Platzecks Regierung kooperiert nicht mit der Enquetekommission

Gepostet am Aktualisiert am

Da man sie nicht verhindern konnte, beschädigt man jetzt die Enquetekommission zum Umgang mit der DDR-Aufarbeitung in Brandenburg.
Der Historiker Christian Booß, der ein Gutachten über den Umgang mit dem Erbe der DDR-Agrarindustrie vorlegen soll, beschreibt, was ihm widerfährt: Auskunftsverweigerung bei Regierungsstellen, Ablehnung von Fristverlängerungen durch die (SPD-)Vorsitzende der Kommission. Und die SPD beklagt stante pede die Qualität der Gutachten. Sein offener Brief (MAZ v. 25.7.11) liest sich wie ein Fazit der Enquetekommission.

Weitere Artikel mit dem Stichwort „Enquetekommission“ im Blog.

Lesetipp: Black Box DDR

Gepostet am Aktualisiert am

Es gibt ein Mittel, das gegen Ostalgie garantiert hilft. Das sind die Erzählungen von Einzelschicksalen, Erzählungen von kleinen Leuten, Erzählungen über Menschen, die glaubten, eine gerechte Gesellschaft aufzubauen und sich enttäuscht abwandten, als sie erkannten, dass die neuen Eliten auch nicht besser sind als die alten.

Das Mittel immunisiert gegen die, die das Menschen-Experiment schon wieder wagen möchten oder es alles in allem gar nicht so schlecht fanden.

Es ist wie in der Geschichte von Siegfried Lenz, „Ein Freund der Regierung“: All das saubere Neue, das die Regierung den Journalisten präsentiert, der fabrikneue Reisebus, die Bauern im Sonntagsstaat, die frisch getünchten Häuser, die schönen Reden des Regierungssprechers und die auswendig gelernten Sätze der vorgeführten Bauern, sie werden in dem Moment wertlos, als einer der Bauern einem Journalisten heimlich einen ausgeschlagenen Zahn in die Hand drückt.

So ein Mittel gegen die Verklärung der DDR ist das Buch von Ines Geipel und Andreas Petersen, „Black Box DDR. Unerzählte Leben unterm SED-Regime“, Marix-Verlag.

black boxEs sind 33 Porträts aus den unterschiedlichsten Berufen und Bevölkerungsschichten, aufgeschrieben von Journalisten, Autoren und Historikern, die den Menschen zuhörten.

In einer der Geschichten geht es um das zerstörte Leben einer Frau, die als 16Jährige Internatsschülerin mit Duldung ihrer Erzieher alle 14 Tage – so der Titel dieses Porträts – in der Datsche ihres Führungsoffiziers verschwindet, sich begrabschen lassen und über ihre Mitschüler berichten musste. Als sie Studentin und verheiratet ist, macht sich die Universitätsparteileitung an sie heran und verlangt erneut Spitzelberichte. Sie wird darüber krank und ihre Ehe geht kaputt. Sie will ausreisen und wird deswegen zu Kriminellen ins Gefängnis gesteckt. Dann wird sie aus der DDR geworfen. Im Westen versucht sie einen neuen beruflichen Anlauf und wird Logopädin. Beim Schreiben von Patientenberichten kriecht die Vergangenheit hervor. Sie bricht zusammen, wird arbeitsunfähig und nach vielen Therapien frühpensioniert.

Ihr Onkel, ein Ex-DDR-Diplomat, trifft sich derweil mit früherer DDR-Prominenz wie Krenz und Kessler und „debattiert unerbittlich über eine gerechtere Gesellschaft“. Mit diesem Satz lässt Ines Geipel das Porträt enden.

Ich wünsche diesem Buch eine größere Verbreitung als den Autobiographien und Erinnerungsbüchern von Egon Krenz und Lothar Bisky, Markus Wolf, Jana Hensel und Peter Ensikat.

Statt der Vergleiche von Frauenemanzipation in DDR und BRD, wie sie das berlin-brandenburgische Lehrerfortbildungsinstitut für die wenigen Unterrichtsstunden, die es dafür gibt, empfiehlt, sollte besser aus „Black Box DDR“ in der Schule vorgelesen und darüber geredet werden. Die Landes- und Bundeszentralen für politische Bildung sollten das Buch in ihre Programme aufnehmen.

