DDR-Nostalgie

Bundesverdienstkreuz für Katharina Thalbach

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Die Schauspielerin Katharina Thalbach bekommt im Dunstkreis des Tages der Einheit das Bundesverdienstkreuz. Ich vermute, wegen ihrer Schauspielkunst, und nicht dafür, dass sie in der DDR das bessere Deutschland sieht und das Experiment, die Menschen zum Sozialismus zu zwingen, gerne noch einmal mitmachen würde. Die Schauspielerin und Regisseurin äußerte sich mehrfach, so in der FAZ v. 21.11.08, verächtlich über die Demokratie im Nachwendedeutschland („verlogen“, Tagesspiegel/PNN v. 6.8.08).

Auch führt sie im FAZ-Gespräch ein neues Element der DDR-Verklärung ein: Man hätte öfter Sex gehabt und mehr gelacht.

Die Behauptung, das alles sei aus dem Zusammenhang gerissen oder missverstanden worden, habe ich nicht mitbekommen.

Ich nehme das zum Anlass, an mein Posting aus dem Jahr 2013 zu erinnern.

Frau Thalbach schrammt mit ihrer Ostalgie an der Beobachtung durch den Verfassungsschutz vorbei: Wer aktiv an der Beseitigung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung arbeitet, also etwa an der Wiedererrichtung der SED-Diktatur, gilt als Extremist.

Gute Idee: Doku-Soap „Plattenbau 1962“

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von Gideon Böss

Naja, die als Vorbild genannte ARD Doku-Soap „Schwarzwaldhaus 1902“ dürfte vergleichsweise einfach zu realisieren gewesen sein: Die Kamera begleitete eine Familie, die so lebte, wie man 1902 auf dem Lande gelebt hat: Ohne Telefon, TV, Auto und fließendes Wasser. Diese Annehmlichkeiten gab es im SED-Staat, wenngleich nicht überall und für alle. Die damaligen Unannehmlichkeiten lassen sich nicht so einfach in Bilder umsetzen.

Es gibt aber Filme wie „Barbara“ oder die „Weißensee“-Serie, die Einblick in den DDR-Alltag gewähren, auch wenn Stasifamilien ein materiell privilegiertes Leben führen konnten. (Warum die TV-Kritikerin des Tagesspiegels seinerzeit jubelte, endlich würde einmal den Stasi-Mitarbeitern Gerechtigkeit in einem Spielfilm widerfahren, verstand ich nicht so ganz. Vielleicht weil der „Respekt vor DDR-Biographien“ für sie auch Stasi-Mitarbeiter umfasst?)

Fröhliche DDR-Aufarbeitung

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… fordert der Potsdamer Zeithistoriker Martin Sabrow.

Manches ist wirklich zum Lachen, was sich in der Aufarbeitungsdiskussion abspielt. Die Scientific Community ist kein Kindergarten. Da geht es  um Arbeitsplätze und Fremdmittel. Zuerst hätten die Opferforscher “abgesahnt” (Wort von mir) und eine “Aufarbeitungsindustrie” (Fremdzitat) errichtet. Die hätte ihren Höhepunkt überschritten, wenn es nach den Alltagskulturforschern geht. Jetzt wird das Gute an der SED-Diktatur erforscht. Man nennt das “kontrollierte Rekonstruktion”. Die anderen haben wohl Pfusch am Bau betrieben. Aufarbeitung wird zur Therapie für beschädigte DDR-Biographien. (Wer hat die mehr beschädigt: die Treuhand oder 40 Jahre Sozialismus?)

Wenn sich Vertreter der unterschiedlichen Aufarbeitungsfraktionen auf Podien begegnen, muss man schon genau hinhören, um die Unterschiede mitzukriegen. Wenn Prof. Sabrow etwa die Verwendung des Wortes “Friedliche Revolution” ironisch kommentiert, Ilko Kowalczuk sie aber rechtfertigt. Oder Jochen Staadt weiß, warum Thomas Krüger dieses Buch und nicht jenes für die Bundeszentrale für politische Bildung ankauft.

