DDR-Aufarbeitung: Eine Erfolgsgeschichte?

Gepostet am Aktualisiert am

Bei mir wirkt noch die vormittägliche Anwesenheit auf der Sitzung der Brandenburger Enquetekommission nach. Die Linke Frau Kaiser hatte versucht, nachträglich einen Lesetipp ins Protokoll zu bekommen, ein Büchlein von Daniela Dahn und Günter Gaus. Daher habe ich nochmal gegoogelt. Daniela Dahn war mir mit ihrem verschwiemelten Kommunismus und ihrer DDR-Apologetik schon früher aufgefallen. Sie war SED-Mitglied, im Roten Kloster, der SED-Journalistenschule ausgebildet, kurzzeitig beim Demokratischen Aufbruch, dann Kandidatin der PDS als Verfassungsrichterin in Brandenburg, gilt als SPD-nah und ist heute Mitherausgeberin der  Wochenzeitung „Freitag“.

Die zahlreichen Zeitungsartikel, die ich dabei ergoogele, haben viel gemeinsam: Es gab von Anfang an in Ostdeutschland  das Bestreben, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Anläufe gab und gibt es immer wieder, vorneweg sind dabei PDS/Linke und SPD, unterstützt von einer SPD-nahen Westschiene (Eppler, Bahr, Bräutigam, Gaus).  Man konstruiert ein kollektives Ost-(Opfer-)Bewusstsein, das gegen Westdeutschland gerichtet ist (Sieger, Anschluss, Finanzstalinisten). Unter dem Mantel des Ost-Populismus und auf einem christlich inspirierten  konsensualen „Brandenburger Weg“ des „Wir sind alle nett zueinander“ können die SED-Nachfolger ihre Pflöcke einschlagen und wieder ministrabel werden. Den Brandenburger Weg gibt es nicht nur in Brandenburg! Auflösung der BStU und Ende der Aufarbeitung sind auch Themen von PDS und SPD in anderen östlichen Bundesländern.

Die Parallelen zur Aufarbeitung der Nazizeit sind augenfällig. (Man darf Nationalsozialismus und SED-Sozialismus aber nicht vergleichen, behaupten einige Brandenburger Politiker und Geschichtsprofessoren.)

Da ich beide Aufarbeitungsphasen mit Aufmerksamkeit begleitet habe und begleite, kann ich mich wiederholen: In Westdeutschland war die Vergangenheitsbewältigung eine schwere Geburt. Widerstand und Desinteresse waren groß, Altnazis haben Karriere gemacht. Und dennoch braucht sich Westdeutschland rückblickend nicht zu verstecken. Genauso würde ich es inzwischen für den Osten formulieren: Das Desinteresse und die Blockaden sind stark, der Einfluss der Altkader und ihrer Kinder ist groß. Und doch gibt es immer wieder Erfolge.

Ich weiß, dass ich vor 10 Monaten sehr viel skeptischer war. Darin sehe ich keinen Widerspruch. Mein Anspruch ist bescheidener geworden!

Die Zeitungsartikel:

Aufarbeitung der Blockparteien vor und nach der „Wende“

Gepostet am Aktualisiert am

Siehe auch Alle sind schuld  an der mangelnden DDR-Aufarbeitung in Brandenburg

Sitzungen der brandenburgischen Enquetekommission haben einen hohen Unterhaltungswert. Diesmal waren wir ordnungsgemäß angemeldet. Nebeneinander hätten wir aber nicht sitzen dürfen, sondern in verschiedenen Ecken des Saales. Dort, wo es beim letzten Mal schon für eine Zuschauerreihe eng war , standen jetzt zwei Stuhlreihen. Zum Glück kamen nicht alle, die reserviert hatten.

Der linke Abgeordnete spielt wieder mit seinem Smartphone. Heute ist auch Herr Vietze da. Er war bis 199o Hausherr im Landtagsgebäude als 1. Sekretär des Bezirks Potsdam. Vorher war er MfS-Zuträger. Danach war er 20 Jahre als PDS/Linkspartei/Linke-MdL hier zu Hause. Seine Stasi-Tätigkeit war nie Thema von Untersuchungsausschüssen. Er unterhält sich drei Stunden angeregt mit seinem Nachbarn zur Linken, einem CDU-Professor. Er ist einer der Väter des „Brandenburger Wegs“, d. h. Versöhnung hat Vorrang vor Aufklärung. Seine Stasiakte tauchte erst 2010 auf.

