DDR-Aufarbeitung

Thüringen will DDR erforschen

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Die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit hatte Rot-Rot-Grün im Koalitionsvertrag vereinbart. Gerade angesichts des weltweiten Vormarsches autoritärer Herrschaftsausübung sei die Erforschung moderner Diktatur- und Herrschaftsmechanismen aktuell, sagte Minister Wolfgang Tiefensee (SPD).

Minister Tiefensee ist sicher unverdächtig. Sein Ministerpräsident hat sich, obwohl Linker, Respekt und Ansehen auch beim politischen Gegner verschafft. Hoffentlich ist Thüringen auch auf der „Arbeitsebene“, also in den Verwaltungen hinter der Landesregierung, nicht auf strammem Linkskurs.

Es gibt schon ausreichend DDR-Geschichtsschreibung, in der ein „frischer“ Blick auf die Wohlfühldiktatur geworfen wird.

Zufriedene Demokraten? In Thüringen in der Minderheit

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Der Thüringen-Monitor ist eines der besten Projekte empirischer Sozialforschung im Bereich der Rechtsextremismusforschung. Die Sorgfalt und Transparenz der Untersuchungen überragt bei weitem marktschreierische Auftragsstudien. 

Im neuesten Bericht 2016 findet sich dieses Schaubild:

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Bei einer weiteren Abbildung (69) steht:

… ist es doch unter dem Gesichtspunkt der Verankerung der Demokratie in Thüringen bedenklich, dass auch 2016 eine Mehrheit der Befragten diktaturaffin ist und 27 Prozent mindestens zwei der hier zur Messung der allgemeinen Diktaturaffinität zusammengefassten Fragen zustimmen.

Das gesamte Kapitel ( 5 Seiten) ist sehr lesenswert (pp 69-75).

Ich frage mich, warum ausgerechnet in Thüringen, wo es wie anderswo auch Dutzende von Zentren, Initiativen, Projekten, Dachverbänden und Vereinen gegen Rechts gibt, die Kahane-Stiftung mit Geldern der Landesregierung einen wissenschaftlichen Dienst aufbaut und dafür Stellen ausschreibt. (Siehe hier, Nachtrag v. 1.9.16)

Weißbuch „Zwangskollektivierung“ von 1960

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Ein Leser des Blogs hat mir freundlicher Weise eine CD mit dem Weißbuch der Bundesregierung zur Zwangskollektivierung 1959/60 zugeschickt.

Es ruft in Erinnerung, wie im angeblichen Rechtsstaat DDR Bauern mit Hilfe der Gerichte, der Volkspolizei und der Gemeindeverwaltung, mit psychischem Druck und mit Terror zum „freiwilligen“ Eintritt in die so genannten Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) gezwungen wurden. (Es gab vorübergehend die Typen I bis III mit unterschiedlichem Grad der Enteignung; darauf gehe ich hier nicht ein.)

Unter den Geflüchteten dieser Jahre war die Zahl der Bauern groß. Da die LPGen trotz militaristischer Propaganda wie „Kampfproduktion“ und „Ernteschlacht“ weniger produzierten als die freien Bauern kam es zur Versorgungskrise.

Dies alles führte zum Mauerbau 1961.

Im Weißbuch der Bundesregierung, vorgelegt vom Gesamtdeutschen Minister Ernst Lemmer. sind ostdeutsche Zeitungsausschnitte, Gerichts- und Verwaltungsakten sowie Berichte geflüchteter Landwirte, aus denen man Einzelheiten von der Terrorkampagne 1960 erfährt. Es enthält auch einen Überblick über der Kollektivierung 1952 bis 1960.

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Bezirk Potsdam vollgenossenschaftlich
Brandenburgische Neueste Nachrichten v. 18.3.60

Nachdem die Kampagne zum freiwilligen Eintritt in die LPGen nicht zum 100prozentigen Erfolg  geführt hatte, setzte die SED 1960 mit der Terrorkampagne alles daran, endlich die Landwirtschaft total zu kollektivieren. Den Rest des Beitrags lesen »

Neues Buch über mutige junge Leipziger 1989

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Der Journalist Peter Wensierski erzählt in einem neuen Buch eine „Wahnsinnsgeschichte“ von mutigen jungen Leuten zur Wendezeit in Leipzig: „Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution“.

