Ostalgie

Holzklasse war besser

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Passend zum verregneten Fastnachtsdienstag: Jochen Schmidt findet die DDR gut. Weil, da gab es Holzbänke in der S-Bahn. Heutzutage zwingt einem der Kapitalismus eine  Verweichlichung auf, die verhindern soll, dass wir über das System nachdenken. (Der Nominalstil ist nicht von mir!)

Die Zeit des wildesten Manchesterkapitalismus wäre auch die Zeit der Polstermöbel gewesen.

Sogar im Urwald zwänge der Kapitalismus die Eingeborenen, Adidas-T-Shirts zu tragen, statt der klimagünstigeren hergebrachten Tracht der Alten.

Tusch, Helau und Narhallamarsch!

„Jochen Schmidt ist ein Meister der komischen Literatur – und ein Archivar all der Dinge, die ohne sein Schreiben einfach verschwinden würden“, schreibt Martin Hatzius im Neuen Deutschland.

Auf Youtube steht Schmidt gleich neben Volker Pispers, dem Karl-Eduard Schnitzler des deutschen Kabaretts. Ein Kompliment für den Algorithmus, der mir die Filmchen vorschlägt.

Bundesverdienstkreuz für Katharina Thalbach

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Die Schauspielerin Katharina Thalbach bekommt im Dunstkreis des Tages der Einheit das Bundesverdienstkreuz. Ich vermute, wegen ihrer Schauspielkunst, und nicht dafür, dass sie in der DDR das bessere Deutschland sieht und das Experiment, die Menschen zum Sozialismus zu zwingen, gerne noch einmal mitmachen würde. Die Schauspielerin und Regisseurin äußerte sich mehrfach, so in der FAZ v. 21.11.08, verächtlich über die Demokratie im Nachwendedeutschland („verlogen“, Tagesspiegel/PNN v. 6.8.08).

Auch führt sie im FAZ-Gespräch ein neues Element der DDR-Verklärung ein: Man hätte öfter Sex gehabt und mehr gelacht.

Die Behauptung, das alles sei aus dem Zusammenhang gerissen oder missverstanden worden, habe ich nicht mitbekommen.

Ich nehme das zum Anlass, an mein Posting aus dem Jahr 2013 zu erinnern.

Frau Thalbach schrammt mit ihrer Ostalgie an der Beobachtung durch den Verfassungsschutz vorbei: Wer aktiv an der Beseitigung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung arbeitet, also etwa an der Wiedererrichtung der SED-Diktatur, gilt als Extremist.

FAZ auf Ostalgietrip: Wostkinder-Blog

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Unsere Zeitungen, so weit sie nicht von Geburt an dezidiert links sind, halten sich irgendwie-linke Korrespondenten. Im Spiegel ist das Miteigner Jacob Augstein, der alle 14 Tage schreibt, woran die USA oder Israel wieder schuld sein sollen. In der FAZ sind es, auf hohem intellektuellem und sprachlichem Niveau, Dietmar Dath und Cord Riechelmann. Aber auch der verstorbene Feuilletonchef Schirrmacher bezeichnete sich einmal – wohl eher spielerisch – als Sozialisten.

Nun könnte man sich damit abfinden, dass es schon immer eine beliebte Attitude von Salonkommunisten war, dem Kapitalismus, dem Westen, dem Neoliberalismus, den USA Unmenschlichkeit vorzuwerfen und den baldigen Untergang des- oder derselben zu prophezeien. Während sie das in die Tastatur hacken, genießen sie die Früchte des Feinkostladens auf der Terrasse ihres Seegrundstücks. Sie beabsichtigen keineswegs in nichtkapitalistische, friedensliebende, nicht-neoliberale Länder auszuwandern. Nach Kuba machen sie allenfalls einen Kurztrip, um in den Restaurants der Kader gut zu speisen oder mit Fidel bei einer exquisiten Cohiba über die Revolution zu sinnieren.

Dass die FAZ sich aber auch eine Bloggerin hält, die das Narrativ der Ostalgiker ganz platt vertritt, hat mich dann doch ein wenig verblüfft. „ spricht, schreibt und denkt ins Netz“, so wird sie von der Zeitung vorgestellt. Was die, nach eigenem Zeugnis „Geschlechterdemokratin“, dorthin schreibt, spricht und denkt, hatte ich bisher nur in Erinnerungen ehemaliger DDR-Kader und in trolligen Leser/-innenbriefen gelesen.

