Der schlimme Ruheständler Egon Flaig

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Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich in den End-60ern und den 70er Jahren keinesfalls mit der FAZ in der Hand über den Campus der Goethe-Uni gelaufen wäre. Das Blatt verkörperte so ziemlich alle Übel der Welt: Verteidigung der US-Intervention gegen den Vietcong, Verteidigung der kapitalistischen Wirtschaftsform, Gegnerschaft zur ständischen Hochschulreform. Die Leitartikel der Herausgeber, einer von ihnen soll Anhänger der NSDAP gewesen sein, ließen keine Gelegenheit aus, der SPD am Zeug zu flicken. einer von ihnen half dem Hitler-Freund Albert Speer, seine Legende vom unpolitischen Architekten zu stricken.

Dass 40 Jahre später im selben Blatt die Kommunistin Dr. Sara Wagenknecht quasi zur Hausautorin würde, der (verstorbene) Feuilletonchef sich als Sozialist bezeichnete, noch nicht einmal im Wirtschaftsteil die kommunistische wirtschaftspolitk in Venezuele als Ursache des niegegangs genannt und das genderkritische Buch eines Naturwissenschaftlers ohne sachliche Begründung polemisch verrissen wird, hätte ich damals nicht einmal zu träumen gewagt.

Heute lese ich die Rezension von Karsten Fischer über das neue Buch von Egon Flaig: „Der Niedergang der politischen Vernunft“. die auffällige Überschrift lautet: „Ein Ruheständler fordert Opferbereitschaft.“ Das kann nicht gutgehen! Ein Ruheständler, also ein alter, weißer Mann, zudem von Beruf Althistoriker. Dann Opferbereitschaft! Das klingt nach Reichsparteitag oder Sportpalast.

Polemisch geht es weiter: Paranoiker, Gebetsmühle der Gegenaufklärung. klischeehafte Dekadenzkritik, abgeschmackt. Ein Sprachstil, den man von links- und rechtsextremen Postillen kennt. Da hilft dem Autor nicht, dass er auch den Neoliberalismus verdammt.

Flaig ist u. a. gegen Foucault, gegen Multikulturalismus und die kritische Theorie. Es gibt Rezensenten, die Flaig begrifflich Klarheit, präzise Sprache und klare Argumentation bescheinigen. Herr Fischer von der FAZ sieht nur Polemik und argumentative Schwächen. Warum welche Argumente ihn nicht überzeugen, erfährt der Leser nicht.

Das ist der Grund, der mir, dem lebenslangen, begeisterten Zeitungsleser die Lektüre inzwischen verleidet. Viele „Unbelangbare“ informieren nicht mehr, begründen nicht mehr, sondern polemisieren, predigen und verkünden ihre Meinung.

Prof. Flaig ist ein konservativer Autor, der gerne unkorrekte Thesen vertritt. Das war schon in „Gegen den Strom“ so. Dem Buch bescheinigte der Deutschlandfunk(!) immerhin Brillanz und eine „lesenswerte Polemik“, auch wenn der Rezensent nicht zustimmen konnte. Sein Buch über die konstitutive Bedeutung der Sklaverei in muslimischen Gesellschaften, im Osmanischen Reich und bei den nordafrikanischen Arabern wird in der Welt als maßlose Übertreibung gesehen. Im Geschichtsbuch meiner Schulzeit war nur von den britischen Sklavenhändlern und den amerikanischen Sklavenhaltern die Rede. Darüber hat sich bis heute m. W. niemand aufgeregt. Es wäre gewiss islamophob, wenn man das Missverhältnis anspräche.

Es mag sein, dass Flaig wirklich verbitterter und polemischer geworden ist. Das kann ich nicht beurteilen. Angesichts solcher Rezensionen kann ich es ihm nicht verdenken.

Dass es auch anders geht, ohne dass der Rezensent zum Fan von Egon Flaig werden muss, kann man im Perlentaucher nachlesen und auch hier hören: Wolfgang Herles interviewt Prof. Egon Flaig zu seinem Buch:

(Link via Jürgen Fritz Blog)

Die FAZ wird damit, dass ihre Leser kluge Köpfe wären. Aber nicht von allen FAZ-Autoren kann man das sagen.

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