Hitler

Putin als Hitler-Ersatz?

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Die Begeisterung der Mehrheit der Deutschen für Putin kann ich nicht verstehen: 58%. (Im Osten ist sie deutlich größer als im Westen: 72%.)

91% aller Deutschen sind der Ansicht, von Russland gehe keine Gefahr aus. 63% lehnen Sanktionen ab.

Wenn ich im Bekanntenkreis, wenn das Gespräch darauf kommt, dafür plädiere, die Sanktionen gegen Russland NICHT aufzuheben, komme ich über einen Einleitungssatz meist nicht hinaus. Von der Krim-Annexion, den russischen Soldaten in der Ost-Ukraine und Moldawien, den Kaukasus-Kriegen, den Groß-Manövern an der Grenze zum Baltikum rede ich schon lange nicht mehr.

Wenn es um Morde an putinkritischen Journalisten, um den Einsatz eines russischen Giftes gegen abtrünnige Russen in Groß-Britannien geht, um den Abschuss eines Flugzeuges durch eine russische Rakete, wird mir entgegengehalten, dass es keine schlüssigen Beweise gäbe, es also eine Vorverurteilung wäre.

Es geht allein darum, dass „wir“ mit Russland reden, dass „wir“ Gesprächsbereitschaft signalisieren, dass „wir“ die Beziehungen verbessern und „wir“ endlich die Sanktionen gegen den „Nachbarn“ aufheben.

Was ich schon länger vermute, aber nie ausgesprochen habe: Kann es sein, dass man an Putin den starken Mann liebt, den Führer, der das Land nach den vielen (vermeintlichen) Demütigungen – Untergang der Sowjetunion, Chaos der Wendezeit, angebliche Einkreisung durch die NATO, Abspaltung der Ukraine, eines vermeintlich ur-russischen Territoriums, der Entstehung einer kapitalistischen Oligarchenschicht, das Land mit seiner bolschewistischen Geschichte aussöhnt und zu neuem Selbstbewusstsein und Nationalstolz, ja nationalistischer Überlegenheit (der „dekadente Westen“) führt?

Das erinnert mich an die (anfängliche) Begeisterung für Hitler. Der rächte die Nation für die Demütigungen durch Versailles. Er holte Territorien „heim ins Reich“, das besetzte Rheinland, die „Ostmark“, das Sudetenland, Danzig. Er glorifizierte die Geschichte der Deutschen und kultivierte den Nationalstolz,  Die Sache entgleiste zwar und die dabei begangenen Verbrechen waren ungeheuerlich. Aber bis heute hält sich eine, allerdings nur am rechten Rand manifeste Hitler-Bewunderung.

Es ist akzeptiert, dass Hitler nicht öffentlich bewundert werden darf. Aber bei Putin geht das, auch wenn er in vielen Bereichen nicht anders vorgeht, als H. vorging.

Es gibt genügend „neighbourhood bullys“, auf die man mehrheitsfähig schimpfen darf – Trump, Israel, die NATO, die USA -, da kann man bei Putin endlich die positiven Gefühle loslassen und wird noch nicht einmal Nazi verdächtigt. Rechts- und Linkspopulisten und die SPD sind d´accord. Nicht dass ich ihnen Hitler-Nostalgie unterstellen möchte, aber gibt es eine bessere Tarnung für atavistische Gefühle?

Der Hitler-Putin-Vergleich treibt mich schon länger um. Vielleicht gab jetzt Nikolai Klimeniouk den Ausschlag, darüber zu schreiben. Er staunt in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (25.3.18, p 52, „Unterwerfung“) über die Haltung der Deutschen zu Putin.

