschliche Schaden, die Verkrustung der Gesellschaft, durch soziale und kulturelle Prägemuster, die Inflexibilität im Denken und Handeln und die damit desolate Motivationslage sind eine Erblast, die über Jahrzehnte hinweg die Entwicklung hemmen werden.“

Hinsichtlich der materiellen Schäden war er zu optimistisch. Der Unterschied, den er zwischen Wirtschaft und Gesellschaft macht, wird aber gerne übersehen. Klaus Schroeder nennt Umfrageergebisse: Die Hälfte der Ostdeutschen verbindet mit Planwirtschaft nicht das Wort Mangel, sondern Sicherheit. Bei Marktwirtschaft assoziieren 80% Ausbeutung. Auch wenn man Umfragen nur begrenzt vertrauen mag, die Unterschiede zwischen den Antworten West- und Ostdeutscher sind markant.

Dazu passen meine Beobachtungen und Informationen: Ausgerechnet aus zwei Städten, die auch für ostdeutsche Verhältnisse nur bescheiden vorangekommen sind, Frankfurt/Oder und Dessau, ist zu hören, dass die örtliche Wirtschaft bei der Stadtverwaltung eine aufgeschlossenere, wirtschaftsfreundlichere Haltung vermisst. Dem Land Brandenburg wurde vom BGH bescheinigt, dass es verhindert hat, dass Bauern aus dem Vermögen und Landbesitz der aufzulösenden LPGen angemessen entschädigt wurden. Man hat lieber die alten Strukturen gefördert. Heute sind die meisten LPGen Agrarfirmen, die von den ehemaligen LPG-Chefs geleitet werden und/oder in ihrem Besitz sind.

In der Griechenlandkrise gibt es Stimmen, die sagen, dass das, was die schwere Krise des Landes verursacht hat, seine Wurzeln in jahrhundertealten Traditionen – aus der Zeit der Osmanenherrschaft – hat:

  • den Klientelismus, d. h. die eigenen Leute, die Verwandtschaft, mit gut dotierten Posten zu versorgen
  • das Misstrauen und die Ablehnung staatlicher Ordnung, d. h. möglichst wenig oder keine Steuern zu bezahlen
  • durch Schmiergeld alles zu erreichen

Diese Mentalität, die durch Jahrhunderte gut getragen hat, kann nicht durch eine ausländische Troika kurzfristig verändert werden.

Man muss sich auch in Ostdeutschland auf Mentalitäten einstellen, die noch über Generationen wirksam bleiben werden.

Zum Glück gibt es immer wieder Geschichten von Menschen, für die 1989 ein großes Glück war und die DDR nicht das verlorene Paradies geworden ist. Und die Nachgeborenen lassen sich nicht auf die „Dritte Generation Ost“ reduzieren.

Industriespionage des MfS: Genutzt hat es letztlich auch nicht

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Helmut Müller-Engbergs, Stasi-Spezialist der BStU, in der digitalen Ausgabe der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ); Datum nicht feststellbar, wahrscheinlich 2011:

„Zwei von fünf Agenten, die für die Stasi in der BRD tätig waren, waren mit Wissenschaft- und Technikspionage befasst. Das schließt aber auch die Agenten ein, die beispielsweise in Universitäten im Forschungsbereich tätig waren. Der Bereich Wissenschaft und Technik ist DAS Tätigkeitsfeld der Stasi in der Bundesrepublik Deutschland und in den USA.

Die Staatssicherheit hat Westdeutschland genau untersucht: Wer stellt welches Produkt her? Wo wird welches Verfahren entwickelt? Und nur die Unternehmen waren relevant, die etwas entwickelten, das die DDR auch gebrauchen konnte. Die Stasi hatte dafür drei Abteilungen geschaffen: eine für Atomenergie und Physik, die zweite für Raketentechnik, Biologie, Chemie und Landwirtschaft und die dritte für Schwermaschinen und die Rüstungsindustrie. Und auf deren Speisezetteln fand man alle großen Industrieschiffe der Bundesrepublik. An erster Stelle stand mit großem Abstand das Leckerland der Stasi: Siemens. Jeden Tag wurden allein aus dem Siemens-Konzern zwei Informationen an die Stasi geliefert.