Das heutige Thema: Personelle Kontinuität und Elitenwandel in den Parteien Brandenburgs.

Ein Gutachter untersuchte die PDS/Linke, einer die ehemaligen Blockparteien CDU und LDPD, der dritte SDP/SPD/Grüne.

Doch um das Titelthema ging es gar nicht, miteinander verglichen haben die Wissenschaftler ihre Ergebnisse auch nicht. Sie antworten auf nicht gestellte Fragen: Die Kommunisten hätten ihre Vergangenheit am transparentesten und intensivsten aufgearbeitet: „Die PDS/Linke ging und geht offen mit ihrer DDR-Vergangenheit um“. Der Gutachter zählt auf: Die Parteitagsrede eines Mitglieds in den frühen 90er und die vielen Broschüren, in denen es um Zwangskollektivierung oder Zwangsvereinigung SPD/KPD geht. Und die Partei habe eine AG Geschichte. Die fehle bei CDU und FDP. Den wenigen Broschüren der CDU läge zudem „oft eine Verklärungsabsicht“ zugrunde (p 239).

Dass 80% der PDS/Linke- Abgeordneten vorher in der SED waren und 50% eine „Nähe“ zum System gehabt hatten, fällt da nicht ins Gewicht. Elitenwandel kann ja auch heißen, dass die Eliten dieselben sind, ihr Denken sich aber gewandelt hat.

Zum Vergleich des Parteielitenwandels nach der „Wende“ hätte die Zeit nicht gereicht, aber auch die zur Verfügung stehenen Daten nicht.

Ganz schlecht schneidet die CDU ab. Man könnte vermuten, dass das Schlimmste in der DDR die Ost-CDU war.

Der Gutachter moniert, dass die CDU in ihrer Satzung zwar frühere Spitzeltätigkeit als Ausschlussgrund sieht, nicht aber „Verantwortung für Fortbestehen der Diktatur“. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Es ist ein Vorwurf an die Ost-CDU! Die PDS braucht so etwas nach Meinung der Gutachter nicht in ihrer Satzung zu haben, hätte sie doch am offensten mit ihrer Vergangenheit abgerechnet.

In der Fragerunde der Kommission wird der CDU-Gutachter, ein Grünen-Politiker, zum leidenschaftlichen Debattenredner. Dabei kommt sein Motiv zum Vorschein: Er hat als Pfarrersohn in der Uckermark einen Ost-CDU-Funktionär erlebt, der linientreuer als die SED-Kader gewesen sein muss. Er redet sich in Rage, weil des irgendwo noch eine Otto-Nuschke-Str. gäbe (Das war ein hochrangiger Blockpartei-CDU-Politiker). Angesichts hunderter Thälmann-, Grotewohl-, Liebknecht- und Luxemburg-Straßen wahrlich ein Riesenproblem.

Kommissionsmitglied Prof. Richard Schröder schildert seine Wahrnehmung der Blockparteien. Das lohnte dann doch den Besuch im ehemaligen Potsdamer Kreml, dem derzeitigen Sitz des Landtags. Die Gutachter aber hatten ihr Thema verfehlt!

Zur Arbeit der Kommission siehe auch Deutschlandradio.

Die Szene könnte auf der Bühne als Groteske inszeniert werden: Der SED-Bezirkssekretär und langjährige Geschäftsführer von PDS/LINKE, Heinz Vietze, MdL, streckt die Beine unterm Tisch aus, scherzt mit einem CDU-Abgeordneten, während ein Jungpolitiker der GRÜNEN die Nachwende-CDU dafür geißelt, eine Otto-Nuschke-Straße nicht umbenannt zu haben.

1a-Unterrichtsidee: Eine Satire der „Jungen Welt“

Gepostet am Aktualisiert am

Endlich ist ein Unterricht möglich, wie sich Prof. Sabrow ihn wohl vorstellt: Ausgewogen und kontrovers, das „Fortschrittsgedächtnis“ der DDR-Normalbürger wie das „Diktaturgedächtnis“ der veröffentlichten Meinung berücksichtigend.

Man nehme die Ergebenheitsadresse der zweiten kommunistischen deutschen Tageszeitung „Junge Welt“, ehemals Organ des Zentralrates der FDJ, an die SED aus Anlass des 50. Jahrestages des Mauerbaus, informiere und diskutiere daran entlang das Pro und Contra der Diktatur. Es ist sicher erlaubt,  die wohl satirisch gemeinte Danksagung auf ihren Realitätsgehalt zu überprüfen. (Ich bin ich mir gar nicht so sicher, ob die Stalinisten in der Redaktion nicht doch ernsthaft glauben, was sie da schreiben.)