Am Schluss seiner Glosse schildert er eine Begebenheit aus der Wendezeit, in einem Supermarkt in der damals noch ostdeutsch geprägten Berliner Wilhelmstraße: „Vor mir warteten [an der Kasse] ein älteres deutsches Ehepaar und ein junge Frau, die mit ihrem Kind Russisch sprach. Die Alte zeigte auf den Einkaufswagen der Jungen und sprach in die Luft: `Seit wann benutzen die Russen denn Klopapier?´ Die junge Mutter drehte sich um und erwiderte mit freundlichstem Lächeln: `Seit ihr aufgehört habt, uns den Arsch zu lecken´.“

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Ein Ranking der größten Massenmörder aller Zeiten

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Massenmoerder

Quelle

Was fehlt: Mohammed und der Islam, geschätzt 170 Millionen Tote

James Kirchick: Die Opfer des Kommunismus verdienen ein Denkmal

Potsdam, Preußen und Hitler

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Vor 70 Jahren haben die Alliierten das Land Preußen aufgelöst.

Schweizerhaus in PotsdamAus ihrer Sicht war das konsequent, denn sie hielten Preußen für den Schurkenstaat, der zwei Weltkriege verursacht hätte. Das war schon damals nicht ganz richtig. Es gab hellsichtige Menschen, die bereits 1919 erkannten, dass es ein folgenreicher Fehler war, das deutsche Kaiserreich zum Alleinschuldigen am Ersten Weltkrieg zu erklären. Sie sagten voraus, dass das der erste Schritt hin zum nächsten Krieg wäre.

Es gab schon 95 Jahre vor Christopher Clark, Bücher, in denen beschrieben wurde, dass alle beteiligten Staaten in diesen Krieg hineinschlidderten, ja sogar, dass Frankreich die treibende Kraft gewesen wäre.

Ohne das „Schanddiktat“ von Versailles wäre Hitler nicht möglich geworden. Hitler als Fortsetzung Preußens anzusehen, ist teleologische Geschichtsschreibung. Besonders gern verbreiten marxistische Geschichtsphilosphen ihr Narrativ: von Luther über Preußen zu Hitler, eine gerade Linie.

Es hätte Dr. Goebbels Freude bereitet, dass die Alliierten seiner Preußenfolklore ebenso auf den Leim gingen wie die heutigen linken Preußenhasser in Potsdam, die in der Garnisonkirche und ihrem Wiederaufbau die Wiederauferstehung des militaristischen Preußen und folglich des Hitlerfaschismus zu erkennen glauben. Der „Barockfaschismus„, den sie in Potsdam zu sehen glauben, wäre schon der erste Schritt dahin.

Es ist traurig, dass uns gebetsmühlenhaft eingetrichtert wird, wie undemokratisch, reaktionär und militaristisch Preußen gewesen wäre. Übersehen wird dabei, dass Kadavergehorsam, Klassengesellschaft und Standesdünkel in anderen europäischen Staaten größer waren. Englische und französische Könige haben mehr Kriege geführt, als das „militaristische“ Preußen; der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. führte gar keinen. Das allgemeine (Männer-)Wahlrecht des Norddeutschen Bundes von 1866 war fortschrittlicher als das englische Klassenwahlrecht.

Der Historiker Hans-Ulrich Wehler schreibt über das Kaiserreich: „… ein hohes Maß an Rechtssicherheit, politische Teilhaberechte wie nur wenige westliche Staaten, sozialpolitische Leistungen wie sonst nur in Österreich und der Schweiz, Freiräume für entschiedene Kritik, Erfolgerlebnisse für die Opposition, Meinungsfreiheit mit seltenen Zensureingriffen, Bildungschancen, Aufstiegsmobilität, Wohlstandsanstieg.“

Und: „…das Kaiserreich erwies sich für die Zeitgenossen im Rückblick beileibe nicht
als spätabsolutistischer, krisengeschüttelter Anachronismus,… sondern war bei den meisten Deutschen — auch bei den Arbeitern — gekennzeichnet durch die Erfahrung von Stabilität, Aufstieg und Erfolg, und wurde als ein gewiss vielfach unzureichendes, aber doch offenkundig entwicklungsfähiges politisches System, wahrgenommen… [Es bot] „ein hohes Maß an Rechtssicherheit, politische Teilhaberechte wie nur wenige westliche Staaten, sozialpolitische Leistungen wie sonst nur Österreich und die Schweiz, Freiräume für entschiedene Kritik, Erfolgserlebnisse für die Opposition, Meinungsfreiheit mit seltenen Zensureingriffen, Bildungschancen, Aufstiegsmobilität, Wohlstandsanstieg“.

