Lesetipp: Ruth Hoffmann, Stasi-Kinder. Aufwachsen im Überwachungsstaat

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Mehr oder weniger zufällig kam die Journalistin Ruth Hoffmann zu diesem Thema. Sie interviewte 13 Kinder von MfS-Offizieren.

Die DDR-Tschekisten hielten sich für eine Elite. Sie mussten ihre Tätigkeit vor der Familie und den Nachbarn geheim halten. „Die Firma“ überwachte ihren Alltag und die Ehe. Sie verhinderte Eheschließungen mit Frauen, in deren Verwandtschaft es „negativ dekadente“ Elemente oder Westverwandtschaft gab, drang gegebenenfalls auch auf Scheidung. Dafür erhielten die Mitarbeiter das Doppelte bis Dreifache des Durchschnittslohns, hatten eigene Krankenhäuser, Restaurants und Urlaubshotels. Mit Speiseeis aus dem Westen, wie sich ein „Stasi-Kind“ erinnert. Sie bekamen vom Zoll beschlagnahmte Westwaren und fuhren Fiat, Peugeot oder Citroen. Die MfS-Kinderkrippen waren besser ausgestattet als die für die restlichen Werktätigen.

Nicht gefeit waren die Tschekisten vor innerfamiliären Konflikten. Auch in MfS-Familien gab es Nachwuchs, der nicht dem Glauben der Väter an das kommunistische Paradies anhing. Da schrieb einer eine kritische Wandzeitung, besuchte ein illegales Jazzkonzert, schrieb heimlich an den RIAS, sah Westfernsehen, weil alle in der Klasse über die Sendungen sprachen, stellte gar einen Ausreiseantrag oder heiratete eine Frau mit Westverwandtschaft.

Manche wurden nachdenklich wegen der Geheimniskrämerei um Vaters Job. Sie wunderten sich, dass der Vopo Haltung annahm, wenn der Vater im Auto kontrolliert werden sollte und nur seinen Ausweis zu zeigen brauchte. In der Schule spürten sie bei Lehrern und Mitschülern, dass es da etwas geben musste, das zwischen ihnen stand.

Für die Väter bedeuteten auffällig werdende Kinder einen Karriereknick. Dem suchten sie zuvorzukommen, in dem sie auch die kleinste Verfehlung meldeten, sich entschuldigten und Besserung gelobten. Sie verprügelten die Söhne, mieden den Kontakt zu ihnen. In einem Fall allerdings bewahrte der Vater, ein ranghoher Stasi-Mann und hochgeachteter Antifaschist, den Sohn vor der Einlieferung in den Jugendwerkhof. Ein anderer versuchte, seinem „ungeratenen“ Sohn doch noch den Zugang zur NVA-Offizierslaufbahn zu verschaffen.

Bis heute plagen sich Nachkommen mit Schuldgefühlen, haben das Gespräch mit dem Vater gesucht. Eine Tochter blendet das familiäre Geschehen völlig aus, kann sich an nichts erinnern. Bis der Therapeut ihr rät, einmal ihren Vater zu googeln. Ein Vater wollte beim MfS ausscheiden. Das wurde ihm nicht erlaubt. Der Vater von Vera Lengsfeld hatte sich schon angesichts des Umgangs der Sozialisten mit seiner Tochter innerlich vom MfS losgesagt.

Die Tochter eines in der Wolle gefärbten Kommunisten, der als Spion in Westdeutschland wirkt, fällt aus allen Wolken, als plötzlich fünf Polizisten an der Tür auftauchen und den Vater verhaften wollen. Er war durch den aus der DDR geflohenen Stasi-Offizier Stiller aufgeflogen. Mit dem eigenen Vater gibt es kein klärendes Gespräch. Sie sucht den Kontakt zu Stiller, der gut verdienender Bankier geworden ist. Mit ihm kann sie Gespräche führen. Aber Stillers Tochter, die sie ebenfalls kennenlernt, sagt ihr voraus, dass ihr Vater kein wirkliches Interesse an einer Auseinandersetzung habe und bald das Interesse verlieren würde. So geschieht es. Diese Männer können nicht verstehen, was sie ihren Kindern angetan haben.

