MfS

Die Liquidation des Wolfgang Welsch missglückte der Stasi

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Wolfgang Welsch
(c) obs/ZDFinfo/ZDF/Vita Spieß

Vor einigen Jahren wies ich schon auf das Buch hin: Wolfgang Welsch, Ich war Staatsfeind Nr. 1.

Der Schauspieler und Schriftsteller Wolfgang Welsch geriet wegen systemkritischer Gedichte mit der SED in Konflikt. Nach einem missglückten Fluchtversuch verbrachte er mehrere Jahre in SED-Zuchthäusern. Dabei durchlitt er u. a.  Misshandlungen, Folter und eine Scheinhinrichtung. Seinen Beruf als Schauspieler gab er auf.

Nach dem Verkauf an die Bundesrepublik wurde Welsch Fluchthelfer und schleuste 220 Menschen aus dem SED-Staat.

Er überlebte drei Mordanschläge des MfS. Dass er den letzten, den Giftanschlag (radioaktives Thallium) eines vermeintlichen Freundes, überlebte, grenzt an ein Wunder. Als er von der Einsichtnahme in die Stasiakten nach Hause kommt, hat sich seine Frau erschossen. Sie war vom bulgarischen Geheimdienst gezwungen worden, ihren Mann zu bespitzeln.

Seine Geschichte wurde als Spielfilm „Der Stich des Skorpion“ verfilmt. (Trailer)

Wolfgang Welsch, inzwischen promovierter Politologe, erzählt seine Geschichte in dem Dokumentarfilm von Angelika Schmidt-Biesalski an den Original-Schauplätzen (2015).

Anmerkung: Ich war unentschieden, ob ich im Titel statt Stasi nicht SED hätte schreiben sollen. Fachleute halten es für sehr wahrscheinlich, dass die Morde des MfS vom Politbüro abgesegnet wurden. Aber wie so oft, gibt es keine Belege. Das erlaubt der Linkspartei und anderen DDR-Verherrlicher*innen bis heute, das Unterdrückungssystem nicht der SED anzulasten, sondern „nur“ dem MfS.

Der ehemalige Dresdner Oberbürgermeister Berghofer erzählte einmal, dass in der SED Untergrundpraktiken herrschten: Befehle wurden zwar auch schriftlich übermittelt. Aber der Adressat musste die schriftliche Anweisung nach Lektüre wieder zurückgeben. Auf diese Weise bekam er z. B. den Auftrag, dass bei Wahlen die Auszählungsergebnisse mit Bleistift notiert werden sollten.

Wie verkommen ist die Berliner politische Kultur?

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„Für eine neue Gedenkkultur suchen wir den Dialog mit Opfergruppen.“ So steht es in der Koalitionsvereinbarung von Rot-Dunkelrot-Grün in Berlin. Und sie fangen gleich damit an.

Vor 14 Jahren noch lehnte die Berliner SPD den PDS-Vorschlag ab, IM Anetta Kahane, die erfolgreich in der DDR u.a. Ausländer bespitzelt hatte, zur Ausländerbeauftragten des Senats zu ernennen. Jetzt akzeptiert der, der damals Kahane ablehnte, der jetzige OB Müller, den Vorschlag seines Koalitionspartners Linkspartei, Dr. Andrej Holm zum Wohnungsbau-Staatssekretär zu machen.

Holm, Sohn eines MfS-Kaders, beginnt sechs Wochen vor dem Fall der Mauer als hauptamtlicher Mitarbeiter in der Staatssicherheit, in der Abteilung des Papas, in einem Büro, in dem Spitzelberichte über die Ostberliner Bürgerrechtler ausgewertet wurden. Er will damit aber nichts zu tun gehabt haben, vor allem Radio gehört haben und froh gewesen sein, dass die „Wende“ kam. (Nachtrag:) Auch wenn  er sich an vieles nicht mehr erinnern kann, eines weiß er genau: Er hätte niemandem geschadet.

Er arbeitet in einer Zeit bei Mielke, in der die Oppositionellen, die Bürgerrechtler, nicht mehr hinter Kirchenmauern Zuflucht suchen. Sie gehen auf die Straße, lassen sich von Vopo und MfS-Leuten zusammenschlagen und einsperren. Andrej Holm steht dagegen fest zur Arbeiter- und-Bauernmacht.