Wensierski war u. a. für den Spiegel schon tätig, als der noch ein wichtiges Nachrichtenmagazin war.

Mit Wolfgang Büscher schrieb er 1984: Null Bock auf DDR – Aussteigerjugend im anderen Deutschland (vergriffen).

Er drehte als Dokumentarfilmer und TV-Reporter u. a. den Film Mauerläufer.

Die Bundeszentrale für politische Bildung und der Rundfunk Berlin-Brandenburg gaben 2005 Auf den Spuren einer Diktatur heraus. 32 Filme zur DDR-Geschichte auf 3 DVDs aus dem TV-Magazin „Kontraste“ , die er in Zusammenarbeit mit Roland Jahn und Ilko-Sascha Kowalczuk zusammengestellt hatte.

 

Umstrittener Städtebau in Potsdam: Erhalt, Abriss oder Rekonstruktion?

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Der Architekt Thomas Albrecht, der die Rekonstruktion des Garnisonkirchenturms leitet und das Konzept für den multifunktionalen Innenausbau des Turms entworfen hat, überzeugte mich schon kürzlich im Salon von Lea Rosh mit seinen Ausführungen. Heute wird er, der auch das neue Palais Barberini in Potsdam realisiert, in den Potsdamer Neuesten Nachrichten, p 15, interviewt. Seine Antwort zum Erhaltungswert von DDR-Architektur gefällt mir besonders gut:

„… aus dieser Epoche werden nur Gebäude Bestand haben, die das Herz der Menschen erwärmen und die sie lieben. Nehmen Sie als Beispiel die Frankfurter Allee, früher Stalinallee, in Berlin. Niemand käme auf die Idee, die Häuser dort abzureißen. – einfach weil sie schön sind. Diese Qualität hat die Fachhochschule (Potsdam, Alter Markt; GS) nicht.

Ein Gebäude aus rein ideologischen Gründen stehen zu lassen, funktioniert nicht. Spätestens die nächste Generation wird es doch abreißen.

Zum Hintergrund:

In Potsdam kämpft die alt- und neulinke Szene heftig für den Erhalt von DDR-Bauten. Rekonstruktion und Renovierung von Gebäuden aus der Zeit Friedrichs des Großen und der Kaiserzeit sind ihr ein Gräuel („Barockfaschismus“). Die neu hinzugezogenen Reichen hätten in Potsdam das Sagen.

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Haus des Reisens, Potsdam:    Nach seinem Abriss empfand ich schon den Anblick der entstandenen Baulücke als wohltuend.

Die SED hatte ganze Straßenzüge mit Häusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert abreißen lassen und Plattenbauten errichtet. Das heute als Touristenattraktion geltende Holländische Viertel aus dem 18. Jahrhundert hat nur dank der „Wende“ vor weiterem Verfall bewahrt werden können (So weit es in der DDR schon Bemühungen des Denkmalschutzes oder von Bürgern gab, waren die nicht ausreichend.)

Die im Krieg beschädigten, aber wiederaufbaufähigen Garnisonkirche („Nazikirche“) und das Stadtschloss der Hohenzollernkönige (Symbol der Feudalherrschaft) wurden gesprengt.

Erhalten wollen dagegen die Alt- und Neu-Linken das Interhotel-Hochhaus (zzt. Hotel Mercure) und ein Rechenzentrum, für das zudem eine millionenteure Sanierung gefordert wird. Sein Erhalt würde den Wiederaufbau des Garnisonkirchenturms erschweren, weil es zum Teil auf dem Garnisonkirchengelände errichtet wurde.

In der Blogkategorie „Potsdam“ gibt es mehrere Beiträge zur Potsdamer Baukultur.

Passend zum Thema:

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Zeitzeugenportal Brandenburg

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Ulrike Poppe, die Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur (LAKD), stellte heute das Webportal www.zeitzeugen.brandenburg.de vor. Es geht um „Erfahrungsberichte über politisches Unrecht und Widerstand von 1945 bis 1989.