(in: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4, p 203; zitiert bei Ulrich Herbert, Das Dritte Reich. Geschichte einer Diktatur)

Vor allem aber ist verwunderlich, dass anscheinend kaum einer mehr weiß, dass der Freistaat Preußen in der Weimarer Republik bis zum „Preußenschlag“ 1932 ein Bollwerk gegen die NSDAP gewesen war. Die Sozialdemokraten modernisierten die Verwaltung. Das Land war das stabilste der Republik.

Zu Beginn der 30er Jahre gab es ein Verbot der SA. Ein preußischer Haftbefehl für Hitler wurde von der Reichsregierung boykottiert. Dagegen versuchten die Nationalsozialisten, Kommunisten und Rechtskonservative die sozialdemokratische preußische Regierung abzusetzen.

Vor zehn Jahren schon gab es ein Interview von N24/Die Welt mit dem Urenkel Kaiser Wilhelms II., Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen, der auf den grotesken Umgang mit der Geschichte Preußens hinwies.

Ich lese mit Hochachtung, dass Christina Peters in der PNN, dem Potsdamer Kopfblatt des linken Berliner Tagesspiegels, unter der zwiespältigen Schlagzeile „Renaissance eines Gespensts“ mit Zitaten des Potsdamer Historikers Manfred Görtemaker das Klischee von der Pickelhaube zurechtrückt.

Der Korridor

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Die FAZ muss damit leben, dass ihre Putin-kritischen Leitartikel in Leserbriefen empört zurückgewiesen werden. In der Eigenwerbung der Zeitung wird gerne vom klugen Kopf gesprochen, der hinter der aufgeschlagenen Zeitung stecke. Das kommt auch bei den Leserbriefen zum Ausdruck: Gefühlt ist die Hälfte der abgedruckten Zuschriften von Doktoren, Professoren und Freiherren verfasst. Der akademische Grad ist aber kein Hinderungsgrund für Putin-Verständnis.

So schrieb kürzlich eine Dame, im Vergleich zur Annexion der DDR durch die BRD sei die Landnahme Russlands in der Ukraine ein höchst demokratischer Vorgang. Heute tut ein Leser, diesmal kein Akademiker, sein Narrativ kund: Bei der Sicherung der Transitstrecken nach Berlin (West) sei man doch damals sehr diplomatisch vorgegangen. Viermächteabkommen, weitere verbindliche Verträge und vor allem: Anerkennung der bestehenden Lage. So könnte man doch jetzt auch verfahren. Warum stellten sich alle so an und verweigerten Russland eine Landverbindung zur Krim?

Wo soll man anfangen? Ging es Putin um einen Korridor durch die Ukraine? Hat er das je gefordert? Meint der FAZ-Leser mit Landverbindung die Anerkennung der Besetzung der Ost- und Südukraine? (Schließlich braucht Putin auch einen „Korridor“ nach Transnistrien.) Schlägt nach jeder russischen Aggression die Stunde der westlichen Realpolitiker, die die Fakten anerkennen, die Putin geschaffen hat? Also auch keine Sanktionen?  Recht hat der FAZ-Leser insofern, dass die Ost- und Südukraine für Kiew realpolitisch verloren sind.

Die Forderung, dass die internationale Gemeinschaft den Wiederaufbau dieses Gebietes finanziert, wird nicht lange auf sich warten lassen. Matthias Platzeck hat so ähnlich schon argumentiert.