Es sind Einzelfälle, die Frau Hoffmann wohltuend sachlich nach Interviews und BStU-Akten erzählt. Man kann nur vermuten, was daran repräsentativ ist. Tausende von MfS-Leuten haben die Wende gut überstanden, leben als mittelständische Unternehmer in Brandenburg und anderswo. Von innerfamiliären Konflikten und psychischen Folgen ihrer MfS-Tätigkeit blieben sie anscheinend oder scheinbar verschont.

Das Buch gibt es auch bei der brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung. Auszüge aus Interviews unter www.zeitzeugen-tv.com/
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Neuauflage „Stasi auf dem Schulhof“

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Eine erweiterte Neuauflage mit einem Vorwort von Joachim Gauck und Texten von Jürgen Fuchs und Herta Müller ist jetzt erschienen.

Ein Exemplar der Erstauflage konnte ich für 4 € erwerben, als es auf einem Flohmarkt des Potsdamer Instituts für Zeithistorische Forschung verramscht wurde. In der Zwischenzeit wurden im Antiquariat 60 € verlangt.

Das Inhaltsverzeichnis der Erstauflage und eine auf der Basis des Buches entstandene Filmdokumentation
Update: Die Bundeszentrale für pol. Bildung hat das Buch in einer Sonderausgabe in ihrem Shop

Buch und Lesen in der DDR

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Bei der Bundeszentrale für politische Bildung gibt es das gleichnamige Buch von Dietrich Löffler in einer Lizenzausgabe. Es wird als sehr gründliche Bestandsaufnahme dargestellt.

Vom selben Autor habe ich einen kurzen Aufsatz gefunden. Leider fand ich nicht heraus, ob es ein Buchkapitel oder eine Kurzfassung des Buches ist.

Der Mythos vom „Leseland“ wird genauer betrachtet und man muss schon genauer und differenziert hinsehen, um zu erkennen, ob er eventuell partiell ein wenig berechtigt ist.

Wirklichen Aufschwung nahm die Lesekultur aber erst kurz vor und vor allem nach der „Wende“, als es keine Zensur mehr gab. (Vorher wurde etwa so viel gelesen wie in Österreich.)

Die hohe Nachfrage nach Büchern resultierte daraus, dass die Buchhandlungen (außer NVA-Büchervertrieb und Volklsbuchhandlungen) immer nur einen kleinen Teil ihrer Bestellmenge zugeteilt bekamen. Sie bestellten daher überhöht, in der Hoffnung ein paar Bücher mehr zu bekommen.

Die Facharbeit eines westdeutschen Gymnasiasten

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wird auf „deinegeschichte.de“ vorgestellt:

Jakob Hamidi, Schüler des Freiherr-vom-Stein-Gymmnasiums Münster, besuchte im April 2011 die von der BStU initiierte Ausstellung,  „Feind ist, wer anders denkt“ im Rathaus der Stadt Münster. Das weckte sein Interesse für die Geschichte der DDR. Nach einem Praktikum bei der „Deutschen Gesellschaft“ und einem Besuch im ehemaligen Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen beschäftigte ihn vor allem eine Frage: Wie haben Jugendliche in der DDR gelebt und überlebt?
Dieser Frage ging der 16-Jährige im Schuljahr 2011/12 in einem Aufsatz zum Thema „Jugendopposition“ nach.

Die Frauen von Workuta

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Ein Projekt der „Berliner Heimatfilm GbR“ ist die Interviewreihe mit Frauen, die von SMAD und SED nach Sibirien geschickt wurden.

Bundeskanzler Adenauer konnte 1955 nach seinem Moskau-Besuch die Freilassung Zehntausender deutscher GULag-Insassen bekanntgeben. Dazu gehörten nicht nur Kriegsgefangene, sondern auch Männer und Frauen, die in den 40er und 50er Jahren in der „Mitmach-“ und „Partizipationsdiktatur“ DDR nicht mitmachen wollten und sich in demokratischen Parteien engagiert hatten.

Der Trailer und weitere Informationen

Ex-DDR-Gastarbeiter wollen von Deutschland Lohn

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In Mosambik hatten ehemalige DDR-Gastarbeiter schon einmal die bundesdeutsche Botschaft besetzt. Jetzt demonstrieren sie gegen Deutschland.

