Hatte Marx doch recht?

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Marx ist wieder gefragt. In Hinterzimmern der Volkssolidarität und „linksalternativer“ Jugendclubs in Potsdam wird davon geschwärmt, dass es unter Stalin keine Börsencrashs gegeben habe. Auch in der Berliner Volkshochschule Urania sind altlinke Profs wieder gefragt.

Es ist schade, dass, vor allem in Brandenburg, in den Schulen die Geschichte der DDR ziemlich kurz kommt, darin der Sowjetkommunismus und die Planwirtschaft noch kürzer. Dabei wäre dies für die politische Bildung ertragreicher als die beliebten Vergleiche zwischen DDR und BRD, nämlich wo die Frauen emanzipierter waren, wer den Nationalsozialismus gründlicher ausgemerzt hätte, wer mehr Kindergartenplätze und bessere Schulen gehabt hätte.

Prof. Ulrich van Suntum, Wirtschaftswissenschaftler der Universität Münster schreibt dazu in der heutigen Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS; 13.6.10)  eine kurze, allgemein verständliche Einführung:

Zuerst biographische Anmerkungen. Marx selbst war bettelarm, er lebte von der finanziellen Unterstützung seines Freundes, des Unternehmersohns Friedrich Engels. Der übernahm sogar die Vaterschaft über ein Kind, das Marx, neben sieben ehelichen Kindern, mit seiner Haushälterin gezeugt hatte.

Marx hatte ja durch die Konkurrenz der Kapitalisten untereinander eine immer stärkere Konzentration der Produzenten und einhergehend eine sinkende Profitrate und wachsende Verelendung der Bevökerung vorausgesagt. Erst wenn das Proletariat die Herrschaft ergreife, fließe der Profit nicht mehr den Kapitalisten zu, sondern werde das Zeitalter des Kommunismus ermöglichen: Jeder werde nach seinen Bedürfnissen leben können.

Wie die Wirtschaft im Kommunismus funktionieren solle, wenn Kapitalisten und Unternehmer verschwunden wären und der Profit der Arbeiterklasse zuflösse, darüber gibt Marx wenig Auskunft.

Er machte sich sogar lustig über seine Anhänger, die seine theoretischen Schriften als Handlungsanweisung sahen: „Die kommunistische Partei ist eine Bande von Eseln, die auf uns schwört, weil sie uns für ihresgleichen hält“  sagte er 1851 zu Engels.

Man kann aber die Praxis aus 70 Jahren kommunistischer Herrschaft untersuchen: Den Lebensstandard kommunistischer Staaten, die Ausgaben für Infrastruktur, Wohnungen, Umwelt, die Qualität und Innovationsfähigkeit der industriellen Produktion, die Ressourcenverschwendung der Planwirtschaft.

Prof. van Suntum lobt Marxens Geldtheorie, auch wenn Marx wie bei fast allen seinen Arbeiten, sich nicht eingehender und vertiefender mit den Themen befasst hat. Die heute bestehende Verselbständigung des Finanzsektors gegenüber der Realwirtschaft ist in der Tat eine dem Kapitalismus innewohnende Gefahr, die immer wieder zu Finanzkrisen. Gemessen an Stillstand, Ineffizienz und Unfreiheit in kommunistischen Staaten sieht van Lintum in gelegentlichen Finanzkrisen aber das geringere Übel.

Das wäre doch ein Vergleich, der es in die Flyer des LISUM schaffen sollte!

Siehe auch in diesem Blog: Zentralverwaltungswirtschaft und Planspiel Planwirtschaft!

Einige Texte der FAS-Serie „Wie wir reich wurden“, noch nicht der o.a., sind unter www.faz.net/reich nachzulesen.

Links liegen lassen

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Allen Beschwörungen und Beteuerungen zum Trotz bleibt der Umgang mit der SED-Diktatur ein Dauerbrenner. Auffällig dabei dabei die dialektischen Windungen der Postkommunisten.