„Aufarbeitung“ der DDR klingt „unfroh“, wie Irina Liebmann, die Tochter des kommunistischen Journalisten und Politikers Rudolf Herrnstadt, einmal feststellte. Da wird darum gestritten, ob es nicht doch rechtsstaatliche Elemente gegeben hätte.

Beim Schulwesen wird gerne vergessen, was seine Vorbildfunktion für Gesamtdeutschland beeinträchtigen könnte (niedrige Abiturientenquote, Jugendwerkhöfe, vormilitärische Ausbildung, rezeptives Lernen, die politische Indoktrination).

Das „normale“ Leben und die Alltagskultur würden vernachlässigt, klagen einige Wissenschaftler und erfinden Begriffe wie „Mitmach-„, „Konsens-“ oder „Wahrheitsdiktatur“. Günter Grass hat schon früh erkannt, dass die DDR eine “kommode Diktatur” wäre.

Es gibt Forscher wie Prof. Sabrow, die für Unterschiede zwischen Diktatur und Demokratie kein Erkenntnisinteresse aufbringen. Soziale Marktwirtschaft und Menschenrechte sind ebenfalls keine Bezugspunkte. Der Rechtsstaat als Kategorie ist verbraucht. Wenn es sich schon nicht vermeiden lässt, von Mord, Folter und Repression zu reden, ist der Vergleich mit den Nationalsozialisten aber tabu. Es geschah ja alles in guter Absicht, für die Errichtung eines Paradieses auf Erden, während das Endziel der Nationalsozialisten der Holocaust gewesen sein soll.

Von der Linkspartei hört man, das MfS wäre nichts anderes als eine Art Verfassungsschutz gewesen und an den Außengrenzen der EU gebe es auch Tote. Und im Westen hätte es ebenfalls Berufsverbote gegeben.

Den Schulen in Brandenburg werden weiterhin die beliebten Vergleiche DDR-BRD empfohlen, z. B. wer mehr getan habe für die Frauenemanzipation oder den Antifaschismus. Wehe aber, jemand vergleicht die FDJ mit der Hitlerjugend, die Apotheose der Arbeiterklasse mit der der arischen Rasse, den Fackelzug der Nazis am 30.1.33 mit dem Fackelzug bei Gründung der DDR am 7.10.1949.

Man sollte einmal vergleichen: Die Sterblichkeitsrate bei Atemwegserkrankungen (doppelt so hoch) oder den Ausstoß radioaktiven Jods in Kernkraftwerken (40.000 x höher). Übrigens hat die SED auch schon gerne DDR und BRD verglichen.

Je weniger man weiß, desto lieblicher erscheint die SED-Diktatur. Die DDR, die heute als Lichtgestalt herumgeistert, hat es in Wirklichkeit nicht gegeben, sagt Richard Schröder.

Der Beitrag wurde zuerst 2010 im „Basedow1764“ veröffentlicht.

Ingo Schulze vermisst die gute alte DDR

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Ich fand Ingo Schulze nie so wahnsinnig aufregend, dass ich die Lektüre seiner Bücher durchgehalten hätte. Jetzt liefert mir Henryk Broder eine Rechtfertigung.

Schulze ist Ostalgiker geworden. In seinem Buch Unsere schönen neuen Kleider. Gegen eine marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte schreibt er: „1990 kam uns der Begriff der Zukunft abhanden. Zukunft konnten wir nur noch als ein graduell verbessertes Heute denken, aber nicht mehr als etwas anderes.“ Denn: „Wir waren ja bereits in der besten aller Welten angekommen.“

Broder fragt sich angesichts solcher Sätze: „Welche Zukunft kam den DDR-Bürgern denn eigentlich abhanden? Die Aussicht, nur noch drei statt acht Jahre auf einen Trabant warten zu müssen? Die Chance, den Sommerurlaub im bulgarischen Varna am Schwarzen Meer statt in Bad Schandau in der Sächsischen Schweiz verbringen zu können? Die Gewissheit, nach 25 Jahren Mitgliedschaft in einer Betriebskampfgruppe eine Medaille für treue Dienste und einen Zuschlag zur Altersrente von monatlich 100 DDR-Mark zu bekommen?“

Allerdings weiß man bei dem früheren Journalisten und späteren Schriftsteller Ingo Schulze nie so genau, ob er fabuliert oder berichtet.

