DDR-Aufarbeitung

Rechenzentrum gegen Garnisonkirche

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Die Aktivisten gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche wollen das vollenden, was die SED 1968 beabsichtigt hatte: Mit dem Bau eines Rechenzentrums den Wiederaufbau der Garnisonkirche zu verhindern.

Es war ein Coup, das zum Abriss vorgesehene Rechenzentrum als Haus für Kreativschaffende (früher: Kunstschaffende) zu nutzen. Zuerst interimsweise bis zum Abriss. Inzwischen lautet das Ziel: dauerhafte Nutzung.

Die Kreativschaffenden beginnen schon mit der Stufe zwei der Verhinderungskampagne: Der Lärm einer zukünftigen Turm-Baustelle würde ihr kreatives Schaffen beeinträchtigen. Sollte der Turm gebaut werden, müssten gar Fenster im Rechenzentrum zugemauert werden. Sicher ein Fall für den europäischen Menschenrechtsgerichtshof.

Begleitet wird die Inszenierung in den Medien: Der Garnisonkirchengegner Grünzig hat in einem Buch alle militaristischen, absolutistischen Scheußlichkeiten zusammengetragen, die der Kirche angelastet werden. Über tausend Fußnoten hätte das Werk, wie die PNN anerkennend notieren. Die brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung stellt in diesen Tagen das Buch vor. Die Zentrale hatte dem Autor vor einiger Zeit schon einmal Gelegenheit gegeben, seine Fakten darzustellen. Etwa einen Beweis, dass die evangelische Kirche in der DDR gegen den Wiederaufbau gewesen wäre. Dem wurde damals widersprochen. Jetzt darf er seine Thesen wieder vortragen. Die Vorstellung eines ausgewogeneren Buches über die Garnisonkirche findet nicht statt.

Die Zeit hat Platz für einen Artikel gegen das „gotteslästerliche Bauwerk“.

Der Wortführer der Wiederaufbaugegner organisiert Stadtführungen zu dem angeblich bedeutenden Denkmal der Ostmoderne, dem Rechenzentrum.

Während ich das schreibe, haben die Aktivisten wahrscheinlich schon eine dritte Bürgerinitiative gegründet, das nächste Volksbegehren gestartet oder den nächsten Antrag in der Stadtverordnetenversammlung eingebracht. (Nachtrag🙂 Inzwischen spricht sich ein Linkspartei-MdL, die ehemalige Sozialministerin Tack, für den Erhalt des Plattenbaus aus. Sie hat die 25 Jahre der Planung des Geländes, an dem ihre Partei mitgearbeitet hat, wohl verschlafen.

Auf die Stadt kommen jetzt die Mehrkosten zu: Das Rechenzentrum behindert den Turmbau. Der Bau kostet deshalb mehr und die Evangelische Kirche weigert sich, diese Kosten zu übernehmen. Vereinbarungsgemäß hätte das Rechenzentrum schon längst abgerissen werden sollen. Die Sicherung der Nutzbarkeit durch die Kreativschaffenden wird weitere Millionen kosten.

Mich erinnert das Rechenzentrum daran, dass die Kommunisten große Hoffnungen auf die Kybernetik gesetzt hatten. Sie glaubten, dass ihre monströse Zentralverwaltungswirtschaft, an der sie ständig herumlaborierten (z. B. NÖSPL), durch Computersteuerung endlich funktionieren könnte. Das bewahrheitete sich nicht. Die DDR produzierte aber den größten und teuersten Mikrochip der Welt, wie Spötter feststellten. Eines der zahlreichen Rechenzentren errechnete in den späten Achtzigern einmal eine 120%ige Wahlbeteiligung. Insofern ist es doch schade, dass das Rechenzentrum nicht Museum der DDR-Wirtschaft wurde.

Siehe im Blog: Die Legende von der Nazikirche

Es gab 1968 mehrere mutige Proteste gegen den Abriss der im Krieg beschädigten Kirche.

Nachtrag: Der Buchautor Matthias Grünzig soll in der Veranstaltung der Landeszentrale für politische Bildung vom Historiker Martin Sabrow ziemlich auseinander genommen worden sein. Meine Befürchtungen waren demnach unbegründet. (Ich wollte mir die Tiraden des Aktivisten nicht schon wieder zumuten.)

