DDR

Lutz Seiler, Kruso: Lyrik in Romanform

Gepostet am Aktualisiert am

Auf Hiddensee war man schon ein bisschen raus aus der DDR. Kein Wunder, dass die Insel Menschen anzog, die mit der SED-Diktatur fertig waren. Sie schuften, in Sichtweite der dänischen Insel Mon, als Saisonkräfte (Esskaas) in den Ausfluglokalen. Fast bilden sie eine Gemeinschaft der Aussteiger, der auf Hiddensee Gestrandeten.

In der einsamen, im Norden der Insel gelegenen Gaststätte „Klausner“ wird ständig das schmutzige Geschirr der urlaubenden Gäste gespült. Kakerlaken werden erschlagen, aber es kommen ständig neue. Der Deutschrusse Kruso, Sohn eines russischen Generals und einer ZIrkustänzerin organisiert das Zusammenleben der Gestrandeten. Er entscheidet, wo überall geschlafen wird. So kommt sein Freund Ed, ein abgebrochener Germanistikstudent, immer wieder kurzzeitig zu einer neuen Bettgefährtin.

Es gibt seltsame Rituale, Initiationen, Tänze am Strand, Waschungen in den Abwaschbecken der Küche. Rimbaud und Trakl werden häufig zitiert. Viel ist von Toten die Rede. Eds Schwester starb bei einem Verkehrsunfall, Krusos Schwester war in die Ostsee hinausgeschwommen.

Der erste Roman des Lyrikers Lutz Seiler ist kein Wenderoman, auch wenn die Handlung, wenn man von einer solchen überhaupt reden darf, im Sommer und Winter 1989 spielt. Die reale Flucht der DDR-Bewohner in diesen Monaten ist nicht das Thema. Kruso geht es in seinen Reden und Feiern um wahre, innere Freiheit, nicht um die Freiheit, die Flüchtlinge im Westen suchen. Für Kruso liegt die wahre Freiheit nicht auf westdeutschen Autobahnen, sondern im Osten.

Aber nach und nach verschwinden die ausgestoßenen. Nur Kruso und Ed bleiben überig. der todkranke Kruso wird von seinem Vateer, dem russischen General in einem Pamzerkreuzer heimgeholt.

Ich denke mir, während ich durch Seiten voller Träume, Halluzinationen und Erinnerungsfetzen gleite, vor, wie die Verfilmung aussehen würde: Es würde ein surrealistischer Film werden.

Nicht ganz von der Hand zu weisen ist die Einschätzung von Elke Schmitter, dass der Roman mit Thomas Manns Zauberberg verglichen werden kann. Zumindest entfernt, würde ich sagen.

Ich hätte zuerst Seilers Epilog lesen sollen. Da geht es ganz realistisch um seine Suche nach dem Schicksal tausender über die Ostsee Geflüchteter, die ertrunken sind, deren Leichname von Schiffsschrauben zerstückelt, von Fischen angefressen wurden und an die dänische Küste gespült wurden, Diese Toten kehren im Roman immer wieder.

Kruso“ bei amazon

Lesetipp: Christine und Bodo Müller haben dramatische Fluchtgeschichten zusammengetragen: „Über die Ostsee in die Freiheit“ (Ca. 5.000 Fluchtversuche über die Ostsee, davon erfolgreich ca. 590, 27 Tote) Lutz Seiler erzählt, dass sich die Dänen wundern, dass außer ihm noch nie ein Deutscher zu verschollenen, am dänischen Strand gefundenen DDR-Flüchtlingen recherchiert hat.