So hat die Sozialistin Katja Kipping in einem Interview mit der FAZ gleich zweimal betont, dass sie sich an derArbeit der Stasi-Unterlagenbehörde überhaupt nicht störe, ja dass sie das sogar für den Kandidaten Gauck einnehmen würde. Das hindert sie nicht, ihm gleich anschließend zu unterstellen, dabei wissenschaftlich unkorrekt und parteipolitisch gesteuert gewesen zu sein. Dass er den Nationalsozialismus verharmlose, weil er SED und NSDAP gleichsetze, fällt der Jungpolitikerin natürlich auch noch ein.

Ergänzung 30.6.10: Dass es nach diesem Posting erst richtig losgeht mit dem Anti-Gauck-Amoklauf der Neokommunisten, hätte ich nun doch nicht erwartet: Vergleich Gauck, Wulff mit Hitler und Stalin , Brunnenvergifter (beides von MdB Dr. Dehm), privilegierter DDR-Pfarrer (Lafontaine), seine Rolle als Rostocker Bürgerrechtler maßlos übertreibend (MdB Dr. Bartsch; er war während er Zeit der Friedlichen Revolution in Moskau und wurde dort zum Dr. promoviert), Verhinderer einer kritischen DDR-Aufarbeitung (Der als Reformer geltende Stefan Liebich)

Dass die Linkspartei, die sich rühmt die jüngste Partei Deutschlands zu sein und am gründlichsten mit der SED abgerechnet haben will (Behauptet der Berliner Fraktionsvorsitzende Wolf), es sich immer wieder eine Herzensangelegenheit sein lässt, SED, Stasi, die DDR zu verteidigen, verrät viel.

Für die vergeblich von Rot-Rot in Brandenburg bekämpfte Enquetekommission, die aufarbeiten soll, was nach der „Wende“ in Brandenburg ablief, haben die Postkommunisten einen Wiener Spezialisten für Transformationsprozesse in Mitteleuropa nominiert. Zuallererst will die Kommission für ihre Mitglieder einen Stasicheck durchführen. Das lehnt der Wiener Spezialist ab. Er, ehemaliges SED-Mitglied, in Moskau promoviert, früher Humboldt-Universität Berlin, führt die friedliche „Wende“ auf die Wirkung eines Reformerflügels in der SED zurück.

Er sei schon mehrfach ohne Befund überprüft worden. Sein schlagendes Argument: In Westdeutschland würde auch niemand nach seiner K-Gruppen-Vergangenheit gefragt werden.

Wenn ich daran denke, wie die K-Gruppen in der BRD gemordet und gefoltert haben, wie sie ihre Kommilitonen bespitzelt und deren akademische Karrieren verhindert haben, muss ich dem Wiener Spezialisten recht geben.(K-Gruppen bei Wikipedia; was dort fehlt: K-Gruppen in WASG und westdeutschen Linksparteiablegern.)

Dass Rot-Rot, nachdem sie die Kommission nicht schon verhindern konnten, ihre Spitzenleute hinschicken, und auch die FDP nicht ihre kompetenteste Abgeordnete, sondern einen ehemaligen Blockparteipolitiker delegierte, lässt ahnen, dass hier geschichtspolitische Schlachten geschlagen werden sollen. Auch die Erweiterung der Untersuchungsbereiche („Gesamtcheck“) auf Antrag von Linken und SPD lässt zukünftige Argumentationsmuster erkennen: „Kommission hat sich übernommen“, „kommt zu keinem Ende“, „Wir müssen endlich die Zukunft gestalten“, „Keine neuen Gräben aufreißen!“

Derweil veranstaltet der linke Justizminister Brandenburgs seine eigene Aufarbeitungstagung. Er lässt sich von Jura-Professoren auf einer Veranstaltung seines Hauses bescheinigen, dass seine Äußerung, die DDR wäre rein wissenschaftlich gesehen, kein Unrechtsstaat, richtig wäre.

Ein Einstieg ins DDR-Thema kann leicht über aktuelle Nachrichten gelingen, wie hier gezeigt. Geschichte ist kein toter Gegenstand. Man kann aus der Gegenwart in die Vergangenheit gelangen und von dort aus die Gegenwart besser verstehen.

DDR im „Tatort“

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Ist das schon jemandem aufgefallen?

Die Kriminalserien des öffentlich-rechtlichen Rundfunks thematisieren immer mal wieder Machenschaften von Stasi und Co, alte Seilschaften und geheime Konten. Meist ist zwar dann doch der Gärtner der Mörder. Aber verdienstvoll. Anderswo wird darüber kaum gesprochen.

