Potsdam, Preußen und Hitler

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Vor 70 Jahren haben die Alliierten das Land Preußen aufgelöst.

Schweizerhaus in PotsdamAus ihrer Sicht war das konsequent, denn sie hielten Preußen für den Schurkenstaat, der zwei Weltkriege verursacht hätte. Das war schon damals nicht ganz richtig. Es gab hellsichtige Menschen, die bereits 1919 erkannten, dass es ein folgenreicher Fehler war, das deutsche Kaiserreich zum Alleinschuldigen am Ersten Weltkrieg zu erklären. Sie sagten voraus, dass das der erste Schritt hin zum nächsten Krieg wäre.

Es gab schon 95 Jahre vor Christopher Clark, Bücher, in denen beschrieben wurde, dass alle beteiligten Staaten, in diesen Krieg hineinschlidderten, ja sogar, dass Frankreich die treibende Kraft gewesen wäre.

Ohne das „Schanddiktat“ von Versailles wäre Hitler nicht möglich geworden. Hitler als Fortsetzung Preußens anzusehen, ist teleologische Geschichtsschreibung. Besonders gern verbreiten marxistische Geschichtsphilosphen ihr Narrativ: von Luther über Preußen zu Hitler, eine gerade Linie.

Es hätte Dr. Goebbels Freude bereitet, dass die Alliierten seiner Preußenfolklore ebenso auf den Leim gingen wie heutzutage die linken Preußenhasser in Potsdam, die in der Garnisonkirche und ihrem Wiederaufbau die Wiederauferstehung des militaristischen Preußen und folglich des Hitlerfaschismus zu erkennen glauben. Der „Barockfaschismus„, den sie in Potsdam wieder entstehen zu sehen glauben, wäre schon der erste Schritt dahin.

Es ist traurig, dass uns gebetsmühlenhaft eingetrichtert wird, wie undemokratisch, reaktionär und militaristisch Preußen gewesen wäre. Übersehen wird dabei, dass Kadavergehorsam, Klassengesellschaft und Standesdünkel in anderen europäischen Staaten größer waren. Englische und französische Könige haben mehr Kriege geführt, als das „militaristische“ Preußen; der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. führte gar keinen. Das allgemeine (Männer-)Wahlrecht des Norddeutschen Bundes von 1866 war fortschrittlicher als das englische Klassenwahlrecht.

Der Historiker Hans-Ulrich Wehler schreibt über das Kaiserreich: „… ein hohes Maß an Rechtssicherheit, politische Teilhaberechte wie nur wenige westliche Staaten, sozialpolitische Leistungen wie sonst nur in Österreich und der Schweiz, Freiräume für entschiedene Kritik, Erfolgerlebnisse für die Opposition, Meinungsfreiheit mit seltenen Zensureingriffen, Bildungschancen, Aufstiegsmobilität, Wohlstandsanstieg.“ (in: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4, p 203; zitiert bei Ulrich Herbert, Das Dritte Reich. Geschichte einer Diktatur)

Vor allem aber verwunderlich ist, dass anscheinend keiner mehr weiß, dass der Freistaat Preußen in der Weimarer Republik bis zum „Preußenschlag“ 1932 ein Bollwerk gegen die NSDAP gewesen war. Die Sozialdemokraten modernisierten die Verwaltung. Das Land war das stabilste der Republik.

Zu Beginn der 30er Jahre gab es ein Verbot der SA. Ein preußischer Haftbefehl für Hitler wurde von der Reichsregierung boykottiert. Dagegen versuchten die Nationalsozialisten, die Kommunisten und Rechtskonservative die sozialdemokratische preußische Regierung abzusetzen.

Vor zehn Jahren schon gab es ein Interview von N24/Die Welt mit dem Urenkel Kaiser Wilhelms II., Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen, der auf den grotesken Umgang mit der Geschichte Preußens hinwies.

Ich lese mit Hochachtung, dass Christina Peters in der PNN, dem Potsdamer Kopfblatt des linken Berliner Tagesspiegels, unter der zwiespältigen Schlagzeile „Renaissance eines Gespensts“ mit Zitaten des Potsdamer Historikers Manfred Görtemaker das Klischee von der Pickelhaube zurechtrückt.

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