Götz Aly, Europa gegen die Juden

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Kürzlich nannte ich Gründe, warum die EU und die EU-Staaten antiisraelisch sind. Auch historisch lässt sich der europäische Antisemitismus verstehen:

Aly, Europa gegen die JudenGötz Aly, Europa gegen die Juden, 1880 – 1945, Frankfurt 2017

Götz Aly schildert akribisch, wie der wachsende Nationalismus in europäischen, vor allem ost- und mittelosteuropäischen Staaten dazu führte, Juden auszugrenzen und zu entrechten, in Rumänien, Ungarn, Polen, Litauen, der Tschechoslowakei oder Griechenland und den aus dem Königreich Jugoslawien hervorgegangenen Serbien und Kroatien.

Im Russischen Reich waren Pogrome an der Tagesordnung. Mit der Wiedergeburt der polnischen Republik nach dem Ersten Weltkrieg ging eine Welle antisemitischer Pogrome und Plünderungen einher, etwa das Massaker bei der Eroberung des ukrainischen Lemberg durch polnische Soldaten im November 1918. Die Plünderungen dort hatten einen Wert von 50 Millionen österreichischer Kronen.

Aussiedlungen, Umsiedlungen, Bevölkerungsaustausch wurden zu legitimen Mitteln der Politik der Nationalstaaten. „Völkische Flurbereinigung“ wird Hitler das ein Jahrzehnt später nennen.

Die Juden fielen durch alle Raster, sie waren keine nationale Minderheit, sie waren nicht territorial zu verorten, sie hatten kein Vaterland.

Das Verbot zu studieren oder Staatsbeamter zu werden und der Boykott jüdischer Geschäfte, von den Nazis in den 30er Jahren eingeführt, gab es anderswo in Europa schon in den 20er Jahren.

Als Groß-Britannien und die USA 1938 in der Konferenz von Evian (s. u. Leseprobe!) versuchten, Asyl-Kontingente für deutsche Juden zu vereinbaren, platzte die Konferenz nicht nur, weil die Nazis das Eigentum der Juden konfiszieren wollten und ihnen nichts bei der Ausreise belassen wollten, sondern auch deswegen, weil auch Polen, Litauen, Rumänien und Ungarn ihre Juden loswerden wollten.

Aly geht die Ausgrenzung der Juden, die antijüdische Gesetzgebung, die Pogrome und Vertreibungen nahezu erschöpfend Land für Land durch.

Was mir bisher unbekannt war, ist, wie sehr die Nationalsozialisten im Einklang mit den Nachbarn handelten, wenn es gegen die Juden ging. Das Verbot, zu studieren oder Beamter zu werden, gab es anderswo Jahre früher. Besonders deutlich wurde in Ungarn, was dahinter stand: Der Neid auf die wirtschaftlich und akademisch erfolgreiche jüdische Minderheit: 45% der Studenten an der ungarischen Universität Pecs waren jüdisch. Nach Einführung des Numerus Clausus für Juden sank der Anteil auf 11% und verbesserte damit die beruflichen Chancen der nicht-jüdischen Ungarn.

Goebbels lobte die Rumänen, die mit dem Massenmord an Juden früher begonnen hatten. Beim Massaker im polnischen Jedwabne 1941 wurden 1.600 Juden getötet. Die Deutschen beschränkten sich aufs Zuschauen. Pogrome fanden auch noch nach 1945 statt.

Polnische katholische Zeitschriften schrieben 1941, dass die Enteignung jüdischen Besitzes durch die Nazis nach der Befreiung Polens von den Deutschen nicht rückgängig gemacht werden dürfte. 1942, als die Gaskammern der Nazis auf polnischem Boden in Betrieb genommen wurden, schrieb eine katholische Zeitschrift: „Wir bestehen darauf, dass die Juden in Zukunft unser Land verlassen müssen.“ Es gab Polen, die Juden versteckten, aber es gab auch Menschen, die die versteckten Juden verrieten den Nazis bei der Suche halfen und sofort in „frei gewordene“ Wohnung einzogen. So machten sie die Bewohner zu Komplizen der Verbrechen an den Juden.

Mit Ausnahme Belgiens und Dänemarks kooperierten Polizei und Verwaltung in allen von den Deutschen besetzten Ländern bei der Deportation der Juden in Vernichtungslager bereitwillig.

Die Nazis verteilten in den besetzten Ländern jüdisches Eigentum und jüdische Wohnungen an Einheimische.

De Gaulle wurde von Widerstandskämpfern bedrängt, nicht die Repatriierung französischer Juden zuzulassen. In der französischen Zone des besiegten Deutschlands übernahmen die Besatzungsbehörden nicht die strengeren Rückgabevorschriften für jüdisches Eigentum der amerikanischen Zone.

Weder Aly (noch ich) wollen damit die nationalsozialistischen Verbrechen bagatellisieren. Götz Aly wiederholt seine These, dass der Holocaust als eine fatale Folge des Wegfalls der Diskriminierung der Juden in der Neuzeit gesehen werden kann, als dunkle Seite der Judenemanzipation. Mit der rechtlichen Gleichstellung wurde ihr sozialer Aufstieg ermöglicht: Die Bildungserfolge, der wirtschaftliche Erfolg jüdischer Unternehmer, der überproportionale Anteil in akademischen Berufen: Universitätslehrer, Juristen, Ärzte. .

Das wiederum schürte Neid und Hass kleinbürgerlicher und bürgerlicher Schichten. So schreibt er es schon in „Warum die Deutschen? Warum die Juden?: Gleichheit, Neid und Rassenhass“ und „Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus„.

Leseprobe: Kapitel Konferenz von Evian

Ähnlich ist es bei George H. Hodos zu lesen, Mitteleuropas Osten. Ein historisch-politischer Grundriß, Berlin 2004 (englisch 1998).

Hodos stellt die politische, gesellschaftliche und ökonomische Entwicklung Ostmitteleuropas vom Mittelalter bis heute dar. Der Antisemitismus habe hier eine 450jährige Tradition. Er sei anders als in Westeuropa vor allem religiös geprägt. Im ostmitteleuropäischen Faschismus sei viel religiöse Symbolik enthalten gewesen.

Die ostmitteleuropäischen Völker verübten ihren eigenen Holocaust im Schatten der Deutschen. Diese ermordeten ca. 4,5 Millionen Juden, die Einheimischen auf Grund ihrer beschränkten Kräfte „nur“ 1,5 Millionen.

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Ein Kommentar zu „Götz Aly, Europa gegen die Juden

    […] Siehe auch: Götz Aly, Europa und die Juden […]

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