Wer in der DDR seinen Kriegsdienst nicht bei der NVA ableistete sondern beim Wachbataillon der Staatssicherheit ableistete, signalisierte damit, dass er dem Regime nahe stand und eine staatsnahe Karriere plante. Dass er Offiziersschüler war und mehr Geld als normale Wehpflichtige bekam, war ihm wohl nicht aufgefallen. Den Rest des Beitrags lesen »

Wie die DDR den Rechtsterrorismus in Westdeutschland förderte

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Die Neonazi-Gruppe um Odfried Hepp verübte verübte in Frankfurt/M einen Anschlag auf eine US-Wohnsiedlung und in Gießen, Eschborn, Darmstadt, Frankfurt und Butzbach jeweils Anschläge auf Privatautos von US-Militärangehörigen. Das MfS wusste darüber in allen Details Bescheid, denn er wurde vom MfS als zuverlässiger, vertrauenswürdiger Mensch geschätzt, der die gleichen Ziele wie die SED verfolgte: Gegen NATO, gegen USA, Destabilisierung der Bundesrepublik. Hepp wurde vom MfS eine Wohnung in Ostberlin gestellt und er ließ sich mehrfach in der DDR medizinisch behandeln, Auch die Ausreise in den Nahen Osten und die Zusammenarbeit mit der PLO wurde durch das MfS ermöglicht.

Hepps Kumpan Kexel sympathisierte mit der RAF. Eine Rechtsterroristin hatte sich im Gefängnis mit der RAF-Terroristin Verena Becker angefreundet und bahnte einen Kontakt an. Grundsätzlich gab es auf Seiten der RAF keine Einwände, man hatte ja dieselben Ziele. Dazu kam es aber dann nicht, die „Führungsebene“ der RAF wurde 1982 verhaftet.

Quelle: Samuel Salzborn, Die Stasi und der westdeutsche Rechtsterrorismus. Drei Fallstudien (Teil II), In: Deutschland Archiv, 19.4.2016, Link: www.bpb.de/224934

Teil I (Manfred Roeder und Arnulf-Winfried Priem)

Stasi kommt in der Literatur nicht vor

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Der Literaturfachmann der BStU, Matthias Braun, kennt zwar viele Erzählungen – Hans-Joachim Schädlichs „Tallhover“, Wolfgang Hilbigs „Ich“, Günter Grass‘ „Ein weites Feld“, Erich Loests „Nikolaikirche“, Christa Wolfs „Stadt der Engel“, Brigitte Burmeisters „Unter dem Namen Norma“. Aber in fast keiner erkennt er ein realistisches Bild der Stasi. In DDR-Krimis verkörpere sie stets das Wahre und Gute. Auch nach der Friedlichen Revolution gäbe es keine nennenswerte literarische Auseinandersetzung mit der Stasi.

Einzig in Uwe Johnsons „Mutmaßungen über Jakob“ von 1959 sei ein realistisches Bild gezeichnet. Und das, obwohl Johnson zu diesem frühen Zeitpunkt die wahre Dimension des Unterdrückungsapparates noch nicht kennen konnte.

(Frank Pergande in der FAZ) 

Das MfS ein frühes Amazon?

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Kürzlich lief eine TV-Dokumentation über die Insel Rügen. Gezeigt wurde auch die im Süden vorgelagerte kleine Insel Vilm. Sie ist heute Vogelschutzgebiet. In der DDR wurde sie für Normalbürger gesperrt und verschwand aus den Landkarten. Dort ließ sich die SED-Prominenz nämlich Ferienhäuser bauen. In der TV-Dokumentation wurde das erwähnt und auch das Innere einer Wohnung gezeigt, die heute Büro von Tierschützern ist. „Wie man sieht“, so der TV-Kommentar, „keine goldenen Wasserhähne.“ Das war schon wahr. Was die Fernsehschaffenden aber nicht sagten: Das ganze Fertighaus, die gesamte Einrichtung, die Badezimmerarmaturen, der Kühlschrank, der seinerzeit supermoderne Herd: Alles war aus dem Westen und alles war vom Feinsten und Neuesten.

