Lesetipp: Die Lust an der Schuld

Gepostet am Aktualisiert am

Ich lese gerade

Antonia Grunenberg, Die Lust an der Schuld. Von der Macht der Vergangenheit über die Gegenwart, Berlin: Rowohlt 2001.

Schon lange suche ich ein Buch über den Umgang der Deutschen mit Auschwitz und dem Holocaust. Was mich an diesem Umgang stört, ich vermeide das Modewort „Diskurs“, weil es gerade diesen darüber nicht gibt, ist, dass er Rechtsextremisten überlassen bleibt. Oder, wenn es kein Rechtsextremist ist, er sofort in diese Ecke gestellt wird, sei es, weil er missverständlich formuliert hat, sei es, dass er missverstanden wird.

So erging es Martin Walser („Auschwitzkeule“) und Philipp Jenninger, der 1988 im Bundestag versuchte, die Begeisterung der Deutschen für Hitler zu erklären. Das wurde prompt als Rechtfertigung missverstanden und er musste als Bundestagsvizepräsident zurücktreten. Ignaz Bubis, Vorsitzender des Zentralrates der Juden verwendete ein Jahr später absichtlich Teile von Jenningers Rede, ohne dass irgendjemand daran Anstoss genommen hätte.

Was ich mir wünschte, wäre eine kritische Analyse des deutschen Schuldkomplexes, die man nicht in die rechte Ecke stellen könnte.

Denn es geht dabei überhaupt nicht um Relativierung oder gar Leugnung der deutschen Verbrechen. Es geht darum, zu untersuchen, welche Folgen es wiederum hat, Politik und Geschichte ausschließlich auf Auschwitz zu beziehen. Geschichte wird zur Vorgeschichte von Auschwitz. Von Luther und Friedrich dem II. führe ein gerader Weg zu Hitler. Geschichte liefert nur negative Identität (Grunenberg). Und nach Auschwitz gilt es, alle Kraft darauf zu richten, ein neues Auschwitz zu verhindern. Das droht, wenn Serben Kroaten umbringen oder wenn die AfD in einen Landtag einzieht, wie es (Nachtrag) der grüne Cem Özdemir prophezeit. Wenn Antifa-Schläger Neonazis zusammenschlagen, dient das letztlich der Verhinderung eines neuen Auschwitz, und eine bürgerliche Zeitung findet lobende Worte für den „Abwehrkampf“ der Linksextremisten. Auch bei der nahezu einhelligen Verurteilung Israels als Apartheidstaat, als Unterdrücker der heimatlosen Araber Palästinas in den linken Parteien und den deutschen Medien werde ich den Verdacht nicht los, dass „wir“ wegen unseres vorbildlichen Umganges mit unserer Schuld an der Ermordung der europäischen Juden, uns legitimiert fühlen, den Juden, gerade den Juden, die Leviten zu lesen. Hillary Clinton, der man vieles nachsagen kann, aber keine braune Gesinnung, spricht von einem deutschen  „Wiedergutmachungskomplex“.

Antonia Grunenberg, emeritierte Politikwissenschaftlerin und Leiterin des Hannah-Arendt-Zentrums, hat das Buch geschrieben, das ich meine. Sie analysiert die deutsche Lust an der Schuld. Die Annahme der Schuld an dem Menschheitsverbrechen dominiere seither die deutsche Politik. Daraus resultiere eine Moralisierung der Politik. Die „besondere deutsche Verpflichtung“ führe dazu, in jedem politischen Handeln ein Stück Wiedergutmachung zu sehen, sei es die Flüchtlingspolitik, der Kampf gegen Nationalismus und Rechtsradikalismus, die mitleidige Unterstützung der arabischen Palästinenser gegen die angebliche Unterdrückung durch die Juden. Russland, egal, was in der Welt anrichte, darf, nach allem, was „wir“ den Russen angetan haben, nicht gedemütigt werden.

Frau Grunenberg schreibt eine brillante Analyse der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts unter dem Gesichtspunkt von Schuld.

Es begann mit dem Ersten Weltkrieg. Die Alliierten sahen in Deutschland auch den moralisch Schuldigen am Großen Krieg. Die Empörung darüber, die daraus resultierende Demütigung war stärker als der realpolitische Erfolg Weimarer Politiker. Denn die gigantischen Reparationslasten, die dem alleinschuldigen Deutschland aufgebürdet worden waren und die es bis in die 50er Jahre zu begleichen gehabt hätte, waren bis 1931 wegverhandelt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Westdeutschland – verständlicherweise – eine lange Zeit des Schweigens über Schuld. Die Rigorosität, mit der danach Schuld angenommen wurde, zeigte, so Grunenberg in Ost und West, selbst totalitäre Züge: Nie wieder Auschwitz, nie wieder Faschismus. Die westdeutschen Studenten nahmen den totalitären Antifaschismus der DDR auf. Die Kinder der Täter wollten sich in einem Reinigungsritual von der Schuld befreien.

Die Sphäre des Politschen sei überlagert von Gesinnung und Opportunismus. Das schlechte Gewissen habe sich von seiner Ursache gelöst. Es kreise um sich selbst. Selbst noch in der Sühne für das Verbrechen seien wir die Besten.

Die deutsche Hypermoralisierung öffentlicher Debatten hat zu einer Überfrachtung des Geschehens mit symbolischer Dramatik und im Endeffekt zu einem Realitätsverlust geführt. Den Deutschen fehle die Mitte zwischen Demutsgesten und aggressiver Interessenpolitik.

Das Buch kostete bei Erscheinen 20€. Jetzt wird es verramscht. Ich zahlte inklusive Versand 3€.

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Ein Kommentar zu „Lesetipp: Die Lust an der Schuld

    […] Es ist schade, dass mit Sieferles Bemerkungen eine durchaus sinnvolle Debatte über den Umgang der Deutschen mit Schuld am Holocaust noch unmöglicher geworden ist. […]

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