Wenn die Edelfedern der FAZ den Sonntagskrimi verreißen, gefällt er mir meist. So war das auch diesmal bei „Schlafende Hunde“. Vielleicht etwas dick aufgetragen, wenn der Erzeuger mit der zwangsadoptierten Tochter aus einer Jugendliebschaft schläft, aber der Rest war gut erzählt. Herrlich der Satz der Staatsanwältin, als der Kommissar es wagt anzumerken, dass sie schon wieder bei einer Straftat mit Stasi-Hintergrund untätig bleibt: „Das können Sie aus Ihrer Froschperspektive gar nicht beurteilen!“ gibt sie blasiert zurück.

Schon der erste „Tatort“ 1970 war übrigens gesamtdeutsch. „Taxi nach Leipzig“ hieß er.

Nachtrag: Siehe auch in diesem Blog hier!

Zeitzeugenbesuche und die DDR-Bücherkiste Ampelmännchen

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Die Verwendung der Bücher- und Medienkiste „Ampelmännchen und Todesschüsse“ im Unterricht wird gelegentlich mit einem Zeitzeugenbesuch verbunden. So war zuletzt Utz Rachowski bei drei 10. Realschulklassen zu Gast. (In „Jeder schweigt von etwas anderem“ ist er Mitwirkender. Autor ist er u. a. von“Erinnerungen an eine Jugend.“)

„Lesen Sie nicht zu viel“, rät der Lehrer dem Zeitzeugen Rachowski, „Meine Schüler schalten schnell ab.“ Rachowski liest und erzählt. Hinterher ist der Lehrer fassungslos: „80 Realschüler waren 90 Minuten hoch konzentriert.“

Ein Zeitungsbericht dazu.

Es ist der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung zu danken, dass sie Zeitzeugenbesuche in Schulen finanziell unterstützt.

Aufarbeitungsstau in Brandenburg

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Park Sanssouci

Ulrike Poppe, deren Stelle als Beauftragte für die Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur in Brandenburg zwanzig Jahre nach der „Wende“ eingerichtet wurde, wusste, worauf sie sich einlässt. Was sie antrifft, sagte sie kürzlich der Märkischen Allgemeinen in einem Interview:

In Teilen von Wirtschaft und Verwaltung liege die Meinungsführerschaft noch heute bei Stützen des ehemaligen SED-Regimes. Es seien mehr alte Seilschaften aktiv als in den anderen ostdeutschen Bundesländern.

In den Schulen träfe sie auf erschreckende Verteidigungsstrategien der DDR. Die Schüler/innen gewönnen keine Einsichten in die Wirkungsweise der Diktatur.

Sie erlebe eine Nostalgiewelle, die kaum etwas mit der Realität in der DDR zu tun habe.

Zwangskollektivierung (2): Brandenburger Zustände

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denkmalbauernEs begann harmlos: Der sachsen-anhaltinische Bauernbund suchte einen Standort für ein Denkmal zur Erinnerung an die Zwangskollektivierung vor 50 Jahren. Er wich ins brandenburgische Kyritz aus, da Gemeinden im eigenen Land das Denkmal nicht haben wollten.

Der Brandenburger Landwirtschaftsminister und der SPD-Fraktionsvorsitzende im Landtag wurden eingeladen. Kamen aber nicht. Statt dessen nahm Udo Folgart, der ehemalige LPG-Chef, jetzt Geschäftsführer der in eine Agrarfirma umgewandelten LPG  und SPD-Landtagsabgeordneter an einer Tagung der Linkspartei zur Würdigung der Zwangskollektivierung, ebenfalls in Kyritz, teil. Zuvor war das bröckelnde Denkmal für die Zwangskollektivierung von der Gemeinde restauriert worden. (Folgart war unter einem Bundeskanzler Steinmeier als Landwirtschaftsminister vorgesehen.)