Mir fällt beim Stichwort Korridor etwas ganz anderes ein: Im Versailler Friedensvertrag war festgelegt worden, dass die Provinz Posen-Westpreußen polnisch und die Stadt Danzig unter internationale Verwaltung gestellt wird. Ostpreußen war damit ohne Landverbindung zum Reichsgebiet. Alle deutschen Regierungen zwischen 1919 und 1939 haben mit Polen über einen Korridor verhandelt, eine Transitstrecke über Danzig nach Ostpreußen. Polen lehnte alle Vorschläge ab. Die deutschen Regierungen verzichteten auf die Forderung nach Rückgabe Posen-Westpreußens, es ging nur noch um Danzig und einen Korridor, eine Landverbindung mit Danzig und Ostpreußen. (Die polnischen Grenzkontrollen waren für deutsche Transitreisende schikanös.) Die Regierungen sicherten Polen in Danzig auch Hafenrechte zu (obwohl es mit Zoppot einen benachbarten polnischen Hafen gab.)

Polen fühlte sich von seiner Schutzmacht England bestärkt, keine Kompromisse einzugehen. Nur auf die Pläne eines Krieges gegen Deutschland, die der polnische Präsident Marschall Pilsudski hegte, ging London nicht ein.

Der Ribbentrop-Molotow-Pakt führte zu einer Kursänderung gegenüber Polen. Hitler fingierte den Überfall auf den Sender Gleiwitz, bei dem SS-Männer in polnischen Uniformen auftraten.

Ich glaube, dass ich schon an anderer Stelle im Blog darauf hingewiesen habe: Die Rechtfertigung der putinschen Politik („Der einzig rational Handelnde“ meint ein anderer FAZ-Leserbriefschreiber) durch deutsche Putin-Versteher/-innen könnte zu einer Historisierung des „Dritten Reiches“ führen. Da hilft kein Beschwören, dass man nichts und niemanden mit Hitler vergleichen dürfe.

Was übrigens meine Klagen über die ostalgischen und russophilen Lesebriefe in den Potsdamer Zeitungen angeht: Wenn man tiefer in den deutschen Osten vorstößt wird es schlimmer. Kürzlich bekam ich eine Ausgabe der Mitteldeutschen Zeitung (Halle) in die Hand…

Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern

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Auch Herr Ramelow kritisiert (im heutigen FAS-Interview) die Sanktionen gegen Moskau. Er verhält sich neutral im Ukrainekrieg. Hauptsache, die Thüringer Wirtschaft floriert.

Was mich verblüfft, ist, dass sich niemand an andere Geschichtsepochen erinnert.

Die Deutsche Bank, noch mehr die Dresdner Bank, haben in der Nazizeit gute Geschäfte mit den Machthabern gemacht. Die AEG hat 1944 mehr Gewinn eingefahren als 1939. Wer es weiß, schimpft auf die Kapitalisten, die mit jedem Geschäfte machen würden, Hauptsache, der Profit stimme. Beim Ukrainekrieg ist das umgekehrt: Sanktionen schadeten der deutschen Wirtschaft. Weg damit! Bei anderen Gelegenheiten heißt es, die Wirtschaftsbosse hätten zu viel Einfluss auf die Politik. Jetzt geben Linke und Rechte den Wirtschaftsbossen recht.

Kaum jemand wird die Gewinne der AEG 1944 verteidigen wollen. Aber 2014 ist alles egal: Menschenrechtsverstöße, Völkerrechtsbruch, Einschränkung der Meinungsfreiheit, Auslandseinsatz des Militärs, Hauptsache, die Kohle stimmt und die Arbeitsplätze in Thüringen sind sicher.

Man soll Putin nicht mit Hitler vergleichen dürfen. Aber drängt sich der Vergleich nicht auf?

„Heim ins Reich“ hieß vor 80 Jahren die Parole, mit der „Volksdeutsche“ „Reichsdeutsche“ werden sollten: Österreich, Sudetenland, Danzig, Memelland. Putin sieht Russland als Schutzmacht aller Russen und sogar Russischsprechenden im „nahen Ausland“. Die rechtlichen Grundlagen für jederzeitigen Militäreinsatz zu deren Schutz, wie immer man den Anlass definieren mag, hat die Duma längst geschaffen.

Putin verschafft sich nicht wie Hitler in Sachen Sudetenland die Zustimmung anderer Staaten, bevor er die Ukraine besetzt (Münchner Abkommen).