Update August 2014: Ingo Schulze gehört neben Nina Hagen und dem Ex-IM und Linkspartei-MdB Dieter Dehm zu 400 sich in bester DDR-Tradition „Kulturschaffende“ Nennenden, die Israel auffordern. die Angriffe auf Bewohner von Gaza sofort einzustellen.

Meinungsforschung in Brandenburg

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ist mindestens so schwierig wie die Wettervorhersage. Die Meinungsforscher beißen sich an den Brandenburgern die Zähne aus. Das erging kürzlich Forsa-Befragern so, die im Auftrag der Enquetekommission fragten.

                                   Quelle: Forsa-Präsentation für den brandenburgischen Landtag

Da ist vieles widersprüchlich:

  • Die DDR wird insgesamt positiv gesehen (73%; bei den über 60Jährigen sind es 96%).
  • Dass sie mehr gute als schlechte Seiten hatte, sagt aber nur ein Drittel der Befragten. Die Hälfte will wissen, dass es gute und schlechte Seiten gab.
  • Jeder durfte bei entsprechender Leistung studieren, behaupten 37%.
  • Die Mehrheit hält die DDR für einen Rechtsstaat. Andererseits werden Meinungs- und Demonstrationsfreiheit, parlamentarische Opposition im vereinigten Deutschland sehr positiv eingeschätzt.
  • Der gerne genutzte topos von der Anerkennung der Lebensleistung Ostdeutscher wird sehr differenziert gesehen. Während 46% ihre persönliche L.  anerkannt sehen, glauben 71% zu wissen, dass das für die Gesamtheit der Ostdeutschen nicht gilt.
  • Die Mehrheit (60%) will einen Schlussstrich unter die DDR-Aufarbeitung setzen. Eine Mehrheit hält aber auch den Schulunterricht dazu für unzureichend. Eine Mehrheit (69%) hält aber auch die Diskussion über die DDR weiterhin für notwendig.
  • Die Mehrheit will keine Stasi in Politik und Verwaltung. (Warum eigentlich, wenn die DDR ein Rechtsstaat war?).

Eine nagelneue Umfrage der Märkischen Allgemeinen zwei Monate später wiederum will herausgefunden haben, dass die DDR-Aufarbeitung an letzter Stelle der wichtigen Themen steht. (Das hatte die SPD schon vorweggenommen. In ihrem Regierungsprogramm 2009 wurde die DDR-Aufarbeitung gar nicht mehr erwähnt.) Nur 37% wüssten, dass gerade Rot-Rot regierten. Die größte Kompetenz beim Thema „DDR-Aufarbeitung“ wird der Linkspartei zugesprochen.

 

Umfrage der Enquetekommission Dezember 2012 (Zeitungsbericht)
Weiteres im Basedow1764 zu Meinungsforschung im Osten
Auch dieser Blogger wundert sich: Zettels Raum

Jörg Schüttauf und die „Wende“

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Im Fernsehen gibt es ein Gespräch mit dem Schauspieler Jörg Schüttauf, der in der Nähe von Potsdam lebt. Er spielte lange Zeit einen Tatortkommissar.

Schüttauf erzählt von seiner Schauspielausbildung und den ersten Berufsjahren in der DDR. „Dann kam dieses wunderbare Ereignis…“, sagt er. Ich stutze, überlege, was er meint.

Ja, er meint 1989/90! Er sagt das so selbstverständlich, fast beiläufig, ohne einen insinuierenden Unterton. Man ist das gar nicht gewöhnt. Denn sonst vergeht kein Tag, ohne dass ein SPD- oder linker Politiker, der Mann/die Frau auf der Straße, ein/e Zeitungsjournalist/-in, etwas auszusetzen, zu relativieren, einen Verlust zu betrauern hätte, wachsende Unterschiede zwischen West und Ost sieht.

„Dieses wunderbare Ereignis“, ohne Nörgelei, ohne Jammern, ohne Niedermachen. Kaum zu glauben.