Organisiert war die Tagung vom Duzfreund des Ministerpräsidenten Platzeck, dem ehemaligen SED-Bezirkssekretär in Potsdam, Vietze (entfernt vergleichbar mit einem Ministerpräsidenten in einer Demokratie). Vietze war bis vor kurzem Mitglied des brandenburgischen Landtages. Er hatte im Oktober 1989, als es sogar in der SED-Hochburg Potsdam zu Demonstrationen kam, dazu geraten, endlich die Gewehre aus dem Keller zu holen. Heute gilt er als geläuterter Demokrat. Am besten, man hört ihm einmal zu oder liest, was er zu seiner Rolle als radikaler Vergangenheitsbewältiger in seiner Partei sagt.

Die SPD(!) sagt, dass die „Linken“-Veranstaltung zur Zwangskollektivierung in Kyritz stattfand, sei Zufall.

Als Kritik daran laut wurde, dass es die Landesregierung nicht fertig gebracht habe, einen Kranz niederzulegen, reagierten Landesregierung und SPD gereizt: Sie seien nicht eingeladen worden. Der Bauernbund sagt, er habe eingeladen.

Der Vorsitzende der Landtagsfraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Axel Vogel richtete eine Breitseite auf die Regierung. Er hat schon durchgesetzt, dass die Landwirtschaftspolitik nach der „Wende“ ebenfalls in der Enquetekommission untersucht wird. SPD und Linke haben erbittert, aber vergeblich, versucht, das zu verhindern. Jetzt wird allmählich klar, warum.

Axel Vogel: „Unsere Kritik richtet sich gegen die Unfähigkeit der rot-roten Landesregierung, die Zwangskollektivierung historisch angemessen einzuordnen, gebührend an das damals geschehene Unrecht zu erinnern und das Fortwirken der Ergebnisse der sozialistischen Kollektivierungspolitik in der heutigen Landwirtschaftsstruktur anzuerkennen.

… Als dem DDR-Regime klar wurde, dass es für die „sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft“ keine Mehrheit in der Landbevölkerung finden würde, setzte es diese mit unerbittlichem Zwang und Härte durch. …

Dies zu benennen bedeutet nicht, die heutigen Eigentumsverhältnisse in Frage zu stellen. Ein Irrtum ist es aber anzunehmen, die großen Nachfolgebetriebe hätten höhere Beschäftigungseffekte als eine bäuerlich strukturierte Landwirtschaft. Hieraus sind Rückschlüsse für die zukünftige Landwirtschaftspolitik Brandenburgs zu ziehen.

Außerdem muss die Frage beantwortet werden, wie früher entstandenes Unrecht zumindest teilweise wieder gut gemacht werden kann.“

Vogel erinnert daran, dass nach der „Wende“ zahlreiche LPG-Vorsitzende ihren Betrieb als GmbH-Geschäftsführer übernommen hätten und mit mehr Technik und weniger Personal weiter gemacht hätten. Die Großbetriebe seien bevorzugt worden, kleinere und mittlere Einzelbauern „ausgebremst“ worden. Das wurde selbst einigen FDP- und CDU-Oppositionskollegen zuviel. In diesen Parteien gibt es Politiker mit Blockpartei- und SED-Vergangenheit.

Bei der Linkspartei gibt es durchaus Stimmen, die sagen, dass damals viel Unrecht geschehen sei, was man bedaure. Andererseits hätte man damit die Grundlage geschaffen für die heutigen modernen, leistungsfähigen Großbetriebe. Monostruktur, „Kartoffeln bis zum Horizont“ und immer noch wachsende Massentierhaltung, sagt Vogel dazu.

Bei Ministerpräsident Platzeck liegen die Nerven blank: „Gaga“ findet er die Diskussion um die Zwangskollektivierung. Das Desinteresse der SPD passt zur bisherigen Politik:

  • Keine Erwähnung der DDR-Aufarbeitung im Wahlprogramm
  • Koalition mit der davon überraschten Linkspartei. (Man erinnert sich an das Bild, auf dem die Linken-Fraktionsvorsitzende Kaiser sich widerstrebend von Platzeck umarmen lässt)
  • seine Parole von der notwendigen Versöhnung mit den Tätern, da ein Riss durch die ostdeutsche Gesellschaft ginge
  • die Unterstellung, die Westdeutschen hätten sich mit den Nazis ausgesöhnt
  • die überraschende Behauptung, er hätte die Einrichtung einer Beauftragten für die Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur „angeregt“ (Chefsache war es wohl nicht, denn es dauerte sieben Jahre. Sich einer Sache zu rühmen, die es anderswo seit 20 Jahren gibt, ist auch bemerkenswert)
  • die Bekämpfung der Enquetekommission

Platzeck weiß, dass die Mehrheit der Bevölkerung nichts von Aufarbeitung wissen will, ein geschöntes DDR-Bild hat und auch hinter der brandenburgischen Landwirtschaftspolitik der Förderung des Agrarkartells der Nachfolger der SED-Großfarmen steht.

