DDR-Mythen

Der Mythos von der Gleichberechtigung

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ddr_frauen
zeitklicks.de

Gegen die Darstellung der DDR als repressiver Staat wird gerne ihre Fortschrittlichkeit ins Feld geführt, gar das „Fortschrittsgedächtnis“ von ihr, wie der Potsdamer Historiker Prof. Sabrow das nennt.

Wobei offen bleibt, ob das eher postfaktisch zu verstehen ist. Aber das Postfaktische ist im Zeitalter der Postmoderne wohl auch faktisch und damit performativ. (Jetzt schreibe ich schon so unverständlich wie Heidegger oder Judith Butler.)

Auf jeden Fall hält sich der Mythos von der Gleichberechtigung besonders hartnäckig. Eine Berliner Grünen-Politikerin, früher SED, behauptet gerade: „Wir waren in der DDR dreimal weiter als die BRD!“

Der Deutschlandfunk berichtet über das Buch von Anna Kaminsky und ein Filmprojekt von Freya Klier, in denen es um den Mythos von der „Frauenrepublik“ DDR geht: „Permanent am Limit“.

Nachtrag: Der Verlag verlinkt zum Presseecho, daher kann ich auf den „Leckerbissen“ in der Zeit verweisen: Die beiden Interviewerinnen sind fassungslos, dass Frau Dr. Kaminsky ihr rosiges Bild von der Frauenemanzipation in der DDR nicht teilt. Ihre hartnäckigen Fragen zeigen das. Sie lassen nicht locker:

ZEIT: „Frauen im Westen hatten früher kaum Chancen, Karriere zu machen. Frauen im Osten mussten Kind und Karriere zusammenbringen. Ist Letzteres wirklich schlimmer?“

Trotziges Fazit der beiden Fragestellerinnen: „Für moderne Frauen sind die Ostfrauen trotz aller Nöte Vorbilder.“

Lesetipp: Die Bilanz. Eine wirtschaftliche Analyse der deutschen Einheit

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Ein beliebter Slogan in der DDR-Aufarbeitung ist der Satz: „Sie beleidigen damit die Ostdeutschen.“ Bei Dr. Gysi geschieht das gerne auch mit Prozentangabe: „Sie beleidigen gerade 20% der Ostdeutschen.“ Wer Kritik am SED-Regime übt, beschädige ostdeutsche Biographien oder Lebensleistungen. Auch die Wissenschaft ist nicht unbeeinflusst von dieser Sicht der Dinge. Im enttäuschenden Band „Friedensstaat, Leseland, Sportnation? DDR-Legenden auf dem Prüstand“ lassen Forscherinnen DDR-Aufarbeitung nur noch zu, wenn sie als Therapie für beschädigte ostdeutsche Biographien konzipiert sei (Gallinat/Kitterl: Zum Umgang mit der DDR-Vergangenheit heute). Schon der Herausgeber konstatiert, dass eine Aufarbeitungsindustrie entstanden wäre, die über die Köpfe der DDR-Bürger hinweg arbeiten würde. Man müsse das Gute an der Diktatur erkennen und würdigen, damit die Biographien nicht beschädigt würden. Erst wenn sich die ehemaligen Bürger dieses Staates nicht mehr in ihren Biographien beschädigt fühlten, könnten sie, so stünde zu hoffen, zugeben, dass nicht alles gut war in der DDR. Fehlt nur noch der Satz: DDR-Aufarbeitung wäre ein westdeutsches Projekt.

Da tut es gut, ein anderes Buch lesen: Karl-Heinz Paqué, Die Bilanz. Eine wirtschaftliche Analyse der deutschen Einheit. Siehe dazu meine Anmerkungen im Blog. Nach der Lektüre wird man fragen:

Was hat die ostdeutschen Biographien mehr beschädigt, die kritische DDR-Aufarbeitung oder 40 Jahre sozialistische Planwirtschaft?

Was mich erstaunt ist auch die ständige Vereinnahmung aller Ostdeutscher: Immer heißt es die Ostdeutschen. Dabei gibt es die nicht. Fehlt nur noch der Satz Dr. Gysis: Die Ernennung Gaucks zum Bundespräsidentenkandidaten beleidige 30% der Ostdeutschen.