Ostalgie gehört jetzt zum amerikanischen Wortschatz

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Im Webster-Wörterbuch der englischen Sprache steht jetzt auch „Ostalgia“. Das Wort für die Sehnsucht nach dem Leben in der DDR steht aber noch in Anführungszeichen, ist also noch nicht gänzlich einbebürgert. Es bezeichnet in USA generell die Sehnsucht nach einem Leben in kommunistischen Systemen.

(via Der Spiegel 52/11)

Die Kosten der Einheit. Wieso der Einheit?

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Die Überwindung von 40 Jahren SED-Herrschaft kostete bis 2008 2.000 Milliarden €, nach Abzug von Rückflüssen den Beiträgen der Ostdeutschen verbleiben netto 1600 Milliarden. (Es gibt Berechnungen, die auf 1300 Mrd. für den Aufbau Ost kommen.)

Wie so viele habe ich über Helmut Kohls „blühende Landschaften“ gespottet. Aber kann man alles das, was jetzt das Ifo-Institut und die FU-Berlin zusammengetragen haben, unter den Tisch fallen lassen? „Weglassen ist eine einfache Form der Lüge“, sagt Christoph Hein über die DDR-Propaganda. Das lässt sich sicher auch auf die jährlichen Meinungsumfragen des Geschäftsführers der weiter bestehenden DDR-Volkssolidarität anwenden, aus denen hervorgeht, dass es jedes Jahr schlimmer würde im Osten.

Da sind die Befunde zum Wohlstandsgewinn auch eine Meldung wert: U. a.

  • ist die Lebenserwartung gestiegen
  • wurde die Arbeitszeit verkürzt (40 statt 43,75 Std) 
  • ist das Trinkwasser ist wieder sauber
  • sind die Müllhalden saniert

Die Sicherung des Atommülllagers in Morsleben wird noch einige Milliarden kosten, woran die Bundesregierung in Person der ehemaligen Umweltministerin Merkel nicht ganz unschuldig ist. Die Beseitigung von Schäden aus dem Uranbergbau Wismut kostet wohl genau so viel.

  • Die Ausstattung mit Farbfernsehern und Telefonen geht auf 100%
  • Der Autobesitz hat westdeutsches Niveau erreicht
  • Die Wohnungsgröße ist gestiegen
  • Das Bruttoinlandsprodukt und die Produktivität haben sich verdreifacht
  • die Einkommen verdoppelt
  • Das Sparvermögen beträgt nicht mehr 25, sondern 50% des westdeutschen Durchschnitts (Vergleichszahlen 1991 zu 2007)

Mehr hier!

Ich ergänze: Die allermeisten Angehörigen der Nomenklatura sind, dank der Fürsorge von MfS und SED/PDS, mit Hilfe des Zugriffs auf das Volkseigentum, gut im neuen Deutschland angekommen. Sie sind in Politik, Verwaltung, Medien und als Unternehmer tätig oder erfreuen sich höherer Pensionen als in der alten Heimat. (Man sollte einmal die Bezieherin einer DDR-Witwenrente zum Thema Altersarmut befragen.)

Die Gegenargumente sind bekannt: Noch kein Westlohnniveau, höhere Arbeitslosigkeit, Abwanderung, schlechte Stimmung, Vorbehalte gegenüber der westdeutschen politischen Verfassung.

Die Forscher sagen, auch ein Vergleich mit den anderen ehemaligen Ostblockstaaten sollte angestellt werden, wenngleich es verständlich sei, dass man vor allem mit Westdeutschland vergleiche.

Natürlich wird jetzt wieder gemäkelt werden. Brandenburgs Ministerpräsident Stolpe hatte schon vor 5 Jahren damals genannte hohe Transferleistungen bestritten. Seine verstorbene ehemalige Sozialministerin Regine Hildebrandt sah alles Übel sowieso nur aus dem Westen kommen.

Wie so oft ist es die Sprache, die die Dinge nicht klärt, sondern verschleiert: „Kosten der Einheit“ heißt es, als ob es um 89/90 ginge und mögliche Fehler der Treuhand. Die Kosten haben unfähige SED-Funktionäre verursacht, die 40 Jahre lang ein teures, ineffizientes Wirtschaftsexperiment durchführten.