Die Abwehr der Kritik folgt dem bekannten Muster: Wer sich kritisch mit der SED-Diktatur auseinandersetzt , beschädige DDR-Biographien, entwerte die Lebensleistung von DDR-Menschen. Das ist eine beliebte Behauptung bei linken und SPD-Politikern und zu ihrem Spektrum gehörenden Historikern.

Der SPD-Kolchosen-Lobbyist Udo Folgart folgt dem bewährten Muster: Wer die Zwangskollektivierung und die weiter bestehenden Riesenbetriebe kritisch betrachte, beleidige die Landbevölkerung.

Bemerkenswert finde ich, dass die Zwangskollektivierung als Grundstein für die heutige moderne Landwirtschaft gesehen wird. Merkwürdig, dass Sozialisten und Postkommunisten auf einmal unhistorisch denken. Warum wurden dann die riesigen Rittergüter der adligen Junker zerschlagen? Hätte man es nicht gleich bei den Rittergütern belassen können?

Ein paar Jahre bekamen kleine und kleinste Bauern Felder der enteigneten Junker. Das war die sogenannte Bodenreform. Die Junker wurden in den GULag geschickt oder starben in den von den Sowjets weiter geführten Lagern der Nationalsozialisten an Hunger und Krankheiten. Dann nahm man den Bauern die Äcker wieder ab und zwang sie in die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften.

Den Mindestlohn und die Menschenrechte hätten die Freiherrn inzwischen wohl eingeführt. Es wäre Tausenden die Flucht, Hunderten der Selbstmord, Hunderttausenden Angst und Leid erspart worden. (Bei der Zwangskollektivierung Stalins in Russland und Maos in China mussten Millionen Menschen sterben.)

Es ist wie oft im Kommunismus: Nach Jahren, gar Generationen andauernder Umwälzungen, in denen auch millionenfacher Mord gerechtfertigt wird, landet man wieder da, wo eine bürgerliche, parlamentarische, evolutionäre Gesellschaft schon längst ist. Gorbatschow ist Zeuge!

Das ist ein Thema für eine Fallanalyse: Kommunismus als Ideologie, DDR-Geschichte, Aufarbeitung nach der „Wende“, kontroverse Akteure: In dem Thema ist alles enthalten!

Ergänzung 8.5.10:

Die Sache erledigt sich nach Art des Brandenburger Weges: Platzeck beteuert, dass er an der Spitze der DDR-Aufklärer stehe. Aber man müsse in die Zukunft schauen und könne nicht dauernd Vergangenheit bewältigen. Die Opposition bedankt sich für die klaren Worte. Die beiden Potsdamer Zeitungen watschen den grünen Oppositionsführer ab, der sich verrannt hätte. In den Zeitungen gibt es die ersten Leserbriefe über das gute Leben und die Wohltaten in der LPG.

Nachtrag 15.5.10:

Wie sehr die Debatte um die Erinnerung an die Zwangskollektivierung den Nerv getroffen hat, sieht man in diesen Tagen.

Ministerpräsident Platzeck fordert erneut, nach vorne zu schauen und plädiert für einen Schlussstrich. Er wollte auch schon eine Untersuchung der Brandenburger Agrarpolitik nach der „Wende“ verhindern.

Auf einer Versammlung des Landesbauernverbandes, in dem die LPG-Nachfolger organisiert sind, ließ man den CDU-Oppositionsführer nicht reden und kritisierte den Grünen-Chef, der die Brandenburger Bauern beleidigt hätte, als er in den LPG-Nachfolgebetrieben leninistische Denkweisen überleben sah.

