Das Berliner Scheunenviertel

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Ich stoße auf Texte des 1997 verstorbenen Publizisten Eike Geisel. Irgendetwas Kritisches über bundesdeutschen Philosemitismus hatte ich früher von ihm gelesen. Nicht aber den Text über das Berliner Scheunenviertel. Über das will ich mehr wissen. Was Geisel schreibt, habe ich anderswo bisher noch nicht gelesen:

Das Scheunenviertel war ein Gebiet vor den Stadttoren, mit Scheunen und Viehställen. Mit Beginn der Industrialisierung zog dorthin die Landbevölkerung mit der Hoffnung auf ein besseres Leben in der Stadt.

Es sind die Straßen zwischen dem Alexanderplatz und dem Rosenthaler Platz. Das Scheunenviertel wurde das Quartier der armen Leute, aber auch von Gesindel und Kriminellen. Mitte des 19. Jahrhunderts wird die Polizei von 8.000 Obdachlosen und 2.000 Verbrechern reden, die dort Zuflucht gefunden hätten.

Seit der Jahrhundertwende werden Teile des Viertels abgerissen, das Theater „Volksbühne“ wird gebaut. Dennoch ändert sich an den baulichen Zuständen nichts. Höchstens die Hälfte der Wohnungen hat eine Toilette. Die Wohndichte ist fünfmal so hoch wie im Rest der Stadt.

Ab den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts nimmt im Scheunenviertel die ostjüdische Einwanderung zu. Die russischen Pogrome, die ab 1905, nach der ersten russischen Revolution zunehmen, führen dazu. Die meisten wollen, wie Millionen anderer Europäer, weiter in die USA. Geisel hält die Zahl der Ostjuden, die im Scheunenviertel hängenbleiben für nicht groß, einige Zehntausend auf dem Höhepunkt 1905. Die preußische Ausweisungspraxis war rigoros.

Erst vor dem Ersten Weltkrieg, während des Krieges und in den 20er Jahren steigt die Zahl auf über 100.000. Wobei Geisel warnt, dass Antisemiten die Zahl gerne übertrieben hätten.

Bemerkenswert ist, dass der deutsche Generalstab die Juden Polens, das zum Zarenreich gehörte, angesprochen hat: »Juden in Polen! Unsere Fahnen bringen Euch Recht und Freiheit: Gleiches, volles Bürgerrecht, wirkliche Glaubensfreiheit und Lebensfreiheit auf allen wirtschaftlichen und kulturellen Gebieten. Zu lange habt ihr unter dem eisernen Joche Moskaus gelitten. Wir kommen als Befreier zu Euch …«. In Wirklichkeit wurden über 35.000 polnische und russische Juden als Zwangsarbeiter ins Reich verschleppt und landeten in der Rüstungsindustrie oder beim Ausbau der Berliner S-Bahn,

Sie bleiben als kleine Kaufleute, Schuster, Uhrmacher, Schneider, Hausierer und Zigarettenarbeiter in den großen Städten, etwa in der Offenbacher Lederindustrie und als Kürschner in Leipzig.

Nach dem Krieg, dem Ende der Habsburger Monarchie und während der ersten Jahre der bedrängten Russischen Revolution brach über ganz Osteuropa eine Flut von Pogromen und Vertreibungen herein; „sie waren das Geburtstagsgeschenk der neu gegründeten Nationalstaaten oder der wiedererlangten Unabhängigkeit.“ Zehntausende von Juden versuchten trotz Grenzsperrung nach Deutschland zu fliehen.

Die Ostjuden geraten ins Visier der Antisemiten und sie werden auch für die assimilierten deutschen Juden zum Problem. Ihre Armut und ihre religiöse Inbrunst stehen im Kontrast zu jenen. Sie tragen schwarze Mäntel, schwarze Beinkleider, schwarze Hüte und schwarze Bärte. sie sind die Parias in Deutschland, auch für die deutschen Juden.

Es gibt koschere Geschäfte in Kellern und kleinen Läden und ambulante Händler, Schlachtereien, Bäckereien. Eine Unzahl an Betstuben der verschiedenen religiösen Strömungen existiert, eine Rabbinerschule. Polnische Rabbis halten Hof.

Immerhin 100.000 der 700.000 Juden in Deutschland waren jetzt Ostjuden, in Berlin ist das Verhältnis noch ungünstiger.

Eike Geisel beschreibt dann, was sich in den frühen 20er Jahren im Scheunenviertel abgespielt hat. Er sieht darin die Vorgeschichte des Holocaust. Es gab Erniedrigungen, Beleidigungen, Verwünschungen und Drohungen, Polizeirazzien, Plünderungen und  Misshandlungen.

1933 wäre keineswegs das Datum eines abrupten Anfangs des nationalsozialistischen Rassenwahns gewesen. Die Nazis hätten nur wahr gemacht, was angesichts des Scheunenviertels verlangt wurde.

Der Nationalsozialismus wäre bis heute Sieger der Geschichte: Die Erinnerung an das, was hier geschah sei ausgelöscht. Erinnert werde in Deutschland doch nur an „große“ Juden in den Wochen der Brüderlichkeit und in Festschriften.

Eingangs zitiert Geisel einen Satz aus einem Berliner Reiseführer: „Noch heute ist das jiddische Lokalkolorit, das dieses gettoartige Viertel bis zur Ausrottung seiner Bewohner prägte, erhalten.“

Eike Geisel

„Das Scheunenviertel. Beschreibung eines Zenotaphs. (= leeres Grabmal)

enthalten in: Eike Geisel, Die Wiedergutwerdung der Deutschen: Essays & Polemiken

Antaios 2015, als ebook 14,99 €

 

Geisels Buch über die „Wiedergutwerdung der Deutschen“ ist eine bitterböse Abrechnung. Von ihm stammt der Satz, dass die Erinnerung in Deutschland die höchste Form des Vergessens sei.

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