Nachtrag: Das Rechenzentrum soll bis 2023 als Haus für Künstler genutzt und erst dann abgerissen werden. Da das Gebäude den Bau des Turms der Garnisonkirche erschwert, entstehen Mehrkosten. Die wird die Stadt übernehmen müssen. Auch die Kosten der Renovierung des Rechenzentrums, damit es für die Interimszeit benutzbar bleibt.

Dauerhaft könnten die Künstler später im noch zu bauenden Kirchenschiff untergebracht werden. (Die Nutzung als Moschee, die die Wissenschaftsministerin Münch vorgeschlagen hatte, war wohl eine Eintagsfliege). Die Garnisonkirchenstiftung ist damit einverstanden.

Die Aktivisten gegen den Wiederaufbau der Kirche sind entsetzt. Aber sie haben doch jetzt eine Aktion für 2023: Die Besetzung des Rechenzentrums.

 

Was haben FAS/FAZ mit Ulbricht gemeinsam? Sie mögen Potsdam nicht.

Zuletzt durfte sich der Wiederaufbaugegner Philipp Oswalt in den Blättern ganzseitig dazu äußern.

Die Zeitung stellt ihn als Archtitekturfachmann vor. Das ist er durchaus. Er war auch schon Bauhaus-Direktor in Dessau. Worüber die Zeitung nicht informiert: Oswalt ist seit Jahren ein hartnäckiger Kritiker des Wiederaufbaus der Garnisonkirche. Er trat sogar wegen des geplanten Wiederaufbaus aus der evangelischen Kirche aus. Den Aufbau-Befürwortern wirft er vor, Unfrieden zu stiften. So geht heutzutage Debatte, auch bei den klugen Köpfen von FAZ/FAS.

Oswalts Polemik „Rückenwind vom rechten Rand“

Mein Rat an die FAZ/FAS: Niedriger hängen, der verkrampfte Blick der Linken sollte nicht das letzte Wort sein!

Prof. Oswalt referiert das Buch des Wiederaufbaugegners Matthias Grünzig über die Potsdamer Garnisonkirche. Aktivist Grünzig lässt nichts aus, um die Kirche als Hort des Militarismus darzustellen. Er lässt alles aus, was zeigt, dass die beiden Kirchengemeinden, die lutherische und die reformierte, sich, so gut es ging, gegen die Vereinnahmung durch Reaktion und Nazis stellte.

In der Hälfte der Lebensdauer der DDR gab es eine Kirchengemeinde, ohne dass das MfS eine Gefahr des Wiederauflebens des Faschismus erkannte. Die kommunistische Oberbürgermeisterin, die bis dahin Baumaterialien für den Wiederaufbau zugesagt hatte, folgte dem „Wunsch“ des Potsdamhassers Ulbricht und ließ sprengen.

 

Die Kirchengegner, vereint in Initiativen mit Namen wie „Friedenskoordination“, Kulturlobby“ oder „Potsdams Mitte neu denken“, fürchten die Wiederkehr des preußischen Militarismus, ein neues Bündnis von Thron und Altar, eine Bundeswehrkirche, ein Walhalla für Preußenfans, nicht zu reden vom „Barockfaschismus“, mit dem die Zugezogenen auch den letzten Rest sozialistischer Baukultur in Potsdam vernichten würden, wenn das DDR-Rechenzentrum, das auf dem Kirchengrundstück steht, auch noch abgerissen werden würde. Es sind wortgleiche Sätze dabei, mit denen schon die SED den Abriss begründete.

Die Vielzahl der Bündnisse und Initiativen suggeriert eine breite Ablehnungsfront. Das trifft nicht zu. Es ist eine gut organisierte linksextreme Szene, die sich zu inszenieren weiß. Die apodiktische Verkündigung einfacher Narrative, gerne auf Pappplakaten in Fernsehkameras gehalten, hat ihren Reiz für die Medien. Kaum eine Zeitung konnte den Inhalt eines Bürgerbegehrens gegen die Garnisonkirche richtig wiedergeben; auch Prof. Oswalt hat sich nicht die Mühe gemacht, exakt zu recherchieren. Dann hätte er nämlich festgestellt, dass die Ablehnung kein „mieser Trick“ war, sondern die Aktivisten völlig falsche Versprechungen machten. Die Bürger können durch ihre Unterschrift nicht den Bau einer Kirche (bzw. vorerst nur des Kirchturms) stoppen, zumal die Baugenehmigung schon vorliegt. Es sollte auch erreicht werden, dass die Stadt Potsdam die Wiederaufbau-Stiftung auflöst. Das wäre in der DDR oder in Putins Russland möglich gewesen, aber die Stadt kann eine Stiftung nicht auflösen, wenn diese nicht gegen Stiftungsrecht verstößt. Sie kann aus der Stiftung austreten, die Stiftung existierte aber weiter. So kompliziert ist das nun auch wieder nicht. Herr Oswalt hätte es den Lesern der Sonntagszeitung durchaus zumuten können.