Die deutschen Putin-Versteher/-innen wollen, dass Russlands Einflusszonen respektiert werden. Sie sind womöglich dieselben, die gegen die USA auf die Straße gegangen sind, weil die Lateinamerika als ihren Hinterhof betrachtet haben. Sie müssten eigentlich auch Verständnis dafür haben, dass man während (nicht vor dem) des Ersten Weltkrieges von deutschen Einflusszonen (Belgien, Lothringen) sprach. Das steht aber in Geschichtsbüchern als Beleg für die deutsche Lust am Weltkrieg.

In den sozialen Medien und sogar in der Rechtsprechung wird man sehr aufmerksam, wenn jemand die Ehe zwischen Mann und Frau für wichtiger hält als sexuelle Vielfalt. Putin und seine Getreuen dürfen dagegen homophob, rassistisch und sexistisch sein und das dekadente Europa beschimpfen. Das nimmt man hin und hält bei derartigen Tischreden russischer Gäste in Deutschland brav den Mund (Jakunin, Matthias Platzeck). Ex-Siemens-Vorstandsvorsitzender Löscher wird demnächst Direktor bei den russischen Staatsbahnen. Putins Kommunikationsexperten haben recht: Die Deutschen seien ziemlich empfänglich für russische Propaganda.

Abenteuerurlaub in der Ostukraine

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Ich habe das Abonnement der Potsdamer „Märkischen Allgemeinen Zeitung“ gekündigt. Es gefiel mir einiges schon lange nicht mehr. Zuletzt waren es die nicht enden wollenden Ergüsse der moskautreuen Leserbriefschreiber/-innen. Seit Monaten täglich konnten sie Russland verteidigen und die USA, die EU, die NATO als Kriegstreiber und Lügner darstellen. Egal, was in den Nachrichten stand, man konnte wochenlang lesen, dass z. B. die prorussische Miliz jederzeit eine unabhängige Kommission an die Absturzstelle der malayischen Passagiermaschine lassen würde, aber keine aus dem „faschistischen“ Kiew oder von der „aggressiven“ NATO.

Ich war es in meinem früheren Leben als Zeitungsleser gewohnt, Leserbriefe als eine wertvolle Ergänzung zum redaktionellen Teil zu sehen. Da gab es Widerspruch, Berichtigung, neue Argumente. Ein MAZ-Artikel, der eine pointierte Meinung enthalten hätte, die das hätte auslösen können, ist mir nicht in Erinnerung. Aber wochenlang dieselbe Litanei, die man schon von den Kreml-PR-Expert/-innen kennt? Es reicht ja schon, Ähnliches von SPD- und Linksparteipolitiker/-innen im redaktionellen Teil zu lesen. Nun kann man eine Redaktion nicht für die Kommentare der Leser/-innen verantwortlich machen. Aber sie geben einen Hinweis darauf, wer die Zeitung liest.

Als ich kündigte, fragt eine Angestellte nach, woran es läge. Sie tippt alles in ihren Computer und sagt, sie werde es weitergeben. Vielleicht ist es auch Zufall, aber in dieser Woche waren zweimal je ein Pro-Putin- und ein putinkritischer Leserbrief abgedruckt. Nachtrag: Das war wohl ein Ausrutscher, denn heute werden auch Facebook-Kommentare von Ratzi Fatzi und Lucky Luke (von mir den wirklichen nachempfundene Pseudonyme) in der Leserbriefspalte abgedruckt. Den Rest des Beitrags lesen »

Vor 75 Jahren: Der Ribbentrop-Molotow-Pakt

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Am 23.8.1939 wurde der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt unterzeichnet. Außenminister Ribbentrop war mit seinen Bemühungen um eine Verständigung mit Groß-Britannien gescheitert. Für ihn war der Vertrag mit der UdSSR ein großer persönlicher Erfolg. (Er war später dagegen, dass Russland von der Wehrmacht überfallen wurde.) Stalin hatte erkannt, dass Hitler nun doch kein vorübergehendes Phänomen war, deshalb verbündete er sich nach dem Scheitern von Verhandlungen mit London und Paris mit ihm, nicht zuletzt, um die westlichen Mächte zu ärgern. Immerhin zwei Jahre, 1939 bis 1941, unterstützte er mit Öl-, Getreide- und anderen Rohstoff-Lieferungen Hitlers Krieg im Westen.