Frau Rönicke hält die deutsche Vereinigung 1990 für eine Annexion. Wie viel demokratischer wäre es auf der Krim zugegangen, wo es ein freies(!) Referendum gegeben hätte.

Die Treuhand hätte die DDR ausgeplündert, obwohl die als selbstständiger Staat mit ein paar Reformen gut hätte weiterleben können. Denn von einer Pleite, wie es die neoliberalen West-Annektoren behaupten, wäre sie Lichtjahre entfernt gewesen. Gerne zitiert sie als Gewährsfrauen die SED-Gesellschaftswissenschaftlerin und letzte kommunistische Wirtschaftsministerin Prof. Dr. Christa Luft und Daniela Dahn, die zwischen linken Bürgerrechtlern und SED irrlichtert.

So ist das mit den Narrativen. Während ich in Laabs´ Treuhand-Reportage, bei aller Sympathie des Autors für die Träume von Bürgerrechtlern, den Beleg dafür sehe, dass die DDR-Wirtschaft am Ende war, sieht Rönicke in der Reportage den Beleg für das Gegenteil. Darüber wird man sich in 30 Jahren noch streiten. Im postmodernen Zeitalter sind alle Narrative wahr, die Suche nach objektiven Informationen ist uncool.

Frau Rönicke versucht sich auch als Differenziererin. Hut ab, denke ich zuerst, als ich sehe, dass sie sich traut, Swetlana Alexijewitschs Buch „Secondhand-Zeit“ zu besprechen. Dieses großartige Buch, in dem einfühlsam und erschütternd beschrieben wird, wie 70 Jahre Sozialismus russische Menschen deformiert und die Jahre danach wenig Besserung gebracht haben. Bei Rönicke steht dann dieser Satz: „Das wirklich schreckliche (sic!) an diesem Buch ist, dass die ideologischen „Wahrheiten“ beider Blöcke zerbröckeln, während man es liest. Und seien wir doch ehrlich: Seit dem Ende der SU sind die Probleme in Russland alles andere, als aus der Welt.“ Von welchen Blöcken hätte Frau Alexijewitsch geschrieben?

Frau Alexijewitsch montiert ihre Interviews und Gespräche zu einem bedrückenden Befund: Der Sozialismus hat die Russen so sehr beschädigt, dass sie unfähig geworden sind, sowohl mit dem Raubtierkapitalismus der postsowjetischen Wendezeit als auch mit der Marktwirtschaft und Rechtstaatlichkeit des Westens umzugehen. (Ganz zu schweigen von dem Kraftakt, die Zeit des Sozialismus aufzuabeiten.) Im Untertiel heißt das Buch: „Auf den Trümmern des Sozialismus“, nicht des Kapitalismus. Auch wenn dessen Wildwuchs nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums neues Leid für die Menschen gebracht hat. In de Bundespressekonferenz sagte sie, dass die Russen die Freiheit und Demokratie nicht verstanden hätten, sie zögen es vor, in der Sowjetunion zu bleiben. (zit. nach FAZ v. 12.10.15, p 13). Für die FAZ-Bloggerin ist am russischen Elend nach dem Zusammenbruch der UdSSR vom ersten Tag an ganz klar der Kapitalismus schuld.

Ein Wunder, dass Frau Rönicke es in einem kapitalistischen Land aushält. So aber geht postmoderne Ausgewogenheit. Es ist ein erschreckender Tunnelblick, dass 70 Jahre Terrorherrschaft und die Wirren nach dem Zusammenbruch des Kommunismus als zwei ideologische Blöcke betrachtet werden und das Werk von Frau Alexijewitsch fehlgedeutet wird. Wäre Putins Russland nicht schon auf dem von Frau Rönicke geschätzten Mittelweg zwischen den Blöcken? (Nicht alles war schlecht in der Sowjetunion, zu viel Meinungsfreiheit überfordert ehemalige Sowjetmenschen.)

Frau Alexiijewitschs Thema ist die Deformation der Sowjetmenschen durch die kommunistische Herrschaft. Die wirkt sich bis heute aus. Dass die Nachfolgestaaten der Sowjetunion auch nicht das Gelbe vom Ei wären, wie Rönicke meint, mag ja zum Teil zutreffen. die Bemerkung zeugt aber auch von Geringschätzung gegenüber den Reformerfolgen im Baltikum und den Reformversuchen in Moldawien, Georgien und der Ukraine, die ja deswegen von Putin bekämpft werden.