Nachtrag 14.12.10: Ines Geipel und Joachim Walther geben eine Anthologie mit Texten von Autoren heraus, die von der SED der Zensur unterlagen oder gar ins Zuchthaus kamen, noch bis 1989: „Die verschwiegene Bibliothek“. Die Büchergilde Gutenberg hat die Herausgabe, die auf 20 Bände geplant war, nach 10 Bänden aus finanziellen Gründen abbrechen müssen. Geipel und Walther erhielten jetzt einen Preis als Anerkennung für dieses Projekt.

(Der Artikel erschien zuerst 2009 auf „Basedow1764)

Kategorie „DDR“ im Blog „Basedow1764“

Gepostet am Aktualisiert am

Vor 2009 und eine Zeitlang parallel zum Blog „Ampelmännchen und Todesschüsse“ erschienen postings zu den Themen DDR und DDR-Aufarbeitung bei „Basedow1764“. Hier die Trefferliste zum Stichwort „DDR“ bei Basedow1764.

Siehe auch die anderen „Kategorien“ (Schlagwörter) in der Suchmaske rechts oben!

Programmdiskussion in der Linkspartei: Auf dem Weg in den Kommunismus

Gepostet am Aktualisiert am

 Die Partei mit dem anmaßenden Namen „Die Linke.“ nähert sich nach 20 Jahren SED-Nachfolge unter wechselnden Namen endlich einem Parteiprogramm. Ich entnehme den Tageszeitungen den bisherigen Stand:

  • 30 Stunden Wochenarbeitszeit bei vollem Lohnausgleich
  • Verbot der Zeitarbeit
  • Allgemeiner Mindestlohn
  • Entlassungsschutz für über 50jährige
  • Recht auf politischen und Generalstreik
  • „Millionen“ Arbeitsplätze im öffentlichen Beschäftigungssektor
  • „Demokratische Kontrolle“ der Wirtschaft
  • Unternehmen sollen sich nicht an Rendite orientieren, sondern am Gemeinwohl (Siehe unten!)
  • Mehr Staatseigentum, mehr Genossenschaften, mehr Eigentum in den Händen der Arbeitnehmer: Energie, Wasser, Verkehr, Wohnen, Kultur, Banken.
  • Großbetriebe in „gesellschaftliche Eigentumsformen“ überführen
  • Vermögenssteuer, Millionärssteuer, höhere Erbschaftssteuer, Steuererhöhung ab 6000 € Einkommen
  • Managergehälter auf das 20fache der untersten Lohngruppe beschränken
  • Aktives und passives Wahlrecht für alle, die ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland haben

Die Linke legt Wert auf ihre Alleinstellungsmerkmale: Sie sei keine Partei wie die anderen, die sich devot den Wünschen der Wirtschaftsmächtigen unterwürfen. Sie will ein anderes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem. Sie definiert Deutschland als Klassenstaat mit fehlendem Klassenbewusstsein. Die Umgestaltung Deutschlands müsse zu „Umwälzungen mit revolutionärer Tiefe“ führen.

„Es fällt uns schwer, den künftigen Kurs der Partei abschließend zu klären“ wird der Parteivorsitzende von Mecklenburg-Vorpommern, Steffen Bockahn, in der taz zitiert.

Die Abschaffung der Rentabilität (der Rendite oder des Profits) als Bezugsgröße für unternehmerisches Handeln war die wesentliche Ursache für den Bankrott der DDR. Kapital und Material wurden verschwendet, weil Kosten in einer Kommandowirtschaft keine Rolle spielen.

(Auch wenn ab 1967/68 eine gewisse Renditeorientierung eingeführt wurde. Aber da war die halbe Lebenszeit der DDR vorbei und mit Honeckers Einheit von Sozial- und Wirtschaftspolitik wurde endgültig der Untergang eingeleitet: Die Ausgaben für Konsum und Soziales überforderten die Wirtschaftskraft und hielten dennoch dem Vergleich mit dem Westen nicht stand.)

Zur Geschichtsauffassung der Linken

Update: Laut FAZ v. 3.8.11 ist Oskar Lafontaine, ehem. Linksparteivors., der Auffassung, man solle es in der Partei mit der Stalin-Kritik nicht übertreiben. Den westdeutschen Parteimitgliedern sei das nur noch schwer zu vermitteln. Brandenburger Neokommunisten (Kaiser, Christoffers, Markov) haben gegen die Stalin-Bagatellisierung protestiert.