In einem geheimen Zusatzprotokoll gestand Hitler Stalin Finnland, Estland und Lettland, Bessarabien und die Nordbukowina zu. Das Deutsche Reich sollte Litauen erhalten. Stalin lieferte Hitler im Gegenzug tausende deutsche Kommunisten aus, die seit 1933 in die Sowjetunion geflohen waren und von denen viele im Zuge des Roten Terrors im GULag gelandet waren.

Hitler bekam durch den Vertrag freie Hand gegenüber Polen. Er hoffte, England und Frankreich würden nicht eingreifen, wenn er gegen Polen Krieg führte. Beide Diktatoren teilten sich das Land. Auch Stalin war kein Freund der Polen. Der polnische General Pilsudski hatte in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg die noch schwache Sowjetunion militärisch besiegt und sich Teile Litauens und der Ukraine (Wolhynien, Ostgalizien) einverleibt. Stalin war damals einer der Befehlshaber der von Pilsudski besiegten Roten Armee gewesen. Für die Russen war die Besetzung Ostpolens ein Akt der Befreiung der dort von Polen unterdrückten Völker. (Nach russischen Angaben waren von den 10 Millionen Einwohnern nur 1 Million Polen, die anderen vor allem Ukrainer, Weißrussen und Juden. Andere Quellen sprechen von 5 Millionen polnisch Sprechenden. Polen hatte in der Zwischenkriegszeit eine rigorose Polonisierungspolitik betrieben. Aus dem russisch besetzten Polen wurden nach polnischen Angaben 800.000 bis 1,2 Mio. Menschen nach Sibirien und Zentralasien deportiert – mehrheitlich Polen; es waren aber auch Deutsche und Juden dabei. Die Sterblichkeit lag bei 30%. Nach sowjetischen Angaben belief sich die Zahl der Deportierten nur auf 300.000. Allein 250.000 bis 300.000  polnische Soldaten gerieten in sowjetische Gefangenschaft. Keinem wurde der Status von Kriegsgefangenen zuerkannt, tausende wurden ‚liquidiert‚.

Hitler und Ribbentrop befolgten bis 1938 die von allen vorhergehenden Weimarer Regierungen verfolgte Polen-Politik: Verzicht auf die im Versailler Friedensvertrag abgetretene Provinz Posen-Westpreußen, aber Rückgabe der Freien Stadt Danzig bei Gewährung polnischer Zugangsrechte zu den Häfen der Stadt und einen exterritorialen Straßenkorridor durch das abgetretene Gebiet nach Ostpreußen. Polen war zu keinen Verhandlungen bereit gewesen. Schon bei den in Versailles festgelegten Volksabstimmungen hatte Polen auch Gebiete mit deutscher Abstimmungsmehrheit für sich gefordert. Es kam zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, so dass britische Soldaten, die die Abstimmung überwachen sollten, Deutsche schützen mussten.

Die polnische Regierung hatte mehrfach in London um Beistand bei einem Überfall auf das Reich gebeten. Eine deutsch-polnische Grenze an Oder und Neiße wurde in der Zwischenkriegszeit als realistisches und berechtigtes polnisches Ziel gesehen.

Die Aufteilung Polens unter den beiden Diktatoren markiert den Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Vera Lengsfeld erinnert an den Hitler-Stalin-Pakt, u. a. daran, dass Wehrmacht und Rote Armee 1939 im besetzten Polen gemeinsame Paraden abhielten, dass der NKWD und die Gestapo dort Koordinierungstreffen durchführten. Das Europäische Parlament habe 2009 eine Entschließung „zum Gewissen Europas und zum Totalitarismus“ angenommen hat, mit der Forderung, den 23. August zum gemeinsamen Gedenktag für die Opfer aller totalitären und autoritären Regime zu erklären. Seitdem ist dieser Gedenktag fester Bestandteil der Erinnerungskultur der baltischen und anderer osteuropäischer Staaten. Bis heute verlaufe die Erinnerung an den Hitler-Stalin-Pakt in Europa sehr unterschiedlich. In Polen und im Baltikum sei das deutsch-sowjetische Abkommen ein zentraler Bezugspunkt der nationalen Erinnerungskulturen.