Advertisements

Zeitzeuge Siegfried Wittenburg

Gepostet am Aktualisiert am

Unter den Kommentaren zum Spiegel-Artikel über den DDR-Versandhandel befindet sich auch der von Siegfried Wittenburg. Er bestätigt, was der Spiegel-Autor geschrieben hat und nimmt die Ostalgiker aufs Korn, die den Artikel zum Anlass nehmen auf den schlimmen kapitalistischen Westen zu schimpfen. U. a. schreibt er (Kommentar 5) über die DDR-Planwirtschaft:

„Als der Sozialismus den Brotpreis regulierte, landeten frische Brote massenhaft in den Schweinetrögen. Als der Sozialismus die Schweinefleischpreise subventionierte, machten die Züchter traumhafte Gewinne und die Menschen aßen fast nur noch Koteletts. Als der Sozialismus die Brötchen billig machte, landeten sie massenhaft in den Mülltonnen. Als der Sozialismus die Energiepreise subventionierte, wurde die Wohnungstemperatur mit dem Fenster reguliert. Als der Sozialismus die Mietpreise regulierte, verfielen die Städte. Als der Sozialismus nicht genügend Autos liefern konnte, stiegen die Schwarzmarktpreise. Als der Sozialismus private Handwerksbetriebe verstaatlichte, blühte die Schwarzarbeit. Als der Sozialismus nicht genügend Waren produzieren konnte, verdienten sich die Leute eine goldene Nase, die sich an den Verteilerstellen befanden.“

Ich habe Herrn Wittenburg einmal auf einer Tagung kennengelernt und freue mich jetzt über den überraschenden Fund.

Siegfried Wittenburg ist Fotograf. „Bildautor“ sagt er selbst. Er hat beeindruckende Bildbände und Ausstellungen zum Alltag in der DDR gemacht.

Auch der Versandhandel rettete die DDR nicht

Gepostet am Aktualisiert am

Die unschönen Schlangen vor den Geschäften trübten das Bild vom Arbeiter-und-Bauern-Paradies DDR. Um das zu verhindern, verfielen die Planwirtschaftsbürokraten  auf die Idee, einen Versandhandel aufzuziehen.

Was auf den ersten Blick kompatibel mit Zentralverwaltungswirtschaft scheint, erwies sich für die SED als Reinfall.

Auf zwei Millionen Kunden brachte es der „Konsument“-, später „Centrum“-Versandhandel. Vor allem die Landbevölkerung war angetan. Von der Kittelschürze für die LPG-Bäuerin bis zum Overall für den Traktoristen gab es Nützliches für den Alltag.

Aber während die Nachfrage stieg, kam man mit dem Angebot nicht hinterher. Weder reichten die Bestände, noch wurde das Angebot vergrößert. Schließlich war etwa die Hälfte der bestellten Waren nicht lieferbar.

Am 13. August 1976, dem Jahrestag des Mauerbaus, wurde der Versandhandel eingestellt.

Erfolgreicher war der GENEX-Geschenkdienst. Er wurde der Kommerziellen Koordination (KoKo) des Außenhandelsministeriums unter Leitung von Stasi-Oberst Schalck-Golodkowski unterstellt. Die KoKo war ein riesiges Schattenimperium. Sie betrieb Waffenhandel, unterstützte die DKP finanziell, beschaffte Embargoware, exportierte enteignete Kunstgegenstände und Antiquitäten, versorgte die SED-Oberschicht mit westlichen Konsumgütern und importierte Sondermüll.

GENEX war als Geschenkdienst mit dem Einverständnis der Bundesregierung für die Kirchen in der DDR gegründet worden. Die DDR weitete das Verfahren aus. Bundesbürger konnten über die Genexfirmen in Dänemark und der Schweiz, später auch in Westdeutschland, DDR-Bewohnern schenken, was in einem Katalog verzeichnet war. Zu 90% waren es Güter aus der DDR-Produktion, darunter auch Motorräder, Autos und Möbel. Alles, auch Autos, wurde nach wenigen Wochen geliefert. Natürlich musste   der Kaufpreis in D-Mark entrichtet werden. Mehrere tausend Wartburgs wurden so jährlich verkauft. Hinter diesem Versandhandel stand die Notwendigkeit, Devisen zu erwirtschaften.