Wer war schuld am Mauerbau?

Gepostet am Aktualisiert am

Schüler der Berliner Max-Taut-Schule haben sich diese Frage gestellt. Hier sind die Antworten.

Ich vermutete erst einmal, diese Antworten wären VOR dem Unterricht gekommen. Man fragt als Lehrer ja nach dem Vorwissen und den Voreinstellungen.

Hinterher hätten sie es doch ein wenig besser wissen müssen. (Natürlich war es war hinterher. Aber was haben die eigentlich gelernt?)

Wollen wir es mal probieren? Der SED laufen vor dem Mauerbau die Menschen weg. Warum?

1957 -61 gewinnt die Fluchtwelle an Fahrt. Es kommen jetzt Zehntausende Bauern dazu. Sie flüchten, weil sie gezwungen werden, als Landarbeiter in die LPGen einzutreten.  Die Nahrungsmittelversorgung der DDR gerät Anfang der 60er wegen der Abschaffung selbstständiger Bauern in eine schwere Krise. Die Ernten gehen zurück.

Die Behauptung der SED, die Westberliner hätten Ostberlin leer gekauft und deswegen musste die Mauer her, hat es also bis in den Geschichtsunterricht 2011 geschafft. Die SED hat 20 Jahre später auf ähnliche Weise den Polenhass geschürt: Nach Lockerung des Grenzverkehrs an der „Friedensgrenze“ zu Polen hätten die Polen die Konsumläden diesseits der Grenze leergekauft. Wenn das ein ernsthaftes Argument wäre, hätte Westdeutschland nach der Maueröffnung sofort seinerseits die Grenze schließen müssen, weil die Versorgung seiner Bürger zusammenzubrechen drohte, da die Ostdeutschen alles wegkauften.

Über die Alternative, die Zwangskollektivierung sein zu lassen oder nicht auf Biegen und Brechen durchzuziehen (Einige Dutzend Bauern begingen Selbstmord) wird heute kaum gesprochen.

Der Bundesrepublik den Vorwurf zu machen, dass sie den Menschen attraktiver erschien und die sich auf das Abenteuer einer Flucht und eines Neuanfangs einließen, sollte 2011 im Unterricht als Scheinargument entlarvt sein. Eine halbe Million kleiner und mittlerer Unternehmer (mitsamt Familien ca. 1,5 Millionen Menschen) wurden entrechtet, eingesperrt und enteignet. War es die Schuld der Bundesrepublik, dass die flohen?

Man könnte ja auch fragen, ob man das kommunistische Paradies schneller erreicht, wenn man jede Bäckerei, jedes Hotel, jede Autowerkstatt verstaatlicht. Als Ulbricht endlich nach dem Mauerbau umsteuerte und marktwirtschaftliche Prinzipien teilweise wieder in Kraft setzte (NÖSPL) wurde er von den Hardlinern entmachtet.

Die ökonomische Seite des Sozialismus wird im Unterricht leider so gut wie nie behandelt. Und nie wird gefragt, ob die SED etwas falsch gemacht hat. Immer waren es die anderen: Der Westen, die Imperialisten, die Altnazis, die BRD, die Kapitalisten, der Klassenfeind. Das erinnert mich an Schüler, die ich zur Rede stellte, wenn sie sich falsch verhalten hatten. Da war es auch ein anderer, der angefangen hatte, der aber auch …

Die Partei, die Partei hat immer recht, wie das schon im Liedgut festgehalten wurde.

Der Mauerbau war eine Option , um die Abwanderung zu stoppen. Lieber wäre es dem Kreml und der SED gewesen, die anderen Optionen zu nutzen: Stärkere Kontrolle über Berlin (West), um diesen Fluchtweg zu verbauen: Schließung des Aufnahmelagers Marienfelde, Einstellung des Luftverkehrs bzw. dessen Kontrolle durch die SED.

Für die Übernahme von Berlin (West) hatte die SED längst Pläne ausgearbeitet. Für jeden administrativen Posten gab es auf dem Papier jemanden aus dem Osten, dazu auch Fahrer und Sekretärin. Eine Statusänderung in Berlin  war aber gegen die Westalliierten nicht zu machen. Eine Besetzung des Westteils durch die SED hätte wohl Krieg bedeutet. Alle Alliierten hatten kein Interesse an einem Konflikt um Berlin. Moskau war, so sagt die Historikerin Hope Harrison, vom Bau einer Mauer wenig begeistert, ließ sich aber von Ulbricht dazu drängen.

