Weißbuch „Zwangskollektivierung“ von 1960

Gepostet am Aktualisiert am

Ein Leser des Blogs hat mir freundlicher Weise eine CD mit dem Weißbuch der Bundesregierung zur Zwangskollektivierung 1959/60 zugeschickt.

Es ruft in Erinnerung, wie im angeblichen Rechtsstaat DDR Bauern mit Hilfe der Gerichte, der Volkspolizei und der Gemeindeverwaltung, mit psychischem Druck und mit Terror zum „freiwilligen“ Eintritt in die so genannten Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) gezwungen wurden. (Es gab vorübergehend die Typen I bis III mit unterschiedlichem Grad der Enteignung; darauf gehe ich hier nicht ein.)

Unter den Geflüchteten dieser Jahre war die Zahl der Bauern groß. Da die LPGen trotz militaristischer Propaganda wie „Kampfproduktion“ und „Ernteschlacht“ weniger produzierten als die freien Bauern kam es zur Versorgungskrise.

Dies alles führte zum Mauerbau 1961.

Im Weißbuch der Bundesregierung, vorgelegt vom Gesamtdeutschen Minister Ernst Lemmer. sind ostdeutsche Zeitungsausschnitte, Gerichts- und Verwaltungsakten sowie Berichte geflüchteter Landwirte, aus denen man Einzelheiten von der Terrorkampagne 1960 erfährt. Es enthält auch einen Überblick über der Kollektivierung 1952 bis 1960.

bauernfibel

 

Bezirk Potsdam vollgenossenschaftlich
Brandenburgische Neueste Nachrichten v. 18.3.60

Nachdem die Kampagne zum freiwilligen Eintritt in die LPGen nicht zum 100prozentigen Erfolg  geführt hatte, setzte die SED 1960 mit der Terrorkampagne alles daran, endlich die Landwirtschaft total zu kollektivieren.

Es ist nachzuvollziehen, dass die Begeisterung über die kommunistische Art, Landwirtschaft zu betreiben, auch in „voll kollektivierten“ Dörfern nicht allzu groß war. Nicht zuletzt waren sie entgegen der Bezeichnung weniger Genossenschaften als Großbetriebe unter Leitung eines SED-Genossen.

In der Stadt Brandenburg wurden 100 Arbeiter aus dem Stahlwerk mit werkseigenen Lkws zur Agitation in die Dörfer gefahren.

In Torgau war im Finanzamt tagelang nur die Telefonzentrale besetzt. Die Mitarbeiter mussten die Bauern davon überzeugen, ihre Selbstständigkeit aufzugeben.

In Paulinenaue bei Ribbeck wurden per Lautsprecher tagelang die Namen widerständiger Bauern verlesen.

Agitatoren aus Parteischulen und SED-Gliederungen, Richter, Staatsanwälte, Lehrer begehrten gruppenweise alle paar Tage Einlass. In den Rathäusern mussten sich Bauern vor Kommissionen rechtfertigen.

Noch verbliebene freie Bauern erhielten keine Technik von dem Maschienen-Traktoren Stationen, ihnen wurde die Berechtigung zum Traktorfahren entzogen, ihre Abgaben („Marktproduktion“) wurden erhöht.

Dörfer wurden abgeriegelt. Bauernhäuser nachts mit Scheinwerfern angestrahlt. Rathäuser ließen Strom abstellen oder Wasser sperren, weil angeblich unsachgemäße Installationen entdeckt wurden. Das Amtsgericht Potsdam verurteilte einen Bauern, der nach Erfüllung seines Ablieferungssolls, Produkte in Berlin (w), beim „Klassenfeind“, verkauft hatte.

Die Potsdamer Stadtverordnetenversammlung lobte in einem Beschluss die „Kampfproduktion“ der LPG „Max Dortu„und übte Kritik am Ablieferungs-Ist der noch vorhandenen „Einzelbauern“:

Teil3-zwangskollektivierung (2).jpg

 

Die Brandenburger Linkspartei lobt die LPGen. Sie wären zu einem frühen Zeitpunkt moderne Agrarbetriebe gewesen, wie es sie anderen Orts erst heute gäbe. Da war es wohl vorausschauend von den Organen des Nachwende-Landes Brandenburg, LPGen zu privilegieren und ihnen einen sanften Übergang zu ermöglichen. Falls Steinmeier 2011 Bundeskanzler geworden wäre, war als Agrarminister ein ehemaliger LPG-Chef vorgesehen, Udo Folgart. Er übernahm „seine“ LPG als Geschäftsführer.

Der Leser, der so liebenswürdig war, mir das Weißbuch digitalisiert zuzuschicken, könnte sicher einiges dazu sagen. Seine Eltern waren Bauern in Westpreußen und 1945 nach Brandenburg geflüchtet. Dort erwarben sie Bodenreformland, das ihnen 1960 abgenommen wurde. Sie flüchteten ein weiteres Mal.

Er prozessiert bis heute um die Rückgabe des Bodens!

Weitere Beiträge u. a. hier: Zwangskollektivierung (1)   und hier: Zwangskollektivierung (2)

Die Linkspartei lobt in ihrem Programm von 2011 die „erfolgreiche genossenschaftliche Landwirtschaft als Ergebnis der Bodenreform“

 

 

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