Franz Fühmann

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Von Franz Fühmann kenne ich nur eine einzige Erzählung: „Das Judenauto“. Diese Geschichte hat mich sehr beeindruckt. Ich denke, ich stieß auf sie Ende der 70er Jahre als Lektürevorschlag für die Schule.

Zur Inhaltsangabe verlinke zu Dieter Wunderlichs Film- und Buchtipps-Seite.

Was mich seinerzeit beeindruckte, war, dass dieser Text eines DDR-Schriftstellers von Juden und Antisemitismus, von der Entstehung eines Vorurteils handelte. Er macht deutlich, dass die Entstehung eines Vorurteils ein komplexer, psychologischer, sozialer Prozess ist. Das, was wirklich ist, und das, was vernünftig ist, spielen dabei keine wesentliche Rolle. Fantasie und Einbildung überlagern oder verfälschen die Realität. Deswegen ist es so schwer, über Vorurteile aufzuklären und sie mit Argumenten und Tatsachen zu widerlegen.

Dass ein solch subtiler Text aus der DDR kam, das fiel mir damals schon auf. Denn der SED war nicht sehr an Juden gelegen, Antisemitismus und Holocaust waren kein Thema. (Jurek Becker – Jakob, der Lügner, Bronsteins Kinder – sind kein Gegenbeweis. Becker war selbst Jude. Sein Drehbuch „Jakob der Lügner“ wurde zuerst einmal von den Kultur-Aufpassern abgelehnt.) Aber es machte mich auch nicht neugierig auf mehr Fühmann. Was er sonst noch geschrieben hatte, war mir nicht bekannt, ich hörte auch nichts darüber.

Was ich wusste, war, dass er einst glühender Nationalsozialist, dann glühender Stalinist und auch später noch überzeugter Sozialist und DDR-Bürger war.

Jetzt stoße ich auf das Buch „Ins Innere. Annäherungen an Franz Fühmann, hrsg. von Peter Braun und Martin Straub, Göttingen: Wallstein 2016. Es enthält Beiträge mehrerer Autor/-innen zu Begegnungen mit ihm, zu seinem Leben und einzelnen Werken. Sie machen bekannt mit einem großartigen Menschen.

Der ehemalige Jesuitenschüler war wohl ein sehr religiöser Mensch. Seine Hingabe an die links- und rechtsextremen Ideologien ist für mich kein Widerspruch, eher ein Beweis.

Als Kriegsgefangener darf er eine sowjetische Antifa-Schule besuchen. In ihnen sollen Nazis zu Marxisten umerzogen werden. Fühmann wird Lehrgruppenleiter. Ihm wird bescheinigt, für eine leitende Tätigkeit in der SED-Kulturbürokratie oder im Journalismus befähigt zu sein.

Trotz allmählicher Enttäuschung von der (Kultur-)politik der SED, bleibt er Sozialist und versucht, durch konstruktive Kritik, die DDR zu verbessern. Dadurch gerät er ins Visier des MfS. Allein die Devise Mielkes, die Feinde der DDR nicht wegzusperren, sondern sie zu zersetzen und unglaubwürdig zu machen, rettet ihn vor dem Zuchthaus. Der Chef des Hinstorff-Verlages und andere aus Fühmanns Umgebung schreiben Berichte über ihn. Bonzen aus der Kulturbürokratie versuchen, ihn zu beeinflussen.

Fühmann wurde zum Fremdling in seiner Wahlheimat DDR. So formuliert es einer der Autoren des Erinnerungsbandes. Er wurde 1957 Nationalpreisträger, ab 1958 flog er aus allen Ämtern.

Es überrascht nicht, dass die SED auch über „Das Judenauto“ nicht begeistert war. Das entsprach nicht dem holzschnittartigen Narrativ vom antifaschistischen Staat, in dem man wenig für Juden und für Israel übrig hatte und die Erinnerung an den Holocaust den Westdeutschen überließ. Eine solche individuelle, sehr persönliche Annäherung an ein Thema, das in der DDR tabuisiert war, konnte der SED nicht gefallen.

Bei Franz Fühmanns Beerdigung 1984 hatte die Stasi vor der Zeremonie Kränze, die vom Ständigen Vertreter der Bundesrepublik Deutschland und westdeutschen Verlagen niedergelegt worden zu den Gartenabfällen bringen lassen.

Nachtrag, zwei Stunden später: Ich stehe vor dem Bücherregal und will „Ins Innere. Annäherungen an Franz Fühmann einsortieren.

Oh, wie peinlich! Da steht „Die dampfenden Hälse der Pferde im Turm von Babel. Ein Sprachspielbuch für Kinder von Franz Fühmann“. Wie konnte ich das vergessen. ein wundervolles Buch über Sprache, 1978 im Ostberliner Kinderbuchverlag erschienen. eine Fundgrube für Ideen zum Kreativen Schreiben. Lang ist´s her…

 

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2 Kommentare zu „Franz Fühmann

    friederikesehmsdorf sagte:
    13/06/2017 um 3:58 pm

    Danke, daß Sie einem aufrichtigen Menschen, der seine Irrtümer immer bereute und versuchte wieder gut zu machen, der ein großartiger Schriftsteller war, wieder in Erinnerung rufen. Zur Ergänzung : unlängst wurde vom Hinstorff- Verlag der Briefwechsel aus den Jahren zwischen1968 – 1984 zwischen dem Bildhauer Wieland Förster, den ich vertrete, und Franz Fühmann herausgegeben. Titel „Nun lesen Sie mal schön!“ Eine großartige „Innenansicht“ zweier großer deutscher Künstler, die in einer Art inneren Emmigration die DDR – Zeit überstanden, aber deren Werke subtile weitreichende Wirkungen hatten und für alle, die dem System ideologisch nicht angehörten, Ermutigung und Bestätigung bedeuteten.

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