Finanziert wurde das Projekt aus dem „Mauerfonds“ des Bundes für soziale und kulturelle Projekte. In ihn fließen Mittel aus dem Verkauf von Berliner Mauer- und Grenzgrundstücken.

Fast fünfzig Zeitzeugeninterviews sind abspielbar. Dazu gibt es die Biografien. Ein umfangreiches Glossar hilft bei der Erschließung. Vier Schwerpunktthemen sind kurz erläutert, ihnen sind Zeitzeugen zugeordnet: Sowjetische Speziallager, Volksaufstand, Mauerbau, Spezialheime der Jugendhilfe. In den Interviews kann auch frei nach Namen, Orten, Stichwörtern gesucht werden.

Das Portal soll erweitert werden.

Ich kann nicht viele Schicksale einfach so hintereinander lesen.

In Brandenburg sind die von der SED-Verfolgten als Zeitzeugen umstritten. Professoren der Universität Potsdam behaupten eine Überwältigung von Schülern, wenn sie mit den Erzählungen der SED-Opfer konfrontiert werden. Ein anderer Potsdamer Historiker sieht eine Überbetonung der Repression beim Thema „DDR“ im Schulunterricht.

Umso bemerkenswerter, dass es dieses Portal jetzt gibt. Es war wohl auch eine richtige Entscheidung die LKAD dem Landtag zuzuordnen und nicht der Staatskanzlei oder einem Ministerium.

Historische Bildung wird beliebig

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Auf meiner Warteliste der zu besprechenden Links steht ein Aufsatz von der Webseite der Bundeszentrale für politische Bildung:

Subjektorientierte historische Bildung. Geschichtslernen in der Auseinandersetzung mit widersprüchlichen Deutungsangeboten zur DDR-Geschichte,

von Johannes Meyer-Hamme, http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/139259/subjektorientierte-historische-bildung?p=all

In den ersten Sätzen des Textes wird die Einseitigkeit der Geschichtsbilder moniert, die die DDR als Unrechts- und Repressionsstaat zeigen. Den Rezipienten würde dieses DDR-Bild aufgedrängt werden.

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Aufarbeitung der Geschichte der Treuhand gewinnt an Fahrt

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Eine umfassende Aufarbeitung der Treuhand-Geschichte hat begonnen. Ca. 60 Aktenkilometer im Bundesarchiv werden gesichtet.

Um die Treuhand rankt sich die Erzählung, dass sie die Hauptschuld am Untergang der DDR träfe. Sie hätte blühende Unternehmen gnadenlos ausgeweidet, an raffgierige westdeutsche Kapitalisten verschleudert und Millionen Menschen arbeitslos gemacht. Daher ist es zu begrüßen, wenn hierzu mehr geforscht wird.

Das Bundesfinanzministerium hat das Projekt an das Institut für Zeitgeschichte vergeben, mit dem es schon länger zusammenarbeitet. Näheres dazu wurde nicht öffentlich.

Der Professor für Zeitgeschichte Constantin Goschler hat aber Bedenken gegen die unterlassene Ausschreibung des Mammut-Forschungsprojekts. Er sieht in der Vergabe von Forschungsaufträgen durch Ministerien und Behörden und die fehlende Offenlegung der Vereinbarungen ein Tor zur parteipolitischen Einflussnahme auf das jeweilige Forschungsvorhaben. Erinnert wird an die umstrittene Untersuchung, die Joschka Fischer über das Auswärtige Amt in Auftrag gab. (FAZ v. 2.1.17, p 14)

Beiträge zu Treuhandanstalt in „Ampelmännchen und Todesschüsse“

Nicht jedes Trauma ist nachrichtentauglich

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Das fiel mir gerade auf: Von traumatisierten Geflüchteten ist in diesen Monaten häufig die Rede. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass in den vergangenen 26 Jahren auch nur annähernd so viel über traumatisierte DDR-Bewohner*innen berichtet worden ist.