Herr Oswalt hat sich auch nicht die Mühe gemacht, den aktuellen Stand wiederzugeben. Den Aufbaugegnern war es, wie im Blog berichtet, gelungen, das DDR-Rechenzentrum, das die SED in das Kirchengrundstück hineinragen ließ, zumindest für eine Interimszeit vor dem Abriss zu bewahren und es als Haus für Kunstschaffende und als Versammlungsort für Aktivisten zu nutzen, wenn sie nicht gerade in Räumen der Linkspartei tagen. Auf die Stadt kommen jetzt einige Millionen € Mehrkosten zu: Sie muss das marode Rechenzentrum sanieren und bis 2023 bewohnbar halten und die Mehrkosten für den Wiederaufbau des Turms tragen. Die entstehen, weil der DDR-Plattenbau den Wiederaufbau des Turms erschwert.

Ich hätte mir gewünscht, dass die Berichterstattung der von mir hoch geschätzten Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hier präziser, ausgewogener und aktueller gewesen wäre.

 

 

Schulklassen in Stasi-Gefängnissen

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Gestern Abend liefen auf Phoenix in der Reihe „Mein Ausland“ Filme über die baltischen Staaten. Eine kurze Sequenz fand ich bemerkenswert.

In allen drei Staaten wird an die Sowjetherrschaft 1940 und 1944 – 1992 erinnert. Die KGB-Gefängnisse sind Gedenk- und Dokumentationsstätten.

In einem der Filme wurde der Besuch einer Schulklasse in einem KGB-Gefängnis begleitet. Die Schüler werden von „Aufsehern“ empfangen, müssen im Kriechgang über den Hof, werden verhört und in Zellen eingesperrt.

Es schien mir kein Ferienspaß zu sein. Zumindest äußerten sich Schüler im Interview sehr ernsthaft über ihre Empfindungen, während sie von Schauspielern in Gefängniswärterrollen traktiert worden waren.

In Brandenburg haben Professoren und politische Bildner/-innen Bedenken, wenn in Gedenkstätten ehemalige Insassen Schulklassen führen. Die Schüler könnten überwältigt werden.

 

Vorbild und Zerrbild: wie wirkt die DDR-Schule nach?

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Veranstaltungen der Bundesstiftung Aufarbeitung in Berlin besuche ich recht häufig. Sie lohnen sich fast immer. Hochkarätige Referenten und mit ausgewiesenen Experten besetzte Podien sind die Regel. Im Publikum sitzen überwiegend ältere Jahrgänge, fast immer mit Erfahrungen und Wissen zum Thema.

Jedes Mal wäge ich ab: Bleibe ich im schönen Potsdam auf dem Balkon sitzen, rauche eine Zigarre, trinke einen Rosé oder mache ich mich auf den Weg nach Berlin-Mitte?

Dieses Mal hieß die Veranstaltung „Vorbild oder Zerrbild? Die DDR-Schule in der gesamtdeutschen Bildungsdebatte“.

Die Formulierung gefiel mir nicht. In der deutschen Bildungsdebatte spielt die Ostschule keine große Rolle. Das Wort „gesamtdeutsch“ gehört in die Zeit der Teilung. „Vorbild oder Zerrbild?“ taugt allenfalls als provozierende Schlagzeile. Die beiden Pole, um die eine Diskussion über die Ostschule kreisen sollte, sind sie für mich nicht.

Die eingeladenen Referenten sagten mir, abgesehen von Prof. Geißler und Frau Teuteberg nichts. Als Moderator wurde David Ensikat genannt. Vor drei Jahren hatte sein (Jugend-)buch über das kleine Land mit der großen Mauer gemischte Gefühle bei mir hinterlassen.