Liegt die Wahrheit wirklich in der Mitte, zwischen BRD und DDR, Kommunismus und Kapitalismus, Diktatur und Demokratie?

Sewtlana Alexijewitsch hat klar gegen die Annexion der Krim Stellung bezogen, sie zeigt Sympathie für die Maidan-Bewegung, sie verurteilt Russlands Donbass-Krieg. Frau Rönickes holzschnittartiges Weltbild erlaubt es nicht, demokratische und marktwirtschaftliche Veränderungen auf postsowjetischem Territorium gut zu heißen. Den Rest besorgen ihre Trolle: Alles Schlechte stammt von CIA, EU, BND, KraussMaffei und JPMorganChase.

Die armen Argumentierer verzweifeln an den Trollen, die sie in ihren diversen Social Media Accounts bedient. In deren Kommentaren wird eine differenzierte Betrachtung Stalins angemahnt. Alle, die anderer Meinung sind, wären unbelehrbar und voreingenommen. Wenn ein Einwand nicht passt, wechselt man schnell das Thema. Irgendetwas in der Geschichte des Westens findet sich immer, das schlimmer wäre als die Taten Maos, Stalins oder Honeckers.

„Wostkinder“ nennt Frau Rönicke ihren Blog. Steckt dahinter die Kunstschaffenden-Kampagne „Dritte Generation Ost“?: Das Interesse von Wendekindern an der Heimat ihrer Eltern zu einer Weichzeichnung der DDR zu nutzen?

Pro und contra DDR

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Vor fünf Jahren, 2009, fing ich den Blog „Ampelmännchen und Todesschüsse“ an. Bis dahin hatte ich im Schulbibliotheksblog „Basedow1764“ im Zusammenhang mit der Bücher- und Medienkiste „Ampelmännchen und Todesschüsse“ auch zum Thema DDR-Aufarbeitung geschrieben.

Mein letzter Text im Schulbibliotheksblog hatte die Überschrift „Pro und Contra DDR (8). Letzte Lieferung.“ Er wird bis heute immer wieder gelesen. Hier der Link. Ich verweise auf diesen fünf Jahre alten Beitrag auch deswegen, weil er weiterhin aktuell ist.

Platzeck praeceptor occidentis

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Zuerst auf Basedow1764 am 22.12.2009

„Was wir brauchen, sind endlich mal Filme über das wirkliche Leben (in der SED-Diktatur; G.S.), in denen sich die Leute wirklich widergespiegelt fühlen.“ Die Westdeutschen, die sich in aller Regel nicht für den Osten interessierten, könnten dann dazu gebracht werden, auch mal zu fragen, wie es denn wirklich war.

Die Debatte um die Rolle der Stasi verstelle den Blick auf die Lebenswirklichkeit der meisten Bewohner. So der Stolpe-Nachfolger Matthias Platzeck letzte Woche im Brandenburger Landtag.

Getreu der Devise „Im Angriff liegt die beste Verteidigung“ verteidigt er sein Versöhnungsprojekt mit der in Brandenburg immer noch oder schon wieder Ton angebenden DDR-Elite. Zuerst ließ er einen Text im „Spiegel“ veröffentlichen, in dem er die angebliche westdeutsche Versöhnung mit den Nazis zum Vorbild erklärte. Damit wird er der westdeutschen Nachkriegsgeschichte nicht ganz gerecht. Jetzt mahnt er ein differenziertes DDR-Bild an, das er bei den Westdeutschen vermisst. Nun sollte man Herrn Platzeck nicht vorwerfen, dass er sich in westdeutscher Geschichte und Gegenwart wenig auskennt. Wenn aber einer mit dem Finger auf die anderen zeigt, weisen die restlichen Finger der Hand auf ihn selbst zurück.

Die Brandenburger SPD und Ministerpräsident Platzeck haben aus der Vergangenheitsbewältigung in Brandenburg nach dem Wort eines Historikers eine „Komödie“ gemacht.

Wenn ihn die Stasi-Debatte so nervt und sie die Diktaturwirklichkeit scheinbar verdeckt, warum liefert er sich ausgerechnet einer Partei aus, deren Brandenburger Repräsentanten überwiegend aus IMs, FDJ-Dozentin, Hochschullehrer, Bezirkssekretär, Hochschulrektor, in Moskau ausgebildeten Akademikern usw. bestanden und bestehen?