Andrew Port: Die rätselhafte Stabilität der DDR

Gepostet am Aktualisiert am

Über den Mythos vom größeren Zusammenhalt der Menschen in der DDR steht im Blog hier etwas.

Nun gibt es die 400 Seiten starke Dissertation des US-amerikanischen Historikers Andrew I. Port, der Archive der Stadt Saalfeld (Thüringen) ausgewertet hat: „Die rätselhafte Stabilität der DDR – Arbeit und Alltag im sozialistischen Deutschland„, Berlin: Chr. Links-Verlag 2010.

Port kommt nach Auswertung von Stasiakten und Protokollen von Bürgerversammlungen aus den Jahren 1945 bis 1971 zu der These, dass es in der DDR-Gesellschaft kein Miteinander, sondern eher ein Gegeneinander gab. Die kommunistischen Funktionäre waren ständig bemüht, Kompromisse zu machen, um Konsens herzustellen. Sie verteilten dosiert Privilegien, machten Zugeständnisse, gaben Zuckerbrot und Peitsche und sorgten so immer wieder für Ruhe.

Sie verstärkten aber damit Ungleichheit und Unzufriedenheit. Die Uneinigkeit, die soziale Spaltung der Gesellschaft und die immer wieder herbeigeführten Beschwichtigungen und Problemlösungen der Obrigkeit hätten Solidarität und Unruhen verhindert und das Regime mehr stabilisiert als Repression und Terror.

Das entwertet m. E. nicht , dass es Freundschaften gab, dass man sich privat traf. Ungerechtfertigt ist aber die Glorifizierung der größeren menschlichen Wärme in der DDR und die Denunziation der kapitalistischen Gesellschaft wegen ihrer zwischenmenschlichen Kälte, wie das Maaz und Schorlemmer tun.

Port sieht manches etwas naiv, etwa das MfS. Er scheint überrascht zu sein, dass die Funktionäre sich bemühten, den Wünschen der Arbeiter und Bauern entgegenzukommen. Aber auch er sieht in  dem SED-Staat noch keinen kundenorientierten Dienstleistungsbetrieb.

In einem Interview sagte Port kürzlich: „Mich wundert ein bisschen die geringe Freude (der Deutschen; Basedow1764). Statt dessen wird ständig lamentiert, gemeckert und verglichen…. Ich habe überhaupt den Eindruck, dass viele Deutsche gar nicht wissen, in was für einem tollen Land sie leben.“

Beim Verlag gibt es das Buch auch im pdf-Format!

Freya Klier über das DDR-Schulwesen

Gepostet am Aktualisiert am

Ein hervorragendes Buch über die Schule in der DDR entdecke ich gerade. (Ich will ja nicht Experte dafür werden, aber wenigstens dem Gerede von der angeblichen Übernahme des DDR-Schulsystems oder wesentlicher Elemente durch Finnland etwas entgegensetzen können.)

Die Regisseurin und Autorin Freya Klier hat es geschrieben:

„Lüg Vaterland“

1990 erschienen und im modernen Antiquariat noch zu finden.

Sie erzählt von den Anfängen in den Nachkriegsjahren. Diese Anfänge waren reformpädagogisch geprägt, es wurde an die Weimarer Zeit angeknüpft. Erst mit den 50ern kam die Sowjetisierung des Schulwesens, die ideologische Ausrichtung und straffe Zentralisierung. Tausende von Lehrerinnen und Lehrern verließen in dieser Zeit enttäuscht die DDR.

In den späten 70ern erkannte die SED, dass angesichts der  technisch-wissenschaftlichen Revolution ihre Schule darauf überhaupt nicht vorbereitete und nur Mittelmaß produzierte. Der Staat verlor endgültig den Anschluss an die globalen Entwicklungen. Daraufhin wurden Spezialschulen eingerichtet, in denen eine Elite herangezogen werden sollte. Anders als im gleichmacherischen, zum Kollektiv erziehenden Schulwesen für die breite Masse, wurde an diesen Schulen, so schreibt Klier, die Individualität der Schüler wieder entdeckt. Der Wehrdienst wurde für sie gekürzt oder ihnen ganz erlassen. Die Schüler erhielten mehr Freiheiten. Verhaltensweisen wurden geduldet, für die man an der Oberschule sofort in den Jugendwerkhof eingewiesen worden wäre. Jetzt aber nahm man das in Kauf, in der Hoffnung das hoch begabte Kind würde dem Staat später einmal seine Kreativität und Begabung zur Verfügung stellen. Parallel dazu begann die Intelligenzforschung (Sarrazin lässt grüßen!), weil man Hochbegabung möglichst früh erkennen wollte.