Bei der Siedlung Wandlitz, in die sich die Politbüro-Bonzen nach dem 17. Juni 1953 zurückzogen, war es ähnlich. Das MfS versorgte die Bewohner/-innen mit allem Erdenklichen, vorzugsweise aus dem Westen.

Nachdem in der Zeit der Friedlichen Revolution aus dem Wandlitz-Supermarkt die Luxuswaren verschwunden waren, durfte ein Kamerateam den verbliebenen, bescheidenen Wohlstand in der Siedlung abfilmen und so die Bevölkerung über das Leben der ehemaligen Elite „informieren“. Damals entstand der Mythos vom kleinbürgerlichen Wohlstand der kommunistischen Elite. Er hält sich bis heute.

Man hätte es anders wissen können, wenn man die Protokolle der Enquetekommission zur Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur gelesen hätte. Nun liegt ein Buch zu einer Ausstellung in Wandlitz vor. Das gibt einen Einblick in die Versorgung der Nomenklatura durch das MfS, den Stasi-Oberst und Stasi-Doktor Schalck-Golodkowski. Sein Etat dafür lag zuletzt bei 8,6 Mio DM.

In einem Artikel in der Welt wird das MfS als eine Art Amazon für die Kader bezeichnet. Das mag weitestgehend zutreffen. Nur in einem Punkt nicht: Bei Amazon muss der Kunde zahlen.

Jürgen Danyel, Elke Kimmel: Waldsiedlung Wandlitz. Eine Landschaft der Macht„. Christoph Links Verlag, 2016

Die kurze Verfolgung der DDR-Regierungskriminalität

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Die Zentrale Ermittlungsstelle Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) wurde 1991 eingerichtet. Ab 1996 wurde sie zurückgebaut und 2000 geschlossen. Es gab mehr als 20.000 Ermittlungsfälle zu Wirtschafts- und Regierungskriminalität, von denen ca. 500 verfolgt wurden.

So waren etwa 10.000 Regierungsfahrzeuge verschwunden. Neben dieser „Kleinigkeit“ gab es:

  • Untreue/Unterschlagung des KoKo-Vermögens
  • Erpressung und Nötigung von DDR-Bürgern zu Grundstücksverkäufen in Verbindung mit angestrebter Ausreise; Enteignung von Kunstsammlungen
  • Untreue/Unterschlagung von Vermögen der NVA, des MfS, der Parteien und Massenorganisationen
  • Unterschlagung von Finanzmitteln des Bundes, die für den Abzug der sowjetischen Truppen bereitgestellt worden waren
  • Betrug in Verbindung mit der Währungsunion (geschätzter Schaden 20 Mrd. DM)
  • 580 Ermittlungen zur Verschleppung von Personen aus der BRD
  • 50 betrafen Auftragsmorde des MfS
  • 3236 Tötungen an der innerdeutschen Grenze
  • 346 wegen Rechtsbeugung in Prozessen
  • 430 gegen Vollzugspersonal von Haftanstalten
  • 32 gegen Dopingpersonal im Leistungssport
(Zusammenstellung nach Wikipedia)

Eine Dokumentation erinnert an die Arbeit der Ermittlungsstelle: „Soko deutsche Einheit – die Ermittler der ZERV“ von Andreas Wolter. Leider ist sie aus Youtube und den TV-Mediatheken verschwunden.

Manchmal bremsten bundesdeutsche Behörden oder Regierungskreise die Ermittler. Die Bundesregierung wollte die Vereinigung schnell abhaken und keine langwierige Aufarbeitung betreiben. Rücksicht genommen wurde auch darauf, dass manche Deals nicht ans Licht kommen sollten, weil westdeutsche Firmen oder der BND anscheinend darin verwickelt waren.

So hatte der westdeutsche Waffenhersteller Heckler & Koch an Schalck-Golodkowski geliefert. Dieser verkaufte weltweit Waffen. Bei ihm gab es italienische Beretta-Pistolen und amerikanische Smith & Wesson-Revolver, von Heckler & Koch stammten das Präzisionsschützengewehr PSG 1 und die Maschinenpistole MP 5.

Für seine Verdienste um die DDR-Finanzierung belohnte ihn Honecker: Er durfte am Gollinsee, in traumhafter Lage, ein West-Fertighaus und eine Doppelgarage errichten, Erich Mielke war sein Doktorvater.