Jörg Schönbohm, ehemaliger Bundeswehr-General und Vorsitzender der CDU Brandenburgs sagt in einem Zeitungsinterview zu  „Wilde Schwermut“, seinen lesenswerten Erinnerungen: „…, dass meine Landsleute im Osten relativ schnell beleidigt sind, wenn etwas Kritisches über sie gesagt wird, aber selbst gern kräftig gegen die Menschen im Westen austeilen. Nach zwanzig Jahren Einheit könnte die Gelassenheit auf beiden Seiten wirklich größer sein, …“

Was DDR-Aufarbeitung in Schulen angeht, kann Herr Platzeck vom Westen nur lernen: Baden-Württemberg hat eine Website zum Thema, die zu den besten gehört. In Hessen finanziert das Kultusministerium zumindest Medienkisten für Schulen und hat eine Handreichung aus Baden-Württemberg angekauft (, die in den Schulen allerdings nie ankam). Einen CDU-Vorschlag, so etwas wie einen Handapparat mit Büchern auch in Brandenburg zu machen, hat die SPD-Landtagsfraktion vor zwei Jahren abgelehnt.

Nachtrag 1.3.10: Die Brandenburger SPD plant einen Geschichts-Parteitag. Alt-Ministerpräsident Stolpe, gegen den laut Generalsekretär Ness eine Hetzjagd stattgefunden haben soll, ist als Hauptredner vorgesehen. Damit will MP Platzeck in der Debatte um den Brandenburger Nachwende-Sonderweg wieder die Führungsrolle übernehmen. Die Linkspartei will vor allem die Rolle der Wessis untersucht wissen.

Update 31.8.10: Ministerpräsident Platzeck hat weiterhin mehr Probleme mit den Westdeutschen als mit SED und Linkspartei: Im „Spiegel“ 35/2010 lässt er kein gutes Haar am Einigungsvertrag: „Gnadenlose Deindustrialisierung“ und bedient die Mythen von den Alternativen zuzm westdeutschen Kapitalismus dazu. Manfred Stolpe (SPD) und Kerstin Kaiser (Linkspartei) sind begeistert.

Sich mit den Westdeutschen zu versöhnen, ist für Platzeck anscheinend unmöglich.

Update zum Geschichtswissen von Matthias Platzeck (8. Mai 2015)

Reloaded aus dem Jahr 2008: Neue Bücher in der DDR-Medienkiste

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Den Blog „Ampelmännchen und Todesschüsse“ habe ich 2009 begonnen. In den Jahren davor erschienen Beiträge zur Medienkiste „DDR“ und zur DDR-Aufarbeitung im Schulbibliotheksblog „Basedow1764“. (Hier sind alle diese frühen Beiträge aufgelistet.) Den einen oder anderen Beitrag stelle ich neu in den Ampelmännchen-Blog ein, wenn ich ihn weiterhin für lesenswert halte. Hier also Informationen über Ergänzungen oder Entfernungen aus der Bücherkiste „Ampelmännchen und Todesschüsse“ und über den DDR-Aufarbeitungsalltag in Potsdam. (Das Bücherkistenprojekt wurde 2013 beendet.)

