Das estnische Nationalmuseum aus der Sicht des Berliner Tagesspiegels

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Früher einmal gab es im Deutschunterricht das Thema „Textsorten der Zeitung“. Da wurden Merkmale der einzelnen Textsorten herausgearbeitet: Nachricht, Bericht, Reportage, Kommentar. Ob das heute noch so ist, weiß ich nicht. Junge Leute lesen kaum noch Zeitung, Journalisten unterscheiden nicht mehr streng zwischen den Textsorten.

Wir haben damals im Unterricht untersucht, wie subtil in einem Bericht, gar in einer Nachricht, gewertet werden kann, die Information hinter der Meinung des Schreibers verschwindet. Das geschah u.a. am Beispiel der Vietnamkriegsberichterstattung der FAZ oder am Beispiel von Human-Interest-Stories der Bild-Zeitung. Da war der Nachrichtengehalt in einer Schauer- oder Tränengeschichte versteckt, wenn nicht gar verfälscht.

Oft war es gar nicht so leicht zu erkennen, wie Reporter/-innen ihre Wertung einfließen ließen. Bei der Reportage sind die Maßstäbe weniger streng als bei Nachricht und Bericht.

An den Textsorten-Unterricht erinnere ich mich, als ich heute beim Frühstück den Bericht – oder ist es eine Reportage? – von Bernhard Schulz im Tagesspiegel/PNN über die Eröffnung des neuen Nationalmuseums von Estland in Tartu im Oktober 2016 lese: „Geschichte auf der Landebahn“ (PNN p. 24).

„Betrachtet wird vorrangig die Geschichte der Esten“ – welch` Überraschung für ein estnisches Nationalmuseum!

Woher wir kommen, sei eine klassische Frage. Der aber hafte im Zeitalter der Globalisierung ein „reaktionärer Beiklang“ an.

Die „Zeit der sowjetischen Besatzung“, so sähen die Esten das halbe Jahrhundert als Teil der Sowjetunion. Man muss diese Sicht natürlich nicht teilen.

Der Schlussabsatz zeigt dann unverhüllt, was der Journalist von einem „Volkskundemuseum“ hält. Er beschließt seinen Text mit dem Verweis auf die Diversität des Architektentrios, das den Museumsbau entworfen hat: einen Israeli mit italienischer Mutter, eine Libanesin, einen global lebenden Japaner. Sie lernten sich in London kennen, haben ihr Büro in Paris. Dem Museumsbau fehle also die „Estnisch-keit“ (sic!). Welche Automarken das Trio präferiert und ob sie gerne Pizza essen, hat er uns nicht überliefert.

Man kann vom postnationalen, multikulturellen, diversen Berlin aus, wo das Wort deutsche Kultur oder gar das Schwenken einer Deutschlandfahne als rechtspopulistische Geste gilt, schwer verstehen, dass Estland ein Nationalmuseum baut. Im wieder aufgebauten Berliner Schloss zeigen wir doch gerade, wie vorgestrig dies ist. Dort werden Exponate fremder Kulturen ausgestellt werden. Sogar das christliche Kreuz auf dem Dach sollte nicht mehr montiert werden, sagen Multikulturalist/-innen. Anhänger anderer religiöser Symbole könnten sich diskriminiert fühlen.

Zugegeben, Trachten und Volkstänze anzuschauen, ist nicht jedermanns Sache. Das hätte er offen schreiben können. Oder erklären können, warum es für Estland, das im Laufe der Geschichte von Deutschen, Russen und Schweden beherrscht wurde und gerade einmal zusammengerechnet 50 Jahre unabhängig ist, enorm wichtig ist, sich der Vergangenheit zu vergewissern.

„Manch einer bastelte sich einen Rasenmäher“ steht für nicht gerade überwältigende alltagsgeschichtliche Objekte. Man könnte durchaus einen Aufsatz darüber schreiben, was es für Esten besagt, dass einer von ihnen im Sowjetreich, das an Schwerindustrie und Rüstungsprodukten interessiert war, aber nicht an Konsumgütern, einen Rasenmäher zusammengeschraubt hat.

Erwähnenswert wäre auch gewesen, dass das Museum Estlands Ruf als ein führendes IT-Land festigt: Es ist mit digitalen und interaktiven Medien großzügig ausgestattet.

Wenn nicht das, so wäre es auch möglich gewesen, das Werk der Architekten zu würdigen, den spektakulären Bau, und nicht bloß ihre multikulturelle Herkunft.

Nationalmuseum EstlandDas Gebäude scheint die Startbahn eines sowjetischen Militärflugplatzes durch seine Dachkonstruktion zu verlängern. Allein die Tatsache, dass das Nationalmuseum im ehemaligen sowjetischen Sperrgebiet liegt und die dort startenden Flugzeuge jahrzehntelang lärmend über Tartu an- und abflogen, hätte eine Erwähnung verdient. Stattdessen nur: Das Gebäude liege am „Ende einer Rollbahn“.

Wer einen gelungenen Artikel über das Nationalmuseum in Tartu lesen will, sollte den britischen Guardian vom 1.1.17 lesen. (Auch die Fotos sind gut!)

Gehe ich fehl in der Annahme, dass Herr Schulz ihn auch gelesen hat? Das multikulturelle Architektentrio wird wortwörtlich dort erwähnt, aber eben auch deren Werk in Wort und Bild gewürdigt. Den Titel hat er aber nicht aus dem Guardian. Da wurde er vom Deutschlandfunk inspiriert: „Nationalmuseum auf der Landebahn“. Auch dieser ist, wie der Artikel im Guardian, ein gelungenes Gegenbeispiel zum Tagesspiegel-Beitrag.

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