Groß war der Unmut der DDR-Bewohner, die keine Westverwandten oder keinen Zugang zur D-Mark hatten.

Wer im Ausland beschäftigt war, erhielt ein Genex-Konto, mit dem er aus einem Ost-Genex-Katalog zwar keine Westwaren, aber schwer erhältliche Güter, wie z. B. Fliesen, Schlagbohrmaschinen und auch Autos, kaufen konnte.

(nach Der Spiegel, Wikipedia „Genex“ und „Kommerzielle Koordination“)

Frank Trentmann: Die Herrschaft der Dinge

Gepostet am Aktualisiert am

Der in Groß-Britannien lehrende deutsche Historiker Frank Trentmann hat eine faszinierende Weltgeschichte geschrieben: Die Herrschaft der Dinge. Die Geschichte des Konsums vom 15. bis ins 21. Jahrhundert. Es ist eine enzyklopädische Geschichte des Konsums rund um die Welt.

Das von mir benutzte Taschenbuch umfasst 850 Seiten, davon 700 Seiten Text. Es geht um Konsum, um die Lust auf Dinge, auf kostbare Kleidung, schöne Möbel, exotische Früchte und Waschmaschinen. Lust auf Konsum beginnt nicht erst in der Renaissance, schon die Frachtschiffe der Römer schafften die Dinge heran, die die Bewohner der Hauptstadt begehrten. Man erfährt viel Neues, z. B. über die ersten Warenhäuser, über erste Werbung, Marketing und Konsumentenkredite oder über das Luxusgut Kakao.

Es ist nicht der westliche Kapitalismus, der zum Konsum verführt. Trentmann erzählt gut lesbar vom Konsum in Japan, China, in Hitlerdeutschland und in kommunistischen Diktaturen. Letzteres interessiert mich natürlich besonders. Trentmann macht deutlich, dass die kommunistischen Herrscher in mehrfacher Hinsicht mit dem Bedürfnis ihrer Untertanen nach Konsumgütern nicht klarkamen. Die Ideologie ging davon aus, dass in einer sozialistischen Gesellschaft die Entfremdung der Menschen von der Arbeit aufgehoben sei. Der Mensch verwirkliche sich in der nicht mehr entfremdeten Arbeit. Eine Flucht in das Privatleben, in die Freizeit und eben den Konsum wäre nicht mehr notwendig. Die Proletarier folgten dem nicht.

Es war nicht allein die Verlockung der westlichen Konsumgesellschaft, die den Kommunismus kollabieren ließ. Den Rest des Beitrags lesen »

Wie in der DDR? Kann doch nicht sein? Doch!

Gepostet am

In Tagesschau lässt die ARD stolz verkünden, dass sie ein Sparprogramm verabschiedet hat und jetzt prüfen lässt. Sogar bei den Pensionen der Mitarbeiter werde gekürzt.

Gerade zuvor hatte ich, allerdings nicht in der Tagesschau-App, sondern bei der Konkurrenz, einer Zeitung, gelesen, dass die Pensionserhöhung bei den ö.-r. Anstalten ein Skandal sei, angesichts der üppigen Gehälter und den ständigen Erhöhungen der Rundfunksteuer. Sie wollen in acht Jahren 2 Milliarden einsparen. Das sind 250 Mio pro Jahr, bei 8 Mrd Einahmen pro Jahr. Das sind 3 % im Jahr. Eine Erhöhung der Rundfunksteuer ist aber auch vorgesehen.

Die Pensionen steigen regelmäßig um 1 % im Jahr. Das wurde schon vom sozialistischen Ministerpräsidenten Ramelow kritisiert.

Kann es sein, dass der „Staatsrundfunk“, wie der Sprecher der Bundesregierung, Bela Anda, ihn nennt, sich in den Nachrichten eine eigene Welt schafft? Die nichts mit der Realität draußen zu tun hat? So, wie es in der DDR war? Da gab es keine freie Presse und keinen staatsfernen Rundfunk. Alle berichteten das von der Partei Vorgegebene.

