Medienechodemoskopie

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Thomas Petersen, Projektleiter am Institut für Demoskopie Allensbach und Privatdozent an der Technischen Universität Dresden schreibt auf „Die Salonkolumnisten“ zum Medienecho auf die Medienechodemoskopie. Hier ein Auszug:

„Am 24. Januar gab der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel bekannt, dass er auf die Kanzlerkandidatur und den Parteivorsitz verzichten werde, und schlug Martin Schulz zum Nachfolger vor. Es folgten Martin-Schulz-Jubelfestspiele in vielen führenden Massenmedien. Die „Süddeutsche Zeitung“ zeigte am 26. Januar einen strahlenden Schulz auf dem Titelbild. Die Schlagzeile lautete: „Schulz setzt auf Sieg.“ Die „Zeit“ schrieb, noch relativ zurückhaltend, ebenfalls auf der Titelseite: „Aufschlag SPD“. Der „Focus“ sprach von „Merkels gefährlichstem Gegner“ und das Titelbild des „Spiegels“ zeigte Schulz mit einem heiligenscheinartigen Strahlkranz um den Kopf. Dazu – witzig, witzig – die Schlagzeile „Sankt Martin.“ Die Berichterstattung war so intensiv, dass sie kurzzeitig sogar die Artikel über Donald Trump an die Seite drängte…

Als dann die erste große Welle der Berichterstattung durch die Blätter gerauscht war, wurde die Umfrageforschung ins Spiel gebracht: Drei Tage nach der Nominierung von Schulz tauchten die ersten – von Medien beauftragten – Umfrageergebnisse auf. Die zeigten – Überraschung – dass die Zahl der SPD-Anhänger gestiegen war. Seitdem bekomme ich täglich Anrufe von Journalisten, die mich bitten, ich möchte doch mal erklären, warum die SPD in den Umfragen plötzlich stärker wird. Ja, warum wohl?

Ein sich selbst nährendes System

In Allensbach nennen wir solche Umfragen Medienecho-Demoskopie. Es wäre ein Wunder gewesen, wenn die Parteizahlen für die SPD unmittelbar nach einem derartigen medialen Trommelfeuer nicht gestiegen wären. Doch das hinderte die Redaktionen nicht daran, die Umfragen, die das Echo ihrer eigenen Berichterstattung dokumentierten, wiederum zum Anlass für weitere Berichterstattung zu nehmen: Der „Stern“ stellte Schulz am 16. Februar auf dem Titelblatt als „Den Eroberer“ vor, der „Spiegel“ zeigte am 11. Februar in einer Bildmontage, wie Schulz scheinbar mit dem Finger eine Merkel-Statue umstößt. Die Schlagzeile dazu lautete „Merkeldämmerung – kippt sie?“ So schließt sich der Kreis, und es entsteht ein sich selbst nährendes System aus Berichten und oberflächlichen Blitzumfragen, die sich umeinander drehen und wie ein Spielzeug-Propeller vom Boden der Wirklichkeit abheben.

… Richtig ärgerlich wird es, wenn man merkt, dass man in einer großangelegten Kampagne als Erfolgskontrolle und gleichzeitig als Kampagneninstrument missbraucht werden soll. Zuletzt war das im Skandal um Christian Wulff der Fall: Zunächst arbeitete man wochenlang daran, den Ruf des Bundespräsidenten zu ruinieren. Dann gab man Umfragen in Auftrag, die natürlich zeigten, dass das Ansehen Wulffs in der Bevölkerung gelitten hatte. Diese Ergebnisse wurden dann wiederum ausführlich dargestellt und als Beleg für die angeblich geringe Glaubwürdigkeit Wulffs angeführt. So produzierten die beteiligten Medien selbst die gewünschte „Nachricht“ und konnten dem Opfer der Diffamierungskampagne auch noch die Schuld für deren Folgen in die Schuhe schieben.“

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