Ein weiteres linkes Blättchen, die Wochenzeitung „Jungle World“ macht launige Anmerkungen zur Danksagung. (Update: Dr. Gysi will die finanzielle Unterstützung der Tageszeitung „Junge Welt“ durch die Partei stoppen. Wieso verkündet das Gysi und nicht die Vorsitzenden?)

DDR-Betriebskampftruppe am Brandenburger Tor

 

Das Foto hat eine interessante Geschichte: Die vier DDR-Bürger, die hier 1961 kampfbereit zur Verteidigung ihres Staates gegen die „faschistisch-imperialistischen“ Aggression aus Berlin-West aufgestellt sind, haben bald „rüber gemacht“ und die SED musste ihr Propagandafoto zurückziehen.

Die „Junge Welt“ ist übrigens der Ansicht, 9/11 in New York wäre eine Aktion der CIA.

Unterrichtsidee: Kopiergeräte

Gepostet am Aktualisiert am

Bevor man sich in der Überfülle der Weblinks zu Mauerfall, DDR, Vereinigung usw. verliert, hier ein Unterrichtssvorschlag:

Quelle: Stuttgarter Zeitung

Ein geschäftstüchtiger junger Mann kauft zwei Tage nach Maueröffnung im Westen gebrauchte Kopierer und eröffnet in Ostberlin einen Copyshop.

Er ist heute der zweitgrößte Berliner Bürokommunikationshändler.

Rund um den Zeitungsartikel dazu kann man als Fallanalyse die DDR erarbeiten:

Was ist Planwirtschaft, warum funktioniert sie nicht, wie organisierte man den Alltag, wie man in der DDR reich werden konnte, was passierte am 9. November 1989.

Dazu fällt mir noch ein Satz von Sarah Kirsch ein:

„Und hätte es eher Kopiergeräte gegeben, die DDR wäre fünf Jahre früher zusammengebrochen.“

Weblinks zu Deutschland 1989

Gepostet am Aktualisiert am

auf dem Hamburger Bildungsserver.

Archiv der DDR-Opposition

Gepostet am Aktualisiert am

Nichts für Fans des Ex-Linksparteibundespräsidentenkandidaten und Ex-Kabrarettisten Peter Sodann: Die Robert-Havemann-Gesellschaft baut dieses Archiv auf. Es umfasst schon „500 laufende Meter. Neben den Beständen mit Zeugnissen der Opposition von Einzelpersonen und Gruppen bzw. Vereinigungen existieren eine Ergänzungsdokumentation zum Thema Repression in der DDR und Sammlungen von Samisdat-Publikationen (Untergrund-Veröffentlichungen; GS) der DDR, von Zeitungen und Zeitschriften der Bürgerbewegung sowie der unabhängigen Frauenbewegung der DDR. Hinzu kommen 786 Plakate, 80.000 Fotos, 5.000 Videokassetten, 400 Audiokassetten und 70 Transparente, Sammlung von 200 Objekten / Museales Sammlungsgut, 30 laufende Meter Pressedokumentation, Präsenzbibliothek mit etwa 9.000 Buch- und 160 Zeitschriften- und Zeitungstiteln.“ So steht es auf der Website.

 

Die Mauer: Der Anfang vom Ende der DDR

Gepostet am Aktualisiert am

13. August 2011

Ein bewegender Tag in Berlin. Die Gedenkstätte in der Bernauer Straße ist fertig. Gut besucht heute, viel Trubel. Man kann es nur eine gewisse Zeit aushalten: Die Zeitzeugenberichte, Fotos, die rostigen Eisenstangen, die den Mauerverlauf markieren.

East-Side_GalleryIm Bahnhof Friedrichstraße wird an die Güst, die Grenzübergangsstelle, erinnert. Nur schwer rekonstruieren wir den Weg vom Westbahnsteig in die Stadt, mussten wir wirklich durch den Tränenpalast? Wo hat uns das MfS in ein Besprechungsräumchen gebeten? Menschen stehen vor Bildern und halten nur mühsam die Tränen zurück.

Um wieder in der Gegenwart anzukommen, haben wir am Schiffbauerdamm, an der Spree, zu Mittag gegessen. Ein bisschen wie Venedig, manche Häuser sind allerdings potthässlich.