In Kommentaren im Internet schreiben Menschen, die in der DDR gelebt haben, dass die Medien der Berliner Republik sie an die DDR-Medien erinnern.

Ich sträubte mich früher dagegen, wenn es gewieften Kommunisten gelang, ihr System im besseren Licht erscheinen zu lassen, trotz aller Repression, fehlender Meinungsfreiheit, trotz aller Mängel des Wirtschaftssystems und der dogmatischen Ideologie. Sie fanden immer Flecken auf der weißen westdeutschen Weste, ein „Terrorurteil“ der BRD-Justiz gegen einen aufrechten Kommunisten, ein Berufsverbot, die Not der Flaschen sammelnden Alten, Armen und Wohnungssuchenden. Sie stritten Verfehlungen in der DDR gar nicht ab, sondern erfanden oder übertrieben Missetaten des Westens.

Daher fiel es mir bisher schwer, die gelenkten ostdeutschen Zeitungen und das Fernsehen mit der westdeutschen Medienlandschaft gleichzusetzen.

Zwar fiel mir auch auf, dass in der Bewertung der Flüchtlingskrise allein die Willkommenskultur im Mittelpunkt statt. Dass ein Migrationshintergrund bei Straftaten verschwiegen wurde, dass man bei Straftaten gegen Flüchtlinge und Flüchtlingsheime jahrelang Landkarten mit Fähnchen und lange Tabellen zu sehen bekam, auf denen jede einzelne Tat festgehalten worden war, aber nicht bei Vergewaltigung und Mord durch Asylbewerber. Trump wurde auf Titelbildern mehrerer Zeitungen einhellig als Hitler-Wiedergänger dargestellt. Bei der Berichterstattung über die AfD gaben viele Journalisten ihre Sorgfalt, Ausgewogenheit und Sachlichkeit auf und wurden selbst zu Aktivisten, wie Frau Reschke oder Frau Slomka.

Dasselbe gilt für den menschengemachten Klimawandel, wo eine Einheitsmeinung zur Alleinschuld von CO2 an Vogelsterben, Starkregen, Tsunamis und schmelzendem Grönlandeis vorzuherrschen scheint, über den Nahostkonflikt, wo die Israelis die Störenfriede sind, die immer zuerst schießen.

Der Einfluss von Politikern auf ARD/ZDF ist allerdings lange bekannt. Egal, ob Berichte über einen im ARD-Studio tobenden Minister Gabriel oder am Telefon drohenden Ministerpräsidenten Wulff wahr sind oder nicht.

Mein Glaube an die Unterscheidbarkeit der Medienlandschaft der Bundesrepublik von der ostdeutschen Einheitspresse ist erschüttert.

Ich habe inzwischen Menschen gefragt, die in der DDR gelebt haben und die meiner Einschätzung nach weder rechtsextrem noch DDR-Verteidiger sind. Sie sagen unumwunden, die derzeitige Presse- und TV-Landschaft erinnere sie an die DDR.

DDR-„Seenotrettung“ in der Ostsee

Gepostet am

Einer, der dabei war, hat seine Erinnerungen aufgeschrieben: Wolfgang Rätzer, Mayday. Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze.

Über 4.000 Schutzsuchende wurden verhaftet, 174 kamen zu Tode. Die DDR-Seenotretter, widerwillig von der SED auf Grund internationaler Regelungen geschaffen, wurden vor einem Notfalleinsatz vom MfS kontrolliert. Das dauerte 20 Minuten.

Autor Wolfgang Rätzer verzichtete darauf, Kapitän in der Handelsschifffahrt zu werden, deshalb ging er zur Seenotrettung.

Seiner Lebensleistung als DDR-Bewohner zolle ich mehr Respekt als der eines Linken-Politikers Thomas Nord.

