Die neue Geschäftsidee: Boostcamps

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Kürzlich schrieb ich, dass ich mich wundere, wo all diejenigen, die irgendetwas mit Medien, Kultur oder Kommunikation studierten, eigentlich arbeiten werden.

Die Antwort finde ich gerade. Es ist hinlänglich bekannt, dass es Dutzende von Stiftungen, Aktionskreisen und Arbeitsgemeinschaften, Agenturen und Kontoren für Frieden und Schutzsuchende, gegen Klimawandelgegner und Nazis, für Windräder und Menschenwürde, gegen Dieselmotoren und die AfD gibt. Aber es müssen in Wirklichkeit Hunderte sein und es werden ständig mehr. Das ist kein Wunder, denn es gibt Millionen Fördergelder aus den Bundesministerien.

Ein Beispiel ist die „Initiative Offene Gesellschaft“ des Soziologen Prof. Dr. Harald Welzer. Sie sucht gerade Eventmanager, Campaigners, Mediengestalter, Social-Media-Redakteure und Regionalbotschafter (7 Stellen sind zu besetzen!). Ziel: den Einzug der AfD in den Bundestag zu verhindern.

(via Susanne Baumstark, AchGut)

Welzers „10 Thesen für eine kraftvolle Bewegung“ sind selbst populistisch in ihrer Polemik und Ungenauigkeit:

These 1: … Warum unterstützt die etablierte Politik nicht [die] Mehrheit, sondern macht sich die [menschenfeindlichen] Behauptungen des einen Fünftels am rechten Rand zu eigen? 

These 2: Alle Studien zu politischen Einstellungen zeigen seit Jahrzehnten bei etwa 20 Prozent der Deutschen menschenfeindliche Orientierungen. Der Unterschied zu früher besteht heute lediglich darin, dass es mit der AfD eine Partei gibt, in der sich dieser Bevölkerungsteil wiederfindet…

These 4: Warum die Hysterie um die zweifellos große Herausforderung der Integration der Geflüchteten? 1945 gab es in Deutschland 55 Millionen Flüchtlinge, Vertriebene, befreite Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge; seither schreiben wir eine unglaubliche Erfolgsgeschichte der Integration, fortgesetzt später durch die Integration der sogenannten Gastarbeiter, der Boat-People aus Vietnam und Laos, der Jugoslawien-Flüchtlinge, der Spätaussiedler.

These 5: Teile der Eliten sind schlecht integriert und zerstören Systemvertrauen. Nicht abreißende Skandale um Volkswagen und Deutsche Bank, …

These 6: Wir haben wachsende soziale Ungerechtigkeit in Einkommen und Bildung… In einer Offenen Gesellschaft gibt es kein Volk, sondern eine Bevölkerung, keine Lügenpresse, sondern Pressefreiheit, keinen Überwachungsstaat, sondern individuelle Freiheit und Privatheit, keine Willkür, sondern Recht.

These 8: … Es wird keine rechtspopulistische Partei im Deutschen Bundestag geben.

These 9: Wir sind eine neue politische Bewegung…

(Wenigstens nimmt sich die Bewegung bei der Zahl ihrer Thesen nicht Martin Luther zum Vorbild.)

Trotz so viel Geschichtsklitterung, Übertreibung und Ungenauigkeit fließen die Gelder der einschlägigen Ministerien (und der Bertelsmann-Stiftung, lese ich).

Da Prof. Dr. Welzer u. a. schon zu Nationalsozialismus und Klimawandel publiziert hat, dürften der Initiative die Themen nicht ausgehen. Dass der Soziologieprofessor den Begriff „Offene Gesellschaft“ für seine kraftvolle Bewegung usurpiert, bei dem ich eher an Karl Raimund Popper denke und nicht an linkspopulistische Aktivisten, zeigt den Niedergang der Soziologie als Wissenschaft. Dass ausgerechnet die marxistische Rosa-Luxemburg-Stiftung im Hintergrund auftaucht, zeigt die Begriffsverwirrung. Die kommunistische Dogmatikerin Luxemburg kämpfte für das Gegenteil einer offenen Gesellschaft. Was viele Linke bei Popper gerne unterschlagen: Er lehnte sowohl die faschistische als auch die kommunistische Ideologie als totalitär ab.

Wie man mit der Organisation von Protestbewegungen Arbeitsplätze schafft, z. B. Schulungskurse abhält, zeigen die Unternehmungen Kampagnenfabrik e. V., Campaign Boostcamp Deutschland  und HR-Consulting & Coaching, Flüchtlingsrat Hamburg, SilentUniversity, Agrar-Koordination, Lola-Kulturzentrum, Netzwerk für lokale Friedensarbeit, PeaceBrigades International und nicht zuletzt „als Forum für politische Bildung“ in einer Offenen Gesellschaft, die Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Es ist richtig, dass Popper in seinem liberal-individualistischen Gesellschaftsbild ebenso wie Welzers Bewegung die Nation ablehnt. Allerdings sind es linke Bewegungen, die statt der Nation kulturell-ethnisch definierte Gruppen als Basis ihrer multikulturellen Gesellschaft betrachten. Nicht der einzelne Mensch integriert sich in eine demokratisch verfasste Gesellschaft, wie bei Popper, sondern die Gesellschaft setzt sich aus „Ethnien“ zusammen: den Muslimen, den Frauen, den Homosexuellen, den Palästinensern, den Schwarzen. Das Individuum wird über diese Gemeinschaften definiert.

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