Update 26.05.10: Was Zeitungsleser erst jetzt erfahren: In der Immobiliengesellschaft der Landesregierung, die auch umstrittene Bodenreform-Grundstücke verwaltet, waren mindestens zwei MfS-Offiziere tätig. (In der „demokratischen“ Bodenreform der sowjetischen Besatzungszone wurden die adligen Gutsbesitzer enteignet, vertrieben oder in Lager eingesperrt. Ihr Grundbesitz wurde in „Volkseigene Güter“ überführt oder an Kleinbauern verteilt. Die mussten bald darauf „freiwillig“ ihr Land an die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften abgeben.)

Wie die Alt-Genossen den reibungslosen Übergang der DDR-Kolchosen in die neue Zeit organisierten und das Vermögens des SED-Vereins „Gegenseitige Bauernhilfe“ für ihren neuen großagrarischen Interessenverband sicherten, dokumentiert Christian Booß.

Die Mythen der „Wende“

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Es gibt unausrottbare Mythen über die DDR. Sie nehmen sogar an Bedeutung zu und bestimmen das Bild von der DDR, das sich die Nachwelt macht. Sie sind in der Handreichung zur Medienkiste „Ampelmännchen“ genannt.

Es ist wie mit strittigen Gerichtsurteilen: Keiner hat gelesen, was die Richter sagen, aber alle schimpfen auf das Urteil. Meine 13jährigen marokkanischen Halbstarken belehrten mich gern: „Das können Sie nicht verstehen. Das ist unsere Kultur. Das steht so im Koran.“ Wenn ich sie fragte, ob sie´s selbst gelesen hätten und es mir zeigen könnten, herrschte grinsendes Schweigen.

So könnte man es bei den Mythen auch machen: Mal genau hinsehen, bevor man das Gesundheitswesen, das Schulwesen, das Leseland, die Emanzipation der Frauen, verklärt. Am schlimmsten ist es m. E. im wirtschaftspolitischen Bereich. Das Thema „Planwirtschaft“ spielt nur eine untergeordnete Rolle in den Lehrplänen, in derAufarbeitungsliteratur, in den Medien.

Auch bei den westdeutschen Gutmenschen ist die wesentliche Ursache der DDR-Misere, dass sie schlechte Startbedingungen hatte: Die Demontage durch die Russen. Andere Faktoren finden allenfalls in Fußnoten Platz.

40 Jahre Planwirtschaft mit ihren falschen Weichenstellungen: Kein Thema. Im Gegenteil, dass eine Kommandowirtschaft zu Spitzenleistungen fähig ist, wird noch gelobt: Die DDR baute Flugzeuge, Mikrochips (500x so teuer wie auf dem Weltmarkt) und Spiegelreflexkameras. Das erinnert an den afrikanischen Potentaten, der in der Savanne den Petersdom nachbauen ließ.

Es gibt m. E. nur wenig für Laien verständliche Literatur dazu:

  • Am besten und kürzesten: Ilko-Sascha Kowalczuk, Die 101 wichtigsten Fragen. DDR. Es schmälert das Verdienst des Autors nicht, wenn man feststellt, dass es der Zettelkasten von Endspiel ist.
  • André Steiner, Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR. Es ist noch keine erschöpfende Darstellung, aber für interessierte Laien wie mich eine brauchbare Lektüre.

(Beide sind in der Ampelmännchen-Kiste)

  • Mit Karl-Heinz Paqué, Die Bilanz. Eine wirtschaftliche Analyse der deutschen Einheit, bin ich schon beim Thema der Überschrift. Paqué, Wirtschaftsprofessor und mehrere Jahre Finanzminister in Sachsen-Anhalt, setzt sich auch mit der wirtschaftlichen Ausgangslage der DDR auseinander. Da bleibt es nicht bei der Demontage durch die Sowjetunion. Sein Schwerpunkt ist aber, wie der Titel schon sagt, die ökonomische Bilanz der Vereinigung. Man traut sich nicht, es laut zu sagen: Paqué belegt, dass die Treuhand im Großen und Ganzen gar nicht so schlecht gearbeitet habe. Er spielt verschiedene Modelle des wirtschaftlichen Einigungsprozesses durch. Sehr viel klarer und plausibler als das Gerede von den Wessis als Plattmacher und Sieger, von der verlängerten Werkbank westlicher Konzerne. Man könnte durch die Lektüre sogar auf die Idee kommen, dass 40 Jahre sozialistische Planwirtschaft – ohne Preisbildung am Markt, ohne Innovationsdruck, mit Ressourcenverschleuderung, ohne Vernetzung in der Weltwirtschaft – die Biographien leistungsbereiter, gut ausgebildeter DDR-Bürger/innen mehr beschädigt hat als die Treuhand. Paqué  sieht eine Dolchstoßlegende, die von Ewiggestrigen und Marxisten wie Daniela Dahn propagiert wird: Dass die Treuhand und Kapitalisten der BRD die blühende Wirtschaft der DDR zu Fall gebracht hätten.
  • Ungeeignet: Thomas Großbölting (Hrsg.), Friedensstaat, Leseland, Sportnation? DDR-Legenden auf dem Prüfstand. Berlin: Verlag Chr. Links, 2009