Stefan Wolle, Aufbruch nach Utopia. Alltag und Herrschaft in der DDR 1961 – 1971

Gepostet am Aktualisiert am

Die Bundeszentrale für politische Bildung muss ausgewogen politisch bilden, schließlich sind in ihrem Kuratorium alle Bundestagsparteien vertreten. Von 1973 bis 2000 hatte sie sogar jeweils drei parteipolitisch abgestimmte Direktoren. Kein Wunder, dass sie auch bei der Literatur zur DDR auf Ausgewogenheit achten muss. Jetzt hat Direktor Thomas Krüger nach dem  problematischen Buch über DDR-Mythen das oben genannte angekauft.

Ich war schon beim Lesen des Titels überrascht. Ausgerechnet die 60er Jahre als Aufbruchsjahre ins kommunistische Paradies zu bezeichnen ist bemerkenswert.  Zu Beginn des Jahrzehnts hat die SED die Ostdeutschen endgültig eingesperrt. Ulbricht macht dann das, was alle kommunistischen Staaten immer wieder machen: Er verordnet der schwerfälligen, teuren Planwirtschaft marktwirtschaftliche Elemente  (NÖSPL). Und wird deswegen von Honecker und dessen Getreuen gestürzt.

Honecker ruiniert dann die DDR durch eine nicht finanzierbare Sozialpolitik vollends und baut in den 70ern das MfS aus.

Währenddessen gab es im Rest der Welt 1968. In Prag wäre die NVA am liebsten mit einmarschiert. Da war der DDR-spezifische Aufbruch nach Utopia, kaum dass er begonnen hatte, schon wieder vorbei.

Nun, für ca. 5 Mio SED-Mitglieder und ihre Familien war die DDR von Anfang bis Ende ein Vorgeschmack auf die sozialistische Utopie: Vor allem die Kader und ihre Familien mussten wenig entbehren. Sie bekamen die besseren Autos, die besseren Wohnungen, die besten Krankenhäuser, die Ufergrundstücke und die besten Urlaubsplätze.

Schon Lenin hatte dafür gesorgt, dass seine Bolschewiki die Wohnungen der Adligen übernehmen durften. Für die Werktätigen gab es die Kommunalka: Fünf Zimmer für fünf Familien.

In der DDR bauten schon mal die Ministerien die Wohnhäuser für den Minister, die Materialien ausschließlich aus dem Westen natürlich.

Vielleicht meint Wolle den Titel ironisch. Wolle hatte schon einmal den ironischen Buch-Titel „Die heile Welt der Diktatur“ gewählt und darin zutreffend den Alltag in der DDR beschrieben.

Stefan Hilsberg besprach es im Deutschlandradio.

Seltene Blicke auf die andere Seite der Mauer

Gepostet am Aktualisiert am

nennt sich eine Fotoausstellung, die auf einem Zufallsfund von Annett Gröschner und Arwed Messmer in einem Potsdamer Archiv beruht. Die „Zeit“ berichtet:

Die Ausstellung: Bis 3.10.11 in Berlin, Unter den Linden 40, 2. Stock (Neben Café Einstein)

Stettin und die Friedensgrenze

Gepostet am Aktualisiert am

Der Lesetipp: Bernd Aischmann, Mecklenburg-Vorpommern, die Stadt Stettin ausgenommen, Schwerin:  2. Aufl. 2009.

Wer sich die Landkarte Vorpommerns ansieht, dem muss auffallen, dass die deutsch-polnische Grenze von der Insel Usedom bis südlich Stettin einen breiten Zipfel links der Oder umfasst. Die Potsdamer Konferenz hatte zwar die Aufteilung der Besatzungszonen geregelt, aber die Grenze zwischen der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands und den deutschen Gebieten, die Stalin den Polen als Kompensation für die im Osten an Russland abgetretenen polnischen Gebiete überlassen hatte, war offen gelassen worden bzw. es wurde pauschal von der Oder als Grenze gesprochen.

In diesem toten Winkel der Weltgeschichte spielte sich nach Kriegsende ein Drama ab. Die Sowjets setzten in Stettin von April bis Mitte Juli zur Verwunderung der Polen einen deutschen Bürgermeister ein. Mehrmals etablierte sich parallel eine polnische Verwaltung, die von den Russen aus der Stadt gewiesen wurde. Die beiden kommunistischen deutschen Bürgermeister von Stettin lieferten sich während ihrer Amtszeit im Sommer 1945 und später Scharmützel: Der zweite war sowjetischer Spitzel und Denunziant des ersten.

