Uni Potsdam erforscht Populismus

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Uni PotsdamDer Ruf der Universität Potsdam wird immer besser. Aber heute lese ich von einem neuen, vor einem Jahr gegründeten Zentrum für Bürgerschaft, Soziale Pluralität und Religiöse Vielfalt. Die haben auch gleich eine internationale Tagung zum Thema Populismus veranstaltet.

Der Direktor, der Soziologe Jürgen Mackert, erklärt laut PNN/Tagesspiegel v. 12. 7. 17, p 21, dass Populisten politische Argumentationsstrukturen vereinfachen würden und sie auf Schlagwörter reduzierten. Damit wollten sie Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse nehmen. Das ist auch das erklärte Ziel des Zentrumsdirektors. Er und sein Team von Soziologen und Politologen wollen in die Politik hineinwirken und populistischen Strömungen entgegentreten. Das ist immerhin ehrlich. Aber bei mir entsteht ein ungutes Gefühl.

Das Zentrum ist 2016 gegründet worden. Das wesentliche „Forschungs“ergebnis aber schon scheint festzustehen, lese ich in der Zeitung. Die Ursachen für Populismus wären neoliberale Politik, von Sozialdemokraten mitgetragen, Abbau sozialer Rechte, Durchsetzung einseitiger unternehmerorientierter Politik, Beschneidung der Gewerkschaftsrechte. SPD-Bundeskanzler Schröder hätte die grundlegende Umgestaltung des Sozialstaates vorangetrieben.

Was wollen sie eigentlich noch forschen, wenn sie das schon wissen? Wozu braucht man ein Zentrum für die diversen Pluralismen an der Universität Potsdam, wenn man alles schon von Frau Dr. Wagenknecht gehört und im Neuen Deutschland gelesen hat. Studien der Rosa-Luxemburg-, Friedrich-Ebert- und Otto-Brenner-Stiftung wollen das auch schon herausgefunden haben.

Wissenschaft wird wieder einmal zur Magd politischer Interessen und verzichtet auf Eigenständigkeit und Distanz zum Politikbetrieb.

Prof.  Mackert beugt dem Vorwurf vor, auf dem linken Auge blind zu sein. Der Wissenschaftler weiß: Die Linkspartei könne trotz des Abbaus sozialer Rechte nicht profitieren. (Ist das ein Forschungsergebnis von Herrn Prof. Dr. Mackert?) Von Linkspopulismus muss daher nicht die Rede sein, obwohl mir bei „vereinfachter Argumentation“ und „Reduzierung auf Schlagworte“, „Ablehnung von Kompromissen“ auch Linkspopulisten, nicht zuletzt in Potsdam, einfallen.

Populisten würden im Übrigen nicht nach linken und rechten Politikansätzen unterscheiden. Wäre das nicht ein Forschungsansatz? Sind Frau Wagenknecht und ihr Mann links oder rechts oder beides? Warum gibt es so schnell Querfronten oder Seitenwechsel, gestern DKP, heute AfD, gestern Baader-Meinhof, heute NPD?

Ist Rechtspopulismus allein der Globalisierung und den hohen Managergehältern geschuldet? Wäre es nicht eine Untersuchung der Potsdamer Expert/-innen wert, ob auch Refugees welcome, egal wer und wie viele, die Verdammung von allem, was mit Patriotismus, Nationalgefühl und Leitkultur zu tun hat, die politisch-mediale Einheitsmeinung dazu etwas mit dem Erstarken des Rechtspopulismus zu tun haben könnte?

Schauen wir uns das Tagungsprogramm an!

Da es eine internationale Tagung ist, wird Englisch gesprochen: Es geht selbstverständlich um Right-Wing-Populism. Doch, eine Veranstaltung zu Left Wing Populism in Griechenland gibt es.

Wenig überraschend auch: Gender Populism, Masculinity and the New Populism. Natürlich darf Israel nicht fehlen: Referiert wird über Citizenship (Staatsbürgerschaft) der arabischen Bürger Israels. Näher gelegen hätte für mich eine Untersuchung von Citizenship christlicher Araber unter Hamas- oder PLO-Herrschaft in Palästina oder ein Referat über religiöse Vielfalt in Saudi-Arabien. Aber wahrscheinlich beginnt da schon Rechtspopulismus.

Die Potsdamer Wissenschaftler/-innen positionieren sich klar. Sie kennen die Schuldigen am Rechtspopulismus: der neoliberale Kapitalismus, der Abbau des Sozialstaates, die Sozialdemokraten, die fehlende soziale Gleichheit.

Sie beschränken sich auf Europa und die USA. Woanders scheint es Populismus, Erosion der Staatsbürgerschaft, soziale Ungleichheit nicht zu geben. Warum geht es nur um Pluralität, Vielfalt und Diversität in Europa und USA? Wie viele Magister- und Doktorarbeiten sollen dazu noch geschrieben werden?

Warum werden Pluralität, Diversität, Vielfalt als richtig vorausgesetzt und nicht kontrovers diskutiert? Wie soll ein sozial und religiös pluraler, diverser und vielfältiger Staat organisiert sein? Gibt es dann noch Nationalität und Staatsbürgerschaft oder werden sie überflüssig? Wenn Integration in eine Nation entfällt, wie leben die vielfäligen, pluralen und diversen Individuen zusammen? Woran orientieren sie sich? An der Religion, an der ethnischen Gruppe, an der sexuellen Präferenz?

Wie vielfältig könnte an diesem Zentrum geforscht werden, wenn man das Erkenntnisinteresse pluraler fassen würde!

 

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