Zeitungslektüre beim Sonntagsfrühstück

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Foto: Pixabay

Ich liebe die Zeitungslektüre beim ausgedehnten Sonntagsfrühstück. Wann immer möglich, genoss ich in den USA die dicke Wochenendausgabe der New York Times (NYT).

Einmal brachte meine Frau ein Überraschungsgeschenk aus den USA mit: Weil die NYT am Kiosk ausverkauft war, hatte sie vor einem Rückflug Teile aus Flughafen-Papierkörben für mich zusammengesucht.

In Frankfurt am Main gab es einen Buchladen, in dem man die Wochenendausgabe am Montag nach dem Wochenende zu einem sündhaft teuren Preis kaufen konnte.

2009 brachte der Schriftsteller Dave Eggers einmalig eine Zeitungs-Wochenendausgabe heraus: das San Francisco Panorama. Es war doppelt so schwer und noch dicker als die dicke Wochenendausgabe der NYT. Es enthielt ein Magazin, eine 400seitige Literaturbeilage, Wochenend-Ausgeh- und Reisetipps,  erstklassige literarische Texte, Fotoreportagen, einen Comic von Art Spiegelman. Jedes einzelne Produkt war umfangreicher als eine gewöhnliche Tageszeitung.

Dave Eggers wollte zeigen, dass auch im Internetzeitalter eine gedruckte Zeitung immer noch ihr  Potential entfalten könne. 5 Dollar kostete sie bei Erscheinen. Bei Amazon wird sie heute antiquarisch zwischen 55 und 140 € gehandelt. Ich besitze ein Exemplar!

Bis jetzt war für mich die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) ein leidlicher Ersatz.

In der FAS lese ich über Wiener Theaterpremieren, chinesische Lyriker, Berliner Städtebau und Boris Beckers Niedergang, Randglossen zum politischen und kulturellen Treiben, über alte Apfelsorten und hervorragende, gleichwohl preisgünstige Weine. Nicht zu vergessen sind die Sprachspiele in den Schlagzeilen und die immer wieder überraschenden Einfälle der Layouter.

Vieles ist für den Tag geschrieben, als Lektüre beim ausgiebigen Frühstück am Sonntag, dem alsbaldigen Vergessen anheimfallend, aber unterhaltsam.

Da übersah ich früher großzügig das Ärgerliche: Frau von der Leyen konnte lange Zeit machen, was sie wollte, in Interviews wurde sie so behandelt wie Philipp Rösler in der taz. Berlusconi wurde dagegen jahrelang, bis zehn nach zwölf, sehr verständnisvoll behandelt.

Meine Großzügigkeit hat jetzt ein Ende. Ich verlange von einer Zeitung nicht, dass sie in jedem Beitrag mein Weltbild bestätigt. Mein Informationsbedürfnis beschränkt sich keineswegs auf die passgenaue Rezeption von Stücken zu meinen Interessengebieten oder meiner politischen Meinung. Aber ich habe keine Lust, mir das Sonntagsfrühstück ständig durch so etwas trüben zu lassen:

Die Trash-Kolumne des Stalinisten Zizek. (Kann man überlesen.)

Die ganzseitige Eloge über Dr. Gregor Gysi der Journalistin Lydia Rosenfelder ist auch zu ertragen, wenn man sie nicht ernst nimmt. Sie erlebt Dr. Gysi als charmanten, witzigen, schlagfertigen, altersweisen Gastgeber in seiner sonntäglichen Talkshow in einem Theater in Berlin-Mitte. Fast die Hälfte der Seite ist gefüllt mit sieben Porträtfotos vom nachdenklichen, lachenden, den Zeigefinger hebenden, den Brillenbügel zum Mund führenden Helden; fast wie in Zeiten des Neuen Deutschlands: Honecker auf jeder Seite.

Es gibt in Berlin Menschen, die die Straßenseite wechseln, wenn sie den ehemaligen Sprecher der DDR-Anwälte sehen.

Es gibt in der FAS auch das: Friederike Haupt unterscheidet zwischen guten Tafel-Ehrenamtlichen und schlechten (die in Essen!)

Monika Marons neues Buch lässt sich nicht zwar nicht verreißen. Aber man muss mehrmals erwähnen, dass die Autorin islamophob wäre.

Die FAS-Kunst- und Architekturexperten Maak und Seidl müssen mir nicht hochnäsig erklären, wie provinziell die Reparatur der Potsdamer Mitte ausgefallen wäre. (Nachtrag: Link)

Dass Harald Martenstein und Henryk Broder sich von Linksextremisten zu Rechtsextremisten gewandelt hätten.

Damit es nicht zu lang wird: Der Israelhass von Redakteur Rainer Hermann sei nur noch am Rande erwähnt; wochentags, in der FAZ, ist das Israel-Bashing noch schlimmer.

Wie gesagt: Das hat jetzt ein Ende. Ich habe keine Lust mehr, mir das Sonntagsfrühstück trüben zu lassen.

 

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