Schalck erhielt Bewährungsstrafen. Für den Hauskauf am Tegernsee erhielt er ein Darlehen des bayerischen Nahrungsmittelkonzerns März. Josef März war ein Freund von Franz-Josef Strauß. Er machte schon zu DDR-Zeiten Geschäfte mit Schalck, nach der Revolution kaufte er zahlreiche ostdeutsche Betriebe.

Der Einigungsvertrag war in letzter Minute abgeändert worden. Dadurch blieb Untreue gegen „sozialistisches Eigentum“, also alle entsprechenden Punkte in der o.a. Aufzählung, straflos.

 

 

Ex-Stasi-Journalisten im Deutschen Journalistenverband

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Der Berliner Landesvorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes (DJV) steht unter dem Verdacht MfS-Informant gewesen zu sein. Kontakte hat er inzwischen eingeräumt, aber eine Verpflichtungserklärung hätte er nicht unterzeichnet.

So ist das, wenn man nach der Friedlichen Revolution definiert, dass ein MfS Zuträger nur gewesen sein kann, der dafür unterschrieben hat.

Zwei der fünf Landesvorstandsmitglieder des DJV in Sachsen-Anhalt stehen unter IM-Verdacht. Einer war mehrere Jahre hauptamtlich beim MfS gewesen. Der Leiter des DJV-Sozialwerks war ebenfalls IM.

Da die beiden Landesvorstandsmitglieder ihr Amt nicht niederlegen wollten, trat der Gesamtvorstand zurück. (Wie auch immer das gehen mag.)

Eigentlich verwunderlich, dass nicht mehr Fälle bekannt wurden. Journalisten, vor allem für den Politik- und Wirtschaftsteil der Zeitung, mussten absolut regimetreu sein.

Die Ausbildungsstätte für sozialistischen Journalismus, offizielle eine Abteilung der Karl-Marx-Universität Leipzig,  hieß „das Rote Kloster„. Sie unterstand der Abteilung Agitation im Zentralkomitee der SED.

Alle zum Studium zugelassenen Studenten wurden vom MfS überwacht, als zukünftige Informanten betrachtet und auf Mitarbeit angesprochen. Etwa 5.000 Absolventen gab es. Nicht alle konnten zur scharfen Waffe der Partei im Kampf gegen den Kapitalismus geschmiedet werden. Im Roten Kloster studierten auch Reiner Kunze, Helga M. Novak, Maybritt Illner und Daniela Dahn.

Reiner Kunze erhielt in der DDR Berufsverbot und wurde nach Westdeutschland abgeschoben. Der spätere Vorsitzende der DDR-SPD, Ibrahim Böhme, war als IM auf ihn angesetzt gewesen.

Daniela Dahn hat sich vom Sozialismus nicht mehr lösen können und bewegt sich heute zwischen frustrierten Bürgerrechtlern, Linkspartei und SPD.

Mehr über das Rote Kloster bei mauerspecht25

Dieses Buch, erschienen 1978, diverse Auflagen bis m. W. 1997, gibt es inzwischen nur noch antiquarisch – fast geschenkt. Wer mehr wissen will, kommt an ihm nicht vorbei.

Wie Dr. Gysi plötzlich ein Mandat für Vera Lengsfeld hatte

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07: Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen
Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen; Bild: GS

Der Fraktionsvorsitzende der Sozialisten im Bundestag, Dr. Gregor Gysi, hat die Eigenschaften von Teflon. Vorwürfe und Erkenntnisse, dass er Vertrauensmann des MfS und der SED in Sachen Bekämpfung der Bürgerrechtler war, egal, ob als zertifizierter IM oder besser gestellter Zuträger für das ZK, bleiben nicht an ihm hängen. Nun wollte ein Hamburger Oberstaatsanwalt endlich Anklage erheben wegen einer falschen eidesstattlichen Versicherung im Zusammenhang mit dem Film „Die Akte Gysi“ gegen den Gysi verbieten lassen wollte. Gegen die Anklageerhebung hat nun ein Mitarbeiter des Oberstaatsanwaltes beim Justizsenator protestiert. Ein für die deutsche Justiz ungewöhnlicher Vorgang.