Update: „Frontal 21“ des ZDF erklärt uns am 13.9.2010, wie die Treuhand die blühende DDR-Wirtschaft zugrunde richtete: „Beutezug Ost“ heißt das viel versprechend. Natürlich darf in solchen Sendungen der Wendebankier Edgar Most nicht fehlen. Er weist dann gerne daraufhin, dass es auf dem Territorium der ehemaligen DDR keinen namhaften Konzern, keinen größeren Firmensitz mehr gäbe. Ostdeutschland sei nur noch die verlängerte Werkbank westlicher Konzerne. Was Herr Most, der von der DDR-Staatsbank zur Deutschen Bank wechselte, unterschlägt: Die SED hat 40 Jahre lang Unternehmer, Unternehmerfamilien und Firmen vertrieben. Genannt seien die Glasindustrie, u.a. Schott (Jenaer Glas), Autobauer, u.a. Auto-Union (Horch, Audi), Madaus-Pharma, Zeiss-Optik.

Durch die Enteignungen in der SBZ 1945 bis 49 und später in der DDR wurden über eine halbe Million mittelständischer Unternehmer vertrieben. Die erhielten zwar in der BRD Lastenausgleich für „Kriegsfolgeschäden“, aber nicht mehr ihre von der SED abgewirtschafteten Betriebe und Güter zurück. Vor allem: Sie kamen nicht mehr als Unternehmer zurück.
Jetzt zu lamentieren, dass es im Osten keine größeren Firmensitze mehr gäbe, ist nicht sehr ehrlich.

Eine Frau aus Eisenhüttenstadt, die ihr Leben lang für 60 Mark Monatsmiete in einer Dreizimmerwohnung wohnte, versteht in dieser ARD-„Dokumentation“ überhaupt nicht, wieso die staatlichen Kredite, mit denen die billige Miete subventioniert wurde, nach der „Wende“ als Schulden bei der Wohnungsgesellschaft bilanziert wurden. Auch die Wohnungsgesellschaftsmitarbeiterin versteht die Wende-Welt nicht mehr. Sie hätten doch früher in der DDR nie Schulden gehabt.

Dass sich Werner Schulz für eine solche „Dokumentation“ hergibt, erstaunt mich.

Weitere Lesetipps zum Thema.

Der Text erschien 2010 auf „Basedow1764“. Ich übertrage nach und nach einige weiterhin lesenswerte Texte in diesen Blog.

DDR-Mythen: Der Zauber des Anfangs

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(2010 zuerst im Blog „Basedow1764 veröffentlicht; Ich übertrage einige DDR-Beiträge aus Basedow1764, da ich den Blog nicht weiterführe.))

Mythen über die DDR haben Konjunktur. Richard Schröder bemerkte unlängst, dass es die DDR, von der heute manche schwärmen, nie gegeben habe.

Ein Mythos, der bisher eher am Rande stand, wird von Carsten-Uwe Heye anlässlich seiner Buch-Präsentation „Wir wollten ein anderes Land“ über die Familie der kommunistischen Potsdamer Oberbürgermeisterin Brunhilde Hanke in Interviews mit Potsdamer Zeitungen aufgewärmt.

Heye redet dem Mythos von der unbefleckten Gründungszeit der DDR das Wort. Man dürfe die DDR nicht von ihrem schäbigen Ende her erklären, sondern von ihrem Anfang. Von den „ehrlichen Idealen der Gründergeneration“ spricht er. Dabei verklärt er gerade die Zeit der angeblich guten, alten DDR, die am brutalsten war.

Es sei daran erinnert: Die Konzentrationslager der Nazis wurden von den Sowjets bis in die 50er Jahre weiter genutzt. Angeblich nur, um Nazis einzusperren; das weiß man inzwischen besser. Die SPD wurde „vereinigt“: Sozialdemokraten kamen ins Zuchthaus. Wer von demokratischem Sozialismus sprach, machte sich strafbar.

