Lenins Putsch und Gysis Grußwort

Gepostet am Aktualisiert am

KGB_EmblemAndreas Kilb von der FAZ ist begeistert von der neuen Ausstellung des Deutschen Historischen Museums über „die große Revolution“ (So lautet seine Schlagzeile). Jahrelang fand ich, dass dem Museum nahezu jede größere zeitgeschichtliche Ausstellung missglückte. Unter dem neuen Direktor sollte es anders werden.

Den Ausstellungsmachern ergeht es, wie es Joachim Fest mit seinem Hitler-Film erging. Die Verwendung der Bilder und Symbole der Nazis sprechen ihre eigene Sprache und man kann sich der Suggestivkraft in Fests Film nur schwer entziehen. Auch die Kommunisten verstanden sich auf Propaganda und ließen ihren Putsch in Gemälden, in Filmen und auf Bildern und Plakaten überhöhen.

Man kommt in der Ausstellung kaum auf den Gedanken, dass die Große Oktoberrevolution ein Putsch war, die Machtergreifung eine kleine Clique, die zu 70 Jahren Schreckensherrschaft und Millionen Toten führte.

Am Eingang sprechen Prominente Grußworte: Marianne Birthler, Andrej Hermlin und Wladimir Kaminer.  Der Träger des Aachener Ordens wider den tierischen Ernst, Dr. Gregor Gysi, hofft, dass die große Revolution beim nächsten Versuch gelingen möge. Dass sie beim ersten Mal misslungen ist, diese Erkenntnis kann Gysi nicht in der Ausstellung gewonnen haben.

Es gibt Ausstellungsmacher, die stolz darauf sind, was sie alles herbeigeschafft haben. Hier werden Lenin-Briefmarken und ein Stück aus einem Gefechtsturm des Panzerkreuzers Aurora, mit einem Original-Einschussloch, ein Tatlin-Bild, das Firmenlogo einer zaristischen Außenhandelsbank und ein Polizeipanzerwagen im Spielzeugformat präsentiert. Zum Verständnis der Oktoberrevolution brauche ich das nicht.

In einem kleinen Kasten läuft Sergej Eisensteins berühmte Szene vom Sturm auf das Winterpalais. Darunter steht: So war das nicht! Das war´s. Das wär´s doch gewesen: Die Filmszene nicht in der Größe eines Küchenradios zu präsentieren, sondern kommunistische Propaganda, ihre Lügen und Fälschungen der Realität des Staatsstreichs gegenüberzustellen.

Über das Solowezki-KZ wird ein Ausschnitt aus einem bolschewistischen Propagandafilm gezeigt (Ähnlich wie „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“.) Mehr über Lenins erstes KZ, das er auch so nennt(!), finde ich nicht. Auch wenig über den Kronstädter Matrosenaufstand.

Nichts über den Terror und die Verbrechen, die schon 1917 stattfinden und sieben Jahrzehnte anhalten werden. Es kann sein, dass alles irgendwo mit einem Satz angesprochen worden ist und ich es überlesen habe. Aber auch wenn es so wäre: Was will eine so große Ausstellung, auf die man so stolz ist? Von allem ein bisschen, noch ein Plakat, noch eine Leninbüste, noch eine Leihgabe aus Moskau?

Was ich immerhin gelernt habe: die berühmte Kusmi-Tee-Handlung wurde von einem vor den Bolschewisten geflohenen russischen Adligen in Paris gegründet. Überhaupt hätten die adligen Flüchtlinge das kulturelle Leben in Berlin und Paris bereichert.

Wie kann man heute noch von einem Ereignis von welthistorischer Bedeutung reden und dem von Lenin befohlenen Massenmord an Priestern, die Ermordung der Zarenfamilie, den Giftgaseinsatz und die KZs gar nicht oder als Fußnote notieren?

