„Stalin war ein Verbrecher“: Ist dieser Satz rechtspopulistisch?

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„Extrem aufgeladen“ (zur Gänze lesen ist kostenpflichtig) heißt der Artikel (in der Printausgabe) von Verena Hasel im Berliner Lokalblatt Tagesspiegel. Es geht um Demonstrationen antifaschistischer Gutmenschen vor der Praxis eines Zahnarztes in Berlin-Weißensee. Der Mann wird bekämpft, weil er Politiker der AfD ist.

Ein Foto, das etwa ein Drittel der Seite einnimmt, zeigt Transparente von Antifaschisten, die ein nazi-freies und AfD-reines Weißensee fordern. Der Text unter dem Foto beginnt mit dem Wort „Straßenreinigung“.

Man hat sich daran gewöhnt, dass Fotos ein beliebtes Propagandainstrument geworden sind. Sie werden arrangiert, gefälscht oder gehören nicht zum dem im Text beschriebenen Ereignis. Man kennt das aus „Pallywood“, der Propagandazentrale der Hamas. Da ist wundersamerweise immer da, wo die westlichen Kameraleute stehen, ein Krankenwagen zur Stelle, in den ein Verletzter auf einer Bahre getragen wird. Wenn die Kamera aus Versehen etwas länger läuft, kann man sehen, wie der „Verletzte“ nach der dramatischen Rettungsaktion von der Bahre springt und zu seinen Freunden läuft. Oder das russische Fernsehen zeigt angebliche Bilder von regierungskritischen Demonstranten in der Ukraine. Es ist immer dieselbe Frau, die in drei verschiedenen Städten demonstriert haben soll. Oder die UNO-Flüchtlingsorganisation in Palästina sammelt Spenden für Kinder in Gaza mit dem Foto eines traurigen Mädchens in den Trümmern einer zerbombten syrischen Stadt.

Insofern ist es nicht sonderlich unredlich, wenn der Bericht von der Demonstration gegen den AfD-Zahnarzt mit einem Foto von der Demonstration gegen einen Thor-Steinar-Laden illustriert wird, der bei Nazis beliebte Klamotten verkauft.

Frau Hasel schreibt eine sachliche Reportage. Sie schildert die antifaschistischen Demonstranten: Sonnenbrille im Haar, Kind auf der Schulter. Es ist ein warmer Tag. Sie protokolliert die Rufe dieser aufgebrachten Bürger/-innen.

Sie beschreibt aber auch die andere Seite: Gerade hat ein fürsorglicher Polizist den Zahnarzt davor gewarnt, zu dicht ans Fenster zu treten. Der Polizist wird ihm später auch mitteilen, dass die Demonstranten weg wären.

Nun sei der Zahnarzt Mitglied einer Partei, die menschenverachtende Positionen verbreite, in der eine Bundestagskandidatin ein Hitlerbild teile und dann ist da noch dieser Björn Höcke. Dennoch fragt sich Frau Hasel, wie weit der Kampf gegen gegen Rechtspopulisten gehen dürfe. Wäre es gerechtfertigt, dass man vor der Zahnarztpraxis eines Menschen gegen seine politischen Ansichten protestiert? Ist es gerechtfertigt, dass die berufliche Existenz vernichtet wird, wenn jemand unsympathische Ansichten vertritt?

Darauf antwortet ein Antifa-Aktivist: Ja, das wäre gerechtfertigt, wenn der Zahnarzt einen Patienten aus rassistischen Gründen nicht behandelt hätte. Aber weder die Reporterin noch der Aktivist noch ein nicht behandelter Patient erheben diesen Vorwurf oder belegen gar eine solche Tat.

Ich dachte die Reportage handelt von einer Demonstration. Dabei soll doch erst demonstriert werden, wenn der Arzt aus rassistischen Gründen einen Patienten nicht behandelt hätte. Wahrscheinlich will die Reporterin die Widersprüchlichkeit der Weißenseer Antifaschist*innen zeigen.

Denn die haben ja schon mit Flyern die Nachbarn vor ihm gewarnt und die Arzt-Kollegen aufgefordert, ihm keine Patienten zu überweisen. Sie würden weitermachen, sagt der Antifaschist. Schließlich wäre der Zahnarzt selbst schuld, wenn sie ihn aus Weißensee vertreiben wollen. Er habe sich seine politische Position ja selbst ausgesucht. Die aber wird in Weißensee nicht geduldet. Da machen sie Stress und werden auch Existenzen vernichten.

Hat der Antifaschist von Maos Roten Garden gelernt, frage ich mich, oder von der SA?

Welche Positionen vertritt der AfD-Politiker eigentlich? Er war zuerst beim Bund Freier Bürger. Ebenfalls rechtspopulistisch, befindet eine Antifa-Sprecherin. Verena Hasel hat den Zahnarzt selbst befragt. Er kritisiert die zentralistische EU. Das kenne er, als ehemaliger Bewohner der DDR, von der Sowjetunion. Die Flüchtlingspolitik sei chaotisch und verlogen. Man solle die Migrationsursachen bekämpfen.

Warum er zu einem Vortrag des früher linksextremen, jetzt rechtsextremen Horst Mahler gegangen wäre? Aus Neugier. Aber der rede „abstruses Zeug“. Der Holocaust war eine Gräueltat und Hitler ein Verbrecher. Björn Höckes Forderung nach einer Wende in der seiner Meinung nach zu sehr auf den Holocaust fixierten deutschen Erinnerungskultur ist für den Zahnarzt „völlig inakzeptabel“. Ihm gehe es um ein positives Nationalbewusstsein. Frau Hasels Erkenntnis: Der Zahnarzt gäbe sich moderat. Einerseits.

Andererseits, und das lese ich dann mehrmals, sage er, dass nicht nur Hitler, sondern auch Stalin ein Verbrecher gewesen sei. Mahler sei hoch intelligent und manches von Höcke würde er nicht so kritisch sehen.

„So befremdlich solche Aussagen auch erscheinen, eigentlich sind sie ziemlich logisch. Radke ist Mitglied einer Partei, die vielen Reaktionären eine politische Heimat bietet. Die deutsche Schuld können sie nur schwer aushalten.“

Und stellt jetzt die Frage, ob das alles die Methoden der Antifa-Kämpfer*innen rechtfertige, um den Zahnarzt fertigzumachen. Ich bin beeindruckt. Noch erinnere ich die Danksagung eines Tagesspiegel-Redakteurs an die deutschen Antifa-Aktivist*innen für ihren zivilen Ungehorsam.

Am Schluss lässt sie Politikwissenschaftler und Psychoanalytiker zu Wort kommen. Sie konstatieren die wachsende Intoleranz und Radikalisierung der Linksextremist*innen. Ihr Selbstwertgefühl brauche die Inszenierung als Widerstandskämpfer gegen rechts.

Der Artikel schließt mit dem Polizisten, der an der Praxistür klingelt und Entwarnung gibt.

Wie schön, dass ich den Tagesspiegel einmal loben kann. Aber wie das Blatt bei Meldungen über sinkende Arbeitslosigkeit immer ein Haar in der Suppe findet („Aber im Landkreis Uckermark ist sie gestiegen.“), so rätsele ich über einer Bemerkung: Wieso ist es befremdlich, wenn der Zahnarzt sagt, nicht nur Hitler, auch Stalin sei ein Verbrecher gewesen?

 

 

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