Der 1969 geflohene, ehemalige hochrangige Wirtschaftsfunktionär Werner Obst schlägt zudem vor, die Milliarden westdeutscher Kredite für Honecker und die Subventionen durch die UdSSR bei der Frage der Kosten nicht zu vergessen.

Das nach wie vor beste Buch über die Kosten der Einheit ist das Mammutwerk von Gerhard A. Ritter über die Übertragung des Sozialstaates auf Ostdeutschland:

Gerhard A. Ritter: Der Preis der deutschen Einheit. Die Wiedervereinigung und die Krise des Sozialstaates.

C. H. Beck: München 2006. 541 S.

Nachtrag 2.12.09: Wolf Biermann, der heute in der Landesvertretung Sachsen beim Bund über die Hintergründe seiner Ausweisung aus der DDR erzählte, hat dazu einen bestechenden Gedanken:

Das Gejammer im Osten, das Schimpfen auf die Wessis, die „Sieger“ (Daniela Dahn), erklärt er gerade wegen der immensen Transferleistungen. So großartig diese Wiederaufbaubillionen seien, sie demütigten aber auch die Ostdeutschen. Sie fühlten sich zu Geldempfängern degradiert. Sie könnten das nie und nimmer vergelten, wie es unter Freunden üblich sei. Da seien die Polen und Ungarn besser dran, die wären mit sich im Reinen, auch wenn es ihnen materiell nicht so gut ginge wie den Ostdeutschen.

Nachtrag 3.3.12: In einen Studie im Auftrag des Bundesinnenministeriums wird festgestellt wird, dass die Ost-Förderung in den letzten Jahren nur noch wenig Effekt in Richtung sozialer und wirtschaftlicher Angleichung hatte. Vor allem die Städte, mit wenigen Ausnahmen, hätten eine geringe Wirtschaftsleistung. Konstatiert wird auch die geringe Ausstrahlung Berlins. Berlin erhält fünfmal so viel Finanzausgleichsmittel (pro Kopf) wie die ostdeutschen Flächenstaaten, ähnlich ist es beim Transfer in der Renten- und Sozialversicherung.

In den Großstädten fehlten z. B. Konzernzentralen, denn an deren Sitz fiele bis zu 30% der Wertschöpfung an.

Der ehemalige IM, SED- und nach der „Wende“ Deutschbanker Edgar Most beklagt gern, dass Ostdeutschland nur noch die verlängerte Werkbank des Westens wäre. Dabei vergisst er, was Wirtschaftsprofessor Paqué von der Universität Magdeburg und ehem. Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt, ergänzt:

Die Unternehmer, die von der SED enteignet, kriminalisiert und vertrieben wurden, haben in Westdeutschland die Firmen neu gegründet und sehen keinen Anlass, jetzt dort erneut die Zelte abzubrechen. Das sei ein langfristiger Flurschaden des Sozialismus.

Dieser Beitrag erschien erstmals 2009 auf Basedow1764

Update 2014: Prof. Klaus Schröder schätzt 2 Billionen , das Institut der deutschen Wirtschaft zählt 2015 ebenso viel.

Ungleichheit in sozialistischen Ländern

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Ein beliebter Topos von Kommunisten ist die Ungleichheit der Einkommen in kapitalistischen Ländern. Im Kommunismus gäbe es das nicht.

Jetzt lese ich in meinem schon ziemlich angestaubten „Lexikon der populären Irrtümer“, 1996 im Eichborn-Verlag erschienen, auf Seite 317 dazu: „Die Autoren dieses Lexikons verdienen als Hochschullehrer rund 80% mehr als ihre Mitarbeiter; als einer von ihnen einmal als Gastprofessor in der VR China weilte, musste er sich sagen lassen, dass chinesische Professoren das Drei- bis Sechsfache Gehalt ihrer Assistenten beziehen. Noch grotesker waren die Unterschiede der Realeinkommen in der ehemaligen Sowjetunion: Dort verdiente ein mittlerer Parteifunktionär in einem Industriebetrieb real (d. h. wenn man alle nicht-monetären Vergünstigungen wie Datscha, Dienstwagen oder kostenlosen Urlaub dazu rechnete) mehr als das Fünfzigfache eines Fließbandarbeiters, verglichen mit dem Vier- bis Fünffachen für vergleichbare Positionen in westlichen Industrienationen. (Es folgen Beispiele aus der VR Polen.)

