DDR-Alltag

Neues Kartenspiel zur Vermittlung von Wissen über die DDR

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Mit den Karten des Spiels „Wendepunkte“ können Schüler der oberen Mittelstufe, aber nicht nur die, das Leben in der DDR und in der Zeit nach der Friedlichen Revolution kennenlernen.

Das Spiel entwickelt sich anhand von biographischen Elementen – Engagement in der Kirche, Eintritt in die SED, Studium in Moskau oder heimlich Flugblätter verteilen.

Die DDR ist nicht auf Statistik, Organigramm, Gesetzestext oder Mauerfoto reduziert, sondern es werden Lebensläufe und persönliche Entscheidungen mit dem kommunistischen System verschränkt und damit das Leben in diesem Staat konkret und nachvollziehbar.

Natürlich darf ein Lehrerheft nicht fehlen. Es enthält die nötigen Informationen zum Spiel, aber vor allem Anregungen, Materialien und Links zu sechs Themenblöcken, die wiederum der Verschränkung von Ideologie und individuellen Biographien treu bleiben.

Es ist ein großer Wurf!

Jeder Geschichtslehrer weiß, dass das, wozu Kartenspiel und vertiefende Arbeitsanregungen im Lehrerheft auffordern, im Regelunterricht zeitlich nicht zu leisten ist. Da stellt man mit Schrecken fest, dass das Schuljahr schon bald vorbei ist und man im Geschichtsunterricht beim Nationalsozialismus hängen geblieben ist. (Über Politikunterricht, den es in Berlin in der Mittelstufe so gut wie nicht gibt, und die Kompetenzorientierung von Unterricht, durch die Inhalte austauschbar werden, will ich gar nicht erst reden.) Aber man kann Projekttage und -wochen damit gestalten. Auch ist in Vergessenheit geraten, dass man Themenelemente auch schon in früheren Jahrgängen behandeln kann oder exemplarisch vorgeht.

Michael Geithner, Social Media Manager des Berliner DDR-Museums, das ich in diesem Blog schon mehrmals gelobt habe, ist einer der beiden Autoren des Kartenspiels. Dank der Unterstützung der Bundesstiftung Aufarbeitung kann es Schulen kostenlos zur Verfügung gestellt werden.

Dieses DDR-Museum leistet eine großartige Arbeit, eben weil es sich nicht als bloße Devotionaliensammlung von DDR-Alltagsgegenständen wie etwa das Museum in Eisenhüttenstadt versteht. (Wobei Alltagsleben und seine Objekte in Berlin keineswegs zu kurz kommen. Es gibt eine Objekt-Datenbank!) Es ist ein aktives Museum, das u. a. Veranstaltungen anbietet und einen Wissenschaftler Fragen zur DDR beantworten lässt.

 

Lesetipp: Uwe Gerig, Abgeschafft! Plötzlich war der Osten Westen

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Das schmale Bändchen enthält mehrere, heterogene Teile. Auf den ersten ca. 70 Seiten erzählt der Großvater dem 14jährigen Enkel vom Leben in Ostdeutschland: von der Stasi, vom Aufstand 1953, vom Mauerbau, von seinem Beruf als Journalist, von den Dienstreisen in unpünktlichen, schmutzigen Zügen, seinem widersprüchlichen Alltag als Mitarbeiter in SED-Zeitungen, in denen überall dasselbe stand, von den ständig erneuerten Parolen und Propagandabildern an den Hausfassaden, gemalt mit Farbe, die dann beim Renovieren der Häuser fehlte. Das ist so gut erzählt, dass es Jugendliche verstehen können.

Dem SED-Mitglied Uwe Gerig, dem es in der DDR materiell keineswegs schlecht ging, gelang 1983 über Jugoslawien mit seiner Frau zusammen die Ausreise. Die zwanzigjährige Tochter schaffte es nach zweimonatigem nervenstarken Ringen mit der Staatssicherheit per Sonderverfügung, ausreisen zu dürfen.

In einem weiteren Teil ist eine Auswahl von erstaunlich offenherzigen Briefen aus seinem ostdeutschen Bekanntenkreis an den inzwischen im Westen lebenden Journalisten dokumentiert. (Sie wurden zumindest teilweise anscheinend auf Westreisen geschrieben.) Auch sie geben einen eindrucksvollen Einblick in das alltägliche Leben, die Beobachtungen der Briefpartner auf Westreisen, bei Besuchen der großmütigen Westverwandtschaft, die zum Jeans-Einkauf in den Intershop einlädt.

Schließlich gibt es ein Glossar der „seltsamen Begriffe des Sozialismus“ wie Broiler, zuführen, abkindern und Bückware.