Wer war die angeblich so idealistische Gründergeneration? Das waren die, die die mörderischen Säuberungsaktionen Stalins Ende der 30er Jahre, die fast völlige Liquidierung der ausländischen Kommunisten, dadurch überlebt haben, dass sie ihren Genossen im Nachbarzimmer denunzierten.

„Es muss demokratisch aussehen“ war die Parole für ihren Teil Deutschlands. Die SED-Justiz schickte in den Gründerjahren ihre Opfer im Güterwagen(!) in den GULaG. Erinnert sei an Frau Mehlhemmer aus Werder, die von Mitbürgerinnen und -bürgern denunziert wurde, oder an den Potsdamer Kommunalpolitiker Köhler, der zusammen mit seiner Ehefrau in Moskau erschossen wurde.

„Man darf die DDR nicht von ihrem schäbigen Ende her erklären, sondern von ihrem Anfang.“ Herr Heye hat recht. Aber anders als er es meint.

Dissens im Gespräch der „Ost-Generationen“

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Es gibt eine Generationenforschung, in der von bis zu sechs DDR- Generationen ausgegangen wird. (Wobei den Forscher*innen als Generation jeweils eine Bandbreite von zehn Jahren gilt.) Übersichtlicher ist glücklicherweise der populäre Sprachgebrauch. Da spricht man von der Gründergeneration und der zweiten Generation, die „am stärksten vom materiellen und kulturellen Aufstieg der DDR, insbesondere von sozialen Projekten wie beispielsweise dem Wohnungsbauprogramm profitiert“ hätte (Quelle s. Fußnote 4 im u. a. Text). Zuletzt wurde die Kohorte der zwischen 1973 und 1984 Geborenen als „Dritte Generation Ost“ hinzuaddiert.

Ich war ein wenig skeptisch, da mir das Ganze als Inszenierung erschien. Es gab nämlich plötzlich Tagungen, Veranstaltungen, Radiosendungen, Bücher und Aufsätze zu dieser Dritten Generation. Dazu kam, dass die Initiatorin des Ganzen nach kurzer Zeit Staatsknete für ihre Initiative forderte und eine „Dritte Generation West“, mit der man in einen fruchtbaren Austausch treten wollte, also weitere Tagungen, Veranstaltungen, Bücher usw.

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Heute Abend: Dritte Staffel Weissensee!

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Endlich geht es weiter: In dieser Woche werden an drei Abenden die neuen Folgen gezeigt: Stasi-Familie Kupfer in der wilden Zeit der sog. Wende.

Es wird gestreift, wie die MfS- und SED-Bonzen dafür gesorgt haben, dass sie bei der Aufteilung des „Volksvermögens“ nicht leer ausgingen.

Rezensent Nikolaus von Fürstenberg wundert sich im Berliner Tagesspiegel, dass man in den bisherigen Folgen im Hause Kupfer nie die DDR-üblichen Versorgungsengpässe gespürt hätte. Die Fiktion enthält in der Tat viel Wahres. Das beliebte Narrativ von der Gleichheit der DDR-Bewohner wird nebenbei zerstört.

Die rhetorischen Ablenkungsmanöver der Linkspartei

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Während einer kurzen Stadtfahrt hörte ich zweimal kurz in eine Diskussion das Deutschlandfunks über die Regierungsbildung in Thüringen hinein.

Ein Herr Gellert oder Gallert von der Linkspartei hatte gerade das Wort. Er wies darauf hin, dass seine Partei die SED-Vergangenheit gründlichst aufgearbeitet hätte, gerade auch die diversen Regierungsbeteiligungen im Osten hätten dazu beigetragen (?). Wer aber nicht seine Vergangenheit aufgearbeitet hätte, das seien die Blockparteien. Die hätten ja die Diktatur mitgetragen, ihre Funktionäre hätten auch in diversen Räten gesessen, manchmal sogar den stellvertretenden Vorsitzenden gestellt. Eine immer wieder gern benutzte Behauptung, die gleich mehrfach wirkt:

  • Man kann sich selbst entlasten. Die anderen hätten ja auch mitgemacht.
  • Man kann behaupten, die Blockparteien seien nach der Revolution bei ihren verwandten Westparteien untergeschlüpft, während die arme SED als PDS usw. die Last der Aufarbeitung allein getragen hätte.
  • Man suggeriert, dass die DDR ein Mehrparteienstaat gewesen wäre, keineswegs die SED allein für alles verantwortlich gemacht werden könne.