Von den ca. 300.000 von der SED und ihrer Staatssicherheit verfolgten Ostdeutschen dürften weit über 100.000 traumatisiert sein.

Bei Stefan Trobisch-Lütge, Politische Traumatisierung in der ehemaligen DDR/SBZ und ihre Verarbeitung im (post)traumatischen Raum des wiedervereinigten Deutschlands, Zeitschrift für Politische Psychologie, Jg. 14, 2006, kann man dazu lesen:
Nicht selten wurden bei den Gefangenen gezielt Todesängste hervorgerufen, um Geständnisse zu erpressen.

(Nach dem Mauerbau:) Körperliche Übergriffe wurden seltener. Stattdessen ging die DDR in dem Bemühen, internationales Ansehen zu gewinnen und den Vorwurf von Menschenrechts-verletzungen auszuräumen, immer mehr zu „unsichtbaren“ Druckmitteln über: zu den subtilen Methoden der psychischen Folter, um ein Geständnis über „staatsfeindliche Machenschaften“ zu erzwingen oder Informationen zu erhalten.

Sind die seelischen Folgen von Hafterfahrungen noch relativ klar psycho-traumatologisch zu erfassen, so sind „Zersetzungsmaßnahmen“ außerhalb der Haftanstalten nur sehr schwer nachweisbar, haben aber oftmals zu schweren psychischen Folgeschäden geführt. Die DDR galt in einem Ausmaß geheimpolizeilich überwacht wie noch keine andere europäische Gesellschaft zuvor in der Geschichte. Private und öffentliche Personen gleichermaßen waren inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Sie bespitzelten und wurden bespitzelt, ein feines, alldurchdringendes Netz von Misstrauen, Kontrolle, Druck und Angst entstand. Nicht selten wurde die Überwachung des privaten Raums von Menschen durchgeführt, die selbst Teil dieser Privatsphäre waren.
Nicht vergessen werden sollte, dass traumatisierende Erfahrungen nicht nur in den MfS-Haftanstalten und Zuchthäusern gemacht wurden. Es  gab im, heute gerne so genannten DDR-Alltag ausreichend Gelegenheit, traumatisierende Erfahrungen zu machen: der obrigkeitsstaatliche Umgang mit den Menschen, das Gefühl, eingesperrt zu sein, das Schikanieren und Lächerlichmachen etwa von christlich erzogenen Kindern in der Schule.
Hinzu kommt nach der sog. Wende die Erfahrung, dass die DDR oft schöngeredet wird und dass nicht wenige der damaligen Unterdrücker besser dastehen als die von ihnen Unterdrückten.
Ich erinnere mich an eine Ostdeutsche, die in einem Dokumentarfilm verriet, dass sie, wenn sie Dr. Gregor Gysi in Berlin sieht, die Straßenseite wechselt.
Nachtrag 5.1.16: Wie liebevoll und fürsorglich man sich in Berlin um traumatisierte Ex-Dschihadisten kümmert, war im Tagesspiegel zu lesen (via Antje Sievert auf AchGut).

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Auch eine Migration: DDR-Geflüchtete und DDR-Vertragsarbeiter

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Im Deutschlandarchiv stehen interessante Untersuchungen über DDR-Flüchtlinge und Vertragsarbeiter in der DDR:

Die Integrationsgeschichte von DDR-Übersiedlern

Das Spezifische der DDR-Übersiedlung

Chinesische Vertragsarbeiter in Dessau

Arbeitsmigranten in der DDR: Zusammenleben mit den Ostdeutschen

Wunsch und Wirklichkeit: Ausländische Werktätige

In der Wissenschaft heißt es chemisch rein Migration“. Das hat etwas von einem „Unwort des Jahres“. Wenn eine Sprachforscherin schon das Wort „Flüchtling“ für unsensibel hält, weil die traumatischen Erfahrungen der Flucht damit nicht zum Ausdruck kämen, wieviel mehr versteckt das harmlose Wörtchen „Migration“ die Schikanen, die Repression, die Unrechtsurteile, denen DDR-Übersiedler ausgesetzt waren. Vertragsarbeiter erlebten keine Willkommenskultur.