Die Westdeutschen sieht Gerig sehr kritisch. Den Rest des Beitrags lesen »

Tag des Bauarbeiters

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Der 22.6. war in der DDR „Tag des Bauarbeiters“.

(gelesen bei @ddrmuseum)

„Frag Dr. Wolle!“ – Das DDR-Museum auf Youtube

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Das private Berliner DDR-Museum muss die Konkurrenz des neuen bundeseigenen DDR-Museums in der Kulturbrauerei nicht fürchten. Es hat die Nase vorn, denn es ist mit eigenem Channel auf Youtube vertreten: „Frag Dr. Wolle!“ heißen die Clips, in denen der wissenschaftliche Berater des Museums, der Historiker Dr. Stefan Wolle, Fragen beantwortet, die ihm gestellt werden können.

Gute Idee: Doku-Soap „Plattenbau 1962“

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von Gideon Böss

Naja, die als Vorbild genannte ARD Doku-Soap „Schwarzwaldhaus 1902“ dürfte vergleichsweise einfach zu realisieren gewesen sein: Die Kamera begleitete eine Familie, die so lebte, wie man 1902 auf dem Lande gelebt hat: Ohne Telefon, TV, Auto und fließendes Wasser. Diese Annehmlichkeiten gab es im SED-Staat, wenngleich nicht überall und für alle. Die damaligen Unannehmlichkeiten lassen sich nicht so einfach in Bilder umsetzen.

Es gibt aber Filme wie „Barbara“ oder die „Weißensee“-Serie, die Einblick in den DDR-Alltag gewähren, auch wenn Stasifamilien ein materiell privilegiertes Leben führen konnten. (Warum die TV-Kritikerin des Tagesspiegels seinerzeit jubelte, endlich würde einmal den Stasi-Mitarbeitern Gerechtigkeit in einem Spielfilm widerfahren, verstand ich nicht so ganz. Vielleicht weil der „Respekt vor DDR-Biographien“ für sie auch Stasi-Mitarbeiter umfasst?)

Eine Warteliste für Bückware

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Aus Anlass des Tages der Deutschen Einheit hat die FAZ die Seite ihres Projektes „Jugend schreibt“ dem Thema gewidmet. eine Schülerin der Kaufmännischen Schulen in Waldshut erzählt die Geschichte eines Fernfahrers und seiner Familie. Der heute 71jährige, der im Schwarzwald lebt, erzählt von seinem Beruf. Er fuhr z. B. nach Jugoslawien, holte Textilien, von denen in der DDR die Etiketten und Preisschilder entfernt wurden. Dann verkaufte die SED sie nach Westdeutschland. Die Familie lebte in der Nähe von Leipzig. Dort waren Ende der 80er Jahrebis auf zwei alle Brücken für den Schwerverkehr nicht mehr befahrbar, so dass er Umwege fahren musste. Er staune noch heute über die Freiheit, die er im Westen erlebe. In der DDR musste man immer damit rechnen, dass man bespitzelt wurde.

Er hatte mit lange mit dem Weggang gezögert, mit Rücksicht auf seine Familie. Außerdem verdiente er als Fernfahrer gut, nicht zuletzt in Valutamark (DM). Auch musste er nicht 12 Jahre auf einen neuen Pkw warten.

Zwei Monate vor dem Mauerfall fuhr er mit seinem Lkw nach Westen, 55000 ersparte DM im Gepäck. Mit seiner Frau hatte er einen unverfänglichen Telefonanruf vereinbart, denn in seinem Heimatdorf gab es nur zwei verwanzte Telefone. Sein ältester Sohn war mit seiner Familie über Ungarn geflohen. schneller als andere an neue Pkws.

Seine Frau konnte nach der Grenzöffnung einen Ausreiseantrag stellen. Sie musste 30 Mark bezahlen und die DDR innerhalb von 24 Stunden verlassen. In der DDR hatte sie als Verkaufsleiterin in einem Elektrogeschäft gearbeitet. Für manche Artikel führte sie eine Warteliste, die sich über 25 Jahre Wartezeit erstreckte. Um selbst an die begehrte Ware zu kommen, schrieb sie Listen komplett ab, um ihren Namen an die oberste Stelle setzen zu können.

Die Wartelisten wären doch ein Exponat für ein Alltagskulturmuseum!

Stefan Wolle, Aufbruch nach Utopia. Alltag und Herrschaft in der DDR 1961 – 1971

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Die Bundeszentrale für politische Bildung muss ausgewogen politisch bilden, schließlich sind in ihrem Kuratorium alle Bundestagsparteien vertreten. Von 1973 bis 2000 hatte sie sogar jeweils drei parteipolitisch abgestimmte Direktoren. Kein Wunder, dass sie auch bei der Literatur zur DDR auf Ausgewogenheit achten muss. Jetzt hat Direktor Thomas Krüger nach dem  problematischen Buch über DDR-Mythen das oben genannte angekauft.

