Frankfurter „Edelfedern“ rezensieren Potsdamer Städtebau

Gepostet am Aktualisiert am

Fachhochschule Potsdam

„Make Potsdam great again“ heißt ein Text in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung von Niklas Maak und Claudius Seidl (FAS v. 2.4.17, p 41).

Die beiden „Edelfedern“, von Haus aus Feuilletonchef der FAS der eine, Kunst- und Architekturhistoriker der andere, wissen, was gut ist für Potsdam. Und was schlecht ist.

Schlecht wäre der abwaschbare Plastikbau des Berberini-Museums, gut das monströse Gebäude der Fachhochschule (FH), der Nachbau eines Gebäudes des berühmten Architekten Mies van der Rohe.

Die Wiederherstellung des preußischen Potsdams wäre das Werk reicher Westdeutscher, auch der Oberbürgermeister sei von dort zugewandert. Der Unternehmung fehle die demokratische Legitimation, behaupten sie, entgegen den Tatsachen.

Vielleicht sollte die Redaktion zukünftig einen Faktencheck einführen, bevor die Zeitung in Druck geht.

Der OB und die reichen Wessis hätten „biederes westdeutsches Wendehammer-Dasein“ nach Potsdam gebracht.

Dann belehren die beiden kunstsinnigen Intellektuellen das dumme Potsdamer Publikum: Wer immer nur Cola und Apfelsaft trinke, der würde einen Pétrus-Rotwein oder einen guten Whisky ungenießbar finden. So ginge es auch im Potsdamer Städtebau zu. Wer bei schöner Architektur nur an Neuschwanstein denke, könne mit einem Meisterwerk der Moderne, mit lisenenhaften Längselementen rhythmisierten Fassaden und Op-Art-haften Sichtblenden nichts anfangen.

Das Plätzchen zwischen Fachhochschule und einem Plattenbauwohnhochhaus erinnert die Rotweinexperten an Lucio Costa, den Schüler von Oscar Niemeyer. Costa entwarf den Grundriss von Brasilia. Ich hätte diese mit Büschen, Bänken und Spalieren möblierte Schneise, die, zugegeben, etwas vernachlässigt wirkt, als Eingang zu einer Schrebergartenkolonie in Frankfurt-Zeilsheim vermutet. Auf Brasilia wäre ich beim Durchqueren nicht gekommen.

Mir sei nach jenem hämischen Artikel auch ein wenig Häme erlaubt: Den verstorbenen FAZ-Feuilletonchef Frank Schirrmacher zog es nach Potsdam. Er wohnte in Sacrow. Die FH kann man von dort nicht sehen.

Das Gebäude Mies van der Rohes in Des Moines/USA, dem die Fachhochschule nachempfunden sein soll, habe ich auf einem Foto im Internet gefunden. Es ist ein quadratischer schwarzer Bau mit großen Fenstern, nur das Erdgeschoss, das von den beiden oberen Stockwerken überwölbt wird, ist mit hellem Sandstein verkleidet. Es erinnert entfernt an van der Rohes Neue Nationalgalerie. Auf diese Idee kommt man bei der FH nicht.

In Des Moines, in dem typischen quadratischen Straßennetz der US-Städte und den unterschiedlich hohen Hochhäusern drum herum, wirkt das Gebäude fast filigran. Der angebliche Nachbau in Potsdam ist dagegen ein massiger Fremdkörper. Aber ich bin halt kein Kenner von Pétrus-Weinen.

Wenn der Potsdamer Architekt es wenigstens 1:1 nachgebaut hätte. Der Nachbau entspricht mindestens drei Quadraten des Originals, an einem Ende war noch die Stadtbibliothek angebaut. Im Vergleich zu Des Moines ein monströses Gebäude, errichtet nicht zuletzt, um die preußische Nikolaikirche zu verdecken. (Gibt es bei Architekten nicht einen sehr rigiden Urheberrechtsschutz?)

Und: Was ist eigenständig an der DDR-Architekturmoderne, wenn sie westliches Bauen kopiert?

Von den Potsdamer Lokalblättern ist die MAZ begeistert von der furiosen Kritik, die PNN berichtet und hat auch Raum für die Korrektur, dass das Stadtparlament seit über 20 Jahren mit der Wiedergewinnung der alten Mitte beschäftigt ist und damit an Ansätze aus der Bürgerschaft der DDR anknüpft, also keineswegs, wie Seidl/Maak suggerieren, die Potsdamer von einem westdeutschen Oberbürgermeister kolonisiert werden.

Was anstelle des Fachhochschulbaus entstehen soll:

Bebauung Alter Markt Potsdam
Visualisierung Bebauung Alter Markt Areal Fachhochschule (c) Sanierungsträger Potsdam GmbH: „Biederes westdeutsches Wendehammerdasein“

Zum Städtebau in Potsdam siehe auch hier im Blog!

Unweit des Verlagsgebäudes der FAZ im Frankfurter Gallusviertel sieht es übrigens so aus.

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8 Kommentare zu „Frankfurter „Edelfedern“ rezensieren Potsdamer Städtebau

    […] ist er eine aus den Fugen geratene Nachempfindung eines Baus von Mies van der […]

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    […] von anderen Potsdamer „Fällen“, vom DDR-Rechenzentrum, von der Garnisonkirche, vom DDR-Baukunstwerk Fachhochschule: Verträge und Parlamentsbeschlüsse haben Linke noch nie […]

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    […] So gab es im Spiegel 2007 einmal die Titelgeschichte über Deutschlands heimliche Hauptstadt Potsdam. Elf Jahre zuvor war es – nicht zu Unrecht – im selben Magazin die ostdeutsche Jammer-Hochburg. Edelfedern der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beklagten die Provinzialität der Einwohner, die statt Pétrus-Rotwein, wie sie selber, bloß Cola trinken würden und die wertvolle DDR-Baukultur nicht zu goutieren wüssten. […]

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    […] abgerissen. Er wird in letzter Minute von FAZ-Journalisten zur Ikone der DDR-Architektur hochgejubelt und Linksextremisten wollen ihn – wie immer in solchen Fällen – als alternatives […]

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    […] In Potsdam hat seine Solidaritätserklärung schon erfolgreich gewirkt. Zusammen mit Patrick Bahners hatte er eine Eloge auf einen DDR-Bau geschrieben, der nach zwanzig Jahren der öffentlichen Beratung, Diskussion und parlamentarischen Beschlussfassung abgerissen werden soll. Dort ist ein dem ursprünglichen Stadtquartier nachempfundenes Ensemble geplant, das die SED platt gemacht hatte. […]

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    […] dass sie nicht so gebildet sind wie sie, und daher die Schönheit der DDR-Bauten nicht goutieren könnten. Der Vollständigkeit halber nenne ich noch die DDR-Nostalgiker und die Alt- und Neukader der […]

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    […] erinnerte mich an Potsdams Alten Markt mit dem DDR-Fachhochschulbau. Auch in Dresden wurden barocke Gebäude restauriert oder nachgebaut. Auch in Dresden gab es […]

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    […] ließen wir uns von FAZ-Kunst- und Architektur-Sachverständigen belehren, dass wir, die wir Cola statt teurem Petrus-Rotwein trinken, Neuschwanstein als schön empfinden […]

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