Putin als Hitler-Ersatz?

Die Begeisterung der Mehrheit der Deutschen für Putin kann ich nicht verstehen: 58%. (Im Osten ist sie deutlich größer als im Westen: 72%.)

91% aller Deutschen sind der Ansicht, von Russland gehe keine Gefahr aus. 63% lehnen Sanktionen ab.

Wenn ich im Bekanntenkreis, wenn das Gespräch darauf kommt, dafür plädiere, die Sanktionen gegen Russland NICHT aufzuheben, komme ich über einen Einleitungssatz meist nicht hinaus. Von der Krim-Annexion, den russischen Soldaten in der Ost-Ukraine und Moldawien, den Kaukasus-Kriegen, den Groß-Manövern an der Grenze zum Baltikum rede ich schon lange nicht mehr.

Wenn es um Morde an putinkritischen Journalisten, um den Einsatz eines russischen Giftes gegen abtrünnige Russen in Groß-Britannien geht, um den Abschuss eines Flugzeuges durch eine russische Rakete, wird mir entgegengehalten, dass es keine schlüssigen Beweise gäbe, es also eine Vorverurteilung wäre.

Es geht allein darum, dass „wir“ mit Russland reden, dass „wir“ Gesprächsbereitschaft signalisieren, dass „wir“ die Beziehungen verbessern und „wir“ endlich die Sanktionen gegen den „Nachbarn“ aufheben.

Was ich schon länger vermute, aber nie ausgesprochen habe: Kann es sein, dass man an Putin den starken Mann liebt, den Führer, der das Land nach den vielen (vermeintlichen) Demütigungen – Untergang der Sowjetunion, Chaos der Wendezeit, angebliche Einkreisung durch die NATO, Abspaltung der Ukraine, eines vermeintlich ur-russischen Territoriums, der Entstehung einer kapitalistischen Oligarchenschicht, das Land mit seiner bolschewistischen Geschichte aussöhnt und zu neuem Selbstbewusstsein und Nationalstolz, ja nationalistischer Überlegenheit (der „dekadente Westen“) führt?

Das erinnert mich an die (anfängliche) Begeisterung für Hitler. Der rächte die Nation für die Demütigungen durch Versailles. Er holte Territorien „heim ins Reich“, das besetzte Rheinland, die „Ostmark“, das Sudetenland, Danzig. Er glorifizierte die Geschichte der Deutschen und kultivierte den Nationalstolz,  Die Sache entgleiste zwar und die dabei begangenen Verbrechen waren ungeheuerlich. Aber bis heute hält sich eine, allerdings nur am rechten Rand manifeste Hitler-Bewunderung.

Es ist akzeptiert, dass Hitler nicht öffentlich bewundert werden darf. Aber bei Putin geht das, auch wenn er in vielen Bereichen nicht anders vorgeht, als H. vorging.

Es gibt genügend „neighbourhood bullys“, auf die man mehrheitsfähig schimpfen darf – Trump, Israel, die NATO, die USA -, da kann man bei Putin endlich die positiven Gefühle loslassen und wird noch nicht einmal Nazi verdächtigt. Rechts- und Linkspopulisten und die SPD sind d´accord. Nicht dass ich ihnen Hitler-Nostalgie unterstellen möchte, aber gibt es eine bessere Tarnung für atavistische Gefühle?

Der Hitler-Putin-Vergleich treibt mich schon länger um. Vielleicht gab jetzt Nikolai Klimeniouk den Ausschlag, darüber zu schreiben. Er staunt in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (25.3.18, p 52, „Unterwerfung“) über die Haltung der Deutschen zu Putin.

Am Schluss seiner Glosse schildert er eine Begebenheit aus der Wendezeit, in einem Supermarkt in der damals noch ostdeutsch geprägten Berliner Wilhelmstraße: „Vor mir warteten [an der Kasse] ein älteres deutsches Ehepaar und ein junge Frau, die mit ihrem Kind Russisch sprach. Die Alte zeigte auf den Einkaufswagen der Jungen und sprach in die Luft: `Seit wann benutzen die Russen denn Klopapier?´ Die junge Mutter drehte sich um und erwiderte mit freundlichstem Lächeln: `Seit ihr aufgehört habt, uns den Arsch zu lecken´.“

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