Vera Lengsfeld hat auf ihrer Webseite eine Aufzeichnung veröffentlicht, in der sie berichtet, was sich in den Tagen ihrer Abschiebung in den Westen im Stasi-Gefängnis ereignete.

Da hatte plötzlich der Anwalt Dr. Gysi Zugang zu ihr, obwohl er kein Mandat von ihr hatte. Zumindest für einen westlichen Rechtsstaat ein ungewöhnlicher Vorgang. Wie sich herausstellte, sollte er im Auftrag des MfS ihre sofortige Ausreise erreichen.

Auch anderes ist nicht uninteressant: Die PDS wollte 1990 Frau Lengsfeld Geld aus einem Topf für „linke Projekte“ zur Verfügung stellen. Bürgerrechtler und PDS sollten gemeinsame Sache machen, wie das ja im PDS/Linkspartei als Narrativ steht.

Kurzer Abriss der MfS-Geschichte

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Hubertus Knabe, der Leiter der Gedenkstätte Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen, gibt eine TED-Lecture über die Stasi. Die Rede ist in Englisch. Der Ton ist nicht optimal. Aber das Transkript in Deutsch ist m. E. ein hervorragender, kurzer und informativer Abriss der Geschichte und der Funktion des DDR-Geheimdienstes, veranschaulicht durch einige Fotos.

Ist die NSA wirklich schlimmer?

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Es ist schwierig geworden, sich zu „westlichen Werten“ (soziale Marktwirtschaft, parlamentarische Demokratie, Menschen- und Bürgerrechte) zu bekennen und freundschaftliche Gefühle für die USA zu äußern.

Die US-amerikanischen Regierungen machen es einem auch nicht leicht: Guantanamo, Waterboarding, Killer-Drohnen. Mit dem Hinweis darauf, dass man in westlichen Staaten auch Regierungen vor Gericht bringen kann und amerikanische Kriegsverbrechen in Vietnam und im Irak zu Gerichtsverfahren geführt haben, die weitaus zahlreicheren nordvietnamesischen Kriegsverbechen aber nie geahndet wurden, kann man nicht überzeugen. Das militärische Eingreifen des Westens in Serbien wird als verbrecherisch bezeichnet, weil ohne UNO-Zustimmung ein Massaker verhindert wurde. Wenn Araber Araber massakrieren, wie in Jarmuk, ist das wohl noch eine Folge des westlichen Kolonialismus. Eine Lichterkette von Friedrichshain zum Wedding gäbe es aber nur, wenn das westliche Israel einen Hamasführer getötet hätte, der Israel von der Landkarte tilgen wollte.

Linke Intellektuelle haben den Westen durchschaut: Die Toleranz, die im Westen herrsche, wäre nicht befreiend, sondern repressiv, sagte einst der Lieblingsphilosoph der 68er, Herbert Marcuse. Sein Wiedergänger ist der Philosoph Slavoj Žižek, der dem westlichen Liberalismus die Schuld am Fundamentalismus gibt.* Nur die radikale Linke könne den Liberalismus, der die Menschen manipuliere, retten(!). Kritik an Stalin oder Mao habe ich von ihm noch nie gehört. Es gibt Menschen, die ihn besser kennen als ich und ihm eine gewisse Nähe zu den beiden unterstellen. „Better the worst of Stalinism than the best of the liberal-capitalist welfare state”, schreibt er in „Trouble in Paradise“. Auch wenn man ihm nachsieht, dass er gerne provoziert und nicht alles so meint, wie er es sagt, das ist schon obszön. (Zizek wehrt sich im New Statesman dagegen, auf Grund dieses Satzes Stalinanhänger genannt zu werden. Er habe den Satz so gemeint, wie Churchill seinen Satz über die Demokratie: „Demokratie sei die schlechteste aller Staatsformen, aber es gäbe keine bessere.