Verwunderlich, dass ich das Buch nicht im brandenburgischen Verbundkatalog und nicht in der UB Potsdam (Lehrerausbildung!) gefunden habe.

Frau Klier legt zu Beginn ihren Bezugspunkt offen: Es ist die wahre sozialistische Pädagogik, die alles Fortschrittliche von den Philanthropen bis zur Reformpädagogik, von Clara Zetkin bis A. S. Makarenko, in sich vereinigt. In ihren Augen ist das Schulwesen der DDR eine schlimme Verirrung und keine Verwirklichung sozialistischer Ideale gewesen.

Auf jeden Fall erfährt man viel über das DDR-Schulwesen.

Eine Leseprobe aus dem Kapitel über  die Lehrer/-innen (p 172ff): Den Rest des Beitrags lesen »

Zersetzen – Was ist das eigentlich?

Gepostet am Aktualisiert am

„Zersetzung“ klingt harmlos im Vergleich zu „Terror“ oder „Folter“. Vor allem Nachgeborenen und Wessis  fällt es schwer, sich darunter etwas Konkretes, gar Schlimmes, vorzustellen. Es ist eine Form der Gewaltausübung der SED-Tschekisten, die weniger sichtbar ist. Das war der zunehmenden internationalen Anerkennung der DDR geschuldet. Die Repression wurde subtiler und raffinierter. Das MfS wurde parallel zur internationalen Anerkennung personell verstärkt. Die Sammelwut des Apparats, über die heute gerne gelächelt wird, diente dem Zweck, alles, auch jede Kleinigkeit, zu erfassen, um dann das „Objekt“ erfolgreich zersetzen zu können. Wenn also eine ostdeutsche Studentin über ihre in Moskau studierenden Kommilitonen berichtete, wie oft sie die Wäsche wechselten, wie sie sich kleideten und mit wem sie ins Bett gingen, war das für den Staat keinesfalls unwichtig. Womöglich konnte man etwas für eine Zersetzungsmaßnahme nutzen.

Diese IM kann heute beteuern, dass sie mit ihren belanglosen Informationen doch niemandem geschadet hätte, und war Abgeordnete der Linkspartei in Brandenburg.

Beispiele für Zersetzung:

  • Inszenieren beruflicher Misserfolge,
  • Verbreiten von Gerüchten,
  • Vortäuschen unmoralischen Lebenswandels,
  • Beschädigung privaten Eigentums,
  • Eindringen in Wohnungen und etwas verstellen,
  • Telefonterror,
  • falsche ärztliche Gutachten,
  • Unterstellen einer IM-Tätigkeit,
  • Vorladen zur Volkspolizei

Sandra-Pingel-Schliemann hat sich mit der Zersetzung in der DDR auseinander gesetzt: Zersetzen. Strategie einer Diktatur, Robert-Havemann-Gesellschaft e. V., Berlin 2002. Die o.a. Beispiele werden in dem Buch beschrieben. Die Studie ist auch über die Landeszentralen für politische Bildung erhältlich (B, BRB, RPF, SH)

ZDF-History-Video über Zersetzung

Die Kosten der Einheit. Wieso der Einheit?

Gepostet am Aktualisiert am

Die Überwindung von 40 Jahren SED-Herrschaft kostete bis 2008 2.000 Milliarden €, nach Abzug von Rückflüssen den Beiträgen der Ostdeutschen verbleiben netto 1600 Milliarden. (Es gibt Berechnungen, die auf 1300 Mrd. für den Aufbau Ost kommen.)