Raus aus der Bücherkiste sind Ulrich Plenzdorf (wegen Daniela Dahns unkritischem Beitrag zur Planwirtschaft) und Jana Hensel (Die reist in den aufregenden Jahren nach der „Wende“ in der Welt herum, erzählt das aber nur nebenbei. Wichtig ist für sie vor allem, dass es in der Heimat keine Wertstoffsammlung mehr gibt und ihr Schulweg sich verändert hat. Neu ist Stefan Wolle. Und wieder entdeckt habe ich den Wirtschaftsprofessor Werner Obst, der 1969 „rübermachte“. Es ist die Erfahrung, die ich schon früher, bei den anderen Bücherkisten, machen konnte: Der Buchmarkt ist flüchtig. Was vergriffen ist, ist vergriffen. Da wäre book on demand gut. Die Bibliotheken hier in Brandenburg haben die einschlägige Literatur auch nicht gerade im Übermaß. Ein ebenfalls vergriffenes, sehr gutes Buch – „Stasi auf dem Schulhof“ – habe ich im Brandenburger Verbundkatalog kein einziges Mal gefunden, in Berlin einmal. Im Antiquariat wird es für 60 € gehandelt. Ich habe es sehr viel billiger auf dem Bücherflohmarkt des Zentrums für zeitgeschichtliche Forschung hier in Potsdam gefunden. Die haben es sicher nochmal im Bestand, das ist ein angesehenes Institut. Dennoch, eine sicher unabsichtliche Pointe: Der Leiter des Zentrums sagt, man solle sich nicht mehr so intensiv mit der Stasi und den Gefängnissen beschäftigen, sondern mit dem Alltag der Menschen. (Er will allerdings dabei die alltäglichen Erscheinungsformen der Diktatur nicht unter den Tisch fallen lassen. Nachtrag 2014: Das Buch wurde wieder aufgelegt.) In Potsdam ist man ausgewogen: Die Stadt ehrt mit den Stimmen der Postkommunisten einen verstorbenen Bürgerrechtler. Im letzten Jahr dagegen wurde im Stadtpark (Heimlich, keiner will es gewesen sein!) eine Leninbüste aus der Hinterlassenschaft der Roten Armee neu aufgestellt. (Die russische Botschaft in Berlin hatte ihre Lenin-Büste im Vorgarten schon Mitte der 90er abmontiert.) Die Auseinandersetzung um die Rezeption der SED-Diktatur ist aufregend. Den Rest des Beitrags lesen »

Revisited: Pro und contra DDR (2009)

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25 Jahre nach dem Mauerfall und dem Zusammenbruch der DDR lese ich noch einmal, was ich 2009 und 2011 geschrieben habe:

MeckPomms Ministerpräsident Erwin Sellering hat seine umstrittene Verharmlosung der SED-Diktatur bekräftigt. Werden demnächst in seinen Schulen solche Besinnungsaufsätze geschrieben: Vor- und Nachteile einer Diktatur?

Updates 12.8.11:

a) MP Sellering bleibt, so ist zu hören, der Schweriner Gedenkveranstaltung zum Mauerbau fern. Er ging lieber segeln.

b) „Vor- und Nachteile“ einer Diktatur klingt gar nicht so abwegig, wie es auf den ersten Blick aussieht. Der Potsdamer Historiker Jürgen Angelow fordert mehr Ausgewogenheit im Unterricht über die DDR. Der Potsdamer Historiker Martin Sabrow stellt neben das „Diktaturgedächtnis“, das im Unterricht überwöge, das „Fortschrittsgedächtnis“ vieler Familien, die Erinnerung an sozialen Aufstieg und die Überwindung des Faschismus. Letzteres käme im Unterricht zu kurz.

Es ist schwer, Ostdeutschen zu erklären, dass sie nicht in Sack und Asche gehen müssen, wenn man ihren ehemaligen Staat eine Diktatur nennt. Warum können Vertreter unserer politischen Elite, wie Frau Schwan, Herr Thierse, Herr Sellering das nicht so klar ausdrücken wie die Autorin Claudia Rusch in einem Zeitungsinterview:

„Deutlich zu benennen, welche Strukturen, Manipulationen und Repressalien das System bestimmt haben, heißt ja keineswegs, das dort stattgefundene Leben aller gleich mit zu verdammen.Den Rest des Beitrags lesen »

Vom „Guten“ der DDR-Schule

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Der Beitrag wurde zuerst 2009 auf meinem Schulbibliotheks-Weblog Basedow1764 veröffentlicht. Ein Update ist von heute.

Ich bin erstaunt, wie toll manche westdeutsche Pädagogen das DDR-Schulsystem finden. Reformschulen wie  die Laborschule Bielefeld, Fritz-Karsen-Schule Berlin, Helene-Lange Wiesbaden, wer kennt die schon?

Bedarf es einer Diktatur (Konsens-, Fürsorgediktatur), um die urmarxistischen Ziele gleicher Bildungschancen für Stadt und Land, für Frauen und Männer, zu erreichen? Oder das gemeinsame Lernen bis Klasse 6 oder 8 oder 10?

