Vorbild und Zerrbild: wie wirkt die DDR-Schule nach?

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Veranstaltungen der Bundesstiftung Aufarbeitung in Berlin besuche ich recht häufig. Sie lohnen sich fast immer. Hochkarätige Referenten und mit ausgewiesenen Experten besetzte Podien sind die Regel. Im Publikum sitzen überwiegend ältere Jahrgänge, fast immer mit Erfahrungen und Wissen zum Thema.

Jedes Mal wäge ich ab: Bleibe ich im schönen Potsdam auf dem Balkon sitzen, rauche eine Zigarre, trinke einen Rosé oder mache ich mich auf den Weg nach Berlin-Mitte?

Dieses Mal hieß die Veranstaltung „Vorbild oder Zerrbild? Die DDR-Schule in der gesamtdeutschen Bildungsdebatte“.

Die Formulierung gefiel mir nicht. In der deutschen Bildungsdebatte spielt die Ostschule keine große Rolle. Das Wort „gesamtdeutsch“ gehört in die Zeit der Teilung. „Vorbild oder Zerrbild?“ taugt allenfalls als provozierende Schlagzeile. Die beiden Pole, um die eine Diskussion über die Ostschule kreisen sollte, sind sie für mich nicht.

Die eingeladenen Referenten sagten mir, abgesehen von Prof. Geißler und Frau Teuteberg nichts. Als Moderator wurde David Ensikat genannt. Vor drei Jahren hatte sein (Jugend-)buch über das kleine Land mit der großen Mauer gemischte Gefühle bei mir hinterlassen.

Das, was ich hier aufschreibe, spielt sich in Sekunden im Kopf oder eher im Bauch ab: Ich fahre nicht hin.

Sachliche Basis der Entscheidung ist allerdings, dass ich viel über die DDR-Schule gelesen habe (z. B. Freya Klier, Ulrike Mietzner), ich kenne DDR-Schulbücher und Lehrerhandreichungen. Vor allem kenne ich die Geschichts- und Staatsbürgerkunde-Bücher: Die DDR als Höhepunkt und Endzustand der Weltgeschichte.

Ich habe Erfahrungen gemacht mit Schülern und Eltern, die in den 80ern als Übersiedler in den Westen kamen. Die Diskussion darüber, ob das gute Abschneiden zweier ostdeutscher Bundesländer bei den PISA-MINT-Tests etwas mit der DDR zu tun haben könnte oder dass das anfänglich gute Abschneiden Finnlands damit zusammenhinge, dass Finnland das ostdeutsche Schulsystem übernommen hätte, habe ich verfolgt. In der Ausschreibung der Veranstaltung war darauf hingewiesen worden: „Besonders einige ostdeutsche Bundesländer scheinen heute mit Anleihen und fortgesetzten Traditionen aus dem sozialistischen Unterricht Erfolge zu feiern. Sachsen und Thüringen belegen bei nationalen Vergleichsstudien regelmäßig Spitzenplätze.“

Die Veranstaltungen der Stiftung gibt es als Tonbandaufzeichung; man kann  also Nachhören, wenn man etwas verpasst hat. Ich sitze gerade einmal wieder auf dem Balkon und höre in die Aufzeichnung hinein. Die 90 Minuten auf dem Podium sind wie erwartet. Schnell wird durchgehört. Eine Zuhörerin wird in der Diskussion später nur wenig übertreibend sagen, da seien Döntjes erzählt worden.

Welche fortgesetzten Traditionen den Erfolg bei PISA erklären, darauf wurde nicht eingegangen. Das Aufstehen zu Beginn des Unterrichts wird es doch wohl nicht gewesen sein. Warum nicht auch Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zu PISA-Spitzenreitern gehören, wurde nicht angesprochen. Der Hinweis aus dem Flyer wurde nicht kritisch diskutiert. Wenn ich noch einmal durchlese, was allein ich dazu zusammengetragen habe, ist es ein starkes Stück, das Thema im Flyer ausdrücklich zu nennen und dann nichts dazu zu sagen.

Was fehlte, war auch das System der Heimerziehung, die Jugendwerkhöfe, die Hilfsschulen, die „Sonderheime für Psychodiagnostik und pädagogisch-psychologische Therapie“, wo sie mit Psychopharmaka still gestellt wurden. Es fehlten auch die Spezialschulen, die Eliteinternate für Sprachen, Sport, Mathematik und Naturwissenschaften.  Erst nach der sog. Wende haben westdeutsche Experten in den neuen Bundesländern zusammen mit aufgeschlossenen DDR-Lehrkräften ein Sonderschulwesen aufgebaut, das den Namen verdient.

Die geladene bildungspolitische Sprecherin der Linkspartei, Dr. Hein, gibt sich aufgeklärt und ausgewogen. Sie hat kein Problem zuzugeben, dass das DDR-Schulsystem manches Problem nicht lösen konnte, um gleich darauf zu sagen, das heutige Schulwesen aber auch nicht. Dann erklärt sie als Beitrag zum DDR-Schulerfolg, dass die Lehrer ein höheres Ansehen und dadurch mehr Autorität gehabt hätten.