Das fiel mir schon in der Gedenkstätte Leistikowstraße in Potsdam auf, einem ehemaligen KGB-Gefängnis: Das einzige, was man dort lesen konnte: „Die Hitlerarmee überfiel 1939 Polen.“

Auch die Linkspartei spricht nicht gerne über den Hitler-Stalin-Pakt. In bewährter Manier gedenkt sie an diesem historischen Datum des Stalinisten „Teddy“ Thälmann. Der wurde, so Frau Lengsfeld, am 18. 8. im KZ ermordet. Stalin hatte nicht das geringste Interesse, seinen treuen Anhänger ins Arbeiter-und-Bauern-Paradies zu holen.

Die Gebiete, die Hitler 1939 Stalin zugestand, werden heute von den deutschen Putin-Versteher/-innen als legitime Einflusssphären Russlands angesehen.

Putin redet davon, die Russischsprachigen in den Nachbarstaaten heim ins Reich zu holen. Hitler machte 1938 in Österreich und in der Tschechoslowakei, 1939 in Danzig dasselbe.

Updates November 2014: Putin lobt den Ribbentrop-Molotow-Vertrag. Timothy Snyder dazu. Der polnische Historiker Wlodzimierz Borodziej dazu. Borodziej stellt übrigens fest, dass Polen nach dem Ende der UdSSR darauf verzichtet habe, auf der Rückgabe des 1945 von Stalin weggenommenen Ostpolens zu bestehen.

Zum Vergleich von Kommunismus und Nationalsozialismus (7): Die Extreme berühren sich

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Man muss sich nur die Programme der italienischen Faschisten (1919) und der frühen NSDAP (1920) ansehen, um zu erkennen, dass beide Ideologen verwandt sind.

Bemerkenswert ist auch, wie viele „Wanderungen“ es von rechts nach links und von links nach rechts gibt: Mussolini hat Zeit seines Lebens den Faschismus als linkes Projekt gesehen, und er war in Italien nicht der einzige. Berater Mussolinis war der deutsch-italienische Soziologe Robert Michels. Der war erst Sozialist, dann Faschist. Der deutsch-italienische Journalist und Schriftsteller Curzio Malaparte war begeisterter Faschist. Bis 1949 schrieb er faschistische Romane, danach wurde er Kommunist und Sympathisant von Mao Tse Tung.

Eine der ersten Reden Adolf Hitlers (am 13. August 1920 im Hofbräuhaus) hatte das Thema »Wie kannst Du als Sozialist nicht Antisemit sein?«. Darin wandte er sich auch gegen den Zionismus, die Gründung eines jüdischen Staates in Palästina. H. propagiert einen Sozialismus, der nur dem eigenen Volk zugute kommen sollte.

(Den Hinweis auf diese Rede fand ich bei Götz Aly: Warum die Deutschen? Warum die Juden?: Gleichheit, Neid und Rassenhass …)

Rainer Zitelmann stellt die linken Facetten in H.s Weltbild zusammen: „In den Demokratien herrsche in Wahrheit das Kapital; die Medien seien abhängig von Kapitalisten und die Politiker in den Demokratien durch Aufsichtsratsposten, Aktienbesitz usw. bestochen, so dass in Wahrheit dort nicht das Volk herrsche, sondern das Kapital. Im inneren Kreis bekundete er große Sympathien für Stalin, kritisierte andererseits das Franco-Regime in Spanien als reaktionär und rechnete es den Sozialdemokraten hoch an, dass sie die Monarchie in Deutschland beseitigt hätten.