Mehr bei Spiegel Online

Endlich: Neues „Horch-und Guck“-Heft!

Gepostet am Aktualisiert am

Mit sehr viel Verspätung und irritierender Zählweise ist dieser Tage das Heft 1-2/2016 von Horch und Guck erschienen: „Friedliche Revolution und Deutsche Einheit“.

Mit dem Umzug von Berlin nach Leipzig hat man sich schwer getan. Um wieder á jour zu kommen, wird es wohl weiter Doppelhefte geben müssen, vielleicht werden sie auch zur Norm. (Die Webseite ist leider nicht aktuell.)

Auf jeden Fall wird das Heft einige Zeit auf meinem Schreib- und dem Nachttisch liegen. Über das Thema ist schon viel geschrieben worden, aber das eine oder andere (für mich) Neue ist im Heft zu finden: Jochen Staadt über Egon Bahr, Sebastian Stude über Tschernobyl und die Stasi, Karsten Brüggemann über die Friedliche Revolution im Baltikum. Auch ist es gut, wenn die Erinnerung an manch anderes aufgefrischt wird, etwa die überschätzte Demonstration vom 4.11.89 auf dem Alexanderplatz.

Alexander Latotzky hat über den Skandal des Umgangs mit dem sowjetischen Speziallager in Sachsenhausen geschrieben. Das ist mir zwar bekannt, nicht zuletzt weil die ehemalige für das Speziallager verantwortliche Historikerin in Potsdam, in der KGB-Gedenkstätte Leistikowstraße, für ähnlichen Unmut sorgt.

Prof. Klaus Schroeder gibt einen Überblick über die weiterhin bestehenden, sich sogar verfestigenden politischen und mentalen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen:

  • 74% der Westdeutschen waren 2014 mit der Demokratie zufrieden, 40% der Ostdeutschen.
  • Die Planwirtschaft wird zunehmend milder gesehen. Antikapitalistisches Denken beherrscht 95% der jüngeren Ostdeutschen. (Die Quelle konnte ich bei Schroeder nicht finden.) 42% der Ostdeutschen meinen, ihnen würde es in einer Planwirtschaft nicht schlechter gehen als in einer Marktwirtschaft.

Eckehard Jesse erklärt noch deutlicher, als es mir bisher schon bewusst war, das Scheitern der Bürgerbewegung durch ihre Fixierung auf die Verbesserung der DDR, allenfalls auf einen Dritten Weg neben Sozialismus und sozialer Marktwirtschaft.

Er zeichnet den weiteren Weg von Bürgerrechtlern in verschiedene Parteien und Ämtern oder ins Privatleben nach.

Von Ulrike Poppe hatte ich das einmal gehört, dass für die Bürgerrechtler die Vorstellung eines geeinten Deutschlands fremd war. Den Aufruf „Für unser Land“, für eine sozialistische, antifaschistische und humanistische Alternative zur BRD, von Christa Wolf angestoßen, unterzeichnete sie. Konsequent stimmten Marianne Birthler, Pfarrer Dr. Schorlemmer, Matthias Platzeck u. a. dann gegen den Beitritt zur Bundesrepublik und gegen den Einigungsvertrag.

Das erklärt vielleicht auch, warum die Bürgerrechtler in der Bedeutungslosigkeit verschwunden sind. Mit der schnell wachsenden Lust an der Einheit hatten sie nichts am Hut. „Die Republik Freies Wendland in Gorleben hatte sie mehr fasziniert als das Bundesverfassungsgericht“, schrieb der Journalist Konrad Schuller 1996.

 

Aus dem Baukasten der Städtebaukritik: Besänftigungslandschaft

Gepostet am Aktualisiert am

Gegen die Wiedergewinnung eines harmonisch gestalteten (Innen-)Stadtraumes in Potsdam wird eingewandt, dass Bauwerke der DDR-Moderne abgerissen und „diskursiv delegitimiert“ würden.