In meiner Erinnerung bleiben Tafeln mit den Errungenschaften durch die Bolschewiki hängen:

  • Die Abschaffung der Dienstgrade in der Armee
  • die beeindruckende wirtschaftliche Entwicklung
  • die Lenin-Glühbirne
  • die Judenemanzipation
  • die Verbesserung(?) der Lage der Bauern.

Von wegen: Den Bauern nahm die Tscheka den letzten Halm weg. Lenins NEP verschaffte ihnen etwas Luft. Sie durften verkaufen, was sie über den eigenen bedarf produzierten. Und schon besserte sich die Versorgung der Städte. Ein Jahrzehnt nach der großen Revolution lösten die Bolschewiki das Bauernproblem. Sie schafften sie ab. Stalins Zwangskollektivierung forderte Millionen Opfer.

Die Begeisterung der mittel- und westeuropäischen Intellektuellen bleibt nicht unerwähnt. Natürlich gab es unter ihnen auch den einen oder anderen Enttäuschten. Besonders erwähnt wird jedoch – völlig unkritisch – Egon Erwin Kisch, der noch anfangs der 30er Jahre, als die große Ernüchterung bei westlichen Intellektuellen schon längst eingesetzt hat, begeisterter Sowjetfan ist.

Dann kommen, für mich überraschend, Räume mit einer ausgiebigen Darstellung der antibolschewistischen Propaganda in anderen Ländern.

Ärgerlich sind die Texte in leichter Sprache, die gleichberechtigt neben den viel längeren, engerzeiligen deutschen und englischen Texten an den Wänden hängen. Neben manchen Medien sehe ich nur Text in leichter Sprache.

Das sei die Erläuterung für Schüler, höre ich zufällig einen Besucher sagen. Um Gottes willen! Nicht wörtlich, aber in etwa die Revolution in leichter Sprache: Erst herrschte der böse Zar. Die Menschen waren unzufrieden. Dann kamen die Kommunisten. Den Menschen ging es besser. Ich hoffe, dass diese Sprache nicht in Schulbücher einzieht. Wetten darauf werde ich nicht.

Um auf Dr. Gysi zurückzukommen: Er hat erkannt, dass die Große Sozialistische Oktoberrevolution gescheitert ist. Aus der Ausstellung kann er diese Erkenntnis nicht mitgenommen haben. Vielleicht sieht er das Scheitern im Rückblick auf 70 Jahre bolschewistische Diktatur. Diese Perspektive hätte auch eine Ausstellung werden können: Die Große Sozialistische Revolution 1917 – 1989. Der Bick auf die große Oktoberrevolution bleibt unvollständig, wenn man das ausblendet, was danach kam.

Das ist unser Vorteil: Wir wissen wie es ausging. Warum sollen wir so tun, als ob wir das nicht wüssten?

Wer besser informiert werden möchte, kommt am Bücherlesen nicht vorbei. Karl Schlögel ist dazu sehr empfehlenswert: Terror und Traum und sein neuestes, Das sowjetische Jahrhundert. Aber auch Michail Ossorgin, Eine Staße in Moskau und Swetlana Alexijewitsch, Secondhandzeit

Nachtrag: Dr. Dietmar Bartsch wirft einen differenzierten Blick auf die Große Sozialistische Oktoberrevolution, sieht aber nur ihre Errungenschaften, nicht den Massenmord.

Siehe in der Basler Zeitung: „Die tödliche Versuchung“ über die Oktoberrevolution

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2 Kommentare zu „Lenins Putsch und Gysis Grußwort

    […] Dr. Gysi und Dr. Bartsch, die das Gute in der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution sehen und Gysi insbesondere sich einen neuen Versuch wünscht. Wobei sie wohlweislich offenlassen und auch in Talkshows nicht […]

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    […] vergleiche während des Rundganges mit der Ausstellung des Deutschen Historischen Museums über Große Oktoberrevolution. Auch dort wurden ja Objekte gezeigt. Aber sie wurden nicht so […]

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