Ran ans Thema, ihr Zeithistoriker/-innen. Lasst die Arbeit an noch mehr DDR-Alltagskulturmuseen ruhen, unterbrecht die Zeitzeugeninterviews darüber, was gut im Sozialismus war. Sorgt dafür, dass nicht länger pro und contra DDR , Rechts- oder Unrechtsstaat und beleidigten ostdeutschen Biographien schwadroniert wird!

Gebt uns Handfestes, damit wir die Regisseurinnen, Kabarettisten und Pfarrer auslachen können, die das Experiment DDR, auf dem Ruhekissen von bisher 1600 Milliarden € Aufräumkosten, wiederholen möchten.

Lesetipp: Rayk Wieland, Ich schlage vor, dass wir uns küssen

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Wer wissen will, wie die DDR war, sollte dieses Buch lesen. Es erfüllt die Forderung des Experten Prof. Sabrow, DDR-Aufarbeitung solle fröhlich sein. (Vorkenntnisse könnten nicht schaden. Denn die Wirklichkeit war nicht nur zum Lachen.)

Ein 18jähriger verliebt sich unsterblich in eine Westdeutsche, die er in einem Ostberliner Theater kennenlernt. Fast ein Jahr werden Liebesbriefe hin und her geschickt und er schreibt Gedichte, Nonsensgedichte, Liebesgedichte. Nach der Maueröffnung verliert die Angebetete Münchnerin das Interesse.

W. weiß, dass seine Primanerlyrik keine Literaturgeschichte machen wird. Er hat sie auch längst vergessen. Dann findet er in der Stasi-Akte seine Reime wieder und seine Liebesbriefe.

Sein Stasi-„Betreuer“ hat Ordner voller Gutachten angelegt, in denen er die negative Grundhaltung des Dichters, die verleumderischen Absichten und die fatalistischen Ansichten anstreicht, Fragezeichen und Ausrufezeichen neben die Verse schreibt, Maßnahmen, Sonderrecherchen und operative Aufklärung unternimmt.

Das erinnert an Schwejk, an Robert Gernhardt. Das erbärmliche Geschehen wird manchmal zur Groteske. aber anders als die harmlosen Komödien „Sonnenallee und „Good bye, Lenin“ ist Wielands Roman eine Realsatire. Man hätte etwas straffen können, aber Lektor scheint ein aussterbender Beruf zu sein.

Allein die Beschreibung des Wandgemäldes im VEB Werk für Fernsehelektronik, wo W. , dem das Abitur verweigert worden war, als Lehrling ausgebildet wurde, lohnt schon den Kauf des Buches (pp 89-98).

Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft

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Geschichte ist nie vorbei! Wie sehr Geschichte in die Gegenwart hineinragt, zeigt aktuell die Erinnerung an das SED-Projekt „Vom Ich zum Wir“, der erzwungene Zusammenschluss der Bauern in „Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften“ (LPG), die Zwangskollektivierung.

1960 war sie abgeschlossen. 400000 Bauern verloren ihre Eigenständigkeit und wurden Landarbeiter in den LPGen. 15 Jahre vorher hatten die Kommunisten die adligen Großgrundbesitzer enteignet, die Junker, und ihr Land an Kleinbauern gegeben. Das war die sog. Bodenreform. In den 50er Jahren nahm man es ihnen wieder ab.