Das, was ich hier aufschreibe, spielt sich in Sekunden im Kopf oder eher im Bauch ab: Ich fahre nicht hin.

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Schüler drehen Film über Speziallager

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Nicht sehr oft kommt es vor, dass ein sowjetisches Speziallager das Interesse von Jugendlichen hervorruft. Eher geht es um die nationalsozialistischen Konzentrationslager und nicht darum, wie die Sowjets nach der Befreiung Deutschlands vom Faschismus die Lager weiternutzten. (Zu Speziallagern siehe im Blog u. a. hier!)

Oranienburger Gymnasialschüler drehen einen Film mit einem der letzten Zeitzeugen, der drei Jahre im Speziallager auf dem Gelände des ehemaligen KZs Sachsenhausen in Oranienburg bei Berlin verbringen musste.

Das Thema Speziallager war in der DDR tabu. In den Geschichtsbüchern und dem Geschichtsunterricht spielen sie auch heute keine Rolle. In der brandenburgischen Gedenkstättenstiftung dominiert die antifaschistische Bildungsarbeit. Die sowjetischen Speziallager sind ein nachrangiges Thema, das man nicht verhindern konnte.

Ein Nachhall davon ist noch beim Pressesprecher der Stiftung zu hören. In der PNN v. 13.6.17 wird über das Filmprojekt berichtet und der Stiftungsmitarbeiter zitiert. Demokratie falle nicht vom Himmel und sei stets gefährdet und: „Die Schüler lernen am Nationalsozialismus und den Folgen, was schlimmstenfalls möglich ist.“

 

Der Stacheldraht – Zeitschrift der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft

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Auch wenn ich kein von der SED-Verfolgter bin, lese ich das Verbandsblatt mit Gewinn (und spende gelegentlich).

Es findet sich viel zur Aufarbeitung des Geschehens in der DDR und natürlich sind auch die Informationen über die Unzulänglichkeiten und Benachteiligungen bei der Linderung des materiellen und psychischen Leids der von der SED-Verfolgten aufschlussreich.  So geschah es kürzlich, dass sich nur ein linker Bundestagsabgeordneter bereit fand, mit Verbandsvertretern zu sprechen. Der sprach auch offen aus, dass es bemerkenswert sei, dass sich ausgerechnet die Nachfolgepartei der SED für ein Anliegen der von der SED-Verfolgten einsetze.

In der Ausgabe 4/2017 finde ich wiederum viele Informationen:

Der chinesische Dissident Harry Wu ist gestorben

Wus Vater war Bankier, er verlor in der Kulturrevolution Stellung und Vermögen und starb im Gefängnis. Wus jüngerer Bruder wurde von Maos Rotgardisten erschlagen, seine Mutter beging Selbstmord.

Wu galt als „Rechtsabweichler“ und wurde zu 25 Jahren Lagerhaft verurteilt. 19 Jahre saß er ab. Er wurde gefoltert. Dann erhielt er seinen Arbeitsplatz an einer Pekinger Universität zurück. Er emigrierte in die USA und bekam deren Staatsbürgerschaft.

1995 reiste er inkognito in die Volksrepublik. Er deckte den Handel mit menschlichen Organen auf. In China werden Gefangene getötet und deren Organe verkauft.

(Der Spiegel hatte in diesem Fall auch kurz berichtet.)

Nachtrag GS: Wus Ruf als Menschenrechtler und Dissident wurde beschädigt, als Yahoo Millionen Dollar Entschädigung an chinesische Dissidenten zahlte, da sie der Pekinger Regierung E-Mail-Accounts zur Verfügung gestellt hatten. Das führte in China zu zahlreichen Verhaftungen. Im Zusammenhang mit diesen Geldzahlungen gab es Vorwürfe von Dissidenten gegen Wu wegen angeblicher finanzieller Ungereimtheiten.

