Die Krim-Annexion und das Memelland

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Bushaltestelle Baltikum
„Ostmoderne“: Bushaltestelle im Baltikum

Ich musste 1961 im Geschichtsunterricht noch alle Gebietsabtretungen, die im Versailler Vertrag festgelegt worden waren, auswendig lernen: Elsass-Lothringen, Eupen-Malmedy, Apenrade-Tondern-Hadersleben, Danzig-Posen-Westpreußen, Memelland, Hultschiner Ländchen, Ost-Oberschlesien. (Und siehe da, ich kann sie noch heute aufzählen!)

Bevor sich Hate-Speech-Sucher/-innen der Rundfunkanstalten und der unzähligen Vereine und Institutionen auf die Suche begeben: Ich bin kein Revanchist und kein Nationalist und habe auch fast mein Leben lang geglaubt, was ich in der Schule gelernt habe: Deutschland war schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Wiederhaben will ich nichts.

Die Namen fielen mir wieder ein, weil ich gerade eine Reise durch das Baltikum machte und natürlich auch die Kurische Nehrung, Klaipeda (Memel) und Siluté (Heydekrug) besuchte.

Klaipeda ist eine hässliche sowjetische Siedlung geblieben, daran ändern auch die Ännchen-von Tharau-Statue vor dem Theater und drei Touristenlokale mit lauter Musik nichts.

Bemerkenswert ist der litauische Umgang mit der Geschichte des Memellands.  

Mehr als 600 Jahre deutsche Geschichte sind getilgt. In diesem nördöstlichsten Zipfel Ostpreußens lebten zu 90% Deutsche. 95% aller Memelländer waren protestantisch, Litauen dagegen war und ist katholisch.

Nach dem Ende des Zarenreichs erklärte sich Russisch-Litauen für selbstständig und erhob Anspruch auf  das Memelland. Um das zu untermauern, wurde die Geschichtsschreibung postfaktisch: Das Memelland wäre „Kleinlitauen“ und gehöre zu Groß-Litauen. In den Archiven wurden historische Dokumente gefälscht und das Wort „kleinlitauisch“ eingesetzt, eine Wortschöpfung, der eine nennenswerte Realität fehlt.

1923 fielen litauische Söldner und reguläre Soldaten in Zivilkleidung im Memelland ein, die die 200 alliierten französischen Soldaten und ein paar deutsche Polizisten vertrieben und das Gebiet annektierten. Per Schiff eintreffende französische Verstärkung fuhr angesichts der neuen Fakten wieder nach Hause. In litauischen Schulen wird das „Aufstand von Klaipeda“ genannt.

Die versprochene Autonomie innerhalb Litauens für die Memelländer gab es nicht. Mindestens zweimal votierten sie, auch die litauischen und polnischen Einwohner, zu 95% für den Wiederanschluss an Deutschland.

Die litauische Regierung begann mit der totalen Litauisierung, z. B. dem Austauschen von Straßen- und Ortsschildern und der Einführung der litauischen Sprache anstelle des Deutschen, ähnlich wie Mussolini in Südtirol. (Das litauische Einheitsdenkmal in Klaipeda erinnert in seiner monumentalen Plumpheit an Mussolinis Denkmal in Bozen.) Da sich die deutsche Bevölkerung wehrte, stand das Memelland bis 1938 unter Kriegsrecht. 1939 holte die deutsche Regierung es „heim ins Reich“.

Das erklärt meines Erachtens die völlige Auslöschung der Erinnerung an 600 Jahre deutsche Geschichte. Die litauische Geschichtspolitik konzentriert sich auf ein angeblich jahrhundertealtes „kleinlitauisches“ Narrativ, das man mit Urkundenfälschungen untermauert. Die restliche Geschichtserzählung erstreckt sich auf die Zeit von 1940 bis 1992, die Verbrechen der Nazis von 1941 bis 1944 und die der Russen 1940 und von 1944 bis zum Ende der Sowjetunion.

Die litauische Annexion des Memellandes erinnert mich an die Annexion der Krim durch Russland: Die grünen Männchen, die, wie Putin später selbst zugab, russische Soldaten waren. Der unter russischer Bewachung erfolgte Hilferuf des Krim-Parlaments an die russischen Brüder.

Nun braucht eine spät geborene litauische Souveränität ihre Narrative. Was Nationalsozialisten und Kommunisten in dem Land angerichtet haben, ist ungeheuerlich. (Wobei auch da ein Tabu existiert: Litauische freiwillige SS-Verbände haben mit den Deutschen zusammen die litauischen Juden umgebracht. Dazu gibt es jetzt, nach 70 Jahren, eine erste, sogleich heftig umstrittene Wortmeldung. Eine Aufarbeitung des litauischen Antisemitismus, eine Strafverfolgung litauischer Judenmörder fand allerhöchstens in bescheidensten Ansätzen statt.)