Ich habe einmal zusammengestellt, warum m. E. die DDR-Schule bis in die oberste Schulaufsicht hinein so bewundert werden könnte:

 

  • Die niedrige Abiturientenquote (10%). Mit den Übriggebliebenen konnte man in der Oberstufe richtig gut arbeiten.
  • Schwierige, renitente Schüler landeten in den offenen oder geschlossenen Jugendwerkhöfen. Dort hat man sie auf ein Leben als Hilfsarbeiter vorbereitet.
Lesetipp: Grit Poppe, Weggesperrt
  • Auf integrativen Unterricht (gemeinsames Lernen behinderter und nicht-behinderter  Schüler/innen) mussten sich die Kolleginnen und Kollegen auch nicht einlassen.
  • Die Schule war weitestgehend ausländerfrei.
  • So modernes Zeug wie Schüler-, Handlungs- oder Problemorientierung war nicht handlungsleitend. Differenzierung war zeitweilig nötig, damit keiner abfiel, aber ebenfalls keine grundlegende Planungskategorie. Referate und Gruppenarbeit wurden in Fachzeitschriften immerhin diskutiert. Der Unterricht war eher rezeptiv.
Wir hatten Ende der 80er Jahre im Westen sehr häufig im laufenden Schuljahr Zugang von Übersiedlerkindern aus der DDR und konnten Stärken und Schwächen dieser Schüler/innen gut sehen.
  • Unterrichtsvorbereitung war solides Handwerk. Die Lehrpläne waren nicht bloß Rahmenpläne, sondern hoch verbindlich. Unterricht war zentral vorgeplant. Man musste nicht selbst aufwändig didaktische Analyse betreiben, Bildungsgehalt und -inhalt destillieren, kognitive, soziale und methodische Lernziele konstruieren. Zügig durchgeplante, kleinschrittige  Stundenverläufe gab es für jedes Fach.
Als westdeutscher Junglehrer habe ich nach diesen Handbüchern Sport und Turnen unterrichtet. Das Fach hatte ich nicht studiert.
  • Die Einschätzung der vormilitärischen Ausbildung fällt mir etwas schwer. Ob der Umgang mit Handgranaten und Maschinengewehren von Vorteil ist? In Westdeutschland hat man ja die Sportschützen dafür. Vielleicht Einübung in Befehl und Gehorsam als Teil der Staatsbürgerkunde?
  • Der polytechnische Unterricht
In dem musste ich in Hessen so komplizierte Themen wie „Streik und Aussperrung“, „Betriebsverfassungsgesetz“, „Berufswahlvorbereitung“ „Bewerbungstraining“ unterrichten. Viel lieber hätte ich die Klasse jede Woche zur „Produktiven Arbeit“ in Betriebe geschickt wie in Ostdeutschland („Einführung in die sozialistische Produktion“).  Das hätte mir auch die Mühe der Organisation des Betriebspraktikums erspart.
  • Der Schulleiter konnte in Anwesenheit seines Kollektivs und des Schülermaterials Lob und Tadel verteilen, auch mal einen Rausschmiss vor versammelter Mannschaft vom Pedell durchführen lassen, wie in der Berliner Ossietzky-Oberschule.
Ich hatte einmal einen notorischen Schläger mit dicker Schülerakte voller schriftlicher Tadel vorübergehend von der Schulpflicht „befreit“. Das erlaubt mir zwar das Schulgesetz, aber das Schulamt war nicht erfreut. Eine hessische Amtsrichterin, vor der ich mich wegen dieser „Untat“ auf Betreiben des Schülervaters rechtfertigen musste, wies die Klage ab, weil ich alle Formalia beachtet hatte. Sie äußerte aber sehr ruppig ihr Unverständnis über Lehrer, die sich von solchen Schülern auf der Nase herumtanzen ließen und nicht früher reagierten. Die Dame kennt das hessische Schulrecht und die Schuljuristen nicht.
Da war die DDR-Schule angenehmer. Im Rahmen des Screenings aller 14-/15Jährigen auf Tauglichkeit für das MfS wären solche auffäligen Schüler auch gleich in den Jugendwerkhöfen verschwunden. (Der Ex-DDR-Innenminister, Ex-CDU-Landesvorsitzende Brandenburg, Verteidiger eines Ex-Spitzels der Linkspartei im Landtag, Herr Rechtsanwalt Distel, durfte  unwidersprochen in der Zeitung behaupten, das MfS hätte keine Minderjährigen angeworben, weil das gesetzlich in der DDR verboten gewesen wäre.
  • Für den Lernerfolg ihrer Schüler/innen waren die Lehrer verantwortlich. Das war ein herrvorragendes Instrument für Schulleiter/innen, um ihr Kollektiv zu formen. Und trug nicht unerheblich zu den guten Noten bei.
  • In Spezialschulen wurden unerbittlich die Talente (Fremdsprachen, Sport, Naturwissenschaften, Mathematik) einseitig gedrillt.