Prof. Klaus Schroeder hat darauf hingewiesen, dass sich bei der Umtauschaktion von Sparguthaben Anfang der 90er Jahre in der DDR herausstellte, dass sich die Guthabenverteilung in der Bevölkerung nicht wesentlich von der der Bundesrepublik unterschied: 1/3 besaß 2/3 des gesamten Sparvermögens. Die Witwe eines MfS-Stabsoffiziers verklagte die Bundesrepublik auf Zahlung einer höheren Witwenrente mit dem Hinweis, ihr Mann habe das Dreifache des Durchschnittseinkommens von Arbeitern und Bauern erhalten.

Nicht uninteressant in diesem Zusammenhang wohl auch zu wissen, dass die Kader in Kuba nichts entbehren müssen, dass der nordkoreanische Führer sieben Paläste sein eigen nennt und in Honeckers Garage 17 Limousinen standen und die SED-Kader West-Farbfernsher zu einem Viertel des DDR-Verkaufspreises für die Arbeiter und Bauern erstehen konnten.

Siehe auch hier im Blog unter „Zentralverwaltungswirtschaft

Ärgerliche Brandenburg-Lyrik

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Eigentlich freue ich mich auf Lektüre, in der es einmal nicht um die DDR geht. Dazu kam´s aber nicht:

Meine Brandenburgiana-Bibliothek wuchs. Mir wurde ein Bändchen geschenkt, das entfernt an das Format der Insel-Taschenbücher erinnert: Beatrix Langner, Mark Brandenburg.

„Ein poetischer Genuss wie eine Reise auf einer sonnenbesprenkelten Allee“ verspricht der Waschzettel. Die Verfasserin, Lyrikerin und promovierte Germanistin, kennt das Land von Sonntagsausflügen als Kind und wohnt jetzt auch hier. Sie erkunde das Land mit der Seele, kündet der Waschzettel.

Man taucht schnell in die liebevolle Schilderung der Flämingdörfer und –städtchen ein, mit denen das Büchlein beginnt. Dr. Langner ist eine exzellente Kennerin der Geschichte der Burgen und Schlösser, der mittelalterlichen Handelswege nach Berlin. Gelegentlich brummt einem der Kopf, wenn penibel alle Nebenflüsse der Oder notiert werden oder schier endlos die Namen slawischer Völker, ihrer Götter und Adligen. Hundert Seiten, eine einzige Liebeserklärung an Brandenburg.

Dann bin ich bei Seite 26: Wiesenburg im Fläming. Nach der Wende sind die LPG-Scheunen verfallen, der Kuhstall „blinzelt“ mit „zerbrochenen Fenstern“ auf die „leere Weide“. Dagegen hätte im November 1989 Vollbeschäftigung in der LPG geherrscht und die Kühe hätten gerade einen neuen Kuhstall mit modernem Melkkreisel bekommen sollen. Der Waschzettel hatte mir suggeriert, dass die Verfasserin kunstsinnigen Grafen nachspüre.

Hätte man die friedliche Revolution verschieben sollen, weil die LPG in den Tagen der Wende eine nagelneue Melkanlage bekommen sollte? Statt der LPG Typ III nachzutrauern, hätte sie doch Gut Schmerwitz erwähnen können, wo kein leerer Kuhstall blinzelt, sondern ein ökologisch ausgerichteter Bauernhof entstanden ist. Aber die Ökos aus der Stadt mag sie nicht. Die Geschichte der Beelitzer Spargelbauern kennt sie nicht. Die geht genau andersherum.