Wenn man dann auf einer litauischen Autobahn einer Bundeswehrkompanie begegnet, die im Lande ist, weil Litauen Angst davor hat, dass Putin mit dem Land das macht, was Litauen mit dem Memelland gemacht hat, schließt sich da ein Kreis?

Dass im klaipedischen Hotel kein deutscher ö.r. Sender zu empfangen ist, aber RTLAustria, Al Jazeera und vier chinesische Sender, hat uns nichts ausgemacht. Eher im Gegenteil, die Tagesschau haben wir nicht vermisst.

Man wünscht den Litauern mehr Selbstbewusstsein. Die krampfhafte Verleugnung der deutschen Geschichte führt zu albernen Momenten: So ist in Klaipeda trotz des Verfalls und der tristen Sowjetbauten noch ein typisch deutsches Stadtbild zu erkennen. Das wird als „westlicher Stil“ bezeichnet. Und der Gründer der „litauischen“ Bierbrauerei in „Klaipeda“ 1784 trug den typisch litauischen Namen Reineke! (Mehr zu solchen Geschichtsklitterungen hier.)

Kirchendenkmal in Heydekrug/Litauen
„Ein feste Burg ist unser Gott“: Erstaunlich, ein deutscher Satz im litauischen Memelland.

Der verdruckste Umgang Litauens mit der Vergangenheit wird hoffentlich nicht eine polnisch-ungarische Wendung zu noch mehr Nationalismus und Chauvinismus nehmen.

Abgesehen davon: Die Entwicklung, die die drei baltischen Sowjetrepubliken seit der Unabhängigkeit 1991 genommen haben, ist beeindruckend. Vor allem auch deswegen, weil diese drei kleinen Länder ihre Entwicklung überwiegend selbst erwirtschaften mussten. Es gab nicht, wie im Falle der DDR, den wohlhabenden Nachbarn, der 2.500 Milliarden € überwies.

Das war im Falle Estlands ein steiniger Weg mit Höhen und Tiefen. Aber er gelang. (Man sollte dem griechischen Regierungschef den Tipp, geben nach Estland zu fahren, um zu lernen, wie man ein land reformiert.) 

Um die Großstädte herum sind riesige Industriegebiete entstanden. Die Hauptverkehrswege sind erstklassig. (Nie fehlt der Hinweis, dass die EU mitfinanziert hat.) Die touristische Infrastruktur ist auf der Höhe der Zeit. Nahezu überall gibt es freien Internetzugang. Neben den Landessprachen dominiert natürlich das Russische. Aber mit Englisch kommen Touristen gut durch das Land.

Im litauischen Riga (500.000 Einwohner) ist die deutsche Luxusautoklasse unübersehbar vertreten. Nach meinem Eindruck fahren hier mehr Porsche Cayenne als im zehnmal größeren Berlin.

Vielleicht gelingt es, die russisch sprechenden Bürger/-innen in die neuen Staaten zu integrieren. In Estland sind es 30% der Enwohner. Vom Augenschein her scheinen sie nicht darunter zu leiden, in einem Staat mit westlichem Lebenstandard zu wohnen. Auch für sie bringt die Marktwirtschaft mehr Vorteile als die Planwirtschaft.

Dennoch bleibt die Integration der Russen ein Problem. Nur die ganz Jungen fühlen sich schon als „europäische“ Russen, für die Putins Russland keine Alternative ist. Die drei Staaten planen einen gemeinsamen russischsprachigen TV-Kanal. Bis jetzt sind im Baltikum nur ein halbes Dutzend russische Staatssender zu empfangen. Man muss kein Russisch können, um zu verstehen, worum es in den Spielfilmen, Dokumentationen und Nachrichtensendungen dieser Sender geht.

Für die gleich hinter der Grenze lebenden Russen und Weißrussen müssen die drei baltischen Staaten eine verführerische Alternative sein. Kein Wunder, dass Putin an der Grenze 70.000 Soldaten stationiert hat, die Rückeroberung des Baltikums üben lässt, mit seiner Luftwaffe Scheinangriffe fliegt und Cyberattacken gegen baltische Regierungs-IT durchführt.

Die vielen deutschen Luxusklasse-Autos mit russischen Kennzeichen, die man in Tallinn und Riga sieht und die von Kaliningrad über die Kurische Nehrung nach Klaipeda rasen, legen die Vermutung nahe, dass für die russischen Oligarchen das Baltikum eine ähnliche Rolle spielt wie die Schweiz für die Nazis.

 

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