Lesetipp: Manfred Quiring, Putins russische Welt

Gepostet am Aktualisiert am

Quiring, PutinDas Buch der US-amerikanischen Politologin Karen Dawisha über Putins Kleptokratie hat keine Chance, ins Deutsche übersetzt zu werden, weil die Verlage Angst vor Putins Anwaltskanzleien haben.
Nun hat der Moskau-Korrepondent der (Ost-)Berliner Zeitung und später der Welt, Manfred Quiring, beschrieben, wie in Russland Geheimdienstleute (früher KGB, jetzt FSB), Oligarchen und Mafia-Clans die zarten marktwirtschaftlichen und demokratischen Ansätze der frühen 90er Jahre erst zu ihren Gunsten ausgenutzt und inzwischen beseitigt zu haben.
Das Volk wird mit nationalistischem Getöse zugedröhnt: Siegesfeiern über die Deutschen, Propaganda vom bedrohten, aber überlegenen Russland, Lobpreisung Stalins.
Der Westen gilt als dekadent und russlandfeindlich. Aber die Milliardäre um Putin bringen ihr Geld und ihren Immobilienbesitz gerne auf den Cayman-Inseln und bei panamaischen Banken unter, lassen ihre Kinder an der US-Ostküste studieren und fahren deutsche Edelautos.
Der langjährige Russlandkenner Quiring zitiert immer wieder russische Quellen und kennt aus seiner Korrespondententätigkeit manche Drahtzieher.
Er greift die deutsche Debatte über die angebliche Ost-Erweiterung der NATO auf und geht Satz für Satz durch, warum das eine unsägliche Geschichtsklitterung ist.

Man wünscht sich, dass die Putin-Versteher, allen voran Matthias Platzeck, einen Blick in das Buch werfen. Wenn man russische Sprache, russische Literatur liebt und russische Freunde hat, muss man nicht ständig dem Westen Überheblichkeit und Aggressivität vorwerfen und bei Russland großzügig über alles hinwegsehen.

Ein Gewinn ist, dass Quiring es versteht, Skandale, Morde, unfassbare Geldgeschäfte, Aufstieg und Fall einzelner Personen in den Gesamtzusammenhang der Transformation Russlands von einem hoffnungsvollen Partner des Westens zu einem Failed State a la Somalia und Venezuela zu stellen.

Ein russischer Wissenschaftler hat die Weltmarkterlöse für Rohstoffe mit der russischen Außenpolitik verglichen. Er kommt zu dem Ergebnis, dass immer dann, wenn steigende Preise für Öl und Gas Geld in die Kassen des Kreml spülte, Russland als Aggressor auftrat: Der Beginn des Tschetchenien-Krieges, der Einmarsch in Afghanistan, Krim-Annexion und Ostukrainekrieg fanden in Zeiten hoher Rohstoffpreise statt. Wenn die Kassen leerer wurden, wurde Russland außenpolitisch zahm und nahm auch gerne westliche Kredite in Anspruch.

Das Buch ist eine Dokumentation, kein Kriminalroman. Aber man liest es mit offenem Mund.

Ein Nebeneffekt der Lektüre (nicht nur dieser): Wie gut, dass die Transformation der DDR in eine Marktwirtschaft und Demokratie nicht so verlaufen ist. Es gab zwar Ansätze, einiges lief so. Aber  es war doch eine Nummer kleiner und mit der Eingliederung in die Bundesrepublik blieb Ostdeutschland nicht sich selbst überlassen. Zwar wanderten auch Grundstücke und Häuser preisgünstigst aus Staats- und Parteibesitz an schlaue Kader. Manche Manager verkauften ihren Betrieb an der Treuhand vorbei oder sahen sich plötzlich als Chef einer Agro-GmbH, die sie vorher als LPG-Vorsitzender geleitet hatten.

Die Idee, der Bevölkerung Anteilscheine an den Staatsfirmen zu geben, führte in Russland dazu, dass clevere Unternehmer diese von den ahnungslosen Menschen kauften und so in den Besitz der privatisierten Staatskonzerne kamen. Die Idee gab es auch beim Zusammenbruch der DDR. Und sie wird bis heute glorifiziert. Dumm war nur, dass das Volkseigentum an zum großen Teil maroden, nicht weltmarktfähigen, die Umwelt belastenden Betrieben nicht viel wert war. Und die Abnehmer im Comecon waren weggebrochen oder kauften lieber im Westen.

Wie gut, dass man alles, was schief ging, der Treuhand in die Schuhe schieben kann.

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