Ich hoffe, dass die letzten 30 Minuten, die Runde für die Zuschauerfragen, interessanter wird. Sie wurden es!

Ab ca. 1.23,49

Auch viele Zuhörer hatten sich mehr erhofft. Die durchgängige Disziplinierung, von der Kinderkrippe – alle müssen jetzt topfen! – bis zum Aufsuchen der Eltern am Arbeitsplatz und die Rüge von Schülern vor der versammelten Schüler- und Lehrerschaft, die Quoten für die EOS, fürs Sitzenbleiben, für die Überweisung an die „Hilfsschule“, für die Zahl der Offiziersbewerber, die FDJ-Mitgliedschaften, das alles sei gar nicht erwähnt oder allerhöchstens gestreift worden.

Es wurde moniert, dass man die Ostschule immer mit der heutigen Schule verglichen hatte, ohne die gesellschaftlichen Veränderungen zu berücksichtigen. So ganz unglücklich war man auf dem Podium mit den disziplinierten Schülern in der DDR nicht. Das stundenlange Stehen beim Fahnenappell wurde allerdings nicht erwähnt. Das Aufstehen zu Beginn der Stunde mag durchaus der Sammlung gedient haben. Nur wurde nicht erwähnt, fand eine Zuhörerin, dass auch der Gruß „Allzeit bereit“ dazu gehörte.

Natürlich gibt es den unvermeidlichen Debattenredner, der mit donnernder Stimme erklärt, wie er als Vorsitzender einer Kreis-Kirchensynode und eines Elternaktivs erfolgreich im Schulleben mitgewirkt habe. Klassen- und Elternkollektive müssten heute wieder gestärkt werden.

Moderator Ensikat erklärte sich ob der Kritik: Er fand, es sei interessanter, die Frage zu beantworten: Wo hilft uns das DDR-Schulwesen heute weiter? Dass die Ostschule auch ein Herrschaftsinstrument der SED gewesen war, sei doch bekannt. Das müsse man sich nicht mehr gegenseitig versichern.

Eine westdeutsche Chemikerin hat eine bemerkenswerte Erkenntnis. Sie hat an sich selbst erfahren, dass das Studium der Naturwissenschaften einen geistigen Freiraum eröffnet und selbständiges, freies und logisches Denken ermöglicht habe. Sie meint, auch an ostdeutschen Kollegen wahrgenommen zu haben, dass die Naturwissenschaften ein Freiraum gewesen waren, wo sie selbstständig denken konnten. Die Naturwissenschaften seien relativ immun gegen Ideologie. (Sie wird von einem der auf dem Podium Sitzenden rüde abgefertigt: „Das hätten Sie auch kürzer sagen können.“ )

Als eine Zuhörerin meint, das von der sozialistischen Bildungsexpertin Hein behauptete größere Ansehen der DDR-Lehrer hätte es nur auf der Basis der Partei gegeben, fällt ihr Ensikat ins Wort: „Um die Basis geht es doch!“ Wie jetzt, also doch die politische Dimension der Ostschule als Thema?

Eine Zuhörerin weist darauf hin: Es gäbe heute Gesetze, in denen Entschädigungen für Opfer der DDR-Heimerziehung vorgesehen seien. Das spräche nicht gerade für das DDR-Schulsystem. Eine Ergotherapeutin erzählt von der Grundschule ihrer Tochter 2004(!) in Dessau: Da sei es militärisch zugegangen.

Zur Frage der Aufarbeitung der DDR und der DDR-Schule nach 1989 erzählt eine Studentin, dass die linken West-Berliner Kollegen am schlimmsten gewesen seien. Sie gerieten in Rage, wenn das DDR-Schulwesen kritisiert wurde.

Ensikat hofft auf eine Fortsetzung der Debatte. Man hätte an diesem Abend nicht alles ansprechen können. Lieber nicht!

Auf dem Podium saß auch die Brandenburger FDP- Politikerin Linda Teuteberg . Sie konnte aus eigener Anschauung wenig zur DDR-Schule beitragen. Für sie war die DDR im dritten Schuljahr zu Ende.

Ich schätze Frau Teuteberg wegen ihres Engagements in Sachen DDR-Aufarbeitung sehr. Sie hat das u. a. in der Enquete-Kommission des Brandenburger Landtages bewiesen. Beim Gedenken an die Maueröffnung an der Glienicker Brücke kann sie Substantielles sagen, während andere Politiker Textbausteine aneinanderreihen. In der Diskussion mit ihr sieht Heinz Vietze, der ehemalige SED-Bezirkschef, graue Eminenz in PDS/Linkspartei und spätere Duzfreund Matthias Platzecks alt aus. Sie bekommt hoffentlich nach der Bundestagswahl die Chance einer politischen Karriere.

 

 

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