Diese Art der Beschreibung durchzieht das ganze Buch. Während jede von einem deutsch-polnisch-dänischen Heer im Hochmittelalter niedergebrannte Ortschaft aufgezählt, ständig daran erinnert wird, dass die Schlösser und Burgen sichtbares Zeichen jahrhundertelanger feudalistischer Unterdrückung der Bevölkerung seien, bleibt die DDR-Zeit fast völlig im Reich der Poesie. Sie scheint eher das Gegenbild zur vorhergehenden Vergangenheit und der gegenwärtigen Zerstörung zu sein, ein gemütlicher Kleine-Leute-Staat, den sie nur bei Sonntagsausflügen kennengelernt hat. „Weglassen ist eine einfache Form der Lüge“, sagt Christoph Hein dazu.

Schloss Wiesenburg enthält heute Eigentumswohnungen und ist von Besserverdienenden (u. a. Lehrer!) aus Berlin bewohnt, die das Gebäude aufwändig renoviert haben. In der DDR-Zeit befand sich hier, mitten in der Provinz, ein Eliteinternat, eine Sprachschule für Russisch.

„So thront (das Schloss; GS) wieder mitten im Dorf, vorn demokratisch auf Augenhöhe mit der Gemeindeverwaltung,…“ Hinten auf der Terrasse sonnen sich die Stadtmenschen und „wissen wenig davon, was im alten Dorf vorgeht“ (p 28). Das war wohl zu Zeiten des DDR-Eliteinternats anders.

Ich schaue nochmal ins Impressum, ob da nicht Edition Ost steht oder der Name eines anderen ostalgischen Verlags, aber nein, da steht Hoffmann und Campe.

Der Autorin gefällt die Renovierung der Schlösser und Burgen, der Renaissancestädtchen, ihrer Kirchen und Marktplätze nicht: Sie zählt die Fördergelder auf (Da hat sie einmal exakt recherchiert!), den sündhaft teuren Granit, mit dem Marktplätze bepflastert wurden. Sie bedauert den Verlust der „Poesie des Verfalls“ (p 57), die Fontane noch spüren konnte. Hat sie Ende 80er Jahre nie Quedlinburg besucht oder das Holländische Viertel in Potsdam? Hätte ihre Seele, und nicht nur die, sich da wohl gefühlt? Hat sie es nicht gestört, dass im Kleine-Leute-Idyll DDR die Herrschenden Busbahnhöfe auf mittelalterliche Marktplätze setzten, in Schlossparks Schrebergärten und in Sichtachsen Garagenschuppen?

„Verrückte“, „Lebenskünstler“ oder „Ärzte“, hätten nach der Wende Backsteinbahnhöfe und Kossätenhäuser billig aufgekauft, die Dörfer leerten sich. Dieser Absatz wird zusammengefasst in einem letzten Satz: „Innerhalb von 20 Jahren ist die Mark Brandenburg zurückgefallen zu einem agrar-industriellen Entwicklungsland“ (p 59). Richtig, die DDR war angeblich der zehntgrößte Industriestaat der Welt. Was ist mit „agrar-industriellem Entwicklungsland“ gemeint? War etwa der Bezirk Potsdam – Brandenburg gab es ja in der DDR gar nicht – agrar-industriell auf der Höhe der Zeit? Die LPG die Vollendung der Agrargeschichte? Anstelle Maße und Gewichte von Eiszeit-Gestein in den Urstromtälern zu studieren, hätte sie sich mit der Bodenreform auseinandersetzen sollen. Entgangen scheint ihr anfänglich auch, dass in Brandenburg die agrar-industrielle Struktur der DDR fortbesteht. Die LPG ist jetzt eine GmbH, Geschäftsführer der frühere Leiter, der den Betrieb allerdings mit arg verkleinerter Belegschaft steuerbegünstigt weiterführt. Das beklagt sie weiter hinten im Buch dann doch und nennt aber auch ausländische Agrarkonzerne als Zerstörer der landschaftlichen Idylle des agrar-industriellen Entwicklungslandes. Was denn nun, LPG, agrar-industrielles Entwicklungsland, kein Biobauernhof, landschaftliche Idylle?