Sie wurden in der DDR zwar als Affen und Neger beschimpft, aber sie hofften auf eine bessere Zukunft in Mosambik, wo nach der Vertreibung der portugiesischen Kolonialherren 1975 die Wirtschaft zusammengebrochen war. 60% des Lohns wollte die SED nach Mosambik überweisen. Dort sollte die Regierung es den Rückkehrern auszahlen.

Als nach dem Mauerfall, wie es der Verfasser eines Artikels in der Märkischen Allgemeinen vom Tage formuliert, die DDR-Wirtschaft zusammenbrach, kehrten die nunmehr Arbeitslosen nach Afrika zurück. Den ausstehenden Lohn bekamen sie von ihrer Regierung nicht. Daher wollen sie ihn von der Bundesregierung. Die sagt, die DDR-Regierung habe laut Aktenlage alle Beträge (ca. 60 Mio € nach heutiger Rechnung) korrekt nach Mosambik überwiesen.

 

Update: Dokumentation Honeckers Gastarbeiter. Fremde Freunde in der DDR (mdr 2015)

Staatsgläubigkeit

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Die mangelhafte DDR-Aufarbeitung in Ostdeutschland, vor allem die Vernachlässigung ökonomischer Aspekte der Staatswirtschaft und die immer noch starke Präsenz der SED-Nachfolger in Politik, Verwaltung und Medien scheinen mir Gründe dafür zu sein, dass bei jedem Problem nach Verstaatlichung gerufen wird.

Obwohl gerade in Ostdeutschland präsent sein müsste, dass ein Staat, in dem (nicht nur) die Banken verstaatlicht waren, pleite ging, können die SED-Nachfolger/-innen von einem neuen Anlauf zu einem „kreativen“ Sozialismus schwärmen, aber benennen konkret, sofern sie ein Moderator überhaupt danach fragt, nur die Verstaatlichung der Banken und auch von sonst fast allem (Alles für die „Daseinsvorsorge“ – ein von den Nazis erfundener Begriff -, Energie, Rohstoffe, Verkehr).

Der rbb ist für seine investigativen Reportagen zu loben. Kürzlich zeigte er die Paradefälle staatlichen Versagens in Berlin:

Beim BER, dem neuen Flughafen, entdeckten die Reporter einen Protokollvermerk aus dem Jahr 2008, dass die geplante Eröffnung im Jahr 2011 nicht zu halten sei. Dennoch waren die staatlichen Aufsichtsräte drei Monate vor dem geplanten Termin von der plötzlichen Verschiebung überrascht.

Die Politik wollte das Projekt nicht einem privaten Generalunternehmer anvertrauen, weil sie befürchtete, das würde zu teuer. Deswegen schickte die die staatliche Flughafengesellschaft ein Jahr nach Baubeginn(!) den Generalunternehmer in die Wüste und holte mehrere Unternehmen ins Boot. Diese konnte sie aber weder koordinieren noch beaufsichtigen. Währenddessen promovierte einer der beiden Vorstände, Dr. Körtgen, an der Uni Kassel mit dem Thema „Leitung komplexer Projekte“.

Angesichts des S-Bahn-Desasters wird von Linken und Grünen die Verstaatlichung gefordert. Dieser Staat war nicht in der Lage ein Unternehmen zu einer bestimmten Leistung zu verpflichten und hat jahrelang zugesehen, wie die halbstaatliche Bahn AG die Berliner S-Bahn wie ein Investmenthai behandelt hat. Er hat jahrelang bei Ausschreibungen diese Bahn AG privilegiert und schafft es jetzt nicht, die neue Ausschreibung rechtzeitig zu veröffentlichen, so dass zu erwarten ist, dass kein Wettbewerber bis 2017 den geforderten Wagenpark beschaffen kann. Aber mit einer verstaatlichten S-Bahn soll alles besser werden.

