Alternativen zum Kapitalismus?

Gepostet am Aktualisiert am

Gestern Abend sprach der Frankfurter Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe bei der Stiftung Aufarbeitung im Rahmen der Reihe „Was bleibt vom Kommunismus?“

Er arbeitete klar die strukturellen Probleme kommunistischen Wirtschaftens heraus. Das wird in diesem Blog gelegentlich angesprochen, so dass ich hier nicht alles referieren möchte, was Prof. Plumpe erwähnte. (Die Stiftung wird auch demnächst, wie üblich, eine Audio-Datei des Vortrags online stellen.)

Zunächst zählt er die Vorwürfe der Kapitalismusgegner auf: Ausbeutung, Profitgier, soziale Ungerechtigkeit, zyklische Krisen. Dass es das im K. gibt, bestreitet er nicht. Aber, so fragt er, war das in vorkapitalistischen Zeiten anders? Es sei doch, im Gegenteil, sehr vieles sehr viel besser geworden im K. Die genannten Vorwürfe seien jedenfalls nicht konstitutiv für den K.

Anders als der Kommunismus sei der K. keine Wirtschaftstheorie. Kapitalismus sei die Wirklichkeit des wirtschaftlichen Handelns, auch der kleinen Leute. Er bestehe aus unendlich vielen einzelnen Handlungen. Er sei aber kein System.

Im Grunde mussten Kommunisten genauso wie Kapitalisten das Kapital erwirtschaften, mit dem sie die gewaltigen Investitionen finanzieren, die die Industrialisierung eines Landes ermöglichen. („Ursprüngliche Akkumulation“ nannte das Marx.) Während das im Kapitalismus über Jahrhunderte geschah, standen die kommunistischen Staaten vor dem Problem, ihre vorindustriellen Gesellschaften in kürzester Zeit zu Industriestaaten zu machen, um darauf das marxistische Wirtschaftssystem errichten zu können. Stalin und Mao gelang das mit äußerster Härte und Brutalität, mit millionenfachen Menschenopfern.(Siehe u. a. hier, zum von Mao herbeigeführten millionenfachen Hungertod in China; in Englisch)

Während bei Stahl, Kohle und Schwerindustrie ein Verzicht auf preisbildende Märkte und staatliche Preisfestsetzung noch einigermaßen funktioniere, sei eine zentrale Planungsbehörde aber nicht in der Lage, die sich ausdifferenzierende, kleinteilige Konsumgüterindustrie vorausschauend zu lenken, bis ins kleinste Detail zu organisieren und Innovationen vorauszusehen.

Da das auch Kommunisten erkannt haben, gab es immer wieder Phasen, in denen mit marktwirtschaftlichen Elementen (NÖSPL in der DDR, NEP in der UdSSR) experimentiert wurde. Das wurde aber immer abgeblasen, da es dem System der Zentralverwaltungswirtschaft widersprach.

Zuletzt hatten die kommunistischen Ökonomen die Hoffnung, dass ein Supercomputer ihre Lenkungsprobleme lösen würde. Der TV-Journalist Paul Mason spinnt diese Hoffnung 2016 weiter: Im „Postkapitalismus“ würde dank IT das marxistische Reich der Freiheit endlich anbrechen. Die Arbeit erledigten die Computer. Der Anarchist David Graeber dagegen sieht in der Steinzeit die einzige Alternative zur kapitalistischen Ausbeutergesellschaft. (Dazu fällt mir Kambodscha ein.)

Es hieße die strukturellen Probleme des Kommunismus zu verkennen, wenn man das Versagen des Realsozialismus mit der Gerontokratie des Ostblocks erkläre oder mit Fehlern Stalins und Maos.

Der Auffassung, dass Gosplan, die sowjetische Planbehörde, der Anarchie der kapitalistischen Märkte überlegen wäre, waren in den 30er Jahren auch die meisten Ökonomieprofessoren in Cambridge. Nur der Student Ronald Coase, dem Sozialismus auch nicht abgeneigt, erkannte 1937, dass zwar Unternehmen durchaus erfolgreich planwirtschaftlich organisiert sind, dass aber ab einer bestimmten Unternehmensgröße und vor allem im Austausch auf dem Markt planwirtschaftliche Strukturen hinderlich sind. Wenn Flexibilität, Innovation und Wettbewerb fehlten, seien die Kosten (Transaktionskosten) zu hoch. 1991 erhielt Coase den Nobelpreis für dieses Theorem, das er nach 1937 noch ausgearbeitet hatte.

(Lenin konnte Coase nicht mehr lesen. Er hat die Sowjetwirtschaft nach dem Vorbild der Deutschen Reichspost organisiert; GS)

In der Diskussionsrunde wurde die Frage aufgeworfen, warum trotz des Versagens der kommunistischen Zentralwirtschaft, die Kapitalismuskritik so beliebt ist.

Der Kommunismus sei eine romantische Fiktion, meint Prof. Plumpe. Die konkrete Ausgestaltung werde ausgeblendet. Demgegenüber fehle dem Kapitalismus ein Mythos, wie er den Marxismus umwehe.

Wohltuend war, dass im Publikum keine glühenden Verteidiger des Kommunismus Koreferate hielten. Kritisch wurde in einem Beitrag angemerkt, Plumpe habe vom globalen Siegeszug des Kapitalismus gesprochen. Das sei aber nicht der Fall, man denke an Afrika. Plumpe parierte: Manche afrikanischen Staaten besässen die Ressourcen für eine erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung. Das beste was ihnen passieren könnte, sei der Kapitalismus.

Nachtrag: Der Audio-Mitschnitt der Veranstaltung kostenlos auf itunes

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Ein Kommentar zu „Alternativen zum Kapitalismus?

    Thomas Holm sagte:
    28/02/2017 um 1:55 pm

    nach dem Vorbild der Deutschen Reichspost … bzw. Gosplan nach Vorbild der Wumba organisiert…

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13981253.html

    „Macht, was die Wumba macht!“ also wie in Ludendorffs „Militärzuchthaus für Arbeiter“ einem, bzw. dem „staatsmonopolistischen Kriegskapitalismus“. Am 27.12.1922 verlangt Lenin gesetzgeberische Funktionen für Gosplan, weil es das Gremium sei, was die „meisten Voraussetzungen besitzt, um die Dinge richtig zu beurteile.“ LAW III S. 842.

    Nach der Pariser Kommune sollte also ausgerechnet Ludendorff die Zweite „endlich gefundene Form zur Befreiung der Arbeit“ entdeckt haben. Die Räte waren nur für den Umsturz gut und soweit sie weiter berieten, auch nicht schlauer als Ludendorff, wie ich neulich zu den enschlägigen Bemühungen der Berliner Obleute las.

    Damit war die Bahn frei für Maos Dritte „endlich gefundene Form …“ zur Übertünchung des grossen Unvermögens.

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