Die linke Potsdamer Szene, die erbittert und mit immer neuen Kampagnen gegen den Abriss von DDR-Bauten kämpft, kann sich sicher sein, dass sie von Journalisten und Kunsthistorikern diskursiv begleitet wird. Das war schon mehrfach Thema dieses Blogs.

In diesen Tagen, in denen der Abriss der angeblichen Architekturikone Fachhochschule endlich beginnt, ist das wieder zu beobachten.

Da schert man sich nicht darum, dass das erste frei gewählte Potsdamer Stadtparlament nach dem Zusammenbruch der DDR 1990 eine „behutsame Wiederannäherung an das charakteristische, historisch gewachsene Stadtbild“ beschlossen hatte. Dieser Beschluss wurde in den folgenden 20 Jahren in breit diskutierten Planungen schrittweise umgesetzt. Potsdamer Linksextreme scheren sich nicht um Parlamentsbeschlüsse und glauben, mit immer neuen Unterschriftensammlungen und Volksbefragungen den Lauf der Dinge aufzuhalten.

Bemerkenswert ist, dass ich in der Regionalzeitung immer nur von umstrittenen Vorhaben lese, wenn es um Abriss sozialistischer oder Restaurierung „vorsozialistischer“ Bauten geht. Die Kampagnen zur Rettung sozialistischer Bauten werden nie umstritten genannt.

Ich kann gut verstehen, dass nicht nur aus Berlin(W) und Westdeutschland zugezogene Bürger, sondern auch Ostdeutsche nicht auf Schritt und Tritt an die SED-Diktatur erinnert werden wollen. Millionen Geflüchtete, tausend an den Grenzen Erschossene, unterdrückte Meinungsfreiheit, gefälschte Wahlen können nicht von Schmuckstücken der Ostmoderne vergessen gemacht werden.

Passend dazu gab der „Leibniz-Forschungsverbund Historische Authentizität“ im Juni ein Buch heraus: „Gebaute Geschichte. Historische Authenzität im Stadtraum“. Es geht dem weltweiten Bedürfnis nach Authentizität im Städtebau nach, u. a. auf der Arabischen Halbinsel und im Ruhrgebiet.

Potsdam darf nicht fehlen. Die im Potsdamer Zentrum für Zeitgeschichtliche Forschung (ZZF) arbeitende Historikerin Kathrin Zöller greift darin auf ihre 2014 abgeschlossene Dissertation über das zumindest äußerlich wieder erstandene Stadtschloss zurück.

Wenn ich die Besprechung von Jan Kixmüller in den Potsdamer Neuesten Nachrichten (PNN), einem Kopfblatt es Berliner Tagesspiegels, lese (23.8.17, p21), fällt mir auf, dass Dr. Kathrin Müller alle möglichen linken Narrative nutzt.

Sie erkennt in der Restauration des Stadtschlosses eine geschichtspolitisch intendierte symbolische Restitution glorreicher vorsozialistischer Vergangenheit. Mit dem Bau des Landtagsschlosses sei die Hoffnung auf einen Stimmungsumschwung im Land Brandenburg verbunden gewesen(?), auf eine positive Brandenburger Identität und Stolz auf das Eigene.

Aber es kommt noch dicker. Der Weltgeist steckt dahinter. Die Verunsicherung der Menschen durch „Globalisierung und Mobilitätsdruck und Auflösung bekannter Orientierungsmuster“ führe zur Schaffung einer städtischen „Besänftigungslandschaft“, schreibt die Wissenschaftlerin.

Die utopische Besänftigungslandschaft werde künstlich erzeugt und lasse sich gut ökonomisch verwerten, für den Tourismus nämlich. Mit dem neuen Stadtschloss wäre „Geschichte als plastische Verfügungsmasse geformt“ worden.