(Es verlief ähnlich wie beim großen Bruder Anfang der 30er Jahre. Die sowjetische Zwangskollektivierung führte allerdings zu über 3 Millionen Toten, zehntausende Bauern wurden in die sowjetischen Konzentrationslager gebracht, Tausende erschossen.)

Es wird geschätzt, dass etwa 15.000 Bauern bis 1960 nach Westdeutschland geflohen sind, tausende wurden ins Zuchthaus gesperrt, weil sie Widerstand leisteten. Zögernde Bauern wurden durch Psychoterror und andere Maßnahmen zur Aufgabe gebracht. Ca. 200 haben sich selbst getötet.

50 Jahre danach sollte den Opfern der Zwangskollektivierung ein Denkmal gesetzt werden. Das war nicht so einfach, weil die meisten Gemeinden kein Denkmal wollten. In Kyritz ist es jetzt gebaut worden.

Ebenfalls dort hält die Linkspartei, der Nachfolger der SED, eine Feier zum Gedenken an die Bildung der Landwirtschaftsgenossenschaften ab.

Die Opferverbände sind empört, dass der Zwang und die Brutalität, mit der die SED ihre Ziele durchsetzte, auch noch gefeiert wird. Bei der Feier dabei war der Vorsitzende des brandenburgischen Bauernverbandes, der die Großbauern vertritt, die heute die LPGen als Privatbetriebe führen. Meist sind es die ehemaligen LPG-Vorsitzenden. Sie beherrschen die Landwirtschaft in Brandenburg auch heute. Der Vorsitzende, der bei der Linkspartei mit auf dem Podium sitzt, ist SPD-Politiker.

SPD und Linke haben sich dagegen gewehrt, dass in Brandenburg auch die Landwirtschaft nach der „Wende“ von einer Enquetekommission untersucht werden soll.

Die Folgen der Zwangsenteignung waren in den 60er verheerend. Die Versorgung der Städte wurde schlechter. Es gibt Vermutungen, dass der Mauerbau 1961 vor allem deswegen erfolgte, weil sich die Zahl der Flüchtlinge aus den Dörfern verdoppelt hatte.

Ergänzung: Siehe auch hier

Ergänzung (29.6.10):  Ein paar Wochen später treffen sich linksextreme Intellektuelle in Berlin, um den Kommunismus neu zu denken. U. a. wird ein sowjetischer Film über „gute“ und „schlechte“ Bauern von 1930 gezeigt.

Stalin ließ 1930 ca. 9 Mio. Bauern „liquidieren“ (Stalin). Er schob die Versorgungsmängel der kollektivierten Landwirtschaft auf  die „Kulaken“. Damit waren ursprünglich Großbauern gemeint. Bei der Liquidierung Anfang der 30er Jahre galt aber schon jeder Bauer, dar eine Kuh besaß, als Kulak.

Sehr lesenswert: Jens Schöne, Mauerbau und ländliche Gesellschaft der DDR, in: Horch und Guck 76, Umwelt in der DDR, S. 56ff

Planspiel „Planwirtschaft“

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Zwei Bereiche werden bei der missglückenden öffentlichen DDR-Aufarbeitung so gut wie gar nicht berücksichtigt: Kommunismus als Ideologie und die sozialistische Wirtschaft. Folgerichtig ist das Schülerwissen in diesen beiden Bereichen nicht nur gering, sondern gar nicht vorhanden.

  • Hier gibt es ein

Planspiel „Planwirtschaft“ (pdf, 265 kb)

  • Hinweise zur Planwirtschaft gibt es auch in der Handreichung zur Medienkiste, S.17-19 im pdf bzw. scrollen zu:

Ist die Planwirtschaft der sozialen Marktwirtschaft überlegen?

  • Witze bringen oft in ein, zwei Sätzen auf den Punkt, was in Prosa über mehrere Seiten ausgeführt werden muss:

Frage an Radio Eriwan: „Liegen denn die amerikanischen Wissenschaftler, die behaupten, die Zukunft sei unvorhersehbar, vollkommen daneben?“ „Im Prinzip liegen die amerikanischen Genossen Wissenschaftler vollkommen daneben, denn die Zukunft entspricht exakt dem Fünf-Jahresplan.“