Z. ist wohl kein Stalinist. Seine Flirts mit Mao, Stalin, dem GULag sind spielerisch, nicht ernst gemeint. Er weiß es zu schätzen, im liberalen Kapitalismus zu leben und gegen denselben wettern zu können, bei Stalin hätte er Kritik an demselben nicht lange überlebt. Zizek ist unterhaltsam, er sprudelt vor Einfällen. Für den Spiegel und für mich ist er ein philosophischer Clown. Er kann in einem Kurzvortrag in einem Atemzug über Griechenland, den furchtbaren Kapitalismus, die globale Erwärmung und über den von den USA unterstützten Feudalismus in Pakistan reden. In der Zeit, in der ich diesen Beitrag schreibe, hat er wahrscheinlich schon ein neues Buch geschrieben; zumindest sagt er, sein letztes Buch hätte er an einem Nachmittag geschrieben. 2014 hat er sechs Bücher abgeliefert. Vielleicht ist er ein Meister der Aufmerksamkeitsökonomie, der sein Publikum zu begeistern weiß und morgen schon wieder ein anderes Programm vorstellt.

Wie wenig man in Deutschland von westlichen Werten hält, zeigt sich angesichts des Russland-Ukraine-Krieges. Anstatt zu begrüßen, dass die Ukrainer auf die Barrikaden gehen, um die Werte für ihr Land zu fordern, die sie bei uns bewundern, zeigt die Hälfte der Bevölkerung, im Osten Deutschlands noch etwas mehr, kein Verständnis dafür, sondern sympathisiert mit dem Autokraten Putin.

Dass es die USA einem nicht leicht machen, für westliche Werte einzutreten, liegt auch an den Geheimdiensten, die im Kampf gegen Fundamentalisten und Terroristen immer mehr Daten sammeln. Schon wird gesagt, dass die NSA viel schlimmer wäre, als die Stasi je gewesen sei. Ostalgiker, die MfS-Veteranen in der Linkspartei und linksextreme Bundestagsabgeordnete stimmen begeistert ein: War alles halb so schlimm in der DDR, vergleichsweise harmlos.

Ich versuche zu verstehen, was Wikileaks und Snowden über die NSA-Überwachung verraten. Aber so richtig Aufregendes habe ich nicht entdeckt, vor allem nichts, was mich an das MfS erinnerte. Von ganz anderer Qualität ist das, was die Silicon-Valley-Industrie und ihre Ableger erfassen: Mein Handy erlaubt Bewegungsprofile, mein Navi weiß, wie schnell ich gefahren bin, und Amazon sieht, was ich im E-Book lese und anstreiche. Payback weiß, wie viel Bier ich bei Rewe kaufe, Apple-Watch weiß, ob ich mich heute ausreichend körperlich bewegt habe, wie gut ich geschlafen habe und ob mein Blutbild stimmt. Google, Facebook und Amazon wissen, was ich im Internet ge- und besucht habe. Dass es so ist, weiß jeder, das liefert jeder freiwillig ab. Lichterketten, Demos und Unterschriftensammungen gibt es aber nur bei der NSA. Warum?

Ich bin der Ansicht, dass das MfS schlimmer war als die NSA ist. (Mein gestriger Beitrag hat mir das noch einmal in Erinnerung gerufen.) Allein im DDR-Bezirk Potsdam, einem von 14, arbeiteten 4.000 Stasi-Mitarbeiter. Allein in unserer Straße gab es vier konspirative Wohnungen, in denen sich Stasioffiziere mit ihren Informant/-innen trafen, in ganz Potsdam waren es ca. 900 konspirative Agententreffs. In Karteien waren tausende von Auskunftspersonen erfasst. Auf die DDR hoch gerechnet, war mindestens jede/r 16. Einwohner Lieferant/-in von Informationen über Mitmenschen. Warum das alles? Nicht, um die DDR-Bewohner vor dem bösen nicht-sozialistischen Ausland zu beschützen, sondern um die eigene Bevölkerung zu kontrollieren und so die Herrschaft der SED zu sichern. Ich vermute, dass Bush, Clinton oder Obama die NSA-Überwachung nicht brauchen, um 300 Millionen Amerikaner auf ihre Loyalität zum Land und zu ihnen selbst rund um die Uhr zu kontrollieren. In Russland und China bleibt geheim, was Geheimdienste tun. Im Westen wird darüber öffentlich geredet. Und hoffentlich auch gehandelt.

 

* Nachtrag: Gerd Koenen über ein Buch von Slavoj Žižek: „Totaler Talk“