Wie so viele habe ich über Helmut Kohls „blühende Landschaften“ gespottet. Aber kann man alles das, was jetzt das Ifo-Institut und die FU-Berlin zusammengetragen haben, unter den Tisch fallen lassen? „Weglassen ist eine einfache Form der Lüge“, sagt Christoph Hein über die DDR-Propaganda. Das lässt sich sicher auch auf die jährlichen Meinungsumfragen des Geschäftsführers der weiter bestehenden DDR-Volkssolidarität anwenden, aus denen hervorgeht, dass es jedes Jahr schlimmer würde im Osten.

Da sind die Befunde zum Wohlstandsgewinn auch eine Meldung wert: U. a.

  • ist die Lebenserwartung gestiegen
  • wurde die Arbeitszeit verkürzt (40 statt 43,75 Std) 
  • ist das Trinkwasser ist wieder sauber
  • sind die Müllhalden saniert

Die Sicherung des Atommülllagers in Morsleben wird noch einige Milliarden kosten, woran die Bundesregierung in Person der ehemaligen Umweltministerin Merkel nicht ganz unschuldig ist. Die Beseitigung von Schäden aus dem Uranbergbau Wismut kostet wohl genau so viel.

  • Die Ausstattung mit Farbfernsehern und Telefonen geht auf 100%
  • Der Autobesitz hat westdeutsches Niveau erreicht
  • Die Wohnungsgröße ist gestiegen
  • Das Bruttoinlandsprodukt und die Produktivität haben sich verdreifacht
  • die Einkommen verdoppelt
  • Das Sparvermögen beträgt nicht mehr 25, sondern 50% des westdeutschen Durchschnitts (Vergleichszahlen 1991 zu 2007)

Mehr hier!

Ich ergänze: Die allermeisten Angehörigen der Nomenklatura sind, dank der Fürsorge von MfS und SED/PDS, mit Hilfe des Zugriffs auf das Volkseigentum, gut im neuen Deutschland angekommen. Sie sind in Politik, Verwaltung, Medien und als Unternehmer tätig oder erfreuen sich höherer Pensionen als in der alten Heimat. (Man sollte einmal die Bezieherin einer DDR-Witwenrente zum Thema Altersarmut befragen.)

Die Gegenargumente sind bekannt: Noch kein Westlohnniveau, höhere Arbeitslosigkeit, Abwanderung, schlechte Stimmung, Vorbehalte gegenüber der westdeutschen politischen Verfassung.

Die Forscher sagen, auch ein Vergleich mit den anderen ehemaligen Ostblockstaaten sollte angestellt werden, wenngleich es verständlich sei, dass man vor allem mit Westdeutschland vergleiche.

Natürlich wird jetzt wieder gemäkelt werden. Brandenburgs Ministerpräsident Stolpe hatte schon vor 5 Jahren damals genannte hohe Transferleistungen bestritten. Seine verstorbene ehemalige Sozialministerin Regine Hildebrandt sah alles Übel sowieso nur aus dem Westen kommen.

Wie so oft ist es die Sprache, die die Dinge nicht klärt, sondern verschleiert: „Kosten der Einheit“ heißt es, als ob es um 89/90 ginge und mögliche Fehler der Treuhand. Die Kosten haben unfähige SED-Funktionäre verursacht, die 40 Jahre lang ein teures, ineffizientes Wirtschaftsexperiment durchführten.

Der 1969 geflohene, ehemalige hochrangige Wirtschaftsfunktionär Werner Obst schlägt zudem vor, die Milliarden westdeutscher Kredite für Honecker und die Subventionen durch die UdSSR bei der Frage der Kosten nicht zu vergessen.

Das nach wie vor beste Buch über die Kosten der Einheit ist das Mammutwerk von Gerhard A. Ritter über die Übertragung des Sozialstaates auf Ostdeutschland:

Gerhard A. Ritter: Der Preis der deutschen Einheit. Die Wiedervereinigung und die Krise des Sozialstaates.

C. H. Beck: München 2006. 541 S.

Nachtrag 2.12.09: Wolf Biermann, der heute in der Landesvertretung Sachsen beim Bund über die Hintergründe seiner Ausweisung aus der DDR erzählte, hat dazu einen bestechenden Gedanken:

Das Gejammer im Osten, das Schimpfen auf die Wessis, die „Sieger“ (Daniela Dahn), erklärt er gerade wegen der immensen Transferleistungen. So großartig diese Wiederaufbaubillionen seien, sie demütigten aber auch die Ostdeutschen. Sie fühlten sich zu Geldempfängern degradiert. Sie könnten das nie und nimmer vergelten, wie es unter Freunden üblich sei. Da seien die Polen und Ungarn besser dran, die wären mit sich im Reinen, auch wenn es ihnen materiell nicht so gut ginge wie den Ostdeutschen.