Die Russen hatten Stettin den Polen grundsätzlich zugesagt. Darüber hinaus versuchten polnische Vertreter, auch Usedom, Rügen und weitere Teile Vorpommerns in ihre Verwaltung zu bekommen.

(Die Karte ist aus einem Artikel des „Lassaner Boten“. Das scheint ein rechtsextremes Blatt zu sein, aber die Karte gibt die Sicht der polnischen Seite korrekt wieder.)

Den noch nicht geflüchteten und sogar aus Mecklenburg-Vorpommern wieder zurückgekehrten Deutschen in Stettin und dem unter polnischer Verwaltung stehenden Gebiet westlich der Oder fehlten Nahrungsmittel und Strom. Häuser und Bauernhöfe wurden geplündert. Bauernhöfe verfielen, Felder wurden nicht bestellt. Die Trecks nach Westen mussten von Russen gegen Banden geschützt werden.

Besonders kompliziert war die Situation um Pölitz/Pulice, nördlich von Stettin. Dieses Gebiet gehörte als Enklave im polnisch besetzten Vorpommern zur sowjetisch besetzten Zone, weil die Russen das dortige Hydrierwerk demontierten. Auch hier gab es eine deutsche Verwaltung, die aber von den Polen nicht anerkannt wurde. Die Verbindung zum restlichen Teil Mecklenburg bzw. Vorpommerns war völkerrechtlich nicht geregelt. Die deutschsprachige Bevölkerung hatte keine Transitrechte, es gab kaum Lebensmittelversorgung. Drangsaliert wurde sie von den Russen, den Polen und deutschen Gangstern.

Grenzkorrekturen gab es immer wieder. Auf Usedom wurde ein auf deutscher Seite stehendes Wasserwerk, an das auch Swinemünde angeschlossen war, abgetrennt. 1947 versuchten polnische Soldaten die Westgrenze noch ein paar Kilometer nach Westen zu verschieben und besetzten das Dorf Neu-Linken. Die Grenzsteine wurden von Sowjetsoldaten wieder entfernt. Die Dorfbewohner, die schon die Koffer gepackt hatten, durften bleiben. (Auch Neu-Linken wurde polnisch; s. u. Kommentar!) Vom polnischen Oderufer wurde auf deutsche Fischer und Angler geschossen.

Schiffe mit vertriebenen Deutschen wurden auf der Oder und im Stettiner Haff festgehalten. Sie waren angeblich den polnischen Fischern gestohlen worden.

Es gab 1947 noch einmal einen Hoffnungsschimmer, als eine Stromleitung repariert wurde und Strom aus Stettin in die SBZ floß.

Die SED wurde von der UdSSR Anfang der 50er Jahre dazu gebracht, auf eine Revision der Grenzen an der Oder zu verzichten. Darauf hatte sie in den Vorjahren bestanden. Flüchtlinge, die auf Rückkehr hofften, wurden jetzt Kriegstreiber genannt. Die Odergrenze wurde zur „Friedensgrenze“. Beliebt machte sich die Partei bei der Bevölkerung damit nicht.

Es geht das Gerücht, dass der polnische Verteidigungsminister Rokossowski den Polenhasser Stalin dazu überredet habe, dem Wunsch der Polen zu folgen und ihnen das Gebiet links der Oder und Stettin zu geben, obwohl es im Potsdamer Vertrag keine diesbezügliche Regelungen gegeben hatte.

Rokossowski stammte aus verarmtem polnischen Adel im zaristischen Kongresspolen und stieg in der Sowjetarmee bis zum Armeegeneral auf, nur unterbrochen von einer Zeit im GULag 1937 wegen angeblicher Spionage. Er wurde von Stalin 1949 als polnischer Verteidigungsminister eingesetzt und sollte die polnische Armee sowjetisieren. In Polen war er nicht sehr beliebt.

Ich bin eher der Ansicht, dass Stalin die Entscheidung über Stettin offen hielt, und so mit den polnischen Unterhändlern und den Westalliierten spielen konnte. Immerhin standen die Amerikaner noch in Thüringen und in Sachsen.

Erst jetzt, 70 Jahre danach, beginnt Tauwetter an der Friedensgrenze.

Um einem bei solch einem Thema beliebten Missverständnis vorzubeugen: Ich bin kein Anhänger offener Rechnungen. Ich habe großen Respekt vor dem Kniefall Willy Brandts 1970 in Warschau.