Das Land Berlin hat sich Geld beschafft, in dem es die Hälfte seiner Wasserbetriebe an Energiekonzerne verkaufte. Jetzt soll es sie zurückkaufen, weil Berlin die höchsten Wasserpreise Deutschlands haben soll. (Irgendwo habe ich gelesen, dass die Berliner Wasserpreise seit der Teilprivatisierung nicht mehr gestiegen seien.) Nebenan in Potsdam ist die Energieversorgung in kommunaler, also nicht in privater Hand. Potsdam zählt dennoch zu den deutschen Spitzenreitern bei Energiepreisen. Mit über 40 kommunalen Firmen hat die Stadtverwaltung einen Sektor geschaffen, in dem es viele Geschäftsführerposten zu verteilen gibt. (Ein Geschäftsführer wurde ebenfalls mit einer Arbeit über seine Tätigkeit promoviert.) Und einen Schattenhaushalt, mit dem man z. B. Fußballvereine und linksalternative Projekte unterstützen kann.

Trotz aller turbokapitalistischen Exzesse – bei denen „der Staat“ nie ganz unschuldig war (vgl. Clinton, Asmussen und unzählige andere, die als „Staat“ die Entfesselung des Finanzkapitalismus zugelassen haben), sind 70 Jahre Zentralverwaltungswirtschaft keine überzeugende Alternative.

Ausstellung „Jugendopposition in der DDR“

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Eine Plakatausstellung zur Jugendopposition in der DDR haben die Robert-Havemann-Stiftung und die Bundesstiftung Aufarbeitung erarbeitet.

Schulen können die 20 DIN-A-1-Plakate umfassende Schau gegen eine Schutzgebühr von 50 Euro bei der Robert-Havemann-Gesellschaft bestellen, über www.havemann-gesellschaft.de.

 

Mitmachdiktatur

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Eine neue Kostprobe seines Sprachwitzes gibt Prof. Dr. Martin Sabrow in einer Rezension in der FAZ von heute.

Die Historikerin Ingrid Jander hat über „Politische Verfolgung in Brandenburg 1949-1953. Der Kampf gegen Ost-CDU, Bauern und Kirchen im Spiegel der Akten von SED und Staatssicherheit“ geforscht. Der Rezensent findet, dass die Autorin aus der Distanz der heutigen von Toleranz geprägten Denkwelt zur damaligen stalinistischen Repressionspolitik die Motive der politischen Elite der DDR nicht zu erklären vermag. Die Einteilung in Täter und Opfer sei „holzschnittartig“, gaukele „falsche Klarheit“ vor. Vielmehr hätten die kommunistischen Nachkriegseliten Angst vor ihrer Bevölkerung gehabt, die sie Jahr nur wenige Jahre zuvor ins Zuchthaus oder ins Exil geschickt hätte. Frau Jander verstünde die Mechanismen der „Mitmach- und Zustimmungsdiktatur“ nicht. Dass Frau Jander darauf nicht gekommen ist: Die Überwachungs- und Repressionspolitik der kommunistischen Elite beruhe auf Angst vor der eigenen Bevölkerung!

Es sind diese kreativen Sprachspiele, die mich faszinieren: „Mitmachdiktatur“. Das klingt doch gleich niedlicher als kurz und schroff: Diktatur. Mitmachen ist etwas Gutes. Eine Diktatur, in der man mitmachen durfte, wirkt freundlicher als eine Diktatur, in der man eingesperrt wird, wenn man einen Witz erzählt.  Bei Massenkundgebungen Winkelemente schwenken und statt einen Vormittag in der Produktion zu verbringen, der Elite der Partei zuzuwinken, ist auch ästhetisch ein Genuss, wenn man sich an die Bilder erinnert, die Menschenmassen in den Stadien der Mitmachdiktaturen China und UDSSR produzierten.

Dass Stalin und angeblich auch Ulbricht ihre politischen Gegner im Zuchthaus noch einmal besuchten, um ihnen Zustimmung zur guten Sache des Sozialismus abzuringen, bevor sie sie liquidieren ließen, zeugt von dem Ringen der damaligen Elite um jede Seele. Kein Vergleich zum Nationalsozialismus, für den Mitmachen, Zustimmung und Wohlfahrt (Letzteres ein Diktatur-Bindewort von Sabrows Vorgänger in Potsdam, Prof. Dr. Jeismann) scheinbar egal waren?

Höchstwahrscheinlich stammt die perverse Wortschöpfung gar nicht von ihm. Ich finde sie schon bei einer Frau Mieth und einem Herrn Prof. Dr. Succow. Die haben höchstwahrscheinlich auch übernommen.