Nachgefragt werden kann in solchen Diskussionen selten, die Zeit drängt, man will jetzt nicht endlos vertiefen, man muss auf den nächsten Punkt kommen. Als Moderator muss man auch kein DDR-Experte sein.

Die Linkspartei hat sich dafür entschieden, die SED unter einem neuen Namen fortzuführen, damit sie den Zugriff auf das Vermögen, Immobilien, Firmen, Bankkonten behält. Ein Großteil der ca. 12 Mrd DM Parteivermögen ist bis heute nicht auffindbar. Gysi, Bartsch und Bisky haben gute Arbeit geleistet. Die Blockparteien haben ihre Vermögen bei der Treuhand abgeliefert. Um die Größenordnung zu verdeutlichen: 98% des Parteienvermögens der untergegangenen DDR gehörten der SED, den Rest teilten sich die vier Blockparteien.

Die Blockparteien waren zum Teil SED-Gründungen, die Mitgliedschaft war mit IMs durchsetzt, per Gesetz war dekretiert worden, dass in der Volkskammer immer die SED und die „Massenorganisationen“ die absolute Mehrheit besaßen. Obwohl man die Parteien nur en bloc wählen konnte, fälschte man auch noch die Wahlergebnisse.

Beim zweiten Hörmoment ging es um den „Unrechtsstaat„. Da argumentierte jemand von SPD oder Bündnis90/Grüne, dass der Begriff zu undifferenziert wäre. Er tauge nicht dazu, von individueller Schuld und Verantwortung zu sprechen, entlaste eher oder enthalte Schuldvorwürfe an alle, die sich nicht gegen die Diktatur gewehrt hätten.

Warum aber werden die Gegner/- oder Differenzierer/-innen des Wortes nicht konkreter? Ist die Auseinandersetzung um das Wort nicht inzwischen eine beliebte Strategie, um zu vermeiden, dass Ross und Reiter genannt werden? Wir werden ständig belehrt, dass die DDR kein völliger Unrechtsstaat war, es habe partiell ein Rechtswesen gewesen (Bestrafung von Verkehrssündern und Einbruchdiebstählen z. B.). Den Vogel schoss ein linker Minister der brandenburgischen Landesregierung ab, der zu einer Tagung einlud, in der er Professoren auffuhr, die nachwiesen, dass auch die Schweiz, die USA und die BRD ein kleines bisschen Unrechtsstaaten wären.

Ziemlich schnell werden die Medien, die Karikaturisten und Kabarettisten des Themas überdrüssig und die DDR-Trolle lachen sich ins Fäustchen.

Vom „Guten“ der DDR-Schule

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Der Beitrag wurde zuerst 2009 auf meinem Schulbibliotheks-Weblog Basedow1764 veröffentlicht. Ein Update ist von heute.

Ich bin erstaunt, wie toll manche westdeutsche Pädagogen das DDR-Schulsystem finden. Reformschulen wie  die Laborschule Bielefeld, Fritz-Karsen-Schule Berlin, Helene-Lange Wiesbaden, wer kennt die schon?

Bedarf es einer Diktatur (Konsens-, Fürsorgediktatur), um die urmarxistischen Ziele gleicher Bildungschancen für Stadt und Land, für Frauen und Männer, zu erreichen? Oder das gemeinsame Lernen bis Klasse 6 oder 8 oder 10?