Hausintern wurde immer geprüft, ob eine bestimmte Aktion oder Investition Gewinn abwerfen würde. Wenn es keine Gewinnmarge gab, war das Projekt zu knicken. Ein Beispiel: Zwischen 1986 und 1989 wurden im Sektor Wissenschaft und Technik zwei Millionen D-Mark investiert. Wieder reingekommen sind nach den Stasi-Berechnungen 1,5 Milliarden Valuta-Mark. So einen Profit kann sich manches Unternehmen nur wünschen.“

 

Gelohnt hat sich die Industriespionage langfristig dennoch nicht. Die sowieso schon innovationsfeindliche und rückständige Planwirtschaft konnte manches gar nicht nutzen und sich selbst nicht weiter entwickeln, sondern wurde von spioniertem Input abhängig.

Kohls „blühende Landschaften“ sind Ergebnis westlicher Selbsttäuschung über die DDR

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Über den Satz Helmut Kohls von den „blühenden Landschaften“, die in Kürze auf dem Gebiet der gerade untergegangenen DDR entstehen würden, ergießt sich bis heute Häme und Spott, insbesonderen im Osten. Was dabei nicht offen gelegt wird, ist, dass diese optimistische Aussage deswegen entstehen konnte, weil sich die westdeutsche Sicht auf die DDR ab den 70er Jahren gewandelt hatte. Statt von sogenannter DDR, von Pankow, vom Regime, sprach man jetzt von der DDR ohne Gänsefüßchen. Man glaubte der Propaganda der SED, der Konsum-Offensive, die Honecker seit seiner Machtübernahme auf Pump finanzierte. Man bewunderte die Sozialleistungen. Die bisherige Kritik an der Planwirtschaft verschwand aus der Forschung und den westdeutschen Schulbüchern. Schließlich geisterte die falsche Zahl von der DDR als zehntgrößtem Industriestaat der Welt herum und wurde nie nachgeprüft. Deutlichstes Zeichen für den Paradigmenwechsel war die Auflösung des Forschungsbeirates für Fragen der Wiedervereinigung 1975, der sich kritisch mit der Planwirtschaft und ihren Problemen auseinandersetzte. In der Folgezeit ging man von einer immer besser werdenden Planwirtschaft aus und sah die DDR durch eine rosarote Brille, während sich ihr wahrer Zustand schneller verschlechterte als vorher. Am Schluss warnte der Chef der obersten DDR-Planbehörde, Schürer, vor dem unmittelbar bevorstehenden Bankrott. Die Produktivität war auf ein Drittel des westdeutschen Standes gesunken. (Sie liegt jetzt nach 25 Jahren bei über 70%.)

Erst nach den Wochen des Jubels und der Freudentränen angesichts des Endes der SED-Diktatur erkannte man den desolaten Zustand. Nach und nach enthüllte sich den Treuhandmanagern, auf was sie sich da eingelassen hatten. Auf die große Transformation war der Westen nicht vorbereitet. Die Wissenschaftler, die sich damit befasst hatten, mussten, wie gesagt, 1975 ihre Arbeit einstellen. Man kann es nachlesen, wie etwa Finanzstaatssekretär Sarrazin blass wurde, als er erkannte, dass es überhaupt keine nennenswerten Steuereinnahmen in der DDR gegeben hatte. Die SED hatte einfach die Gewinne der Kombinate abgeschöpft. Treuhandmanager boten DDR-Betriebe wie Sauerbier in ganz Europa an. Ein paar Schnäppchen wurden an der Treuhand vorbei vertickt (Interhotels, Staatsbank, Leuna) Und bevor die Treuhand zugreifen konnte, hatten sich auch SED-Kader, MfS-Offiziere und Kombinatsdirektoren das eine oder andere Sahneschnittchen zugeteilt.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir im Politikunterricht die Vergleichstabellen West-Ost, die uns das Gesamtdeutsche Ministerium (Sorry, das war wohl auch schon umgetauft worden: „innerdeutsche Beziehungen“ ) geliefert hatte, interpretierten: Naja, bei der Ausstattung mit Farbfernsehern noch ein wenig zurück, die Wohnungsgröße kleiner als in der BRD, dafür aber spottbillige Miete, bei den Autos, nun ja, längere Lieferzeit, dafür die Bahnfahrkarte fast zum Nulltarif. Sollten wir nicht alle mehr Bahn fahren? Im Erdkundebuch wurde das Eisenhüttenkombinat Ost mit dem VW-Werk in Wolfsburg verglichen, die LPG „Thomas Müntzer“ mit einem Tierzuchtbetrieb im Emsland. So viel anders war es nicht. Halt noch ein wenig Rückstand im Konsum. Das würde sich auswachsen, Konvergenztheorie nannte man das.

Siehe auch hier im Blog!