Abschließend, um Missverständnisse zu vermeiden, verweise ich auf Claudia Rusch:

“Deutlich zu benennen, welche Strukturen, Manipulationen und Repressalien das System bestimmt haben, heißt ja keineswegs, das dort stattgefundene Leben aller gleich mit zu verdammen.

Zum Umgang mit der DDR in Brandenburgs Schulen nach der Revolution.
Zum Mythos, Finnland hätte das DDR-Schulsystem übernommen.
Freya Klier über Schule in der DDR

Update 31.7.2014:

In der FAZ v. 31.7.14, S. 6,  interviewt die Bildungsredakteurin Heike Schmoll den emeritierten Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth: „Ein blamables Ergebnis für die Gymnasien“ (Gegen Gebühr im FAZ-Archiv). Am Rande erwähnt Prof. Tenorth auch das Schulsystem der DDR: Der Anteil der Arbeiterkinder auf der Universität habe in den 80er Jahren bei 8%,  in der Bundesrepublik bei 16% gelgen. Die kurze zweijährige Oberstufe war eingebettet in propädeutische Klassen in 8 und 9 und in Spezialschulen. Das Hochschulsystem unterschied sich stark vom westdeutschen: Es gab Seminargruppen, d. h. eine Fortsetzung der Oberstufe. Die Selbständigkeit, die schon von westdeutschen Erstsemestern abverlangt wurde, war nicht nötig und vor allem nicht erwünscht.

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Neue Studie der Volkssolidarität

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Die Volkssolidarität ist ein 1945 in der SBZ gegründeter Sozialverband, der sich sozialen und sozialpolitischen Aufgaben widmet. Nach der Revolution besteht er weiter, vergleichbar ist er den westdeutschen Wohlfahrts- und Sozialverbänden. Unschwer ist zu vermuten, dass er nicht ganz frei von Ostalgie ist. Da trifft es sich gut, dass sein (bis 2004) Präsident ein Professor der FDGB-Hochschule in Bernau, SED-Mitglied und oberster DDR Sozialforscher war. 1991 gründete er das Sozialwissenschaftliche Forschungszentrum Berlin-Brandenburg e.V. und war bis 2004 auch dort Chef.

Das ist eine feine Sache: Ein Verband, der sich um Bezieher niedriger Renten, Arbeitslose, hilfsbedürftigen alte Menschen und schlecht versorgte Kranken kümmert, verfügt über ein eigenes Meinungsforschungsinstitut. Das stellt in immer neuen Studien fest, dass die Ostdeutschen benachteiligter, arbeitsloser und unzufriedener sind als der Rest der Republik. Diese Studien, die die ostdeutschen Zeitungen brav reportieren und mit besorgten Kommentaren begleiten, hatten bisher den Tenor: Von Jahr zu Jahr wird es im Osten schlimmer.

Die neueste Studie  von Prof. Winkler über Brandenburg ist gerade erschienen. Den Rest des Beitrags lesen »

ZDF-Dokumentation: Nicht alles war schlecht

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Die zweiteilige Dokumentation des ZDF „Nicht alles war schlecht“ enthielt eine Fülle von Statements unterschiedlichster Art. Zum Teil wurden sie durch weitere Bekundungen oder Filmdokumente dementiert. Wenn etwa die ehemalige Leistungssportlerin und jetzige – glaube ich – TV-Moderatorin Andrea Kriewel von der vorbildlichen Emanzipation der Frauen in der DDR sprach.
Roland Jahn sagte, er und viele andere hätten in der DDR durchaus ein schönes Leben geführt – nicht wegen, sondern trotz der SED. Lutz Rathenow bezeichnete die DDR als „Republik des Psychoterrors“. Es gab viel Neues oder wenig Bekanntes zu sehen und hören, z. B. den Aushang „Tausche Baugrundstück gegen VW Golf“. Besser als in manchem DDR-Museum wird nachvollziehbar, dass dieser DDR-Alltag – zumindest für eine starke Minderheit – zum Aufbegehren führt.

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