Ich habe einmal zusammengestellt, warum m. E. die DDR-Schule bis in die oberste Schulaufsicht hinein so bewundert werden könnte:

 

  • Die niedrige Abiturientenquote (10%). Mit den Übriggebliebenen konnte man in der Oberstufe richtig gut arbeiten.
  • Schwierige, renitente Schüler landeten in den offenen oder geschlossenen Jugendwerkhöfen. Dort hat man sie auf ein Leben als Hilfsarbeiter vorbereitet.
Lesetipp: Grit Poppe, Weggesperrt
  • Auf integrativen Unterricht (gemeinsames Lernen behinderter und nicht-behinderter  Schüler/innen) mussten sich die Kolleginnen und Kollegen auch nicht einlassen.
  • Die Schule war weitestgehend ausländerfrei.
  • So modernes Zeug wie Schüler-, Handlungs- oder Problemorientierung war nicht handlungsleitend. Differenzierung war zeitweilig nötig, damit keiner abfiel, aber ebenfalls keine grundlegende Planungskategorie. Referate und Gruppenarbeit wurden in Fachzeitschriften immerhin diskutiert. Der Unterricht war eher rezeptiv.
Wir hatten Ende der 80er Jahre im Westen sehr häufig im laufenden Schuljahr Zugang von Übersiedlerkindern aus der DDR und konnten Stärken und Schwächen dieser Schüler/innen gut sehen.
  • Unterrichtsvorbereitung war solides Handwerk. Die Lehrpläne waren nicht bloß Rahmenpläne, sondern hoch verbindlich. Unterricht war zentral vorgeplant. Man musste nicht selbst aufwändig didaktische Analyse betreiben, Bildungsgehalt und -inhalt destillieren, kognitive, soziale und methodische Lernziele konstruieren. Zügig durchgeplante, kleinschrittige  Stundenverläufe gab es für jedes Fach.
Als westdeutscher Junglehrer habe ich nach diesen Handbüchern Sport und Turnen unterrichtet. Das Fach hatte ich nicht studiert.
  • Die Einschätzung der vormilitärischen Ausbildung fällt mir etwas schwer. Ob der Umgang mit Handgranaten und Maschinengewehren von Vorteil ist? In Westdeutschland hat man ja die Sportschützen dafür. Vielleicht Einübung in Befehl und Gehorsam als Teil der Staatsbürgerkunde?
  • Der polytechnische Unterricht
In dem musste ich in Hessen so komplizierte Themen wie „Streik und Aussperrung“, „Betriebsverfassungsgesetz“, „Berufswahlvorbereitung“ „Bewerbungstraining“ unterrichten. Viel lieber hätte ich die Klasse jede Woche zur „Produktiven Arbeit“ in Betriebe geschickt wie in Ostdeutschland („Einführung in die sozialistische Produktion“).  Das hätte mir auch die Mühe der Organisation des Betriebspraktikums erspart.
  • Der Schulleiter konnte in Anwesenheit seines Kollektivs und des Schülermaterials Lob und Tadel verteilen, auch mal einen Rausschmiss vor versammelter Mannschaft vom Pedell durchführen lassen, wie in der Berliner Ossietzky-Oberschule.
Ich hatte einmal einen notorischen Schläger mit dicker Schülerakte voller schriftlicher Tadel vorübergehend von der Schulpflicht „befreit“. Das erlaubt mir zwar das Schulgesetz, aber das Schulamt war nicht erfreut. Eine hessische Amtsrichterin, vor der ich mich wegen dieser „Untat“ auf Betreiben des Schülervaters rechtfertigen musste, wies die Klage ab, weil ich alle Formalia beachtet hatte. Sie äußerte aber sehr ruppig ihr Unverständnis über Lehrer, die sich von solchen Schülern auf der Nase herumtanzen ließen und nicht früher reagierten. Die Dame kennt das hessische Schulrecht und die Schuljuristen nicht.
Da war die DDR-Schule angenehmer. Im Rahmen des Screenings aller 14-/15Jährigen auf Tauglichkeit für das MfS wären solche auffäligen Schüler auch gleich in den Jugendwerkhöfen verschwunden. (Der Ex-DDR-Innenminister, Ex-CDU-Landesvorsitzende Brandenburg, Verteidiger eines Ex-Spitzels der Linkspartei im Landtag, Herr Rechtsanwalt Distel, durfte  unwidersprochen in der Zeitung behaupten, das MfS hätte keine Minderjährigen angeworben, weil das gesetzlich in der DDR verboten gewesen wäre.
  • Für den Lernerfolg ihrer Schüler/innen waren die Lehrer verantwortlich. Das war ein herrvorragendes Instrument für Schulleiter/innen, um ihr Kollektiv zu formen. Und trug nicht unerheblich zu den guten Noten bei.
  • In Spezialschulen wurden unerbittlich die Talente (Fremdsprachen, Sport, Naturwissenschaften, Mathematik) einseitig gedrillt.