Ich war schon beim Lesen des Titels überrascht. Ausgerechnet die 60er Jahre als Aufbruchsjahre ins kommunistische Paradies zu bezeichnen ist bemerkenswert.  Zu Beginn des Jahrzehnts hat die SED die Ostdeutschen endgültig eingesperrt. Ulbricht macht dann das, was alle kommunistischen Staaten immer wieder machen: Er verordnet der schwerfälligen, teuren Planwirtschaft marktwirtschaftliche Elemente  (NÖSPL). Und wird deswegen von Honecker und dessen Getreuen gestürzt.

Honecker ruiniert dann die DDR durch eine nicht finanzierbare Sozialpolitik vollends und baut in den 70ern das MfS aus.

Währenddessen gab es im Rest der Welt 1968. In Prag wäre die NVA am liebsten mit einmarschiert. Da war der DDR-spezifische Aufbruch nach Utopia, kaum dass er begonnen hatte, schon wieder vorbei.

Nun, für ca. 5 Mio SED-Mitglieder und ihre Familien war die DDR von Anfang bis Ende ein Vorgeschmack auf die sozialistische Utopie: Vor allem die Kader und ihre Familien mussten wenig entbehren. Sie bekamen die besseren Autos, die besseren Wohnungen, die besten Krankenhäuser, die Ufergrundstücke und die besten Urlaubsplätze.

Schon Lenin hatte dafür gesorgt, dass seine Bolschewiki die Wohnungen der Adligen übernehmen durften. Für die Werktätigen gab es die Kommunalka: Fünf Zimmer für fünf Familien.

In der DDR bauten schon mal die Ministerien die Wohnhäuser für den Minister, die Materialien ausschließlich aus dem Westen natürlich.

Vielleicht meint Wolle den Titel ironisch. Wolle hatte schon einmal den ironischen Buch-Titel „Die heile Welt der Diktatur“ gewählt und darin zutreffend den Alltag in der DDR beschrieben.

Stefan Hilsberg besprach es im Deutschlandradio.

Andrew Port: Die rätselhafte Stabilität der DDR

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Über den Mythos vom größeren Zusammenhalt der Menschen in der DDR steht im Blog hier etwas.

Nun gibt es die 400 Seiten starke Dissertation des US-amerikanischen Historikers Andrew I. Port, der Archive der Stadt Saalfeld (Thüringen) ausgewertet hat: „Die rätselhafte Stabilität der DDR – Arbeit und Alltag im sozialistischen Deutschland„, Berlin: Chr. Links-Verlag 2010.

Port kommt nach Auswertung von Stasiakten und Protokollen von Bürgerversammlungen aus den Jahren 1945 bis 1971 zu der These, dass es in der DDR-Gesellschaft kein Miteinander, sondern eher ein Gegeneinander gab. Die kommunistischen Funktionäre waren ständig bemüht, Kompromisse zu machen, um Konsens herzustellen. Sie verteilten dosiert Privilegien, machten Zugeständnisse, gaben Zuckerbrot und Peitsche und sorgten so immer wieder für Ruhe.

Sie verstärkten aber damit Ungleichheit und Unzufriedenheit. Die Uneinigkeit, die soziale Spaltung der Gesellschaft und die immer wieder herbeigeführten Beschwichtigungen und Problemlösungen der Obrigkeit hätten Solidarität und Unruhen verhindert und das Regime mehr stabilisiert als Repression und Terror.

Das entwertet m. E. nicht , dass es Freundschaften gab, dass man sich privat traf. Ungerechtfertigt ist aber die Glorifizierung der größeren menschlichen Wärme in der DDR und die Denunziation der kapitalistischen Gesellschaft wegen ihrer zwischenmenschlichen Kälte, wie das Maaz und Schorlemmer tun.

Port sieht manches etwas naiv, etwa das MfS. Er scheint überrascht zu sein, dass die Funktionäre sich bemühten, den Wünschen der Arbeiter und Bauern entgegenzukommen. Aber auch er sieht in  dem SED-Staat noch keinen kundenorientierten Dienstleistungsbetrieb.

In einem Interview sagte Port kürzlich: „Mich wundert ein bisschen die geringe Freude (der Deutschen; Basedow1764). Statt dessen wird ständig lamentiert, gemeckert und verglichen…. Ich habe überhaupt den Eindruck, dass viele Deutsche gar nicht wissen, in was für einem tollen Land sie leben.“

Beim Verlag gibt es das Buch auch im pdf-Format!