Andererseits weiß man, dass Dissidenten gerne etwas vorgeworfen wird, um sie unglaubwürdig zu machen.

aus: Der Stacheldraht 4/2017, p 6, von Peter E. Müller

„Universität“ Workuta

Erschütternd ist auch die Geschichte des Althistorikers Peter Musiolek. Er war mit seinen Eltern aus der Tschechoslowakei vertrieben worden und landete in der Nähe von Brandenburg a. d. Havel. Er studierte Textilchemie in Cottbus. Dort wurde er vom NKWD verhaftet und verurteilt wegen Zersetzung der DDR. Staatsfeindliche Handlungen, so der Verfasser des Berichts, Wilhelm K. H. Schmidt, konnten ihm nicht nachgewiesen werden. Musiolek kam nach Workuta. Vor der Entlassung im Vorfeld des Adenauerschen Staatsbesuchs 1955 wurden er und andere deutsche Gefangene noch wochenlang 8.000 km mit Zügen durch Sibirien gefahren. Kein Mensch weiß bis heute warum. Er war einer wenigen, die nicht nach Westdeutschland wollten. Er machte, nach einem Geschichtsstudium, Karriere als Historiker an der Humboldt-Universität.

Seiner ersten akademischen Förderin und Chefin, einer Westdeutschen, die als Anhängerin Stalins in die DDR übergewechselt war, nahm er durch seine Lebensgeschichte den Glauben an Stalin und den Kommunismus.

Er war zunehmend enttäuscht von der Hochschulpolitik der SED. Bei Prof. Kuczynski im Institut für Wirtschaftsgeschichte fand er eine Nische, die Wirtschaftsgeschichte der Antike.

Musiolek starb am 16.11.1989.

aus: Der Stacheldraht 4/2017, p 7

Ältere Ausgaben sind als pdf abrufbar

 

Schlimmer geht´s nimmer: Rechtsextremismusforschung

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Gerade schrieb ich einen Nachtrag zum meinem Beitrag „Die enthemmte Mitte. Eine neue „Studie“ aus einem Leipziger Kompetenzzentrum“ aus dem Sommer 2016 . Mehrere kritische Blogs, u.a. Science Files, AchGut, Tichys Einblick nahmen damals die Studie auseinander. Nun es gibt eine weitere Studie zum Rechtsextremismus. Welt Online berichtete gestern darüber.

Was mir, wohl wegen meines Urlaubs, entgangen war: Science Files hatte sich längst mit dieser Studie gewohnt fundiert und verständlicherweise sarkastisch beschäftigt, mit dem Ergebnis: Junk Science vom Feinsten. Der Welt-Mitarbeiter hatte anscheinend Science Files gelesen, aber vergessen, die Quelle anzugeben.

Hier der Link zu Michael Kleins Beiträgen auf Science Files

In FAZ vom 23.5., p 6, beschäftigt sich Eckhard Jesse kritisch mit Rechtsextremismus-Studien, vor allem solchen, die in der gesellschaftlichen „Mitte“ nach Rechten suchen. Er kritisiert die unscharfen, bisweilen nebulösen Begriffe.

Studien kämen mit denselben Fragebatterien zu stark differierenden Ergebnissen: einmal betrage die Ausländerfeindlichkeit 20,4, ein anderes Mal 7,7 %. Bei einzelnen Antworten („lehne völlig ab“) gäbe es Abweichungen von 20%. Rechtsextreme Einstellungen hätten zuletzt niedrigste Werte (5,9 % im Osten, 2,9 % im Westen). Dieser Rückgang würde nur knapp kommentiert.

Und was die unscharfe Mitte anginge: Rechtsextremismus sei ein Unterschichtenphänomen.

Wie nicht anders zu erwarten: Im Tagesspiegel meint Rechtsextremismusfachmann Matthias Meisner zur Göttinger „Studie“: bloß handwerkliche Fehler.

Thüringen will DDR erforschen

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Die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit hatte Rot-Rot-Grün im Koalitionsvertrag vereinbart. Gerade angesichts des weltweiten Vormarsches autoritärer Herrschaftsausübung sei die Erforschung moderner Diktatur- und Herrschaftsmechanismen aktuell, sagte Minister Wolfgang Tiefensee (SPD).

Minister Tiefensee ist sicher unverdächtig. Sein Ministerpräsident hat sich, obwohl Linker, Respekt und Ansehen auch beim politischen Gegner verschafft. Hoffentlich ist Thüringen auch auf der „Arbeitsebene“, also in den Verwaltungen hinter der Landesregierung, nicht auf strammem Linkskurs.