Die DDR-Wirtschaft wurde „kalkuliert“ ruiniert (p 62) oder gar „zerschlagen“ (p 62), will sie herausgefunden haben. Sie meint damit nicht 40 Jahre ruinöse Planwirtschaft, sondern 20 Jahre Rückbau Brandenburgs zu einem Entwicklungsland. So also spürt man kunstsinnigen Grafen nach. Immerhin gesteht sie zu, dass die „Diktatur des Proletariats“ aus Blutwurst und Pellkartoffeln keine gebratenen Tauben und Honigbier gemacht hätte (p74).

Zu allem Unglück kehrt auch noch der märkische Adel zurück, wie etwa die Familie derer von Lynar, die – auch noch ökologischen – Landbau betreibt (und ein Hotel). Sie macht zudem kulturelle Veranstaltungen. Das wird von der Lyrikerin im nächsten Satz nieder geknüppelt: „Obwohl Kultur weiß Gott das Letzte ist, was Brandenburg fehlt“ (p 76/77).

Es geht gegen renovierte Marktplätze, ökologischen Landbau, gegen Starkstromleitungen durch Naturschutzgebiete. Im agrar-industriellen Entwicklungsland verschwinden Alleen, Hecken und Feuchtwiesen, in denen Bienen, Insekten, Singvögel, Hasen oder Füchse Nistplätze, Schutz und Futter finden. Richtig gelesen. Nach der Wende verschwänden sie. Die Autorin hat wohl noch nie eine LPG-Plantage gesehen.

Dann konstatiert sie aber befriedigt, dass der Urenkel eines feudalen Junkers ein „eindrucksvolles Beispiel uckermärkischer Neogotik“ wieder herrichten lässt. Ein paar Seiten vorher hat sie die historistischen Villen wilhelminischer Großbürger verdammt. Dann beklagt sie, dass zu wenig ökologischer Ackerbau betrieben würde (p 106) und schimpft noch einmal auf die genannten ausländischen Agrarkonzerne mit ihren Mastanlagen für fünfzigtausend Schweine. Da wäre die Wiesenburger LPG mit ihrere modernen Melkanlage wohl fast ein ökologischer Musterbetrieb gewesen.

„Wo findet man in Brandenburg noch Natur pur?“ fragt sie verzweifelt. Jedenfalls nicht im agrar-industriellen, kalkuliert deindustrialisierten Nachwende-Entwicklungsland Brandenburg. Dass der Tagebau die Lausitz-Dörfer nicht mehr verschlingt, auch ein verschwundenes Ökodorf(!) beklagt sie, ist gut, dass aus den Tagebaugebieten Seen werden mit Beachbars und Tauchcentern, ist nicht richtig. „Es ist totenstill, kein Vogel singt“.

Das ist schon ein starkes Stück. Nach der Wende sind Singvögel wieder gekommen, Wälder haben sich erholt, die Luft ist besser, das Wasser sauberer geworden. Und die promovierte Lyrikerin behauptet das Gegenteil! Statt allein mit der Seele das Land zu erkunden, hätte sie ihren Verstand gelegentlich dazu nehmen sollen. Sie hätte es riechen können, wenn sie bei ihren Sonntagsausflügen über den idyllischen Fläming hinaus nach Süden, Richtung Bitterfeld gefahren wäre. Da sich in diesen Tagen die Tschernobyl-Katastrophe jährt: Statt selbst zu schreiben, hätte sie Christa Wolfs Störfall oder Monika Marons Flugasche lesen sollen.

Vielleicht lese ich das Büchlein falsch, als Reiseliteratur. Vielleicht ist es eher als sentimentale Liebeserklärung einer Zuwanderin an die alteingesessenen Brandenburger zu lesen, die 800 Jahre bis 1945 feudalistisch unterdrückt und nach der Wende noch einmal gebeutelt wurden. Das bleibt der Grundton des ärgerlichen Buches, darüber helfen auch poetische Landschaftsbilder – Smaragdaugen eines versteckten Waldsee – nicht hinweg.

Dass die Brandenburgkennerin Schwielowsee und Schwielochsee verwechselt fällt nicht mehr ins Gewicht.

Da lobe ich mir den rbb, der bringt mir Land und Leute in seinen Sendungen näher.