Abschließend, um Missverständnisse zu vermeiden, verweise ich auf Claudia Rusch:

“Deutlich zu benennen, welche Strukturen, Manipulationen und Repressalien das System bestimmt haben, heißt ja keineswegs, das dort stattgefundene Leben aller gleich mit zu verdammen.

Zum Umgang mit der DDR in Brandenburgs Schulen nach der Revolution.
Zum Mythos, Finnland hätte das DDR-Schulsystem übernommen.
Freya Klier über Schule in der DDR

Update 31.7.2014:

In der FAZ v. 31.7.14, S. 6,  interviewt die Bildungsredakteurin Heike Schmoll den emeritierten Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth: „Ein blamables Ergebnis für die Gymnasien“ (Gegen Gebühr im FAZ-Archiv). Am Rande erwähnt Prof. Tenorth auch das Schulsystem der DDR: Der Anteil der Arbeiterkinder auf der Universität habe in den 80er Jahren bei 8%, in der Bundesrepublik bei 16% gelegen. Die kurze zweijährige Oberstufe war eingebettet in propädeutische Klassen in 8 und 9 und in Spezialschulen. Das Hochschulsystem unterschied sich stark vom westdeutschen: Es gab Seminargruppen, d. h. eine Fortsetzung der Oberstufe. Die Selbständigkeit, die schon von westdeutschen Erstsemestern abverlangt wurde, war nicht nötig und vor allem nicht erwünscht.

 

 

 

 

 

Nazi-Karrieren in der antifaschistischen DDR

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„Wer Nazi ist, bestimmen wir“, sagte die SED-Führung. Auch wenn mancher antifaschistische Widerstandskämpfer grollte. Man brauchte in der DDR genau wie in der Bundesrepublik die alten erfahrenen Kriminalisten, Verwaltungsbeamten und Polizisten. Allein 175.000 Parteimitglieder und Wehrmachtsoffiziere wurden in die SED aufgenommen. Zwischen 8 und 15% der SED-Mitglieder in den 50er Jahren waren vorher NSDAP-Mitglied gewesen. Nicht mitgezählt sind die Mitglieder der NS-Organisationen (BDM, Reiterkorps usw.) Begründet wurde die Aufnahme der PGs durch Politbüromitglied Anton Ackermann so: Die neue Weltordnung, die der Faschismus nicht verwirklichen konnte, da er ja nur eine Verschwörung der Kapitalisten gegen das Volk war, werde jetzt vom wissenschaftlichen Marxismus herbeigeführt.

Noch im letzten Zentralkomitee saßen Ende der 80er Jahre 14 ehemalige NSDAP-Mitglieder. Darunter auch Hermann Klenner, der als stv. Vorsitzender der UN-Menschenrechtskommission wegen antiisraelischer Äußerungen zurücktreten musste. Er war schon 1931 in die NSDAP eingetreten. In der DDR wurde er Juraprofessor und MfS-Mitarbeiter. Einer seiner Verehrer ist der ehemalige brandenburgische Justizminister Volkmar Schöneburg.

Allerdings schufen die Kommunisten den Mythos von der antifaschistischen DDR und es gelang ihnen, der Bundesrepublik den „schwarzen Peter“ eines post- oder neofaschistischen Staates zuzuschieben. Das gelingt bis heute, denn die Brandenburger Platzeck (SPD) und Dr. Schöneburg (DDR-Jurist, Linkspartei, Justizminister) reden lautstark über die „Refaschisierung der BRD“ und die BRD-Aussöhnung mit den Nazis. Sie sollten etwas leiser werden und sich besser über den verlogenen Antifaschismus der DDR informieren.