Es gibt schon ausreichend DDR-Geschichtsschreibung, in der ein „frischer“ Blick auf die Wohlfühldiktatur geworfen wird.

Zufriedene Demokraten? In Thüringen in der Minderheit

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Der Thüringen-Monitor ist eines der besten Projekte empirischer Sozialforschung im Bereich der Rechtsextremismusforschung. Die Sorgfalt und Transparenz der Untersuchungen überragt bei weitem marktschreierische Auftragsstudien. 

Im neuesten Bericht 2016 findet sich dieses Schaubild:

thueringen-monitor

Bei einer weiteren Abbildung (69) steht:

… ist es doch unter dem Gesichtspunkt der Verankerung der Demokratie in Thüringen bedenklich, dass auch 2016 eine Mehrheit der Befragten diktaturaffin ist und 27 Prozent mindestens zwei der hier zur Messung der allgemeinen Diktaturaffinität zusammengefassten Fragen zustimmen.

Das gesamte Kapitel ( 5 Seiten) ist sehr lesenswert (pp 69-75).

Ich frage mich, warum ausgerechnet in Thüringen, wo es wie anderswo auch Dutzende von Zentren, Initiativen, Projekten, Dachverbänden und Vereinen gegen Rechts gibt, die Kahane-Stiftung mit Geldern der Landesregierung einen wissenschaftlichen Dienst aufbaut und dafür Stellen ausschreibt. (Siehe hier, Nachtrag v. 1.9.16)

Weißbuch „Zwangskollektivierung“ von 1960

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Ein Leser des Blogs hat mir freundlicher Weise eine CD mit dem Weißbuch der Bundesregierung zur Zwangskollektivierung 1959/60 zugeschickt.

Es ruft in Erinnerung, wie im angeblichen Rechtsstaat DDR Bauern mit Hilfe der Gerichte, der Volkspolizei und der Gemeindeverwaltung, mit psychischem Druck und mit Terror zum „freiwilligen“ Eintritt in die so genannten Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) gezwungen wurden. (Es gab vorübergehend die Typen I bis III mit unterschiedlichem Grad der Enteignung; darauf gehe ich hier nicht ein.)

Unter den Geflüchteten dieser Jahre war die Zahl der Bauern groß. Da die LPGen trotz militaristischer Propaganda wie „Kampfproduktion“ und „Ernteschlacht“ weniger produzierten als die freien Bauern kam es zur Versorgungskrise.

Dies alles führte zum Mauerbau 1961.

Im Weißbuch der Bundesregierung, vorgelegt vom Gesamtdeutschen Minister Ernst Lemmer. sind ostdeutsche Zeitungsausschnitte, Gerichts- und Verwaltungsakten sowie Berichte geflüchteter Landwirte, aus denen man Einzelheiten von der Terrorkampagne 1960 erfährt. Es enthält auch einen Überblick über der Kollektivierung 1952 bis 1960.

bauernfibel

 

Bezirk Potsdam vollgenossenschaftlich
Brandenburgische Neueste Nachrichten v. 18.3.60

Nachdem die Kampagne zum freiwilligen Eintritt in die LPGen nicht zum 100prozentigen Erfolg  geführt hatte, setzte die SED 1960 mit der Terrorkampagne alles daran, endlich die Landwirtschaft total zu kollektivieren. Den Rest des Beitrags lesen »

Neues Buch über mutige junge Leipziger 1989

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Der Journalist Peter Wensierski erzählt in einem neuen Buch eine „Wahnsinnsgeschichte“ von mutigen jungen Leuten zur Wendezeit in Leipzig: „Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution“.

Wensierski war u. a. für den Spiegel schon tätig, als der noch ein wichtiges Nachrichtenmagazin war.

Mit Wolfgang Büscher schrieb er 1984: Null Bock auf DDR – Aussteigerjugend im anderen Deutschland (vergriffen).

Er drehte als Dokumentarfilmer und TV-Reporter u. a. den Film Mauerläufer.

Die Bundeszentrale für politische Bildung und der Rundfunk Berlin-Brandenburg gaben 2005 Auf den Spuren einer Diktatur heraus. 32 Filme zur DDR-Geschichte auf 3 DVDs aus dem TV-Magazin „Kontraste“ , die er in Zusammenarbeit mit Roland Jahn und Ilko-Sascha Kowalczuk zusammengestellt hatte.