Es wäre eine ahistorische, selektive und instrumentelle Geschichtsaneignung zu zukunftsorientierten Zwecken betrieben worden. (Achtung: obwohl es so klingt, ist das keine Analyse der Geschichtsnarration des SED-Zentralkomitees!)

 

Nachtrag zum Begriff „Besänftigungslandschaft“: Der Volkskundler/Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger benannte so die Sehnsucht des Biedermeier-Zeitalters nach einer schönen Heimat als Gegenwelt zum Obrigkeitsstaat, in dem die Bürger zur Unmündigkeit verurteilt waren.

Dies scheint ziemlich der einzige nicht-linke Begriff zu sein, den Dr. Zöller zur Beschreibung der Potsdamer städtebaulichen Entwicklung benutzt.

Allerdings war der Begriff in der frühen Nachkriegszeit verpönt. Die romantische Verklärung von Heimat wurde damals als Vorstufe zur Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis gesehen. In der Wissenschaft wird er inzwischen unbefangen verwendet. Man erkennt ein Grundbedürfnis nach Heimat und sprachlich-kultureller Gemeinschaft

Wenn da mal nicht durch die Masseneinwanderung arabischer Geflüchteter etwas ins Rutschen geraten ist.

 

 

Kein Indianerspiel: DDR-Reportagen eines Westjournalisten

Gepostet am Aktualisiert am

„Kein Indianerspiel: DDR-Reportagen eines Westjournalisten“ enthält Reportagen von Karl-Heinz-Baum, dem langjährigen DDR-Korrespondenten (1977-90) der Frankfurter Rundschau.

Man erfährt in dem E-Book aus dem Chr. Links Verlag nicht nur viel über die Politik der SED und den Alltag der Ostdeutschen, sondern auch über die schwierige Arbeit westlicher Journalisten im SED-Staat. Baum berichtet, wie er die Stasi-Bewacher austrickst, wie gefährlich Kontakte zu ihm für Ostdeutsche waren. Die in seiner Wohnung herrschende Unordnung brachte die Stasi zum Verzweifeln. Als er wieder einmal etwas einfach in eine Ecke warf, setzte er mit dem Wurf allerdings eine Stasi-Wanze außer Gefecht.

Das Buch enthält Fragen für Schüler zum Text. Nach meiner Einschätzung frühestens für einen Leistungskurs „DDR“ geeignet. wie so oft bei gut gemeinten Unterrichtsvorschlagen viel zu viel, viel zu akribisch. Bis man die Antwort(versuche) abgearbeitet, erörtert, korrigiert hat, sind die wenigen Wochenstunden zum Thema längst aufgebraucht.

Aber gut, dass die Stiftung Aufarbeitung die Herausgabe dieses E-Books ermöglicht hat

Damals, als Baum in der FR schrieb, war ich noch Leser dieser Zeitung. Sie spielte mit einer Auflage von fast 200.000 Exemplaren in der Bundesliga der deutschen Presse eine wichtige, linksliberale, gewerkschaftsnahe Rolle. Das waren die Zeiten des Chefredakteurs Werner Holzer, der Redakteure Karl-Hermann Flach und Wolfram Schütte.

Seit der Jahrtausendwende spielt sie nur noch als Lokalblatt in der Kreisliga der  israelfeindlichen, den Schwarzen Block in Schutz nehmenden, den nordafrikanischen Brauch des Antanzens mit anschließender Vergewaltigung auch auf dem Oktoberfest wahrnehmenden linken Blätter. Der jetzige Chefredakteur nennt den Blog AchGut von Henryk Broder niederträchtig, ein linker Professor darf gegen den von anonymen Studenten denunzierten Historiker Jörg Barberowski anschreiben. Eine FR-Journalistin sprach von der zuckenden Fratze von Thilo Sarrazin und rät zu „Hausbesuchen“ der Antifa bei unliebsamen Bürgern.

Das spricht ein linkes Milieu an, zu dem ich nicht gehören möchte. Thomas Schmid spricht von einem Blatt für „linke Spießer“.