11 Kilometer Akten über NS-Belastete lagerten im MfS. Auf MfS-Akten gingern  allerdings nur 165 Gerichtsverfahren zurück (bei 12.000 Verfahren insgesamt). Schon MItte der 50er Jahre saßen nur noch 54 Verurteilte in den Gefängnissen. Die SED, die sich zugute hielt, über das bessere, faschismusfreie Deutschalnd zu herrschen, konnte sich nicht allzuviele Prozesse leisten, weil das dem Mythos, die Nazis wären nur in de BRD, geschadet hätte.

Die SED hielt Akten zurück oder ließ Zeugen nicht zu NS-Prozessen in Westdeutschland ausreisen. Andererseits gab sie dem Sachbuchautor Bernt Engelmann Material. Der wurde bekannt mit kritischen Büchern über die Bundesrepublik.  Den Rest des Beitrags lesen »

Hat die Demontage der Sowjets die DDR-Wirtschaft ruiniert?

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Es gibt unausrottbare Mythen über die DDR. Leider werden sie auch in Büchern seriöser Verlage verbreitet. Zu diesen Mythen zählt, dass die  schlechten Ausgangsbedingungen der DDR-Wirtschaft maßgeblich für den Zusammenbruch der DDR gewesen wären.

Ich hatte bisher dazu Werner Abelshauser, Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945, referiert. Nachzutragen ist das von mir schon öfter erwähnte Buch des hochrangigen DDR-Wirtschaftsfunktionärs Werner Obst, der 1969 flüchtete und 1985 ein Buch schrieb: „Der rote Stern verglüht“. Er resümiert:

Die DDR übernahm (nach 1945; GS) gerade jene deutschen Landesteile, die besonders hochgradig industrialisiert waren, mit einem großen Stamm von Wissenschaftlern, Erfindern und Konstrukteuren sowie einem großen Heer von Facharbeitern. Im Raum Jena, Magdeburg, Berlin, Dresden, Plauen war das technologische Zentrum des Deutschen Reiches angesiedelt, und die mitteldeutsche Landwirtschaft war ebenfalls begünstigt. Sie brachte höhere Erträge als die westdeutsche Landwirtschaft.“

Kurz, das Territorium der DDR brachte 1938 je Einwohner eine um 10% höhere Wirtschaftsleistung als damals das heutige Bundesgebiet.“ (p 58)

Werner Obst fügt dem Mythos der schlechten Ausgangsbedingungen noch eine Pointe hinzu: Es werde gesagt, die DDR hätte so etwas wie das Ruhrgebiet nicht gehabt. Und wenn: Den SED-Funktionären wäre es gelungen, auch das Ruhrgebiet herunterzuwirtschaften.

Der Mythos vom größeren Zusammenhalt (2)

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ist einer der gern verbreiteten DDR-Mythen. In Gesprächen wurde er mir nie bestätigt. Aber das ist natürlich kein objektiver Beleg. Ich lese in Erinnerungsbüchern, wie schnell man bereit war, sogar Familienmitglieder der Spitzelei zu verdächtigen. Aber auch das hält keiner wissenschaftlichen Betrachtungsweise stand. Das sind, sagen Geschichtswissenschaftler, womöglich unzuverlässige Zeitzeugen.

Ich finde dennoch immer wieder Bestätigungen dafür, dass die Mythenprediger zwar verständliche Motive, aber Unrecht haben. So hat Anke Domscheit-Berg, Piratenpolitikerin und Unternehmensberaterin, in der DDR aufgewachsen, eine sehr persönliche Sicht auf die Tellkamp-Verfilmung „Der Turm“. Ihre verschütteten Erinnerungen wurden geweckt. Sie schreibt u. a.: „Das Empfinden der ständigen Beobachtung, das allgegenwärtige Misstrauen – wir haben damals bei jedem Knacken in der Telefonleitung damit gerechnet, dass Dritte mithören…“

Nachtrag Nov. 2012: Den Skispringer Hans-Georg Aschenbach höre ich gerade im Autoradio im Deutschlandfunk: „Wir hatten alle Angst voreinander, von der Geburt bis zum Tod.“

Nachtrag Januar 2014: Wenn weglassen schon eine Form der Lüge ist, wie Christoph Hein einmal sagte, dann wird bei diesem Mythos gelogen. Wer behauptet, der Zusammenhalt der DDR-Bewohner sei groß gewesen, man vermisse ihn im kapitalistischen Nachwende-Deutschland, zeichnet ein Bild einer DDR, die es so nie gegeben hat.

