Joachim Gauck, Winter im Sommer, Frühling im Herbst

Gepostet am Aktualisiert am

gauck-biographieDreimal konnte ich schon Joachim Gauck erleben, zu unterschiedlichen Themen und vor unterschiedlichem Publikum. Es war jedes Mal beeindruckend, ihn zu hören. Daher war es klar, dass ich seine Biographie kaufe.

Er erzählte auf einer Veranstaltung, wie schwer ihm gefallen sei, dieses Buch zu schreiben, sich zu erinnern, besonders, wenn es um seine Familie, seine Kinder geht. Man sieht ihm an, dass es ihn auch heute noch bewegt.

Die Schilderung der Jahre in der DDR, die Trennung von seinen erwachsenen Kindern, die in den Westen ausreisten, die Bespitzelung durch Jugendliche, die die Stasi auf ihn ansetzte, die Demütigung seiner Kinder durch ihre Lehrer, das ist entsetzlich.

Noch aufregender sind für mich, das muss ich zugeben, die Kapitel zu den Ereignissen nach der Revolution, seine Zeit als Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde. Der spätere Streit um die Bewertung der DDR – Unrechtsstaat, Konsensdiktatur, Überbewertung der Opferperspektive – entzündete sich schon an seiner Behörde, der Stasi-Unterlagenbehörde.

Das vorläufige Ende der Aufarbeitung der SED-Diktatur, die Schlussstrich-Forderungen, die Versöhnung mit den Tätern, wie sie Brandenburgs Ministerpräsident Platzeck betreibt, das hat seine Vorgeschichte und wird bei Gauck nachvollziehbar:

Die linksliberalen und sozialdemokratischen westdeutschen Milieus der 80er und 90er Jahre waren Wegbereiter für die heutige Weichzeichnung der DDR:

Die Weigerung, den totalitären Kommunismus zu erkennen, die Ablehnung Brandts, sich mit Lech Walesa zu treffen oder die Weigerung der SPD und der Grünen, Kontakte zu den Bürgerrechtlern statt Männerfreundschaften zu Krenz und Honecker zu pflegen. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass dieselben, die dem Ministerpräsidenten Filbinger seinen treuherzigen (und juristisch durchaus begründbaren) Satz, dass das, was damals (in der NS-Zeit) Recht war, heute nicht Unrecht sein könne, unbarmherzig um die Ohren schlugen, genau dies bei der Beurteilung der DDR einfordern. Das trifft sich mit der in Ostdeutschland verbreiteten Sicht, dass, wie beim Führer, auch in der DDR nicht alles schlecht war. Man will  in Ruhe gelassen werden. Die Mitläufer und die Täter können sich nicht der Selbstkritik unterziehen.

Gauck schreibt treffend:  „Als Herrenmenschen hatten viele Stasi-Offiziere, wie übrigens auch eine Menge von SED-Führungskadern, schon in der Diktatur gelernt, ihre Ellenbogen einzusetzen, was ihnen in der neuen offenen Gesellschaft bei Unternehmern aus dem Westen Vorteile verschaffte. Ihre einstigen Opfer sind dagegen nicht selten traumatisiert, litten nach Jahren der Drangsalierung unter einem geringen Selbstwertgefühl und mussten ihnen oft den Vortritt lassen. Insofern lässt sich von einer gewissen Kontinuität der Eliten sprechen, …“ (p 282)

Dass der schillernde Potsdamer CDU-Politiker und letzte DDR-Innenminister Diestel ihm eine IM-Tätigkeit anhängen wollte, sei noch am Rande erwähnt.

(Der Text stand 2010 auf „Basedow1764“)

Wir werden den Bundespräsidenten Gauck vermissen.

Siehe auch hier!

 

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2 Kommentare zu „Joachim Gauck, Winter im Sommer, Frühling im Herbst

    friederikesehmsdorf sagte:
    21/02/2017 um 9:07 pm

    Guten Abend, wahrscheinlich bin ich eine der treuesten Leserinnen Ihres vieseitigen, gut informierten Bloggs. Doch heute Abend möchte ich Ihnen doch die Frage stellen: Wie kommt es, dass gerade aus Kirchenkreisen der ehemaligen DDR, die schon während der gesamten DDR Zeit latent oppostionell waren, viele den Herrn Bundespräsidenten Gauck als so unsäglich eitel und nichtssagend empfinden? Wie kommt es, dass ich kaum jemanden aus der ehemaligen DDR kenne, der sich auch nur annähernd mit diesem Bundespräsidenten identifiziert. Solange die DDR existierte, war Herr Pfarrer Gauck nicht sehr bekannt für seinen Mut und seine Widerständigkeit. (Und in Kirchenkreisen wusste man im allgemeinen recht gut Bescheid über dergleichen) Als moralische Institution hatte er durch sein polygames Verhalten sowieso von vorne herein keine Glaubwürdigkeit. Mögen Ihn viele Altbundesbürger durch sein pastorales Auftreten akzeptabel finden, für viele aus dem Osten ist er nichts anderes als ein geschmeidiger Karrierist. Gut, dass er geht!

      Basedow1764 sagte:
      21/02/2017 um 10:40 pm

      Sehr geehrte Frau Sehmsdorf, danke, dass Sie mir Gelegenheit geben, meine Hochachtung für Gauck näher zu erläutern.
      Ich wundere mich sehr, wie wenig in Ostdeutschland geschätzt wird, dass mit Gauck und Merkel Ostdeutsche in höchste bundesrepublikanische Staatsämter gewählt wurden.
      Mir fällt da ein Herr Dr. Bartsch ein, der in der Zeit, in der Menschen auf die Straße gegangen sind und von der VoPo verprügelt wurden, in Moskau marxistische Ökonomie studiert hat (Die Dissertation ist verschwunden!) und abfällig über Herrn Gauck redet, der sich als Bürgerrechtler geriere, der er nicht gewesen wäre. Da ist mir Gauck tausendmal lieber als der Kommunist Bartsch, der mit Gysi zusammen Milliarden Volksvermögen für die Linkspartei hat verschwinden lassen, aber heute ostdeutsche Elitenkontinuität repräsentiert, in dem er zweimal wöchentlich in der Tagesschau erklärt, wie falsch die Politik der Koalition ist. Darauf sind Sie stolz?
      Erklärte Gegner Gaucks sind die Anhänger des Pfarrers Dr. Schorlemmer. Der hätte am liebsten mit Gysi zusammen eine reformierte DDR weiter geführt und ist bis heute persönlich beleidigt, dass es zur Vereinigung gekommen ist und niemand auf ihn gehört hat.

      Soll denn ostdeutsche Elitenkontinuität nur durch ehemalige Stasioffiziere und MfS-Rechtsanwälte repräsentiert werden, die, nicht zuletzt in Brandenburg, heute Stützen der mittelständischen Wirtschaft sind? Von SED-Größen wie Scharfenberg und Vietze, die in Potsdam immer noch tonangebend sind? Mögen Sie die lieber? Oder durch so schillernde Typen wie Dr. Gysi? Ein „geschmeidiger Karrierist“ wäre Gauck und nicht Dr. Gysi, der ehemalige SED-Kader und heutigen Talk-Show-König, ist das ihr Ernst?

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