„Wutjournalismus“: ein lesenswerter NZZ-Artikel

Gepostet am Aktualisiert am

Es fiel mir am Sonntagabend auf, als wir von der Heerstraße Richtung Potsdam abbogen. An der Tankstelle dort, noch auf Berliner Gebiet liegend, gab es den Spiegel schon sonntags statt (damals) erst montags.

Was mit auffiel war: Ich vermisse den Spiegel überhaupt nicht, auch nicht die Frankfurter Rundschau und Die Zeit. Dabei waren dies jahrzehntelang meine Leib- und Magen-Blätter. Ich las viel mit der Schere, einer richtigen Schere, weil ich gerne aktuellen Politikunterricht machte.

Woran liegt es? An mir, weil ich nichts mehr für den Unterricht ausschneiden muss? An den genannten Medien, weil sie einförmig, einseitig, affirmativ geworden sind?

Mir war aufgefallen, dass ich seit Jahren nichts mehr aus dem Spiegel ausschnitt. Da stand einfach nichts mehr drin, was mir aufhebenswert schien. Das bestätigt mir exemplarisch Fritz Goergen in Tichys Einblick. Er schreibt, früher wäre ein Spiegel-Gespräch jedes Mal ein Höhepunkt gewesen, heute ein simples Interview.

Mark Twain (1835 – 1910) war schon viel früher dahinter gekommen: Wenn man keine Zeitung liest, ist man uninformiert. Wenn man Zeitung liest, ist man desinformiert.

Ich fühle mich im Internet, nicht zuletzt in ausländischen Medien gut informiert.

(Das verständliche Schwinden der „Kostenlos-Kultur“ bereitet mir schon Kopfzerbrechen. Irgendwann muss ich mich wohl auf zwei, drei Plattformen konzentrieren und zahlen. Die bisherigen Formen des Bezahlens von einzelnen Artikeln verschiedener Medien über eine einzige Plattform überzeugt mich noch nicht. Ich befürchte, das wird bei meinem Informationshunger teuer.)

Heribert Seifert fand in der Neuen Zürcher Zeitung schon 2016: „Der Zustand der öffentlichen Kommunikation in Deutschland gilt als beklagenswert. Hetze und Hass von rechts sind die Leitvokabeln, mit denen Politik und etablierte Medien diese Klage befeuern“.

Dazu passt dieses zufällige Fundstück: „Als in Frankreich die gleichgeschlechtliche Ehe 2013 im Parlament beschlossen wurde, gingen fast anderthalb Millionen Menschen auf die Straße, um gegen dieses Gesetz zu demonstrieren. Kann man sich eine solche Großkundgebung konservativer Kräfte in Deutschland vorstellen? Wohl eher nicht. Vor allem: welche politische Partei in Deutschland würde sich trauen, einen derartigen Protest zu organisieren? (aus dem Buch: Mal eben kurz die Welt retten – Die Deutschen zwischen Größenwahn und Selbstverleugnung, Markus Vahlefeld, Vorwort: Henryk M. Broder)

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