Man war sehr oft in Gemeinschaften, der Hausgemeinschaft, der Brigade, der Gruppe der Urlauber im FDGB-Ferienheim. Ob das gemeint ist? Man versuchte, sich der Allgegenwart der SED zu entziehen und flüchtete in private Nischen, suchte zuverlässige Freunde oder zog sich in die Familie zurück. Allzuoft schützte das nicht vor Bespitzelung und Verrat. Manchmal war die Ehefrau, der Bruder, der gute Freund Stasi-Zuträger. Mancher war verblüfft, wenn er vor einem SED-Richter stand und hörte, was Berufskollegen oder Nachbarn über ihn sagten.

Wer den Zusammenhalt lobt, muss dazu sagen, dass die Bedingung dafür die Diktatur war. Mehr über DDR-Mythen hier und hier und noch mehr unter dem Schlagwort „DDR-Mythen“

Update Juni 2016: Ich lese gerade Pamela Heß, Mehr Gemeinschaftsgefühl und ein stärkerer sozialer Zusammenhalt? Erinnerungen an die DDR als Potenzial für Generationenkonflikte, in: Deutschland Archiv, 26.3.2015, Link: http://www.bpb.de/203625.

Sie thematisiert die unterschiedliche DDR-Wahrnehmung durch die sog. Dritte Generation Ost, der gerade noch als Kinder und Jugendliche in der DDR groß Gewordenen und der Elterngeneration. Die Eltern schwärmen nahezu von der DDR-Zeit, vom großen Zusammenhalt der Menschen. Die Autorin zählt die möglichen Gründe für Zufriedenheit auf: gute Wohnungen, Verbesserungen der Versorgung usw. Die Wendekinder dagegen betonen, dass für sie die DDR schon nicht mehr die heile Welt war, wie sie die Eltern sehen. Und dass sie die neuen Chancen und Freiheiten und Rechte zu schätzen wissen und eher die Repression in der DDR betonen.

Wobei die Verfasserin offen lässt, ob diese Einstellung „sekundär“ sind, also von außen, z. B. von Zeitzeugen übernommen wären. Dagegen wären die Elternerfahrungen persönliche Erfahrungen.

Die Befragung von Frau Heß mag ihre Berechtigung haben. Es mag auch sicher zutreffen, dass es Diskrepanzen im DDR-Bild der Generationen gibt. Es ist ratsam, der hier erfragten Einstellung der Elterngeneration Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Auf der Strecke bleibt für mich bei so viel Sensibilität und Akzeptanz von Erzählungen (wissenschaftlich: „Narrativen“) das Interesse an dem, herauszubekommen, wie es wirklich war.

Ich weiß, dass jetzt die Postmodernen und die Konstruktivisten aufschreien bzw. auflachen ob so viel Naivität. Interessiert hätte mich aber schon, wie die Kontextualisiererinnen mit dem umgehen, was ich hier (und hier) zusammengetragen habe.

Man kann die Repression bagatellisieren, rechtfertigen und klein reden. Man kann von der Neubauwohnung Erfurt und der (vermeintlichen) Vollbeschäftigung reden, den billigen Mieten und Grundnahrungsmitteln, von dem großartigen Miteinander. Da weiter zu fragen interessiert postmoderne Forscher/-innen nicht mehr.

Es geht ja um das Glück der Menschheit, da muss man auch mal Renitente einsperren dürfen oder erschießen oder von der Schule werfen. Sicher steckt die CIA dahinter, wie schon beim 17. Juni, oder, wie Frau Jeß vorsichtig andeutet, der Einfluss von Zeitzeugen, die zum schlechten DDR-Bild der Dritten Generation Ost beitrügen.