Weitere Wanderer zwischen den extremen Ideologien: Den Rest des Beitrags lesen »

William T. Vollmann: Europe Central

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Das Buch wird so oft in den Zeitungen positiv besprochen, dass ich es wohl demnächst lesen werde. Es wird darin der Zweite Weltkrieg aus deutscher und russischer Sicht erzählt. Kritiker vergleichen es mit „Krieg und Frieden“. In den USA erschien es 2005.

Heute steht ein Interview mit William T. Vollmann in der FAZ. Daraus ein Auszug, der gut zum vorhergehenden Beitrag und den Kommentaren passt:

(Vollmann) Beide Regime [Hitler, Stalin; GS] trugen Züge des Bösen, auch wenn wir womöglich nicht entscheiden können, welches besser und welches schlimmer war.

(FAZ/Andreas Kilb) Die Geschichte hat entschieden. Es ist heute nicht strafbar, Stalin für einen Wohltäter der Menschheit zu halten.

Wir könnten sagen, Hitler war schlimmer, weil er für die Schoa verantwortlich war. Wir könnten auch Stalin für den Schlimmeren halten, weil er länger gelebt und mehr Menschen vernichtet hat.

Wenn Sie [Milovan Djilas´“Gespräche mit Stalin“; GS] im Vergleich zu „Hitlers Tischgespräche[n]“ lesen, erkennen Sie den Unterschied zwischen beiden: Hitler liebte es zu reden, und alle um ihn herum mussten zuhören. Stalin dagegen sah sich mit seinen Paladinen lieber Filmkomödien an. Anschließend betranken sich alle, und wenn sie richtig volltrunken waren, ließ er sie vorspielen, wie die Leute, deren Exekution sie mitangesehen hatten, gestorben waren. Darüber amüsierten sie sich…

NB. von mir: In „Hitlers Tischgespräche“ notiert Rauschning einen Ausspruch Hitlers, dass der Nationalsozialismus im Kern zutiefst sozialistisch sei.

Erwin Jöris: Deine Schnauze wird dir in Sibirien zufrieren

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Der Historiker Dr. Andreas Petersen (Mitautor von „Blackbox DDR„) erlebte den damals 90jährigen Erwin Jöris auf einer Podiumsdiskussion und war irritiert, weil Jöris von Haft im KZ Oranienburg zum Ende der 40er Jahre sprach. Von der Weiternutzung der Nazis-KZs als sowjetische Straflager hatte er bis dato nichts gehört.

Andreas Petersen lässt sich von Erwin Jöris sein Leben erzählen. Ein extremes Leben in einem extremen Jahrhundert. 1912 geboren in einem kommunistischen Elternhaus, in der Weimarer Republik arbeitsloser Tischler, macht er schnell Karriere als kommunistischer Jugendfunktionär. Die Nazis stecken in 1933 kurzzeitig ins KZ Sonnenburg bei Küstrin (heute polnisch). Die Genossen schicken ihn 1937 nach Moskau, ob zur Beobachtung eines von den Nazis wieder entlassenen Schutzhäftlings oder als Vorbereitung für höhere Aufgaben, weiß er nicht. Wie bei so vielen in ähnlicher Lage, nimmt sein Glauben an den Kommunismus in der Realität der Sowjetunion Schaden. Er darf zu Stalins „erfolgreicher“ Wirtschaftspolitik (Sahra Wagenknecht) beitragen, wird in eine Maschinenfabrik im Ural geschickt.  Trotz seines Status´ als illegal aus Deutschland Ausgereister und in der UDSSR ohne Pass Lebender, dazu noch Kommunist, geht er zur deutschen Botschaft, sagt, dass er von den Nazis wegen Hochverrats gesucht wird und sich stellen möchte. So könnte er wenigstens die Sowjetunion verlassen. Er wird vom NKWD nach dem Botschaftsbesuch verhaftet. Ein Wunder, dass er die Zeit des „Großen Terrors 1937/38, als Stalin wegen angeblicher Sabotage, Agententätigkeit und Ähnlichem fast eine Million Russen erschießen lässt überlebt. Es ist aber die Zeit, in der Stalin sich Hoffnungen macht, gemeinsam mit Hitler die Welt zu beherrschen. Den Rest des Beitrags lesen »