Nachtrag 3.3.12: In einen Studie im Auftrag des Bundesinnenministeriums wird festgestellt wird, dass die Ost-Förderung in den letzten Jahren nur noch wenig Effekt in Richtung sozialer und wirtschaftlicher Angleichung hatte. Vor allem die Städte, mit wenigen Ausnahmen, hätten eine geringe Wirtschaftsleistung. Konstatiert wird auch die geringe Ausstrahlung Berlins. Berlin erhält fünfmal so viel Finanzausgleichsmittel (pro Kopf) wie die ostdeutschen Flächenstaaten, ähnlich ist es beim Transfer in der Renten- und Sozialversicherung.

In den Großstädten fehlten z. B. Konzernzentralen, denn an deren Sitz fiele bis zu 30% der Wertschöpfung an.

Der ehemalige IM, SED- und nach der „Wende“ Deutschbanker Edgar Most beklagt gern, dass Ostdeutschland nur noch die verlängerte Werkbank des Westens wäre. Dabei vergisst er, was Wirtschaftsprofessor Paqué von der Universität Magdeburg und ehem. Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt, ergänzt:

Die Unternehmer, die von der SED enteignet, kriminalisiert und vertrieben wurden, haben in Westdeutschland die Firmen neu gegründet und sehen keinen Anlass, jetzt dort erneut die Zelte abzubrechen. Das sei ein langfristiger Flurschaden des Sozialismus.

Dieser Beitrag erschien erstmals 2009 auf Basedow1764

Update 2014: Prof. Klaus Schröder schätzt 2 Billionen , das Institut der deutschen Wirtschaft zählt 2015 ebenso viel.

Ungleichheit in sozialistischen Ländern

Gepostet am Aktualisiert am

Ein beliebter Topos von Kommunisten ist die Ungleichheit der Einkommen in kapitalistischen Ländern. Im Kommunismus gäbe es das nicht.

Jetzt lese ich in meinem schon ziemlich angestaubten „Lexikon der populären Irrtümer“, 1996 im Eichborn-Verlag erschienen, auf Seite 317 dazu: „Die Autoren dieses Lexikons verdienen als Hochschullehrer rund 80% mehr als ihre Mitarbeiter; als einer von ihnen einmal als Gastprofessor in der VR China weilte, musste er sich sagen lassen, dass chinesische Professoren das Drei- bis Sechsfache Gehalt ihrer Assistenten beziehen. Noch grotesker waren die Unterschiede der Realeinkommen in der ehemaligen Sowjetunion: Dort verdiente ein mittlerer Parteifunktionär in einem Industriebetrieb real (d. h. wenn man alle nicht-monetären Vergünstigungen wie Datscha, Dienstwagen oder kostenlosen Urlaub dazu rechnete) mehr als das Fünfzigfache eines Fließbandarbeiters, verglichen mit dem Vier- bis Fünffachen für vergleichbare Positionen in westlichen Industrienationen. (Es folgen Beispiele aus der VR Polen.)

Prof. Klaus Schroeder hat darauf hingewiesen, dass sich bei der Umtauschaktion von Sparguthaben Anfang der 90er Jahre in der DDR herausstellte, dass sich die Guthabenverteilung in der Bevölkerung nicht wesentlich von der der Bundesrepublik unterschied: 1/3 besaß 2/3 des gesamten Sparvermögens. Die Witwe eines MfS-Stabsoffiziers verklagte die Bundesrepublik auf Zahlung einer höheren Witwenrente mit dem Hinweis, ihr Mann habe das Dreifache des Durchschnittseinkommens von Arbeitern und Bauern erhalten.

Nicht uninteressant in diesem Zusammenhang wohl auch zu wissen, dass die Kader in Kuba nichts entbehren müssen, dass der nordkoreanische Führer sieben Paläste sein eigen nennt und in Honeckers Garage 17 Limousinen standen und die SED-Kader West-Farbfernsher zu einem Viertel des DDR-Verkaufspreises für die Arbeiter und Bauern erstehen konnten.

Siehe auch hier im Blog unter „Zentralverwaltungswirtschaft