Niemöller-Stiftung will Geschichtsmuseum statt Garnisonkirche

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GarnisonkircheVor einigen Monaten kritisierte der Journalist Matthias Grünzig, Aktivist gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche, das Konzept der Befürworter, im wieder aufzubauenden Turm auch die Geschichte der Kirche zu dokumentieren, als völlig unzureichend. Sein Maßstab war die Berliner „Topographie des Terrors“, Gedenkstätte und Dokumentationszentrum am historischen Ort des SS-Hauptquartiers.

Es gibt dort eine große Bibliothek, es wird geforscht, es werden Bücher publiziert, es gibt einen Pressespiegel zu NS-Themen, es finden Sonderausstellungen und Seminare für Schulklassen und Erwachsene statt, es gibt einen Rundbrief und einen Newsletter und eine Caféteria.

Das Dokumentationszentrum beschäftigt 31 Mitarbeiter/-innen, 1 Auszubildende sowie Praktikanten, studentische Hilfskräfte und das Freiwillig- Soziale-Jahr-Ableistende.

Letztlich soll durch den Vergleich der geplanten Garnisonkirchen-Dokumentation im wieder zu errichtenden Turm mit der Topographie des Terrors und überzogenen Raum-, Personal- und Themenforderungen der Wiederaufbau verhindert werden.

Gerade erst haben die Gegner/-innen das ehemalige DDR-Rechenzentrum, das in das Garnisonkirchengrundstück hineinragt zum Haus für Kunstschaffende umwidmen können. Noch nicht einmal diesen Platz würde ein Dokumentationszentrum über den Nationalsozialismus auf dem Kirchengrundstück kriegen.

Jetzt setzt die Niemöller-Stiftung e. V. ihren Kampf gegen den Garnisonkirchen-Wiederaufbau als Versöhnungskirche mit einem „Gutachten“ fort, das Grünzigs Ausführungen wiederholt. Rechtzeitig zum Beginn des Evangelischen Kirchentages sorgt sie damit für Gesprächsstoff, zumal im Veranstaltungsraum auf dem Garnisonkirchengrundstück Kirchentagsveranstaltungen stattfinden sollen. (Hoffen wir, dass die Antifa nicht aufmarschiert und wieder handgreiflich gegen die Pfarrerin wird.)

Vor ein paar Wochen hatte der Verein schon eine Tagung gegen den Wiederaufbau durchgeführt, auf der die Befürworter nicht sprechen durften. (Schon Niemöller kannte nur Freund oder Feind.)

Die Martin-Niemöller-Stiftung ist eine Organisation, die in einschlägigen digitalen Plattformen zur antifaschistischen Szene gezählt wird.

Der evangelische Pfarrer Niemöller war deutsch-national eingestellt und Gegner der Nationalsozialisten. Den Ideen von Rasse und Volkstum gegenüber war er aufgeschlossen, Juden fand er nicht sympathisch. 1921 kämpft er als Freikorpsführer im Kapp-Putsch gegen die Weimarer Republik. Er lobte 1935 die Einführung der Wehrpflicht und den Dienst an der Waffe als Christenpflicht. Er bat Hitler, ihn im Zweiten Weltkrieg als U-Boot-Kommandanten zu verwenden. Das war er schon im WK I gewesen.

Dann organisiert er die evangelische Widerstandsbewegung „Bekennende Kirche“. Sein Widerstand gegen Hitler speist sich aus theologischen, nicht politischen Gründen.

Der Vorwurf, den manche Nachgeborenen gegen die Offiziere des Widerstands von 1938 und 44 einwenden, sie wären keine Demokraten gewesen, trifft jedenfalls auf Niemöller zu.

In der Bundesrepublik habe er mehr gelitten als im Dritten Reich, sagt er später. (Hitler ließ ihn zwar in ein KZ sperren, aber es war eine Ehrenhaft. Er durfte Besuch empfangen und Bücher lesen. Die Bundeswehr war für ihn die „Hohe Schule für Berufsverbrecher“.

Antikommunistischer Militarist und Nationalist war er auch nach dem Zweiten Weltkrieg, hätte gerne an der Seite der USA gegen Russland gekämpft, wurde dann in der Zeit des Kalten Krieges Pazifist und trat auf zahlreichen, von der UdSSR finanzierten Friedensdemonstrationen und Friedenskongressen auf und erhielt Orden der DDR und UdSSR.

Die nach ihm benannte Stiftung sieht ihre Aufgabe u. a. darin, Bundeswehreinsätze im Ausland zu verurteilen, Kirchenasyl für Flüchtlinge zu gewähren, Abschiebungen von abgelehnten Asylsuchenden zu verhindern und gegen alles, was es rechts von der linken Mitte im politischen Spektrum gibt, zu kämpfen.

Vorstandsmitglied Dr. Margot Käßmann ist bekannt dafür, NATO und EU-„Aggressionen“ gegenüber Russland zu brandmarken, aber kein kritisches Wort über russische Aggressionen in der Ukraine und auf der Krim zu finden.

Man wundert sich angesichts des Eifers, mit dem nachgeborene Jakobiner/-innen jeder nationalistischen und judenfeindlichen Bemerkung von Dichtern und Geschichtsprofessoren des 19. Jahrhunderts nachspüren und nach ihnen benannte Straßen umbenennen, wenn sie Niemöller so nachsichtig behandeln.

Update 2.6.17: Der US-Amerikaner mit armenischen Wurzeln Noubar Afeyan beabsichtigt, der Garnisonkirchen-Stiftung eine größere Summe zu stiften. Afeyan ist Ph.D. in Bioverfahrenstechnik (biochemical engineering). Er ist Unternehmer, finanziert Start-ups, hat einen Lehrauftrag am MIT und ist Gründer einer Stiftung, die an Armenien erinnert.

Der Großvater von Noubar Afeyan wurde während des türkischen Massenmords an den armenischen Mitbürgern von deutschen Offizieren gerettet. Sie steckten ihn in eine deutsche Uniform.

Afeyan will als Stifter eines Menschenrechts-Preises Personen ehren, die sich weltweit für Notleidende engagieren.

Zu Potsdam und zum Wiederaufbau der Garnisonkirche würde dieses Engagement gut passen.

Es gibt hier ein kleines Museum in dem Haus, in dem der Theologe Johannes Lepsius wohnte.

Lepsius hielt sich lange im Nahen Osten auf. Er wurde Zeuge von Pogromen und Massakern der Osmanen an den Armeniern. Diese begannen um 1894 und gipfelten in dem Massenmord von 1915.  Er schrieb darüber und hielt Vorträge, um auf diese Verbrechen aufmerksam zu machen. Die Reichsregierung hielt sich zurück, sie wollte es mit dem Bündnispartner Osmanisches Reich nicht verderben.

Zur Garnisonkirche passt die Geste von Noubar Afeyan, weil sie auch die Kirche für die Offiziere des Widerstandes und ihre Familien war.

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